Chrom Reflektiert

Kalter Asphalt holt mich aus den wirren Träumen, aus vielschichtigen Bildern des weiblichen Engels, deren Name mir wie mein eigener vertraut erscheint und den ich doch nicht aussprechen kann, da er mir entgleitet wie die farbdurchdrungene Dunkelheit und sich in neuronalen Netzen versteckt, auf die ich schnell Zugriff verliere. Unfokussiert starre ich sekundenlang auf den schwarzen Dreck, auf ein organisches Objekt vor mir, dass ich mit Gleichgültigkeit als meine eigene Hand erkenne, fern jedoch, wie die eines Fremden. Es kostet erstaunliche Willenskraft, die Gelenke zu bewegen, doch dann hebt sich meine Hand, langsam und zitternd, einem uralten korrodierten Mechanismus gleich. Silbern glänzend rinnt Flüssigkeit an meinen Fingern herab, über die Handfläche, bis sie zwischen den geometrischen Formen der Tattoos im Ärmel verschwindet, sich wie ein Dieb unter der Jacke verkriecht. Filigran bilden die Linien Symbole, die schon im nächsten Moment verwischen. Auf den zweiten Blick schillert das Feuchte wie Öl, wie frisches Blut, wie abgestandenes Regenwasser. Ich blinzel. Für den Bruchteil eines Atemzuges will ich wieder in die Traumwelt entgleiten, das Gesicht der Frau spiegelt sich neben dem Neon des Himmels in dem Schimmer auf meiner Hand, sie formt tonlose Worte, die mein Bewusstsein streicheln. Doch ich bin schon zu fest von der Realität gepackt und nicht mehr losgelassen worden, wie eine Trophäe umarmt sie mich. Unsicher und ruckartig stemme ich mich hoch, ein paar Zentimeter zuerst, doch dann antworten meine Muskeln, unter Schmerzen zwar, aber eifrig, kraftvoll und energetisch mit der Erinnerung an ihre Fähigkeiten. Sobald ich stehe, muss ich die Augen schließen, denn das Licht drängt zwischen meine Lider und verbrennt meine Netzhaut, bis ich mich auf Knien wiederfinde, keuchend an eine Wand gelehnt. Brocken der Welt, die ich vor meinen scheinbar endlosen Schlaf durchwandelt habe, kehren zurück. Musik, deren Bass den Körper schüttelt, klare, schwarze Schatten zwischen den Lichtlanzen, die durch Nebel schneiden, zwei Augen, Pupillen riesengroß und weiß wie der Mond, eine Frau, die sich unter mir windet und die Hitze, in der wir uns wälzen, bis jemand ein Mikrofilament an einer Spritze aus blankem Carbonstahl an meine Schläfen drückt und der süße Geruch des Vergessens in mich strömt, als habe er ewig auf mich gewartet. Doch in der Anfangs traumlosen Unendlichkeit folgt nur das Gesicht des Engels. Mit einem zweiten Versuch schaffe ich es, aufzustehen, der Graviation entsprechend den Asphalt unter mich zu befördern und die zerfetzten fliegenden Wolken über meinen Kopf. Der Schmerz hinter den Augen läßt langsam nach, meine Umgebung ein Schlachtfeld der Stadt, die hier ihre unnütz gewordene Objekte abgeworfen hat. Schritt für Schritt tragen mich meine Füße der einzigen fernen Lichtquelle zu, als würden sie sich an den Weg erinnern. Seltsam, wie die Pfützen glitzern, von den Reflektion verändert, polymorph jetzt Chrom, dann Blut, dann die milchige Flüssigkeit in der Spritze, deren selige Wirkung meine Realität auslöschte und wieder rinnt etwas über meine Hand, silbern tropft es hinab in den weichen Spiegel, wo es aufgenommen wird. Ich presse meine Augen zusammen und öffne sie wieder, die Straße ist ebenso trocken wie meine Finger, die ich zur Faust schliesse und freigebe, bis ich mich erinnere, wo mein Ziel liegt. Die Erinnerung weicht vor mir zurück, flieht agil, letztlich bleibt mir — sie würde wissen, was passiert ist, warum der Trip damit endete, dass ich orientierungslos aufwachen musste, vielleicht würde sie auch wissen, wer der Engel ist. Aus der Gasse stolpere ich in Massen von Menschen, gesichtslose Geister, und in ein Feld von grellen Tönen, ein Wald aus Neon und Strahlung, die mir fast wieder das Bewusstsein rauben. Straßenstände fliegen vorbei, umringt von Kunden, die mit flackernden Augen nach dem Essen gieren und ihre Creditchips hindrängen wie Opfergaben. Niedrige Häuser ducken sich vor der schartigen Skyline des CBD, die in die Wolken sticht und sie mit ihrem fahlem orangenen Licht entzündet. Ich breche durch die ewige Hektik der Subcity, jedes weibliche Gesicht ein Abbild des Engels, zerbrechlich wie Porzellan. Heiß drückt die Nacht auf meine Augen, die leeren Fenster starren mich an und wie aus einem Schwamm wringen sich ohne Warnung Tropfen aus dem Himmel, Beton und Stahl, Leder und Haut fleckenweise dunkel färbend, wie sie unvermittelt in den Regenschauer eingehüllt werden und glühend den fiebrigen Farbenwahnsinn auf mich zurückwerfen; außen herum die hetzenden Körper unbeirrt in ihrer Bahn. Ich halte inne, strecke die Hand aus, auf Abkühlung hoffend. Wo der Regen mich berührt, zucken subkutane Blitze, saugen ihn auf und pressen ihn chromfarben wieder aus, sodass ich Stahl blute, der sich quecksilbergleich in flinken Kugeln auf dem Boden sammelt. Genauso plötzlich wie er anfing, vergeht der Regen und ich haste weiter, meine Finger wassernass, das Chrom zerflossen und zu Staub zerfallen, haste zu einer Person, deren Name ich bis eben noch in meinem Mund schmeckte, der mir erst mit Anstrengung zäh dämmert: Dakara.

Photo by Ricarco Gomez Angel

Ich finde sie in dem engen Zimmer auf ihrem Bett, fünf Stockwerke über einem Club, in dem der Weg versperrt ist von zuckenden Gliedmaßen besinnungslos Tanzender und einer Wand aus Schall, die mich zurückwerfen will in die Stille meines eigenen Kopfes, bis ich sie bezwinge und sie mich in den Flur schubst, der nach Schimmel riecht. Über Dakaras Matratze leuchtet ein Bildschirm statisch, chaotische Permutation beschwärmen die flache Oberfläche, in der sich die Frau verliert. Eine einzelne Wachskerze glimmt tapfer gegen die Schatten, einer Vision gleich liegt nicht Dakara vor mir, sondern der Engel, ihre schwarzen Haare ölig schimmernd, ihre Augen öffnen sich, ihre weißen Pupillen starren in die flirrende Unendlichkeit, unvermittelt krümmt sich die Frau in ihrem hautengen Agitus, stößt einen lustvollen Schrei aus, der mich schaudern läßt. Als ich näher komme, treffen sich unsere Blicke und etwas in ihr zerbricht, schleudert sie hart ins Diesseits zurück. Sie atmet wie in einem Alptraum, Schweiß auf ihrer Stirn, gleich dem Schweiß auf meiner Epidermis, der das digitale Rauschen reflektiert, sich silbrig sammelt und dann in dicken schneegrauen Schlieren verdunstet. Der Raum, die Frau vor mir kommen mir unbekannt vor, ich bin grundlos in ihre Welt eingedrungen. Ich suche in der Flamme der Kerze nach Antworten, doch sie gibt mir nur Gefühle zurück, die Euphorie vergangener Nächte, in denen es außer der Flucht in den Rausch nichts gab, mit dem wir dem frostkalt beissenden Leben entkommen konnten. Schließlich kompensieren andere Nervenzellen den Verlust der Information, die ich bis eben nicht vermisst habe und die Zeit holt mich ein, mit ihr Fragmente der Erinnerung. Dakara kommt zu sich. Sanft sagt sie meinen Namen, setzt sich auf und zieht mich in ihre Umarmung, ihr Duft klärt meine Sinne und für den Moment lockert sich der Griff der Ermüdung, sodass ich den Boden spüre auf dem ich stehe, ihre Wärme strahlt durch die synthetischen Fasern in meine Arme. Sie fragt mich, wo ich war und ich spüre, wie sich meine trockenen Lippen zu einem Grinsen verziehen. Ich sage ihr, dass ich verloren war, die Stimme brüchig wie alter Kunststoff, verloren bei einem Engel. Dakaras animalische Augen weiten sich, sprechen Trost und Mitgefühl. Ob ich wirklich den Engel gesehen hätte? Ich nicke vorsichtig, eifrig, mehr zu erfahren. Sie bedeutet mir zu warten, windet sich aus meiner Umarmung und wirft sich einen Mantel über; die Kerze droht auszugehen, als Dakara daran vorbeiwischt, also lasse ich mich in das warme Bett fallen, versinke in dem monochromatischen Chaos, das noch immer an der Decke krieselt, dort vage versteckt das Gesicht des Engels, nach dem ich greife und schreie, bis mich jemand festhält und beruhigt.

Vor dem Bett steht Dakara, neben ihr eine menschliche Figur, ein scharfer Abdruck vor dem Fenster, dass geöffnet wurde, um das zu brilliante Licht in das Zimmer einzuladen, das widerstrebend auf die Objekte fällt und sie ins Dasein zerrt. Dakara beugt sich über mich, sagt, sie habe Hilfe mitgebracht, Hilfe wofür, frage ich und lege ihr damit eine tiefe Trauer ins Gesicht. Die Figur bewegt sich jetzt, erklärt ihr kryptisch strukturelle Zusammenhänge, ohne dass ich den Sinn seiner Worte verstehe. Von den Bewegungen her überzeuge ich mich, dass es ein Mann ist, als er nicht unsanft nach meinem Arm greift, fallen mir seine harten, narbigen Finger auf. Er sucht den Port meiner Fairy-Systeme, tastet über Adern und Sehnen wie ein Blinder, um die fingernagelgroße Elektronik zu identifizieren. Seine andere Hand erscheint, in ihr erkenne ich ein Tale-Modul; als er es auf den Fairy-Port setzt und es sich egelgleich an mir festsaugt, realisiere ich, dass ich dort blute, meine Hand tastet nach meinen Augen und ich reibe den Finger in meinen Tränen, die silbern auf der Haut kleben, sie blitzend kontaminieren. Dakara redet, ohne dass meine akustischen Sensoren in der Läge sind, die Signale zu verarbeiten, nur die Geräusche meines Körpers dröhnen in meinen Cortex, mein arhythmisch pumpendes Herz, die Luft, die in meine Lungen strömt, klingt wie der Wind, der mir in Januarnächten in die Glieder fuhr. Das Gerät, dass der Mann an meinem Arm befestigt hat, zuckt, ich will es abreißen, aber kein Muskel gehorcht mehr, keine Daten dürfen durch meine Nerven eilen. Die Bewegungen im Zimmer verschmieren, meine Perpektive krümmt sich gegen einen Widerstand, drückt, bis er nachgibt und ich sehe selbst mich im Bett liegen, starre in meine Augen. Aus meinem Arm strömt silbernes Chrom, sammelt sich in einer Lache unter meinem Körper. Zwei Personen, eine weibliche und eine männliche, beschützen mich, ihre Gestalten werden immer schemenhafter, unförmiger, zerfließen zu Schatten. Draußen brodelt im Dunkel die Metropolis, ruft mich an mit den metallenen Stimmen des Fortschritts. Ich blicke herab, statt dem dünnen Körper, der mir gehört, liegt der Engel unter mir, in ihrem Blick steht das Versprechen zu allen Antworten auf die Fragen, die mich so eng bedrängen, sie gebietet mir, näher zu kommen. Die Realität trennt sich auf, Licht fällt von allen Seiten auf uns, unsere Seelen sind allein in der Unendlichkeit meines Geistes. Mir fällt nicht mehr ein, weshalb ich hier bin, wo ich vorher war, welche Ereignisse in welcher Reihenfolge geschehen sind, kann nicht nachvollziehen, wonach ich suchte und ob ich es gefunden habe. Ich komme dem Engel näher, stürze geradewegs auf sie zu, auch sie hat ein Tale-Modul im Arm stecken wie einen Parasiten, doch es pumpt ihr hellrotes Blut in die Adern. Ihr Wesen erfüllt meine gesamte Existenz. Bevor ich es begreife, vereinigen sich unsere Körper in einem See aus brilliantem elektrischen Feuer.

Weißes Licht weckt mich. Eine Frau mit kurzen, blonden Haaren steht vor mir. Sie lächelt, gibt mir einen Namen. Dann führt sie mich ins Badezimmer unter eine Dusche. Dort lässt sie mich alleine. Ich verbringe einige Zeit damit, mich im Spiegel zu betrachten. Tättowierungen bedecken meine Arme, es sind Muster ohne Bedeutung. An meinem linken Unterarm pocht eine rote Wunde. Ich weiß nicht, woher sie stammt. Die Frau kommt zurück, bringt saubere Kleidung mit. Sie fragt mich, ob ich Hunger habe und wir gehen Essen. Als wir durch die Straßen der Stadt laufen, glaube ich, etwas zu erkennen. Es ist eine glitzernde Reflektion im Blick eines Mannes. Saubere Düfte strömen auf mich ein. Die Sonne reflektiert golden von Wolkenkratzern auf eine Fassade, an der Neondisplays harmonisch pulsieren. Ich habe das Gefühl, aufgewacht zu sein, doch ich kann mich nicht erinnern, wann ich eingeschlafen war. Ruhe durchstömt mich, ohne Aufregung blinken meine Neuronen.