Warum ist Apple so zögerlich?

Apple stellt neue Geräte in New York vor. Alte Bekannte werden entstaubt, das neue iPad Pro sieht jetzt umwerfend schick aus. Ist aber immer noch ein iPad — mit allen bekannten Schwächen und gewollten Einschränkungen. Wann startet es endlich so richtig durch?

“silver iPad on smart case” by eleven x on Unsplash

Es ist schon erstaunlich, wie Apple es immer wieder schafft, sich mit überaus profanen Dingen ins Gespräch zu bringen. Ende Oktober präsentierten sie in New York neben dem diesjährigen iPad Pro zwei neue Geräte, die bei anderen Computerherstellern wahrscheinlich mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen worden wären. Apple erneuerte zwei Uralt-Geräte — das MacBook Air und den Mac Mini — indem sie sie moderat an den Stand der Technik anpassten. Man kann diese Geräte jetzt kaufen, ohne sich für ihre Specs schämen zu müssen. Wenn es wenigstens so gewesen wäre, dass die neuen Geräte mit irgendwelchen Überraschungen ausgestattet gewesen wären. Aber nein, nichts dergleichen. Das Air ist jetzt so ähnlich ausgestattet, wie die bereits vorhandenen alternativen MacBooks der Pro-Reihe. Es hat jetzt einen Retina-Bildschirm, einen aktuellen Prozessor, ein bisschen Secure-Schnickschnack. Ach ja, und es hat mit Touch-ID eine Technologie, die auf den Mobildevices schon wieder zu den ausrangierten Features zählt. Wenn schon das neue iPad Pro mit Face ID läuft, warum dann nicht auch die neuen Macs? Beim Air feiert Apple Touch-ID als großartiges Feature.

“Das MacBook Air hat mit Touch-ID eine Technologie, die auf den Mobildevices schon wieder zu den ausrangierten Features zählt.”

Unklar bleibt beim Line-Up die künftige Rolle der kleinen 12" MacBooks, die schon immer über Retina-Bildschirme verfügten, dafür aber nur mit schwachbrüstigen Prozessoren ausgestattet waren. Diese Geräte wären dafür prädestiniert gewesen, die alte Air-Reihe vergessen zu lassen. Stattdessen nehmen sie jetzt die Rolle der Airs ein: veraltet und überteuert. Wieso schafft es die wertvollste Firma der Welt eigentlich nicht, ihr Angebot in angemessener Zeit zu aktualisieren? Wieso dümpeln erfolgreiche und bei den Kunden beliebte Geräte jahrelang ohne Update herum? Es scheint fast so, als sei alles bei Apple auf die iPhone ausgerichtet. Und alles andere kommt dann mal dran, wenn gerade ein bisschen Zeit übrig bleibt.

Zwischendurch wird ein bisschen an den Betriebssystemen herumgeschraubt. Allerdings auch immer — siehe Hardware — mit gebremstem Schaum. iOS verfügt immer noch nicht über ein File-System, das man als halbwegs professioneller User verdient hätte. Die Adapteritis über den Lightning-Anschluss ist ein Ärgernis, ein teurer noch dazu. Daran wird wohl auch der neue USB-C-Anschluss im iPad Pro erst einmal nichts ändern. Externen Speicher an ein iPad zu koppeln, ist auch 2018 nicht möglich, obwohl jedes MacBook das natürlich klaglos kann. Warum kann man ein iPad immer noch nicht so nutzen, wie man es gerne möchte? iOS ist immer noch viel Gefrickel und vieles, was auf macOS selbstverständlich ist, ist mobil oft nur über Umwege erreichbar.

Mir ist schon bewusst, dass ich hier auf hohem Niveau jammere. iOS hat sich ja mit der Version 11 schon rasant weiterentwickelt und vieles richtig gut gemacht. Split-Screen bietet großartige Möglichkeiten und auch die Art, wie Apps miteinander agieren können. Es ist eine Freude zu sehen, wie tief mittlerweile eine zentrale App wie 1Password ins System integriert ist. Hier kann sich macOS wiederum ein große Scheibe abschneiden. Oder welch ungeahnte Möglichkeiten vergleichsweise kleine Apps wie Drafts oder Things 3 entwickeln und das tägliche Arbeiten erleichtern und strukturieren. Ganz zu schweigen von Shortcuts, das zwar ein bisschen nerdig ist, aber ein gleichwohl nützliches Tool, um Aufgaben zu automatisieren.

All das zeigt: Apple hat es ja voll drauf. Das iPad wird über kurz oder lang die Büros dieser Welt erobern. Notebooks herkömmlicher Art werden marginalisiert, weil sie weder bei der Portabilität noch bei den Systemfeatures werden mithalten können. iOS wird in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft zum neuen Windows avancieren. Im Zusammenspiel mit iPhones und der Watch werden iPads zum unwiderstehlichen Standard der Business-Welt werden, weil einfach alles zusammenpasst: Formfaktor, Funktionalität, Sicherheit, Zubehör (Keyboards, AirPods, Pencil).

“Im Zusammenspiel mit iPhones und der Watch werden iPads zum unwiderstehlichen Standard der Business-Welt werden, weil einfach alles zusammenpasst: Formfaktor, Funktionalität, Sicherheit, Zubehör.”

Und doch stellt sich die Frage, warum Apple bei Hard- und Software-Entwicklung oft so zögerlich vorgeht. Warum konzentrieren sie sich nicht viel konsequenter auf jene Produktlinien, die in die Zukunft weisen? Warum präsentieren sie Geräte, die schon beim Erscheinen von anderen Produkten aus dem eigenen Haus als überholt gelten müssen? Das kleine Normal-iPad, das im Frühjahr 2018 vorgestellt worden ist, kann doch niemanden ernsthaft hinter dem Ofen vorlocken. Spätestens mit der Vorstellung der ganz neuen iPads im Oktober 2018 sind diese Geräte bereits outdated. Und da das kleine iPad ja eindeutig auf dem Bildungsmarkt ausgerichtet ist: Ist es fair, Geräte für Schulen anzubieten, die zwar vergleichsweise preiswert sind, aber kurz nach Veröffentlichung schon nicht mehr state-of-the-art?

Vielleicht denken die klugen Leute in Cupertino, dass man für jeden Geldbeutel und für viele verschiedene Anwendungszwecke etwas im Köcher haben muss. Vielleicht wollen sie auch einfach nur in möglichst vielen Produktkategorien absahnen (was ich nicht verwerflich finde). Vielleicht wollen sie die lautstarken Nostalgiker zufriedenstellen und werfen ihnen ein eigentlich überflüssiges MacBook Air hinterher. Meiner Meinung nach verzetteln sie sich hier, weil sie es zu vielen recht machen wollen: Die Pro-Nutzer nicht vergrätzen und die weniger Ambitionierten nicht durch ausschließlich elitäre Geräte und Preise verschrecken.

“Was die Produkt-Line-Ups angeht, sollte Apple ähnlich rigoros vorgehen, wie bei ihrer rücksichtslosen Schnittstellen-Politik.”

Ich denke, was die Produkt-Line-Ups angeht, sollte Apple ähnlich rigoros vorgehen, wie bei ihrer rücksichtslosen Schnittstellen-Politik. Auch hier wird ja alles Gestrige und scheinbar Überflüssige rigoros rausgeworfen. Warum übertragen sie diese Philosophie nicht auf ihre Geräte: ein iPhone, ein iPad, ein MacBook und ein Desktop-Mac? Diese sind dann noch bei Bildschirmgrößen und Speicher individuell konfigurierbar und that’s it! Und dann wird diese sehr übersichtliche Zahl von Geräten kontinuierlich upgedated: neue Chipsätze, neue Grafik, neue Bildschirme, neue Software-Features. Als Apple-Kunde könnte ich dann sicher sein, immer die neueste und beste Technologie zu bekommen.