Der Superbowl 2017 — Wie viel Sport steckt im Sportereignis wirklich?

Wenn Donald Trump bekanntlich den Mund aufmacht, sollten gerade Andersdenkende in Deckung gehen. Mit dem Superbowl, dem Sportereignis des Jahres, hatte sich die USA auf eine Schlammschlacht seinesgleichen vorbereitet. Nach einem ehrwürdigen Spiel, mit einem ehrwürdigen Quarterback Tom Brady, der seine New England Patriots zum fünften Triumph führte, konnte getrost der ganze „Medienmüll“ umweltfreundlich getrennt werden. Doch wie schädlich war das Event des Jahres rein aus politischer Sicht wirklich?

Bei diesem Thema führt der erste Weg zu Pop-Sternchen Lady Gaga, der Show-Act des Abends. Im Vorfeld des Auftritts hatte die Sängerin bereits Androhungen von politischen Äußerungen in Richtung Donald Trump verlauten lassen. Mehr als einige implizite Hosentaschensprüche kamen am Ende dabei aber nicht heraus. Die Abseilaction vom Stadiondach versprühte da noch immer mehr Adrenalin. Wer traut sich aber auch schon, den Präsidenten der Vereinigten Staaten öffentlich zu denunzieren? Man stelle sich nur einmal vor das Szenario findet in Russland statt. Gutes Gelingen dem, der es sich trotzdem traut.

Zurück zum Superbowl und der politischen Marschrichtung. Die kann, wie im Alltag am besten durch die sogenannten „Commercials“ vertrieben werden, die Werbeblöcke, die bekanntlich ein ganzes Vermögen kosten. 2017 stand die Hürde bei fünf Millionen Dollar. Fünf Millionen für 30 Sekunden Videomaterial. Bei einer Minute Sendezeit macht das knapp zehn Millionen aus. Rein sportliche Inhalte? Fehlanzeige. Der freie Geist des Kapitalismus der Amerikaner offenbart sich auch hier. Die politische Brisanz steckt in vielen Werbespots. Klar denken sich die Hersteller, lieber indirekt statt direkt. Wer zeigt auch schon gerne mit dem Finger auf Menschen?

Das Bauunternehmen 84 Lumber verpackte seine politische Botschaft kurzerhand auch in einen bewegenden TV-Spot.

In über fünf Minuten reist eine mexikanische Frau und Mutter gemeinsam mit ihrer Tochter durch das Land. Völlig entkräftet erreichen sie nach einigen Tagen die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Die sehnsüchtig erwartete Freiheit unterbricht eine meterhohe Mauer völlig plötzlich — die Mutter beginnt zu weinen. “So politisch und so brisant, das gehört eben nicht ins TV”, hat sich der amerikanische Sender FOX News gedacht und schneidet die Mauer kurzum einfach heraus. Trump sympathisiert mit dem Sender — nur eine kleine Randnotiz.

Ist das nun ethisch korrekt, den Inhalt so hinzubiegen, wie es gerade passt? Ein Ami wird sagen, dass der freie Geist, die Freiheit und die Werte Eigentümer sind, wofür alle Amerikaner einstehen. Doch ist es das wirklich so? Ist der Superbowl so einzigartig und gemeinschaftlich? Oder handelt es sich hier um einen politischen Missbrauch?

Diese Frage lässt sich nicht einfach und unkompliziert beantworten. Dazu bedarf es deutlich mehr Recherche als einzig ein Blick auf das Ergebnis des denkwürdigen Finals in diesem Jahr. Super-Bowl-Sieger Martellus Bennett hatte vor dem Finale jedenfalls angekündigt, er werden Trump im Falle eines Triumphs nicht im Weißen Haus besuchen. Nicht gerade ein Statement pro Sport.

Historisch auf der Mikroebene betrachtet ergeben sich allerdings ein paar interessante Fakten zum Sport-/Medienereignis. Der Homo sapiens sapiens ist ein Gesellschaftssubjekt. Eines das Medien nutzt und dadurch auch schon jahrzehntelang in seiner Entwicklung profitiert hat. Kein Wunder also, wollen wir in Gruppen Dinge betrachten und uns sozial austauschen. Für die Evolution braucht sich der Homo sapiens jedenfalls nicht rechtfertigen. Kontroverser sieht die Angelegenheit beim Daumen der oberen Extremität aus. Facebook hat ihn eingeführt, das Like bringt ihn gut zum Ausdruck. Was dabei problematisch ist: die unstillbare Sehnsucht nach Anerkennung. Es reicht heute nicht mehr nur den Superbowl zu verfolgen, man muss ihn konsumieren und produzieren — der Prosument betritt die Bühne. Er konsumiert Football, erfreut sich am Event, produziert auf der anderen Seite aber genug Material im sozialen Austausch, um die Sehnsucht nach Anerkennung als einen teuflischen Kreislauf immer weiterlaufen zu lassen.

Die diesjährige mediale Bühne ist da eindeutig einem Mann geschuldet: Donald Trump. Nichts kommt auch nur annähernd an das Präsidententhema heran. Wieder stellt sich die Frage: Ist der Sport ein Marktplatz politischer Meinungsdiskussionen?

Eine heikle Angelegenheit. Man denke in diesem Moment an die träumerischen Aussagen, wie „es geht um Sport“, „dabei sein ist alles“ oder auch den Fairplay-Gedanken. Das Ideal sieht viel vor, die Realität ebenfalls. Leider sind diese Vorstellungen utopisch. Heute wird diskutiert, petitioniert und gestritten — die sozialen und medialen Kanäle machen es möglich. Dieser Trend lässt sich nicht mehr aufhalten, die Entstehung von reißerischen Ansichten genauso wenig. Trump hat gespaltet, spaltet nach wie vor und wird auch in Zukunft spalten. Wenn er es nicht tun wird, findet sich ein Anderer. Und vielleicht will der Mensch das auch, dass er das tut. Damit er sich so richtig schön aufregen kann, sein Alltag bekommt dann einen Sinn.

Und wenn er keinen Grund findet, sich aufzuregen, dann läuft er mit und regt sich trotzdem auf. Darf man vorstellen? Der Mitläufer ist da. Das ist einer, der früher am Lagerfeuer mit dabei saß, mittrank und mitsang. Heute konsumiert er mit, was aber vielmehr schmerzt sind seine Produkte. Geht es dabei um Sport? Fehlanzeige. Um die soziale Anerkennung. War es früher ein Lagerfeuer mit dutzend Primaten, sind es heute Stadien oder Endgeräte mit dutzenden Millionen Menschen in und vor den Bildschirmen. Und wo könnte man besser politische Mitteilungen verbreiten als über diese Plattformen?

Von Vermarktungsseite eine logische Konsequenz. Ethisch aus Sportlersicht lässt sich das nur schwer vertreten. Wir sind Zeugen, wie Sport von anderen Systemen übernommen, medial filetiert und aufbereitet wird. Die Olympischen Spiele mussten hierfür nicht nur einmal als Mediator herhalten. Man nehme nur mal beispielsweise die Olympischen Spiele von Berlin 1936 oder München 1972.

“Sie können Sport und Politik nicht trennen” (Ex-IOC-Präsident Jacques Rogge)

Politik kommuniziert über Sport. Es scheint also in unserer Geschichte irgendwo mitzuschwingen. Recherchiert man ein wenig weiter, Richtung Antike, fällt einem spätestens bei den sportlichen Rivalitäten auf, dass selbst damals Inszenierungen stattfanden.

Heißt das, der Mensch soll sich mit dem evolutionshistorischen Dilemma arrangieren und abfinden? Nun ja, viel mehr scheint ihm nicht übrig zu bleiben. Er kann sich natürlich dagegenstellen und den Superbowl nicht verfolgen — rein aus Prinzip. Dann ist der soziale Mensch, aber nicht mehr sozial.

Aussichtslos an der ganzen Geschichte erscheint nicht die Tatsache, dass Sport mediale Aufmerksamkeit generiert, sondern die fehlende Gegenentwicklung des Sports. Die Ethik bleibt auch weiterhin auf der Straße, zu groß ist das Geld, das im Spiel ist. Naja zumindest kann hier beim Geld von Spiel und Sport die Rede sein, denn ansonsten ist der ethische Geist schon längst ausgestorben.

Zu viele Probleme gibt es auf der Welt, die ungelöst immer größer werden. Und genau dann bedienen sich die politischen Akteure bei den Akteuren des Sports und nutzen sie schamlos aus. Schweren Herzens müssen wir zugeben: Politik bestimmt Sport und Sport bestimmt Politik. Wer es nicht glaubt, muss einzig den Superbowl anschauen oder die Bundesliga oder irgendeine medial erweckende Sportart. Seltsamerweise akzeptiert der Mensch in ausgewählten Situationen dieses politische Eingreifen.

Bleibt zum Schluss also nur noch eine Frage offen: Was macht Fußballtrainer Christian Streich so besonders, dass wirklich viele seiner politischen Meinungsäußerungen bei den Menschen so gut ankommen und keiner seine politische Anteilnahme kritisiert oder nicht toleriert?

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