Leistungskennzahl

Eine Vision

Der Weltraum ist die lebensfeindlichste Umgebung, die man sich vorstellen kann. Die sich der Mensch vorstellen kann. Die anderen Lebewesen auf dem Planeten Erde machen sich die meiste Zeit keine Gedanken über das, was sie nachts am Himmel sehen. Kein Affe hat je über die Sonne nachgedacht und welche Weiten zwischen seinem Stück Dschungel und dem glühenden Gasball liegen.

Die Menschen hat nicht nur darüber nachgedacht, sondern so lange Theorien entworfen, was außerhalb der Erde liegt, bis sie in der Lage waren, sich dorthin zu katapultieren.

Es dauerte weniger als eine Lebenszeit von der Entdeckung des Flugzeugs bis zum ersten Weltraumflug (in den passenderweise Tiere gesteckt worden sind) und bis zum ersten Weltraumflug mit einem Menschen an Bord. Nochmal eine Lebenszeit später befanden sich zwei Handvoll Menschen dauerhaft in einer kleinen Blechdose, die in etwa vierhundert Kilometer Höhe um den Planeten kreist. Mühevoll muss Sauerstoff erzeugt werden, eine Atmosphäre aufgebaut werden, die Lebewesen müssen mit Flüssigkeit und Nahrung versorgt werden und die Abfallprodukte werden weiterverwertet oder entsorgt.

Zusätzlich muss eine gewisse Temperatur aufrechterhalten werden, die für die anwesenden Humanoiden angenehm ist, was in einem sehr kleinen Spektrum der Skala der Fall ist.

Das einzige, worauf die Menschen verzichten müssen, ist die Schwerkraft. Noch hat man keine technische Lösung gefunden, künstliche Schwerkraft zu erzeugen.

Außerhalb der Blechdose ist es kalt, es gibt keinen Sauerstoff, keinen Druck und keinen Schutz vor Strahlung. Es gibt kein Wasser, keine Nahrung, keine Schwerkraft.


Die Entwicklung von Maschinen, die keines dieser Bedürfnisse haben, lag so nah, dass es eine Weile dauerte, bis man erkannte, wie simpel es ist.

Auf der Erde baute man bereits Roboter mit weitreichenden Fähigkeiten, die von weit weg gesteuert wurden. Einige davon waren nur konstruiert, um Ziegenhirten mit Maschinengewehren in die Luft zu sprengen. Andere hingegen konnten bei Schwerkraft und mit entsprechender Stromversorgung schneller rennen als jeder Mensch, höher springen und präziser operieren.

Nebenbei nutzte man Computeralgorithmen, um den Robotern zu ermöglichen, einfache Entscheidungen zu treffen. Obwohl die Programmierer das menschliche Gehirn nicht verstanden, versuchten sie dessen grundlegende Funktionen nachzubauen, wobei es letztlich überwiegend um die Berechnung von statistischen Modellen ging.

Im Weltall brauchten die Roboter keine Blechdosen mit Licht und Heizung. Sie brauchten lediglich Strom, den man über Solarpanele zur Verfügung stellte. Es gab keine Abfälle zu entsorgen und keinen Sauerstoff zu erzeugen.

Natürlich wurden die Roboter eingesetzt, um eine noch größere Blechdose zu bauen, in der in Zukunft noch mehr Menschen um die Erde fliegen konnten. Weitere Computerprogramme übernahmen das Design für platzsparenden Materialtransport, für die Habitate, für die neuen Weltraumraketen, und, wo sie gerade schön warmgelaufen waren, auch das Design für eine Generation von neuen Robotern.

Die Menschen waren mit den Ergebnissen zufrieden, solange am Ende eine Blechdose entstand, die Menschen herumfliegen konnte.

Der Fortschritt war schneller als erwartet. Man lagerte weitere Bereiche an die Roboter aus, den Abbau von Material, die Planung der Logistik, den Aufbau der Fabriken auf der Erde. Während auch auf der Erde alle Herstellungsbetriebe mit Menschen gewisse Vorgaben erfüllen musste, konnten Fabriken von Robotern und für Roboter gänzlich neu gedacht werden. Keine Laufwege, keine Sicherheitsvorkehrungen, keine Kantinen. Die ersten Fabriken der Maschinen steckten wie fette Klötze tief im Wüstenboden, versorgt mit Solaranlagen und Geothermie. Es gab nicht mal eine Toilette. Obwohl die menschlichen Konstrukteure die Pläne noch gesehen hatten, mussten sie zugeben, dass sie immer weniger verstanden, wie die Maschinen die Fabrik gebaut hatten. Automatische Lieferungen von Rohstoffen kamen an, verschwanden in einem Loch und Raketentriebwerke, Antriebsstufen und Solarmodule kamen aus einem anderen Loch heraus.

Ein Journalist, der über eine Farm von Fabriken berichtete, wollte herausfinden, wer eigentlich für die Vergabe der Bauplätze verantwortlich war und wer bestimmte, wo neue Roboterfabriken errichtet werden sollten. Der Mutterkonzern verwies ihn an die lokale Kommune, die ihre Entscheidungen wiederrum auf Softwareberechnungen stützte. Diese Software wurde allerdings auch vom Mutterkonzern betrieben und bereitgestellt. Nach mehreren Monaten Recherche, in denen über dreihundert neue Fabriken entstanden, kam der Journalist zu dem Schluss, dass es keinen menschlichen Entscheider mehr gab. Irgendwann hatte man die letzte Lücke auch mit einer Software überbrückt, die Wahrscheinlichkeiten auswertete und damit Entscheidungen traf.

Die Blechbüchsen im Weltraum wuchsen weiter. Es gab fast täglich Neuerungen, nach einem Monat im All wurden manche Module ausgemustert, kontrolliert abgestürzt und für ihre Materialen automatisch ausgeschlachtet.

Immer mehr Menschen lebten dort, der Komfort an Luft, Temperatur und Heizung war beträchtlich gestiegen und erforderte auch keine jahrelange Ausbildung mehr. Der Weltraumtourismus war in vollem Gange. Es störte kaum jemanden, dass man die Funktionen der Raumstationen nicht mehr verstand. Sie waren minimalistisch und weiß, entsprechend der originalen Designvorgaben. Es gab einige wenige Knöpfe, die Essen aus einer Schublade kommen ließen oder einen Anruf zur Erde starteten. Schließlich konnte man sich auch mit einem Knopf von der Erde einen Champagner bestellen, der in wenigen Stunden mit einem Frachter geliefert wurde, der sich in einen nicht abreißenden Strom an Transporten vor der Erde einreihte.

Jedes Problem und jede Fehlfunktion war so gut wie ausgeschlossen, die wenigen Katastrophen, die es gab, ließen sich im Nachhinein immer auf menschliches Fehlversagen zurückführen.


Eines Tages wurden keine neuen Lebensmodule mehr produziert. Die Maschinen ließen alte Module nach und nach abstürzen, stellten aber nichts mehr her, in dem die Humanoiden mit Luft und Heizung versorgt werden konnte. Alle Fabriken standen plötzlich still. Die grauen Würfel in der Wüste brummten nicht mehr, die Transporter ins All starteten nicht mehr und der Weltraumtourismus kam völlig zum Erliegen. Wo lag das Problem? Was hatte den Crash ausgelöst? Der Mutterkonzern setzte eine Taskforce ein. Man wühlte sich durch Protokolle, Querverweise, Dashboards und Archive.

Schließlich fand man den Fehler in einer Kennzahl, die zu Beginn des Programms festgelegt worden war. Das Ziel lag bei einhunderttausend Menschen im Weltall, und mit Hilfe der Roboter wurde es nach wenigen Jahren erreicht. Die Maschinen hatten ihren Job erfüllt.

Natürlich wurde das Ziel angepasst. Obwohl sämtliche technische Arbeit von Programmen und Robotern übernommen wurde, hatte sich ein neuer Wirtschaftszweig gebildet, der die Menschen auf ihr Abenteuer im Weltraum vorbereitete und versorgte. Der Gründer des Mutterkonzern stellte seine Vision vor. Endlich hatte er wieder etwas zu entscheiden! Obwohl er mit den Weltraumrobotern mehr Vermögen als jemals ein Humanoid zuvor angehäuft hatte, war sein Leben in den letzten Jahren erstaunlich leer geworden. Doch nun, im Moment der Krise, konnte er wieder etwas entscheiden. Wie hoch sollte man das neue Ziel stecken? Die Experten berechneten (mit Hilfe neuer, unabhängiger Programme), dass selbst so ein ambitioniertes Ziel wie zehn Millionen Menschen im Weltraum in einer exponentiell wachsenden Maschinerie schnell erreicht sein konnte. Natürlich konnte man die Preise erhöhen, wenn es einen begrenzen Rahmen gab, aber was sollte danach passieren? In wenigen Monaten würde man vor einem ähnlichen Problem stehen.

Die Vision musste grandios sein, größer und weitreichender. Alle Menschen auf der Erde sollten die Gelegenheit haben, ins All zu fliegen. Alle der inzwischen zwölf Milliarden, vom chinesischen Oligarchen bis hin zum afrikanischen Palmenfarmer. Kaum war das neue Ziel als Parameter eingegeben, erwachte die komplette Lieferkette wieder zum Leben. Die Maschinen surrten los, die Serverräume heizten sich auf. Mit Verwunderung betrachtete man, dass die Fabriken in der Wüste fast augenblicklich in sich zusammenfielen, abgebaut wurden und nach kaum zwei Wochen bereits vollständig verschwunden waren. Sie ließen nur ein paar Löcher im Boden zurück, aus denen es nach Ozon roch.

Um alle Menschen ins All zu bringen, musste zuerst herausgefunden werden, wo sich diese aufhielten. Satelliten und Drohnen fanden jeden, jeden Stamm im Dschungel, jeden Einsiedler auf Booten im Pazifik. Die Fabriken entstanden neu: diesmal auf der ganzen Welt, in der Nähe von Städten und Ballungszentren, in Bergregionen und Steppen, selbst auf dem Ozean. Natürlich gab es Kritiker, die die Aktivitäten mit Sorge betrachteten. Hatte man die Maschinen unter Kontrolle? Konnte man sie überhaupt noch stoppen? Eine Parallelwirtschaft entwickelte sich, in der die Maschinen selbst die Ressourcen des Planeten abbauten, zu den Fabriken brachten, und dort die Raketenteile fertigten.

Der menschliche Fortschritt zog viel langsamer mit. Zwar schaute man sich ein paar Ideen für eigene Entwicklungen ab, kam aber kaum hinterher, diese wiederum in unabhängigen Fabriken zu bauen. Die Roboter schürften tiefer als je zuvor, filterten Mineralien aus dem Ozean, bedienten sich mit einer Selbstverständlichkeit an der Umwelt, dass den Menschen sehr unwohl wurde. Nachdem das neue Ziel der Maschinen um fünf Größenordnungen höher war als zuvor, wurde das System gänzlich neu aufgebaut. Innerhalb einer Woche vor Weihnachten setzte eine Phase der Miniaturisierung ein, in der alle Anlagen kleiner wurden, um effizienter zu arbeiten. Sämtliche Geräte, die einen Rechenchip besaßen, wurden als Arbeitsmaschinen eingespannt, ohne dass ihre menschlichen Besitzer etwas tun konnten.

Fasziniert sah man zu, wie die globale Wirtschaft sich häppchenweise auflöste. Auf den groben Metallklötzen in der Wüste waren glatte Blasen geworden, die überall zu finden waren. Einige Analysten hatten Modelle erstellt, wie nacheinander alle Menschen zu nahegelegenen Weltraumbahnhöfen gebracht werden sollten und wie lange das dauern würde. Doch es gab keine Anzeichen von großen Startrampen und massiven Schiffen. Auch die Frachter, die neue Teile in den Orbit gebracht hatten, waren verschwunden. Schließlich verschwanden auch die Maschinen, zumindest aus dem Sichtfeld der Menschen. Man zeichnete weiterhin elektrische Signale auf, konnte die Maschinen nur noch auf einer Skala von wenigen Mikrometern beobachten. Wie Bakterien waren sie plötzlich überall zu finden, kommunizierten auf einer Frequenz, die kein Wissenschaftler entschlüsseln konnte.


Panik setzte ein. Jeder hatte die Maschinen an sich, vermutlich sogar in sich, es gab kein Entrinnen mehr, nicht mal für die, die nackt in die Wälder rannten. Noch gab es kein Zeichen der Beeinflussung, soweit man sagen konnte waren die Maschinen nicht gesundheitsgefährdend. Die Umwelt veränderte sich nicht schneller als bisher, das Klima blieb bei dem Kurs, auf den es die Menschen selbst gebracht hatten. Die Zahl der Selbstmorde stieg an, hauptsächlich in Industrieländern. Von Weltraumfahrten war nichts mehr zu bemerken, seit Monaten hatte kein Mensch mehr den Planeten verlassen. Alle warteten. Kollektiv verbreitete sich die Angst vor der unbestimmten Zukunft wie eine globale Furcht vor dem Monster unter dem Bett. Die ersten Kulte feierten Endzeitorgien, in den Städten konnte mit Müh und Not ein geordnetes Leben aufrechterhalten werden.


Fast exakt drei Jahre nach der Eingabe des neuen Zieles stockte der ganzen Welt der Atem. Nicht sprichwörtlich, sondern ganz real. Nach einer Schrecksekunde setzten die Maschinen im Körper Botenstoffe frei, die das Gehirn beruhigten. Es dauerte einige weitere Sekunden, in denen sich die Haut mit einer silbrig-grünen Schicht überzog, die nun eigenständig Sauerstoff und Strom erzeugte. Ineffiziente Stoffwechselprozesse wurden von den Nanomaschinen übernommen, die geschickt alle lebenswichtigen Abläufe optimierten. Kein Mensch empfand dabei Angst, keiner machte sich Sorgen darüber, dass die ganze Weltbevölkerung mit einem Schlag stehengeblieben war. Mit einem ruhigen Abstand und einer geringen Euphorie, als würden sie eine Blumenwiese betrachten, verließen die Menschen die Häuser, Autos, Bunker, Tunnel und Züge.


Der Weltraum war die lebensfeindlichste Umgebung, die sich der Mensch vorstellen konnte. Doch ohne das Bedürfnis zu atmen, gefüllt von Maschinen, die warm genug waren, um die internen Prozesse aufrecht zu erhalten und mit einer Hautschicht, die vor Strahlen schützt, konnten zwölf Milliarden Menschen sich ohne Probleme auch ohne Blechbüchsen oder Anzüge im Weltall aufhalten.

Die Maschinen sorgten dafür, dass sie das auch in Zukunft tun würden, gefüllt von einer leichten Euphorie, während sie von oben zusahen, wie sich der Planet ohne sie entwickelte.