Leben mit Ersatzfamilie

Im Studium wird alles ganz anders als in der Schule — ein kleiner Erfahrungsbericht

Leonie (sblog)
Jul 27, 2017 · 4 min read

Wir haben uns mal bei SchülerInnen umgehört, welche Fragen einem so unter den Nägeln brennen. Abgesehen von Fragen zur Universität oder zum Aufbau des Studiums, die in den Artikeln über Stundenpläne etc. schon weitesgehend beantwortet wurden, kam oft das Thema auf, wie man denn neue Kontakte schließt und ohne Familie in einer fremden Stadt wohnt. Ist das anders als in der Schule?

Natürlich kann ich nur für mich sprechen, aber nach einem Jahr Studium kann ich euch gerade ein ganz gutes und frisches Fazit geben:

Jaaa alles ist ganz anders als in der Schule! Der größte Unterschied zur Schulzeit ist wahrscheinlich die hohe Eigenverantwortung. Die zieht sich durch alle Veranstaltungen der Uni, die ja nicht verpflichtend sind, sodass jeder selber entscheiden muss, was sinnvoll ist. Noch dazu ist man auf einmal zuständig für Miete bezahlen, einkaufen gehen, Arzttermine machen, das Fahrrad reparieren, wenn der Reifen mal wieder platt ist und aaaalles andere drum herum auch. Ganz schön viel Aufwand, wo doch die Uni alleine schon so viel Zeit frisst. Für den einen sind solche Dinge größere Herausforderungen, für die andere ist das alles nichts Neues, weil sie sich schon immer um den Haushalt gekümmert hat.

Palettenbett, Tisch vom Sperrmüll und Teppich und Sofa von Ebay. Man wird ganz gut darin, sich alles Mögliche selber zu organisieren. Ist auch gar nicht so schwer …
Besonders beliebt ist auch unsere Tafel, für relevante und auch weniger relevante Informationen …

Das Schöne an dem Mehraufwand ist, dass man auch mehr Gestaltungsfreiheit hat. EinrichtungskünstlerInnen können sich endlich richtig austoben und massenhaft alte schöne Stühle vom Sperrmüll sammeln. Und Ökofreaks wie meine MitbewohnerInnen und ich können jede Woche zweimal 10 Minuten durch Wetter und Wind fahren, um uns das Gemüse vom Biohof aus der Gegend abzuholen. So wird Stück für Stück die neue kalte Wohnung zu einem eigenen Zuhause, das mit Erinnerungen gefüllt werden kann.

Und wie schließt man jetzt Kontakte? Im Vergleich zu meiner kleinen Heimatsstadt in Bayern bin ich im Studium von sehr viel offeneren Leuten umgeben. Selbst Gruppen, die sich schon in den ersten Wochen des Studiums gefestigt haben, sind interessiert aneinander und man lernt fast täglich neue Leute kennen. Ich habe gar nicht genug Zeit, um mich immer angemessen lange mit jeder beeindruckenden Person zu beschäftigen, die mir begegnet. Ich schätze dieses Umfeld als ziemlich einzigartig für die Studienzeit ein, in der der Alltag quasi nicht existiert, jede Woche anders aussieht und die Abende immer ein bisschen zu lang sind.

Am wichtigsten für mich in der Schule wäre wohl die Frage gewesen: Wie lebt es sich so ohne Familie? Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass das für mich eine große Herausforderung war. Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich an mein zuhause gebunden war. Immer wenn ich für eine längere Zeit woanders hingefahren bin, war das auf Reisen oder an andere Orte, die wie ein Kurzzeitzuhause waren. Jetzt im Studium tauchen auf einmal nicht nur die oben genannten Schwierigkeiten auftauchen, sondern noch dazu fehlt das vertraute zuhause, wo man sich immer auskotzen konnte und das einen Pfeiler im Leben darstellt. Was tun? Eine gute Freundin aus Göttingen meinte einmal zu mir „Du und die anderen aus der WG, ihr seid wie meine Familie.“ Und so ist es ganz automatisch nach einiger Zeit im Studium, man gründet seine eigene kleine Ersatzfamilie. Mit wem hängt man nach dem Stress der Klausuren rum? Natürlich mit den engsten FreundInnen, egal ob in der eigenen WG oder in der Garage vom Kumpel. Mit wem katert man am nächsten Tag bei dekadentem Sonntagsfrühstück aus? Wen ruft man an, wenn man den falschen Bus genommen hat und auf einmal am westlichsten Rand von Göttingen an der Endstation aussteigen muss? Und wer tröstet einen, wenn man grad mit der Gesamtsituation unglaublich unzufrieden ist? Die kleine Ersatzfamilie aus Göttingen, die genau wie die Familie immer da ist, wenn man sie braucht.

So ein leckeres Frühstück hatten wir nicht mal zuhause … Vor allem nicht um halb 2 Uhr nachmittags!

Natürlich empfindet jeder das anders und manchen ist das vielleicht auch nicht so wichtig. Falls ihr danach ein großes Bedürfnis habt, rate ich euch allerdings genau, nicht zuhause zu bleiben und dort zu studieren, sondern weit genug wegzuziehen. Am besten noch in eine Stadt, in der der Großteil der Leute von weit weg kommt, damit nicht alle am Wochenende nach Hause pendeln. Denn dann hat man Familie und Ersatzfamilie, wie cool ist das denn?

Mit diesem kleinen Tipp geht’s für mich erstmal in eine kleine Sommerpause.

Liebe Grüße
Eure Leonie


Leonie (sblog)

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Hallo, mein Name ist Leonie. Ich schreibe über das Physikstudium an der Uni Göttingen.

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