Liebe IranerInnen, bitte bleibt zuhause.

Es gibt viele Gründe, warum junge IranerInnen ihr Land verlassen wollen. In der Islamischen Republik Iran leben rund 80 Millionen Menschen, das Durchschnittsalter ist 28 (wir ÖsterreicherInnen sind im Schnitt 44 zum Vergleich), laut Weltbank sind 11% der Männer und 20% der Frauen arbeitslos. Twitter, Facebook und Co. sind ebenso verboten wie Alkohol. Homosexuelle sowie JournalistInnen, denen Spionage vorgeworfen wird, werden verfolgt. Viele kämpfen für ein besseres Land, für mehr Freiheit und dafür braucht es die intelligenten Männer und Frauen. Also bitte, bleibt zuhause.

Hassan Rohani, aktueller Präsident der Islamischen Republik Iran, hat im Gegensatz zu vielen anderen PolitikerInnen der Welt seine Wahlversprechen von 2013 eingehalten. Das Atomprogramm wurde zurückgefahren, den Sanktionen ein Ende gesetzt und das Gespräch mit dem Westen gesucht. Dennoch ist seit Rohani die Anzahl der Hinrichtungen gestiegen. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahres waren es knapp 700.

Alkoholverbot — Peitschenhiebe und die Todesstrafe

Auf unserer Reise durch den Nahen Osten, im Zuge der Mongol Rally, begegneten wir keinem Volk, das gastfreundlicher war, als die Iraner. Von dem Iran, der hinrichtet, unterdrückt und verfolgt, bekamen wir zum Glück nichts mit. Viele plauderten aus dem Nähkästchen darüber. So zum Beispiel Ali, ein Restaurantbesitzer nahe der türkischen Grenze. Wir befragten ihn zum Alkoholverbot im Iran. Wenn er Alkohol konsumieren möchte, dann muss er dies entweder heimlich (illegal) machen oder in die Türkei reisen. Er erzählte uns, dass viele IranerInnen illegal Alkohol konsumieren, dass dies aber mit Vorsicht zu genießen sei, immerhin erwarten einen Peitschenhiebe, sollte man erwischt werden. Auf Drogendelikte steht die Todesstrafe.

Zu Besuch in Alis Restaurant

Außerdem verboten ist Homosexualität. Männer haben dann oftmals nur mehr die Wahl zwischen einer Geschlechtsumwandlung oder der Todesstrafe. Meistens drohen den Homosexuellen sogar ihre Familienmitglieder mit dem Tod. Offiziell sind es etwa 400 (erzwungene) Geschlechtsumwandlungen pro Jahr, die Dunkelziffer muss erschütternd sein. Manchen gelingt es ins Ausland zu flüchten, viele wissen jedoch gar nicht, dass ihre Sexualität in anderen Ländern ausgelebt werden kann.

Irans Frauen

Iranische Frauen sind intelligent, wunderschön und… werden diskriminiert. Die Situation der Frauen hat sich jedoch in den Jahren stetig verbessert. So dürfen Frauen seit vielen Jahrzehnten wählen und seit sie auch studieren dürfen, mussten in (technischen) Studiengängen Männerquoten eingeführt werden, weil die Frauen an den Unis überwiegen. Dennoch werden Männer am Arbeitsmarkt bevorzugt. Manche machen die Frauen sogar dafür verantwortlich, dass es so viele männliche Arbeitslose gibt. Iranerinnen sind nicht nur intelligent, sondern legen auch sehr viel wert auf ihr Aussehen. Der Iran hat die siebt-höchsten Kosmetikausgaben weltweit. Viele lassen sich die Nase operieren und schminken sich täglich. Das Gesicht ist sehr wichtig, zumal andere weibliche Vorzüge durch Kleidung versteckt werden müssen. Obwohl die Iraner sehr stolz auf ihre schönen und intelligenten Frauen sind, sind diese per Gesetz stark benachteiligt. Die Aussage einer Frau vor Gericht ist nicht viel wert, oftmals werden sie als Zeugen gar nicht erst geladen. Der Iran verstößt dabei nicht einfach nur gegen die UN-Frauenrechtskonvention, sie wurde gar nicht erst unterzeichnet.

Kleidungsvorschriften auch für TouristInnen

Auch ich musste auf unserer Reise durch den Iran ein Kopftuch tragen. Außerdem war ich angesichts der sengenden Hitze im August nicht gerade begeistert darüber, dass lange Hosen und ein Manto (Mantel) getragen werden müssen. Übrigens müssen auch Männer lange Hosen tragen. Wir wurden es schnell gewohnt und sahen es als selbstverständlich und respektvoll an. Vor allem im Auto hatte ich jedoch ständig Panik, dass der Fahrtwind (wir mussten die Fenster offen lassen, da wir keine Klimaanlage hatten) mir das Kopftuch vom Kopf wehte. Zudem war ich unsicher, ob ich denn nun auch beim Campen während des Schlafens die volle Montur tragen musste und inwieweit ich mich strafbar mache, wenn ich mit zwei (männlichen) Freunden in ein und demselben Zelt schlafe. Zur Not müssten wir einfach eine gute Geschichte erfinden. Der eine Freund wäre dann einfach mein Bruder, der andere mein Ehemann. Zum Glück kamen wir nie in den Genuss in diese Erklärungsnöte zu geraten. Im Gegenteil, die IranerInnen faszinierten uns von Tag zu Tag mehr. Wir wurden ständig zum Essen eingeladen, quer durch Städte begleitet, Freunden vorgestellt, uns wurden Schlafplätze angeboten und stets ein Lächeln geschenkt. Außerdem wies mich unser Hostel-Gastgeber in Teheran darauf hin, dass ich das Kopftuch im Hostel gerne ablegen darf. Viele Frauen tragen es ohnehin nur noch ganz locker und bedecken nur einen Teil ihrer Haare. Er erzählte uns viel über Erfahrungen, die er mit AusländerInnen gemacht hat, die meisten waren positiv und er wünscht sich, dass mehr Menschen in sein Land kommen, damit er sie bewirten kann. Er versorgte uns stets mit Frühstück und am Abend saßen wir auf der Dachterrasse und tranken alkoholfreies Bier mit ihm.

Der wohl erste Hostel-Besitzer Teherans

Fußball und der Kampf gegen den Ausschluss von Frauen

Sehr schade fand ich, dass ich nicht in den Genuss kommen durfte mir eines der größten Fußballstadien der Welt anzusehen. Leider ist es Frauen nicht gestattet Fußball live in Irans Stadien zu verfolgen. Grund dafür ist anscheinend ihr eigener Schutz vor den Kraftausdrücken der Männer. Deshalb ist es umso verwunderlicher, dass Iran eine Frauennationalmannschaft hat. Fußballspielen, wenn auch verschleiert, ist okay, den Männern dabei zuzusehen hingegen nicht. Alleine der Versuch ins Stadion zu gelangen könnte im Gefängnis enden. Immer wieder lehnen sich die jungen IranerInnen gegen Regeln wie diese auf, zum Beispiel mit Transparenten bei internationalen Spielen. Mit Bewerbungen Austragungsort internationaler Bewerbe zu sein, wird der Iran jedoch so lange erfolglos sein, bis dieses Verbot aufgehoben wird. Zumindest für ausländische Journalistinnen soll es künftig vielleicht schon bald so weit sein. Doch das wurde beschlossen bevor der Iran das Rennen um die Asia-Cup-Austragung an die Vereinten Arabischen Emirate verloren hat. Auch gegen die Kleidungsvorschriften gibt es immer wieder originelle Aktionen. Zuletzt zeigten sich Iranerinnen auf Fotos mit wehendem Haar ohne Kopftücher auf den verbotenen Sozialen Netzwerken. So strahlend und voller Freude haben auch wir die Menschen im Iran kennengelernt.

Irans Damen-Fußballnationalmannschaft

Die unermessliche Gastfreundschaft der IranerInnen

Die Gastfreundschaft erstreckt sich über das gesamte Land. So lernten wir auch am Ende unserer Reise im Osten, kurz vor der Grenze zu Türkmenistan, eine junge Familie kennen, die uns kurzerhand zum Mittagessen und auf einen Chai (Tee wird im Nahen Osten Chai genannt und überall und zu jeder Tageszeit getrunken) ins Elternhaus einlud. Dort fragte ich die junge Mutter Habibe (29), die gemeinsam mit ihrem Ehemann bei dessen Eltern lebt, wie sie die Hitze aushält und ob sie denn nie Schwimmen gehen würde. Für sie war es ganz normal nicht baden zu gehen, sie war es eben gewohnt und es störte sie nicht. Sie war etwas schüchtern, weil sie sich für ihre dürftigen Englischkenntnisse schämte, strahlte aber über beide Ohren als wir ihr sagten, dass wir sie für ihr Englisch bewundern. Die gesamte Familie nahm uns herzlich in ihrem Zuhause auf, es wurde frisches Obst und Gemüse aus dem Garten zum Chai serviert. Die Mutter von Ehsan schenkte uns ein selbstgeknüpftes Tischdeckchen und nachdem wir das Angebot in ihrem Heim zu übernachten höflich ablehnten, wurden noch Nummern und Instagram-Account-Namen ausgetauscht. Diese Gastfreundschaft wiederholte sich wieder und wieder. Davon wissen nur die meisten Europäer nichts, denn die heimischen Zeitungen sind mit ganz anderen Themen gefüllt.

Zu Gast bei Habibe und Ehsan
Eine Gruppe junger Schüler in Tabriz waren begeistert uns zu treffen und ihre Englischkenntnisse zu testen

Eine gute und eine schlechte Nachricht für ein freies iranisches Volk

Letzte Woche kamen aus dem Iran eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Die Hoffnung der Dominanz der Konservativen im Parlament mit der bevorstehenden Parlamentswahl am 26. Februar ein Ende zu bereiten, wurde gedämpft. Mehr als die Hälfte der Kandidaten, die sich für die Parlamentswahl aufgestellt hatten, wurden abgelehnt, die meisten von ihnen sind Reformer.

Die gute: Das Ende der Sanktionen ist ein Schritt in die richtige Richtung. Für die iranische Wirtschaft wird es nun wieder bergauf gehen, die Menschen hoffentlich in naher Zukunft wieder faire Löhne erhalten. Vielleicht werden bald auch Verbote, wie das der sozialen Medien gelockert. Immerhin hat sogar Präsident Rohani einen Twitter– und Facebook-Account. Außenminister Sarif (930.000 Facebookanhänger) rief auf seiner Facebook-Seite sogar dazu auf die Vorteile aus der Aufhebung der Sanktionen zu nutzen und stolz und glücklich zu sein. Die Euphorie hält sich bei mir jedoch in Grenzen, zumal die meisten Unternehmen immer noch in staatlicher Hand sind und der Staat sowie die internationale Wirtschaft den größten Vorteil haben werden. Bis sich dieser wirtschaftliche Aufschwung auch auf den Durchschnittsiraner auswirkt, wird es wohl noch etwas dauern. Zumindest die Bedingungen für Reisen oder Austauschprogramme im Ausland dürften nun aber besser werden.

Ich bin davon überzeugt, dass ich dieses Land nicht zum letzten Mal besucht habe. Ich hoffe nur, dass ich beim nächsten Mal in einem freien Land zu Gast sein kann. Damit dies jedoch möglich ist, ist es wichtig, dass die intelligenten jungen Menschen, die für Menschen- und Frauenrechte und Demokratie kämpfen, ihr Land nicht verlassen. Vielmehr sollen sie ihre Hoffnungen und ihren Mut an ihre Kinder weitergeben.

Fotos: Kamyar Adl, Singapore 2010 Youth Olympic Games, Bundesministerium für Europa, Integration und Äusseres/Dragan Tatic via Flickr sowie Sandra Rettenegger.

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Originally published at diezeitlos.at on January 26, 2016.