Beim Vortrag: Wie man auf der Bühne scheitern sollte

Einen Vortrag vor Leuten zu halten, ist eine große Herausforderung. Zum einen muss es gelingen, Inhalte so zu vermitteln, dass sie verstanden werden. Zum anderen sollte ein Vortrag nicht nur informieren sondern auch stets unterhalten. Beides in Einklang zu bringen, kostet in der Vorbereitung viel Zeit. Erst einmal muss man sich eine Storyline überlegen, diese gilt es dann auszuarbeiten, eventuell Folien zu entwickeln und schließlich heißt es: Üben, üben, üben. Und auch dann gibt es keine Sicherheit, dass am Ende alles gut geht. Die Frage ist: Wie geht man damit um, wenn es nicht funktioniert und plötzlich hakt?

Gestern war ich beim Demo Day des Next Media Accelerators (dessen Mentor ich bin), wo sich die Startups des zweiten Batch vorgestellt haben. Für sie ist das eine sehr wichtige Veranstaltung: Im Publikum sitzen nämlich nicht nur Journalisten und Blogger, die nach einer guten Story gieren, sondern auch Investoren. Eins der Startups, die zuletzt im Programm des new media accelerators in Hamburg dabei war, ist PushApps aus Israel. Eliran, der das Unternehmen gegründet hat und als CEO fungiert, erklärte, was PushApps kann und wie es die Medienbranche durch seine Innovation unterstützen möchte. Er machte das sehr gestenreich und durchaus emotional. Hier und da vergaß er ins Mikrophon zu sprechen. Aber weil seine Stimme laut und durchdringend ist und seine Folien für sich sprachen, war es einfach, ihm zu folgen. Auch die Tatsache, dass er in vielen Bildern sprach, machte es uns, den Zuhörern, leicht, PushApps und die Vision dahinter zu verstehen. Und dann, kurz vor Schluss, passierte es: Eliran verlor den roten Faden. Er hatte das, was man gerne als Blackout bezeichnet. Filmriss. Alles war weg. Man muss sich das einmal vor Augen führen: Man arbeitet Wochen und Monate nicht nur am Unternehmen und Produkt sondern eben auch an einem Vortrag, weil man weiß, dass der Demo Day der Höhepunkt der Zeit beim Next Media Accelerator sein wird — und dann ist man nicht imstande, all das, was man vorbereitet hat, dem Publikum nahezubringen.

Ich selbst hatte auch mal so einen Vorfall: Bei mir war die Situation nicht ganz so wichtig, wie sie es gestern für Eliran war; es war „lediglich“ eine Konferenz. Auch ich war (eigentlich) gut vorbereitet. Und auch ich stand auf einmal wie vom Blitz getroffen vor meinem Auditorium und wusste nicht weiter. Meine Reaktion damals war naheliegend — und trotzdem falsch: Ich versuchte, mich wieder reinzukämpfen und stotterte etwa zehn Minuten herum, bis die das Ende zumindest zeitlich offiziell erreicht war und ich meinen Vortrag beenden konnte. Ich weiß bis heute nicht, wie das passieren konnte und was ich alles erzählte. Ich weiß nur, dass ich von Panik getrieben war und das Feedback, das mir der Veranstalter einige Wochen nach der Konferenz zuschickte, nicht gut war. Eliran hingegen ist mit der Stress-Situation gestern anders umgegangen: Kurz war es still im Raum. Wir alle wussten nicht genau, was gerade passiert. Das Ganze hätte auch Teil seines Vortrags sein können. Aber Eliran selbst machte uns darauf aufmerksam, dass dem nicht so war: „Guys, I’m sorry, but I’m lost.“ Er ging gnadenlos in die Offensive, bat um Entschuldigung und stand mit einem peinlich berührten Lächeln vor uns.

Jeder von uns macht Fehler. Und auch wenn wir uns gnadenlos vorbereiten und im Vorfeld alles unternehmen, wovon wir glauben, dass es richtig und notwendig ist, werden wir hier und da Fehler machen. Weil Fehler menschlich sind. Und weil wir Fehler machen müssen, um aus ihnen Lehren zu ziehen.

Und weil wir, das Auditorium, genau das wissen, und weil Eliran gnadenlos ehrlich mit seinem Fehler umgegangen ist, kam nicht ein Anwesender auf die Idee, über seinen Fehler oder ihn den Kopf zu schütteln. Im Gegenteil: Eliran erntete Applaus. Mehr als seine Vorredner. Und eben dieser Applaus gab ihm die Selbstsicherheit, das einzig Richtige zu tun und seinen Vortrag abzubrechen. Er lud uns ein, mit seinem Team und ihm im Anschluss direkt zu reden. Er würde bis dahin den Faden wieder gefunden haben. Für dieses Versprechen erntete er noch ein paar Lacher, und dann ging er von der Bühne.

Nach den Vorträgen bildete sich eine große Menschentraube um Eliran und sein Team. Ich weiß nicht, inwiefern die Gespräche mit Investoren und Meinungsmachern verlaufen ist. Ich weiß nur, dass er die Bühne besser genutzt hat als seine Vorredner. Diese haben grundsolide Vorträge gehalten, in denen sie all das gemacht haben, was wir, die Zuhörer, von ihnen erwartet haben: Sie haben ihr Business Modell gut erklärt und uns hier und da auch unterhalten. Kein Vortrag war grandios, keiner war katastrophal. Alles in einem gesunden Rahmen. Eliran aber stach raus: Er machte einen Fehler, ging damit offensiv um und bewies damit allen im Raum, dass er integer ist, sich selbst nicht zu ernst nimmt und über eine Menge Charme verfügt. Manchmal ist der souveräne Umgang mit dem Imperfekten deutlich angenehmer als das Streben nach Perfektion. Auch und vor allem auf der Bühne.

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