Streicher/Streicher

Ein Geigenstrich ist manchmal wie ein Peitschenhieb, er fühlt sich an, als ob eine Treibschnur direkt unter der Hautoberfläche eine rasche Linie zieht; eine fast schmerzhafte Liebkosung. Nicht nur Quatuor LaSalle blüht auf! Das Südfenster ist geöffnet. Von draußen klingt die Wiederholung einer selbstgefälligen Schmeichelei. Der Buchfink will sich von aller Welt bewundern lassen: Binich, binich, binich nicht ein schöner Bräutigam?. Die Bäume stehen belaubt, als dichte grüne Wand mit amorph wechselnden Farbverwischungen. Jammerschreie durchschneiden plötzlich das Grün, flehend kehlige Rufe eines Scheiterns: Kaläh, kaläh, kaläh … Da rhythmisiert sich eine kurzweilige Ordnung, die sich verschwendet, um rasch im grünen Dunst zu verschwinden.

Geigenstriche, Pinselstriche, für beide taugt Kolophonium, um Ton- und Farbschwingungen zu erregen, auf Rosshaarbögen, und -pinsel, für den reinen Strich auf Saiten und Leinwand. Das Knallen einer ungegriffenen Violoncellosaite, wenn man mit dem Bogen darauf schlägt: klar, voluminös, ein geometrischer Ton, wie ein gefallener Hohlkörper, der seine Position auf Anhieb gefunden hat. Die Streicher bewegen sich wie einarmige Galeerenruderer mit heftigem Hin und Her, wenn die Notation nach Prestissimo schreit. Ein Gedanke scheint plötzlich sanft und eindringlich einen Lichtschweif hinter sich her zu ziehen, mit einem einzigen Bogenstrich; so lang, wie der Bogen sich über die Saite ziehen lässt. Die Gegenbewegung, wenn auch im gleichen Ton, ist fast immer auszumachen. Als ob der Strich atmet. Traumhaftes Wispern der zweiten Geige im Hintergrund. Töne, wie dünne Fäden, die sich mäandern und dann wieder glätten.

Der Bogen entfesselt plötzlich einen höchsten Ton, fast ein Flötentönchen. Dagegen wirft das Cello dunkle, ruhige parallele Schatten, leicht resigniert oder trauernd gegen die unerreichbaren Linien. Dann Bratschengetuschel, Saitengemecker, kratzig spitz; die Viola scheint intrigant gegen den schönen Strich zu wispern! Es klingt wie kleine hauchdünne Porzellantellerchen, die mit leichter Hand getürmt werden. Es klingt auch tief und voll, wie Spatenstiche, die von oben in frühlingswarme Erde stürzen, nur durch ihre stählerne Schwere … auch!

Ich erweiche nur ganz wenig splittriges Kolophonium, Dammar und einige Mastixtränen mit gebleichtem Wachs und Terpentinöl, um sattes Tiefenlicht in die Farben des Bildes zu setzen.

Aus dem Hintergrund, dem Fernsehkasten, scheint sogar das Atmen des Nachrichtensprechers vernehmlich zu hauchen — selbst, nachdem längst der Ton abgeschaltet wurde.

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