sauperlen! Aber allein wes Grundes?

sauperlen
sauperlen
Jul 21, 2017 · 6 min read

Liebe Leserin und Lieber Leser,

erst einmal möchte ich mich dafür bedanken und freue mich sehr darüber, dass Du Dich hierher verirrt hast und deine Zeit dafür, was ich mir hier so alles zusammen fabuliere, opferst. Wobei wir auch schon beim Thema sind, denn:

Dieser Blog ist in erster Linie die Müllhalde wie auch Acker meiner Seele, meines Herzens und Geistes, ohne jeglichen Anspruch dahingehend geltend machen zu wollen, zu gefallen außer dem Seelenmüllbauern höchstpersönlich: Mir! ;-)

Dazu muss ich sagen, ich lese (zumindest in meiner vergangenen Lebensdekade) nicht mehr viel, wenn ich es je tat und vermeide den Kontakt mit berichterstattenden Medien aller Art. Reiner Selbstschutz. Was dazu führt, dass ich weltfremd und naiv bin und somit Freischnauze schwadronieren kann. Soweit an dieser Stelle zu mir, falls Du — warum auch immer — weiterliest, stellt sich zwangsläufig, zumindest mir, die Frage:

Warum — verdammt noch mal — denn nun sauperlen?

Im Vordergrund der Idee der sauperlen steht die unbezahlbare Perle namens Wahrheit, die beim Ausbringen nie Reue produziere, aber auch nicht den Säuen zum Fraße vorgeworfen werden solle. So oder so ähnlich sagte es Theodor Storm für seine Söhne. Das Gedicht lernte ich damals 2000/2001, während meines einjährigen Engagements als geringfügig Beschäftigter der Lebenshilfe Dinslaken e.V. von dem Vater eines jungen Mannes mit Behinderungen, den ich betreute, kennen. Ich fand das Gedicht sehr gut und gerade die Passage: Doch, weil Wahrheit eine Perle, wirf sie auch nicht vor die Säue. Leuchtete mir sofort ein. Wahrheit ist wichtig, aber nicht jeder verdient sie..

Intuitiv hatte ich wieder einmal etwas sehr relevantes für mein weiteres Leben gelernt: Lüge nicht, aber schaffe Dir auch keine hausgemachten Probleme mit denen, die eh nichts anderes als Probleme generieren können. Den anscheinend irgendwie dummen, schlechten oder hässlichen Säuen. Denn auch schon in der Bibel steht eindeutiger und unverblümter, das Säue unsere Perlen nur zertreten, sich danach uns zuwenden um uns zu killen! Hunde sind übrigens auch nicht besser, steht an gleicher Stelle. Vorgestern fiel mir dann wie Perlen von den Augen, wie widerwärtig mir mittlerweile das sauperlen-Bild eigentlich schmeckt.

Aber allein wes Grundes?

Erstens: Warum sind Menschen Säue?

Wer ist denn jetzt genau die Sau? Der Dumme, der Schlechte oder der Hässliche??? Oder sind es Hybride oder nur alle drei zusammen? Ist die klassische, menschliche Sau ein Feind oder ein Freund? Ein Freund kann es eigentlich nicht sein, da ja niemand eine Sau als Freund hat, also ein Feind!

JA!

Die Feindessau. Die ist schuld. Aber Moment, sollen wir nicht unsere Feinde lieben? Und überhaupt, sollten unsere Werte nicht die Strahlkraft haben, andere zu überzeugen?! Anstatt Angst davor zu haben, dass sie zuerst unsere Werte und dann uns vernichten? Darüberhinaus darf auch noch erfragt werden, wem wir von der vermeintlichen Wahrheit berichten sollen, als denen, die sie nicht kennen, denn den Wissenden serviert man so doch lediglich kalten Kaffee, in dem man sich dann gemeinsam suhlen, Pardon — wir (die Guten) sind ja auf keinen Fall die Säue; ich meine selbstverständlich: räkeln kann.

‘Oder aus heutiger Sicht, die damals genauso relevant war’

Die westliche Welt ist doch der Gute, hörte ich. Somit haben wir auch die guten Werte, die dem Ungläubigen auf den rechten Pfad der Tugend leiten müssten.

Wir sind Tugend.

Denn niemand ist mehr auf dem Holzweg als die Sau, die weder unsere Werte noch unsere Tugend hat. Denn allein dem Tugendhaften gehört die eudaimonische Glückseligkeit! Dieser Fabelzustand, den man erreicht, wenn man das macht, was diejenigen, die wissen was das Richtige für uns ist, propagieren: Notfalls mit Waffengewalt.

Wer hat Angst vorm weißen Mann? Alle!

Und wenn er kommt? Dann grunzen wir!

Zweitens: Ist denn das Schwein überhaupt eine Sau?

Um spitzfindig und anmaßend zu bleiben und weiterhin beständig am eigentlichen Problem der Unheiligkeit der Heiden und ähnlicher Säue vorbei zu argumentieren, werfe ich jetzt auch noch die inhärent unnütze Frage auf, ob Schweine denn Säue sind?!

Und das ist das Problem. Das Schwein gilt in allen jüdisch-derivierten Religionen als unrein, denn die bösen Dämonen der Geisteskranken wurden in sie verbannt. Warum sich im Christentum, das Schweinefleisch essen durch gesetzt hat, ist mir immer noch schleierhaft, Jesus sprach nur davon, dass es wichtiger sei auf den Mund als Ausgang zu achten.

Aber davon abgesehen, dass nur noch wenige Menschen an Dämonen glauben, befürchte ich, einräumen zu müssen, dass Schweine zu den intelligentesten und (wichtiger) fühlenden (hier wäre ein Superlativ noch sinnloser als bei der Intelligenz) Lebewesen auf Mutter Erde zählen. Da zumindest den meisten Europäern Hunde näher am Herzen liegen, aber für Schweine (und auch Kühe und viele andere Lebewesen) in meinen Augen das Gleiche gilt, möchte ich zu diesem Thema Konrad Lorenz und Arthur Schopenhauer zitieren:

“Wer beim Betrachten eines Hundes nicht ganz von selbst erkennt, daß dieser Gefühle hat, genau wie wir Menschen auch, leidet unter Wahrnehmungseinschränkungen solchen Ausmaßes, daß er als gemeingefährlich eingesperrt werden müßte…” (Konrad Lorenz)

“In dieser Welt leben die Tiere in der Hölle und ihre Teufel sind wir.” (Arthur Schopenhauer)

Leider sehen dies bis heute die wenigsten, zumindest bei Schweinen (beziehungsweise bei den anderen ‘Nutz’tieren Tieren. Um das anders zusehen, muss man sich eigentlich nur einige der zahlreichen Videos zu spielenden, kuschelnden, liebenden oder traurig ängstlichen Tieren ansehen, wie sie vor den Eingängen der Schlachtmaschinerie stehen und mit vollen Leibeskräften, solange sie noch welche haben, im panischen Widerstand der Kreiszersegung bei Bewusstsein harren. Auch ich konnte mich bis heute nicht von tierischen Lebensmitteln — vor allem Fleisch — befreien, obwohl meine Seele danach schreit, höre ich immer noch mit dem Magen. :´-(

Aber meine eigene Schwäche treibt mich an und ich hoffe auf baldige Abkehr von dieser meiner wahrhaftigen Sünde. Eines der Probleme — wahrscheinlich das Dringlichste — dass ich schon allein des eigenen Seelenheils wegen aus der Welt schaffen muss. Machen!

Drittens: Warum sind Wahrheiten Perlen?

Was mir heilig ist, wie die Wahrheit, ist für mich keine Perle, sondern ein in mir seelisch verankertes Grundprinzip des Menschseins. Sicherlich ist das mir Wichtige auch etwas — in welcher Art auch immer — individuell-relevant Schönes, Anmutiges und Erstrebenswertes. Aber warum sollte etwas eine ikonisch induzierte Sonderstellung einnehmen, wenn es ein Element der Menschlichkeit oder Nächstenliebe ist. Vielmehr soll es doch so, dass die Ersten die Letzten sein werden und die Schwachen die wahrhafte Größe besitzen. Wieso muss also etwas groß geredet werden, was eh schon von Grund auf gigantisch ist. Macht nicht nur semantisch keinen Sinn, sondern degradiert das tragische Hohelied zu einem Kommerz-Schlager, viele große Bilder aber keine Seele. Perlen sind für mich Tand der Schönen und Reichen, der missbraucht wird, um etwas darzustellen — auf der Basis der Tötung. Nicht besser und kaum weniger tragisch als das Tragen von Pelzen (oder Daunen).

Natürlich galten solche Einwände zu vergangenen Zeiten nicht bis gar nicht, aber warum sollte so etwas nicht mittlerweile relevant und aktuell sein und dem Perlen-Bild einen bitteren Geschmack verleihen dürfen?! Was in der Vergangenheit vielleicht gut und richtig war, muss im Zeichen der (geistigen) Entwicklung neu geprüft und gegebenenfalls als verdarbt angesehen werden können.

Viertens: Stellvertreter für eigenen inneren Wandeln

Abschließend sind mir die sauperlen so wichtig, weil mir auffiel für was sie für mich stehen: Innerer Wandel

Einst liebte ich das Bild der verschwendeten Perlen vor die feindlichen Säue, jetzt verabscheue ich es. Ich will gar nicht behaupten, dass ich heute eine bessere Version meines jüngeren Iches bin. Ich war damals der, der ich sein konnte und wollte und das war zu dieser Zeit vielleicht sogar gut und richtig. Aber ich habe mich gewandelt und mag mich mittlerweile selber mehr; verkörpere eher das, woran ich glaube und wofür es sich in meinen Augen mit aller Waffengewalt pazifistisch zu kämpfen lohnt.

Gewalt kann allein deswegen keine zielführende Verhaltenstechnologie sein, weil sie auf dem Weg zum Sinn das vermeintlich gut gemeinte Ziel degradiert und korrumpiert.

Ich bin weder besser als vorher, noch wichtiger oder gar fertig. Was kommt, weiß ich nicht, wohin ich mich entwickele auch nicht. Ich habe Ziele und Pläne als Zweck und Mittel; was wie, wann und ob überhaupt realisiert wird, weiß ich nicht. Aber lieber planlos wandern als gewaltvoll erreichen.

Sein. Tun.

In diesem Sinne: Danke fürs Lesen und bis auf bald,

sauperle aka Kersten

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Doch weil Wahrheit keine Perle, wirf sie vor die Säue!

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