Die Prüfung

Der Raum, in den man P. für die Abschlussprüfung der Kunstakademie führte, entsprach nicht seinen Erwartungen, denn die niedrigen Holzbalken der Decke drückten von oben herab und nur ein schwaches Feuer im Kamin spendete neben dem dunstigen Morgengrau von draußen etwas Licht.

P. trat widerwillig ein, stickige Luft schlug ihm entgegen, es war wohl nicht gelüftet worden und überhaupt hatte der Raum nicht den Eindruck, geeignet für eine Prüfung zu sein, geschweige denn für die Abschlussprüfung, auf die er sich seit Wochen vorbereitete. Wo waren die Prüfer, und wo die anderen Studenten? In der Vorbereitungszeit hatte man sich selten gesehen, die Stimmung war angespannt und die Unterhaltungen zwischen seinen Kommilitonen schleppend gewesen.

The National Academy Jury of 1907 by F. Luis Mora (Public Domain)

In der Mitte des Raumes wartete eine Staffelei, davor befand sich ein kleiner Schemel. Direkt hinter ihm stand nun einer der Hilfskräfte und drängte ihn von dem kalten Vestibül durch die Tür in den Raum. Mit seinem Malkasten in der Hand trat P. vor die Staffelei und sah zum ersten Mal die kleine Leinwand, die vorbereitet worden war. Sie war von der Größe eines Taschenbuches, kaum mehr als handgroß und von einem nicht ganz reinen Weiß.

„Setzen Sie sich,“ sagte der Mann, der mit ihm eingetreten war, also versuchte P. auf dem Schemel eine bequeme Position zu finden. Der andere spähte kurz aus dem Fenster, dass allerdings von innen beschlagen war und durchquerte dann den Raum mit großen Schritten, zuerst zur hinteren Wand, wo er kurz und kräftig an eine Tür klopfte, die P. bisher nicht aufgefallen war, und dann wieder zurück und durch die Eingangstür, die er prompt hinter sich schloss.

Nach einiger Zeit stand P. wieder vom Schemel auf, um etwas Frischluft in das Zimmer zu lassen, denn der Kamin loderte auf voller Flamme. Er erkannte allerdings keinen Mechanismus, mit dem er das Fenster hätte öffnen können, also wischte er stattdessen mit der Hand das Kondenswasser von der kleinen Scheibe. In dem kleinen, grauen Innenhof, den er durch das Fenster sah, sammelte sich dünner Schnee auf einer kahlen Hecke. Wieder wartete er. Er horchte an den Türen, aber das dicke Holz schluckte jegliches Geräusch. Eine Weile später probierte er sogar, die Klinken herab zu drücken, fand beide jedoch verschlossen vor.

P. setzte sich wieder auf den Schemel vor die kleine Leinwand. Vielleicht sollte seine Kreativität geprüft werden und er hatte Zeit damit verschwendet, auf mehr Instruktionen zu warten. Sollte der Kamin das Motiv sein? Er öffnete seinen Malkoffer, im selben Moment ging auch die hintere Tür auf und ein Mann trat ein. Er trug vor sich eine Staffelei, ganz ähnlich derer, die bereits im Raum stand und stellte sie auch neben ihr ab. Auf dem Holzgestell befand sich ein kleines Bild, ungerahmt, das Portrait einer alten Frau, einer Greisin, der Kopf bedeckt von einer Kapuze und die Hände erhoben zu einer Bitte oder einem Gebet. P. betrachtete fasziniert das Kunstwerk, es kam ihm vage bekannt vor und verpasste dabei, dass der Mann, der soeben die zweite Staffelei gebracht hatte, wieder aus der Tür verschwunden war.

Da die ihm zur Verfügung gestellte Leinwand genauso groß war wie des Portraits der Frau vermutete P., dass er für seine Prüfung das Bild kopieren sollte. Motiviert davon, endlich eine Aufgabe zu haben, setzte er sich auf den Schemel und begann zu malen.

Das Kunstwerk war hervorragend ausgeführt, detailreich und sorgfältig. Er begann mit der Grundierung, versuchte, die genauen Blau-und Grautöne des Hintergrundes zu treffen. Das schwache Licht aus dem Hof und das Flackern des Feuers erschwerten ihm die Arbeit. Als er dazu ansetzte, die Umrisse der Frau zu kopieren, fielen ihm eine kleine Unsauberkeit in der Darstellung der Finger auf, eine kleiner Punkt Farbe, mit der der Maler des Originals wohl einen Fehler kaschieren wollte. P. nahm sich vor, diesen Fehler auszubessern. Wenig später stieß er bei dem Schatten, den die Kapuze über das Gesicht des alten Weibs warf, auf eine anatomische Unstimmigkeit in den Gesichtsmuskeln, und korrigierte auch diese. Sein Hunger weckte ihn aus der konzentrierten Arbeit und bemerkte auch, dass der Kamin inzwischen weit heruntergebrannt war und die Mauern eine unangenehme Kälte abstrahlten. P. legte neues Holz auf, schürte ein wenig Asche zur Seite und suchte in seinem Malerkasten nach dem Pausenbrot, dass er am Morgen vorbereitet hatte. Nach seiner Stärkung arbeitete er weiter. Hier und da verbesserte er kleine Fehler oder nahm Anpassungen vor, die Korrektur der Nase um eine Haaresbreite nach unten, die Anpassung der gelblichen Zähne um eine Nuance Weiß.

Schließlich setzte P. sich nur wenige Zentimeter von dem Bild entfernt, das schwache Restlicht nutzend, den letzten Pinselstrich. Er atmete aus, und lehnte sich zurück, um die beiden Bilder zu vergleichen. Das von frischer Farbe glänzende Portrait wirkte viel lebhafter, aber die Unterschiede waren marginal. Durch seine winzigen Veränderungen wirkte die Frau auf dem Bild noch nachdenklicher, wenige Jahre jünger, aber gleichzeitig sprach mehr Weisheit aus ihren Augen. Er war sich sicher, das Examen bestanden zu haben, in seinen Gedanken beugten sich bereits die Prüfer über sein Bild und suchten nach Punkten der Beanstandung. Nachdem er seine Utensilien wieder verstaute hatte, stand P. auf, um sich die Beine zu vertreten. Von draußen kam nunmehr nur noch Dämmerlicht in das Zimmer und er hätte kaum noch etwas auf der Leinwand erkennen können.

Kaum hatte er seinen Malkasten geschlossen, öffnete sich die hintere Tür, ein Mann kam herein, nickte P. zu, nahm das Originalportrait der alten Frau von der Staffelei und warf es, ohne das Bild oder seine Kopie anzusehen, in die Flammen des Kamins. P. gab einen Laut von sich, der halb Schrei und halb Seufzer war, er machte einen Schritt in Richtung des Schüreisens, doch innerhalb weniger Sekunden hatten das Feuer das Bild vollständig verzehrt und es bliebt nur mehr ein Rahmen schwarzer Asche übrig.

Der Mann klappte die Staffeleien zusammen, legte P.s frisches Bild mit höchster Vorsicht obenauf und trug den Stapel aus dem Zimmer. Er war kaum verschwunden, als sich die erste Tür öffnete und der Gehilfe vom Morgen eintrat, P. sanft am Arm fasste und ihn in die Eingangshalle führte. Seine letzten Worte, bevor er P. in der klirrenden Luft alleine ließ, waren: „Sie haben ihre Abschlussprüfung bestanden, Sie erhalten ab morgen ihr Zeugnis im Dekanat.“