Testlevel: Berlin


Die U-Bahnwagen knarzen wie die Wirbelsäule einer Metallschlange mit Bandscheibenproblemen, als der Zug immer langsamer wird und in den Bahnhof “Zoologischer Garten” einfährt. Alexa starrt durch die zerkratzten Scheiben des Waggons auf den Bahnsteig. Es sind nur wenige Leute unterwegs, was sie nicht wundert. Nicht bei einem Bahnnetz, dessen Wagen teilweise über achtzig Jahre alt sind und beim Fahren klingen, als würden sie jeden Moment auseinanderfallen. Nach kurzer Wartezeit schließen sich die Türen krachend und ohne Vorwarnung. Als der Zug den Bahnhof wieder verlässt, sieht sich Alexa in der Reflektion des Fensters, eingerahmt von marodem schwarzem Gummi wie eines von diesen post-anarchistischen Kunstwerken, die zur Zeit im Reichstagsgebäude ausgestellt werden. Anthrazitfarbene lange Haare mit blauen Strähnen fallen um ihr junges Gesicht, ihre Augen sind dunkel geschminkt, die Lippen glänzen silbern. Alexa zieht ein paar Grimassen für die leuchtende Stadt, die hinter den Fenstern vorbeizieht, ihre Spiegelung leicht unscharf durch die doppelte Verglasung. In ihrer Hosentasche schlummert das Sunray. Als sie es berührt, blendet ihre Kontaktlinse die aktuelle Uhrzeit in ihr Sichtfeld ein und “21:53” legt sich in den grün-floureszierenden Old-School-Segmenten der 90er Jahre des vergangen Jahrhundertes wie ein Geist über das Gekrakel der Graffiti an den Wänden des ursprünglich weiß-gelben Waggons.

Photo by Artem Sapegin

Ein Rascheln von links reißt Alexa aus ihren Gedanken. Sie dreht sich zur Seite und blickt in das 500-Watt-Grinsen von Crimson. Er hält ihr eine Dose hin, die nach Gummibären riecht.

“Energydrink?” sagt er und sein Lächeln wird noch eine Spur breiter, weil Alexa überrascht blinzelt und ein Stück zurückweicht.

“Hölle, Crimson, hast du mich erschreckt” sagt Alexa. Sie schließt die Augen, dann atmet sie tief durch, um das hektische Pumpen ihres Herzes etwas zu beruhigen. Crimson kichert wie ein Schuljunge, dem ein Streich geglückt ist und beugt sich zu ihr rüber.

“Das ist nicht nur Energy, weißt du” flüstert er. Sein stahlblaues Auge blitzt teuflisch, aber Alexa schüttelt nur müde den Kopf. Sie sieht zu, wie Crimson sich auf dem Polster ausstreckt, um einen langen Schluck aus der Dose zu nehmen. Die rechte Hälfte seines Kopfes ist mit kurzen roten Stoppeln bedeckt, während lange blonde Haare links auf seine Schulter hängen. Die dunklen Farbspitzen eines Tattoos schauen scheu aus dem Kragen des weißen Shirts, dass Crimson trägt. An seinem Hals verlaufen sie irgendwann um die Ränder einer großen, tiefroten Pigmentstörung, die ihm bis zum Kinn reicht und wirkt, als hätte er beim Trinken gesabbert. Er beobachtet Alexa mit seinem blauen Auge, während das andere, schwarz mit einem orangen Ring, ihn wie einen Android aus einem Manga aussehen lässt.

“Wo fährst du hin?” fragt er. Ohne ihre Antwort abzuwarten, redet er weiter. “Egal, du kommst mit mir mit. Hab einen interessanten Job für dich.”

Alexa hebt zweifelnd eine Augenbraue. Die Jobs, die Crimson ihr manchmal vermittelte, waren selten mehr als Botengänge und sie bezweifelt, dass es diesmal etwas spannenderes sein sollte.

“Shit, Crimson, ich hab in der Uni den ganzen Tag nichts gegessen” sagt Alexa, auf ihrem Bauch deutend. “Leer, verstehst du?”

Er winkt gelangweilt ab.

“Von mir aus. Gehen wir was futtern.”

Sein Blick wird kurz unfokussiert und Alexa merkt, dass er etwas auf dem HUD sucht. Dann schnappt er wieder in die Realität zurück, trinkt seine Dose aus und drückt die Kunststoffverpackung zwischen den Handflächen zu einer flachen Scheibe zusammen. Er lässt den Rest der Dose wie eine Frisbee lässig in den Mülleimer zu seiner Linken segeln, ohne hinzusehen.

“Fast Food. Burger King?” sagt er und hält die Hände wie die Schalen einer Waage hoch. “Oder KFC?”

Alexa hat keine Ahnung, was er mit letzterem meint.

“Burger King gibt es noch?” fragt sie ihn. Laut Alexas Eltern gab es früher in der Innenstadt eine Menge Filialen von amerikanischen Franchises, aber McDonalds, Burger King und Starbucks waren nach dem Kollaps der Vereinigten Staaten schneller verschwunden als die Sitcoms im Netz. Wirklich vermisst hatte sie auch keiner.

Crimson steht auf und hält ihr seine Hand hin.

“Anscheinend schon” sagt er grinsend. Sie hält sich an ihm fest, als der Zug für die Einfahrt am Bahnhof Alexanderplatz scharf bremst.


Crimson kauft in dem engen Imbiss zwei Burger und eine große Packung Pommes für vier Hansemark, dann trägt er das Tablett zu einer Zweier-Sitzgruppe. Die Bänke haben einen antik wirkenden roten Bezug, der wunderbar nachgibt, als sich Alexa darauf setzt. Sie wickelt den Burger aus dem fettigen Papier, um ihn näher zu betrachten. Sie kann sich nicht vorstellen, dass die Leute sowas früher regelmäßig gegessen haben. Andererseits kann sie sich auch nicht vorstellen, dass noch vor 60 Jahren eine Mauer durch die Stadt ging. Alte Geschichte. selbst ihre Eltern waren nach der “Wende” geboren worden und hatten nur Erzählungen aus zweiter Hand.

Crimson beißt hungrig in den Burger, so dass hinten heraus gelbliche Soße auf den Tisch tropft. Alexa knabbert vorsichtig an dem Brötchen, aber es scheint ganz in Ordnung zu sein, also nimmt sie einen großen Biss.

“Und?” Crimson wedelt mit dem halben Burger in ihre Richtung. “Schmeckt?”

Alexa kaut runter und fischt mit ihrer Zunge nach einem Stückchen Fleisch zwischen ihren Schneidezähnen.

“Nicht übel” sagt sie. “Nur etwas ungewohnt.”

Crimson nickt und schlägt seine strahlenden Zähne wieder in sein Brötchen. Er verschlingt den Rest in zwei weiteren Bissen, dann macht er sich über die Pommes her, während Alexa noch damit kämpft, dass ihr der Burger nicht in der Hand auseinander fällt. Sie sucht nach einer Serviette und wischt ihre triefenden Finger daran ab.

“Also, um was geht es?” fragt Alexa. Crimson, der gerade einen Pommes in die Pfütze Ketchup tunkt, die er vorhin auf dem Tablett produziert hat, schaut sie mit seinem normalen Auge an. Er richtet sich auf und steckt sich den Pommes wie eine Zigarette in den Mundwinkel.

“Schau mir in die Augen, Kleines” sagt er mit tiefer Stimme. Alexa glaubt, er spielt auf einen uralten Film an, aber sie hat keine Ahnung, welchen er meint. Sie verdreht die Augen und Crimson lässt sein Macho-Gehabe fallen. Er beugt sich verschwörerisch zu ihr über den Tisch.

“Ich habe einen super-lukrativen Auftrag von Hammer bekommen. Kein Rumgerenne, keine Botendienste, und wenn alles klappt, gibt es 800 Hansemark plus Spesen. Wir teilen fünfzig-fünzig.”

Alexa will grade “Du verarscht mich doch” sagen, aber irgendetwas hält sie zurück. Vielleicht ist es die Abwesenheit von dem leicht irren Glitzern in Crimsons Auge, das normalerweise verrät, wenn er sie übers Ohr hauen will. Außerdem hätte er sich nicht die Mühe gemacht, sie in die Stadt zu verfolgen und ihr ein Essen auszugeben.

“Klingt ja zu schön, um wahr zu sein” sagt Alexa vorsichtig.

“Das Ding kommt von einer externen Quelle. Es hieß, sie brauchen jemanden, der sich in Berlin gut auskennt und nicht auf den Kopf gefallen ist” sagt Crimson. “Dabei hab ich gleich an dich gedacht. Und weil die Bezahlung. nicht schlecht ist.”

Nicht schlecht ist untertrieben, denkt Alexa. 400 Hansemark sind ein gutes Taschengeld, außerdem würde sie sich dann endlich das Update für ihr Sunray leisten können. Sie lässt Crimson weiter reden, auch wenn sie es vor Spannung kaum aushält.

“In drei Tagen landet in Tegel ein Flugzeug von der Hansearth aus Tansania. So wie es aussieht, haben sie da unten eine größere Entdeckung gemacht. irgendwas mit Bodenschätzen. Besonders genau war der Auftraggeber an dieser Stelle nicht. Mit an Bord ist ein Koffer.”

Alexa unterbricht ihn.

“Crimson, das klingt wie aus einem verdammten Agentenfilm” sagt sie skeptisch. Er zuckt mit den Schultern und steckt sich noch ein Pommes in den Mund.

“Hab ich auch zuerst gesagt. Hammer war sich sicher, dass es kein Witz ist” sagt er. Alexa hat Hammer noch nie getroffen, aber sie weiß, dass er Crimson ab und an mit Arbeit versorgt.

“Hmm. Erzähl mal weiter.”

Crimson schluckt runter.

“Dieser Koffer wird per Kurier in die Firmenzentrale von Hansearth gebracht. Dein Job ist es, das zu verhindern. Wenn das, was im Koffer ist, erstmal dort im Labor angekommen ist, kommen wir auf keinen Fall mehr ran. Alles weitere kann ich dir gleich zulinken.”

Alexa nickt ungeduldig und Crimson zieht ein flaches Gerät aus der Hosentasche. Es ist lediglich ein Stück Glas, eingefasst in zwei glänzende Metallschienen. Als er mit seinen Daumen über die Oberfläche streicht, verwandelt diese sich in ein leuchtendes Display. Alexa schaut geduldig zu, wie Crimson ein paar Sekunden lang auf seinem Shouji rumdrückt, seine Finger mit jahrelanger Übung durch die Menüs navigiert. Alexa merkt, wie ihr Sunray in der Tasche kurz vibriert, als Crimson ihr durch die Cloud eine Anfrage sendet. Ihr HUD blinkt auf, sodass plötzlich über der Werbung für Burger an der Wand hinter Crimson grüne Schrift tanzt. Sie legt ihr Sunray neben das Shouji von ihm auf den Tisch, während ihre Augen die Schrift, die nur sie sehen kann, überfliegen. Unbewusst bestätigt sie den Empfang mit einer schneller Handbewegung über das Display und sieht dann, dass einige Dateien aus der Cloud mit dem internen Speicher des Sunrays synchronisiert werden. Eine weitere Geste schaltet das HUD wieder aus. Alexas Aufmerksamkeit kehrt in den Fast-Food-Imbiss zurück, wo die kurze Übertragung nicht die geringste Spur hinterlassen hat.

“Also, hast du Interesse?” fragt Crimson und steckt sein Shouji zurück in die Hosentasche. Er legt neugierig den Kopf zur Seite.

“Klingt echt ganz gut” sagt Alexa unsicher. “Ich schau mir mal die Dateien an und melde mich dann bei dir?”

“Alles klar, aber nicht später als morgen mittag, okay?”

Crimson steht auf und wendet sich zum Gehen.

“Pass auf dich auf, Alexa” sagt Crimson, dann tritt er zur Tür hinaus in die warme Berliner Nachtluft und Alexa sieht wieder nur ihre Reflektion in der Glassscheibe der Imbissbude.


Vor dem “Cyankali” steht wie gewöhnlich eine Traube Raucher. Alexa bahnt sich einen Weg durch zwei bullige Männer in Sportklamotten, die an chinesischen Zigaretten saugen und sich auf Russisch unterhalten, dann durch einen schweren roten Samtvorhang, der hinter der Eingangstür hängt. Im dem Moment, in dem sie den Gastraum betritt, wird sie eingehüllt in eine Wolke aus Gesprächsfetzen, die in mindestens vier verschiedenen Sprachen durch den Raum weht, getragen von pumpender elektronischer Musik. Es riecht nach Bier und nach Menschen. Alexa späht zur Bar, wo sie einen freien Hocker sieht, auf den sie zusteuert. Kerim, der Barkeeper, winkt ihr zu, als sie sich zwischen die Leute drängt und ihre Ellenbogen auf der Theke abstützt. Alexa grinst dem Barkeeper zu, der heute eine olivfarbene Militäruniform trägt, wobei er anstatt einem Hemd ein verwaschenes Shirt von einer obskuren Rockband angezogen hat. Darüber baumelt eine Krawatte aus Metallsegmenten, die im Rhythmus der Musik aufleuchtet. Kerim dreht sich zu dem Touchscreen um, der den gesamten hinteren Teil der Bar einnimmt und dahinter einige hundert Schnapsflaschen trägt, die kopfüber in Gummibuchsen stecken, darauf wartend, ihren Inhalt milliliterweise abzugeben. Der Barkeeper wischt mit seiner linken Hand auf dem Bildschirm einige Zutaten aus einer scheinbar endlosen Liste in ein Feld, während seine rechte ein Glas aus dem Schrank darunter fischt. Mit einer fließenden Bewegung schiebt er das Glas unter den Bildschirm, wobei er seine Finger einen kurzen Tango auf der Glasfläche tanzen lässt. Als Kerim das Glas wieder in der Hand hält, befindet sich darin eine giftgrüne Flüssigkeit, in der eine Hand voll Eiswürfel schwimmt. Alexa bekommt das Getränk mit einem metallisch blitzenden Strohhalm serviert.

“Voilá, madame, Mojito Cyankali!” sagt Kerim mit kaum erkennbarem türkischem Akzent und salutiert ihr mit zwei Fingern vor seiner gepiercten Augenbraue. Alexa will ihr Sunray auf das Kreditfeld legen, aber Kerim hält sie zurück.

“Nicht doch. Meinen Mietern geb ich heute die erste Runde aus.”

Ohne zu protestieren lässt Alexa das Sunray in ihrer Tasche verschwinden, um dann am Drink zu nippen. Kerim schaut ihr wachsam zu und verzieht das Gesicht zu einem Grinsen, als er Alexas Reaktion beobachtet.

“Holy shit, der ist echt gut” sagt Alexa anerkennend. Sie nimmt noch einen Schluck und rührt dann mit dem Strohhalm in den Eiswürfeln. Kerim tippt sie an und zeigt mit dem Daumen auf einen alten konvexen Spiegel, der hinter der Bar hängt und somit einen Blick auf den Innenraum des Cyankali ermöglicht.

“Hast du die beiden gesehen?” fragt er.

Alexa späht in den Spiegel um zu sehen, was Kerim meint, dann fällt ihr in der Ecke an einem Tisch ein identisch gekleidetes Pärchen auf. Sie tragen die gleiche, eng geschnittene Uniform aus dunklem Grau mit zwei tiefblauen Streifen auf Brust sowie Ärmeln und beide haben über dem rechten Ohr einen dünnen Blitz in ihre blonden Haare rasiert. Selbst das Bier in ihren hohen, schmalen Gläsern ist gleich weit ausgetrunken. Alexa will sich wieder zu Kerim wenden und ihn fragen, was zwei Bürger des New Commonwealth im “Cyankali” machten, aber der Barkeeper ist am anderen Ende des Tresens damit beschäftigt, eine Bestellung aufzunehmen. Im selben Moment ist sie froh, dass in der Hanse kein Zwang herrscht, in der Öffentlichkeit Uniform zu tragen. Bei dem Gedanken, Crimson so zu sehen, muss Alexa unweigerlich grinsen. Sie nippt an ihrem Drink und beobachtet Kerim. Mit seinen langen Beinen und den schlacksigen Bewegungen scheint er den Platz hinter der Theke voll einzunehmen. In einem Moment beugt er sich vor und tauscht Witzeleien mit den Kunden aus, im nächsten lässt er seine Finger über den Mischcomputer fliegen, um Drinks zu mixen. Das Bier zapft er noch aus einer altmodischen Anlage, die er Alexa irgendwann mal gezeigt hat: in dem feuchten Raum unter der Theke winden sich meterlange silberne Schläuche wie erstarrte Metallwürmer aus dem Boden, um das Bier durch ihre Därme in die Zapfhähne aus Messing zu befördern.

Alexa mag das “Cyankali” wegen dem fast schon rustikalen Ambiente, auf das Kerim hier Wert legt. Vor ein paar Wochen war sie mit Crimson in einem der neuen Schuppen drüben in Neu-Kreuzberg, nur einige hundert Meter vom Regierungsviertel Hansepalast entfernt. Drinnen sah es aus wie eine Kreuzung zwischen Stahlwerk und Operationssaal. Bis auf den DJ gab es in dem hohen Raum kein Personal, nur merkwürdige waffenartige Zapfpistolen, die an den sechseckigen Tischen wie die Arme einer Mantis drohend über den Gästen schwebten und ruckartig auf Bestellung dicken pissgelben Likör in schwarze Plastikröhren spritzten. Alexa fand es deutlich zu abgedreht, während Crimson nicht mehr fertig wurde, den Laden über den grünen Klee zu loben.

Alexa trinkt ihren Mojito aus, winkt Kerim zu und betritt durch die Hintertür der Bar das stille Treppenhaus. Hier wirkt es, als ob die Zeit um die Jahrtausendwende stehen geblieben ist. Die Lichtschalter sind nicht digitalisiert, sondern tatsächlich noch physikalische Schalter aus vergilbtem Duroplast, die den von der Decke hängenden staubigen Lampenschirmen ein fahles Licht entlocken. Alexa steigt die Treppe hinauf in den vierten Stock, wo ein abgetretener Teppich ihre Schritte dämpft. Sie legt den Daumen auf ihr Sunray und hält das Gerät vor das silbrige Viereck unter der Zimmernummer. Die Tür zu ihrem Appartement springt mit einem fast unhörbaren Klicken auf.

Als Alexa eintritt, generiert die Computersteuerung des Zimmers aus ihrem Sunray und dem winzigen ZhuRu-Biochip in ihrem Unterarm ein zufälliges Stimmungsprofil, angepasst an ein Array von aktuellen Informationen wie Alexas Blutdruck und Adrenalinpegel. Wie von Geisterhand verwandeln sich überall polygone Ausschnitte der Wand in sanft leuchtende Panele, gekontert von dem falschen Natriumgelb, das von den LED-Straßenlaternen draußen in zerbrochenen Mustern an die Decke gemalt wird.

Für den Bruchteil einer Sekunde ist es vollkommen still, sodass Alexa wie versteinert stehen bleibt und lauscht. Dann setzt knapp an der Grenze ihrer Hörschwelle ein Instrument ein, ein singender tiefer Bass, der durch das Zimmer schwebt wie das leise Flüstern des Windes. Da es keine Boxen gibt, sondern ein geschickt verstecktes System von Membranflächen, die sich durch Wände und Decken ziehen, scheint die Musik von allen Seiten gleichzeitig zu kommen und genauso zum Raum zu gehören wie die Einrichtung selbst. Alexa schließt die Augen, als zu dem schwerelosen Bass eine Gitarre die Melodie aufnimmt und vorsichtig, wie um sie nicht zu verletzen, mit leichten Variationen nachspielt. Für einige lange Momente schaukeln sich die beiden Instrumente auf, immer lauter und schneller werdend, als wären sie ein extatisch tanzendes Paar. Auf dem Höhepunkt des Crecendos setzt wie ein Donnerschlag das Schlagzeug ein, treibt den wummernden Bass vor sich her und lässt der Gitarre eine kurze Verschnaufpause, damit der Song anschließend einen gnadenlosen Groove entwickeln kann, zu dem Alexa leichtfüßig durch das Zimmer tänzelt.

Als sich der Song nach sieben Minuten langsam nach und nach in dissonante Schichten von verzerrten Gitarrenwänden auflöst, lässt sich Alexa erschöpft auf ihr Futonbett fallen. Sie fischt über ihrem Kopf nach dem Sunray, dass sie vorhin in die Laken geworfen hat. Mit einer leichten Berührung des Displays legt sich das HUD wie eine Halluzination aus neongrünen Buchstaben vor ihr Sichtfeld, ein Schleier knapp außerhalt der Reichweite ihrer Arme. Mit der rechten Hand navigiert sie auf dem Sunray, jede Bewegung nachvollzogen von einem runden Cursor, der vor ihren Augen durch die Ordner hüpft. Sie öffnet die Dateien, die Crimson ihr beim Essen überspielt hat, überrascht von deren Umfang. Eigentlich hatte sie eine kurze Beschreibung der Aufgabe erwartet, aber was tatsächlich in dem Ordner gespeichert ist, lässt ihr Herz aufgeregt schneller schlagen. Sie findet Flugpläne, Grundrisse des Ankunftsortes, sogar technische Beschreibungen von den Triebwerken eines Frachtflugzeugtypes und elektrische Diagramme, die laut Dateinamen die Schaltkreise der Körperscanner am Flughafen darstellen. Mit dabei ist selbst ein Plan der Berliner Innenstadt, einige Mal detaillierter als jede Karte, die man in der Cloud finden kann. Einige Bilder sind offenbar von dem Koffer, den sie besorgen soll. Er scheint nicht viel größer zu sein als eine Aktentasche, aus stabilem Aluminium und an den Ecken mit mattem Metall verstärkt.

Alexa versucht sich vorzustellen, wer so brennendes Interesse daran haben könnte, einen unauffälligen Koffer der Hansearth zu besitzen, dass er (oder sie?) sich die Mühe macht, alle diese Dateien zusammenzutragen. Am Ende der Liste steht eine README-Datei, die einfach nur ein paar Zeilen Text auf Englisch enthält und ihren Auftrag in kondensierter Form zusammenfasst.

— intercept courir %27/6/2041 16:30 — 
— flight 1212 from DAR arriv. tegel TXL %freight gate 3 — 
— ult. dest. hansepalast %entrance 17a or 19a (lab complx) — 
— objective: retrieve case INTACT!! — 
 — check central bike terminl for vehicle %A308: use enclosd key —

Alexa überfliegt die Datei ein paar Mal, um den Sinn der wenigen Zeilen zu verstehen. Die ersten vier Zeilen sind relativ klar, auch wenn sie nicht einsieht, warum der Auftrag so kryptisch geschrieben wurde.

Ein Kurier übernimmt offensichtlich den Koffer aus dem Flug 1212, der um halb zwei in Tegel ankommt. Alexa sucht kurz durch die Cloud nach dem Buchstabencode “DAR”. Er ist dem Flughafen in Daressalam zugeordnet ist — also der Hauptstadt von Tansania. Langsam ist sie sicher, dass sich Crimson die Geschichte doch nicht ausgedacht hat. Interessiert liest sie die wenigen Zeilen nochmal. Offenbar fährt der Kurier zum Hansepalast, der sich südlich von Neu-Kreuzberg über eine Fläche von einigen hundert Hektar erstreckt. Bevor Alexa geboren wurde, befand sich dort achtzig Jahre lang, quasi mitten im südlichen Stadtgebiet, ein großer Flughafen, dessen Name ihr gerade nicht einfallen will. Sie lädt den Berliner Stadtplan in die Navigationssoftware des Sunray und lässt sich die Strecke vom Flughafen Tegel bis zum Hansepalast ausrechen. Es sind etwa dreizehn Kilometer, quer durch die Stadt, vorbei an der Siegessäule und dann am Ufer des Landwehrkanals entlang.

Klar ist Alexa auch, dass sie den Koffer besorgen soll, und dass möglichst, ohne dass er kaputt geht. Nur die letzte Zeile des Textes verwirrt sie. Wieso sollte ein Fahrzeug auf sie warten und von welchem Schlüssel ist die Rede? Zumindest die zweite Frage klärt sich schnell auf, als sie im Ordner eine kleine Datei mit dem Namen A308.bky findet, die aber nur Zahlenkolonnen enthält und vermutlich erst im richtigen Kontext, von einem Computer interpretiert, Sinn machen wird. Alexa schließt den Ordner und schaltet das HUD aus, um in der Stille ihres dunkeln Zimmers nachzudenken. Crimson hatte Recht: Es ist ein außergewöhnlicher Auftrag.


Alexa wacht am Morgen auf, weil ihr die Sonne ins Gesicht scheint. Durch das gekippte Fenster dringt schon warme Sommerluft ins Zimmer und Alexa bemerkt, dass sie im Laufe der Nacht die Bettdecke auf den Boden befördert hat; anscheinend hat sie nur in Unterwäsche geschlafen. Mit einem ausführlichen Gähnen setzt sie sich auf die Bettkante und lässt den Blick schläfrig durch das Zimmer schweifen. Alexa entdeckt das Sunray auf dem Boden und stupst das Display mit dem Fuß an. Mit der Zungenspitze im Mundwinkel zielt sie dem großen Zeh, um auf das Lautsprechersymbol zu tippen. Wie am Vorabend berechnet ein kleiner Algorithmus aus ihrem momentanen Zustand eine passende Stimmungslage, entscheidet sich für “motivierende Aufweckmusik”, sodass wenige Sekunden später die ersten rockigen Gitarrenakkorde versuchen, Alexas Metabolismus anzukurbeln.

Sie greift nach der Dose kafei auf dem Fensterbrett neben dem Bett und dreht den Verschluss auf. Der bittere Geruch von gerösteten Bohnen vermischt sich mit der frischen Sommerluft von draußen. Nach ein paar Schlucken fühlt sich Alexa tatsächlich etwas wacher und versucht, sich an ihren Plan zu erinnern, den sie gestern kurz vorm Schlafen noch in groben Zügen entworfen hat. Es dauert ein paar verschlafene Sekunden, bis ihr einfällt, dass sie zuerst am Potsdamer Platz in der stadtgrößten Fahrradgarage nach Fach A308 suchen wollte. Wenn dort nicht das im README erwähnte “central bike terminl” sein sollte, war sie erstmal aufgeschmissen. Aber alles der Reihe nach.

Alexa verlässt die Wohnung und steigt die vier Stockwerke im Treppenhaus herunter. Der Staub tanzt in winzigen Partikeln in den schrägen Sonnenstrahlen, die durch die dreckigen Fenster fallen. Neben der Haustür steht Alexas altes Fahrrad, beide Reifen traurig luftleer. Irgendein Penner hat es vor ein paar Tagen aufgeschlitzt, sodass sie seitdem mit der U-Bahn in die Uni fahren muss. Die blaue Farbe ist in großen Schuppen vom Rahmen abgeplatzt, darunter kann das blanke Metall anfangen zu rosten, was es im feuchten Frühling auch schon getan hat. Mitleidig lässt Alexa das Rad links liegen, um sich auf den Weg zur U-Bahn-Station zu machen.

Die Fahrradgarage unterscheidet sich im ersten Moment nicht von einem Parkhaus. Nur der typische Geruch aus Kohlenmonoxiden und Feinstaub fehlt, stattdessen riecht es nach kühlem Beton und Metall, wie in den meisten Parkgaragen der Innenstadt seit dem Fahrverbot für kraftstoffverbrennende Fahrzeuge vor fünf Jahren. Nach der morgendlichen Hitze ist der Gang angenehm kalt. Ihre Schritte hallen an den Wände wieder, die rechts und links periodisch von eisernen Türen unterbrochen werden. Altmodisch aufgesprühte Stencils geben in schwarzer Farbe Auskunft, hinter welchem der schweren Zugänge sich die entsprechenden Radboxen befinden. Die Buchstaben sind immer wieder überlagert von farbigen Graffitis, die meistens nur hässliche Schmierereien sind; aber teilweise entdeckt Alexa regelrechte Kunstwerke, die in dem schlichten Gang unter der Erde ihr einsames Dasein fristen.

Unter dem fleckigen Gleißen der ungleichmäßigen Beleuchtungsfliesen an der Decke erstreckt sich der leere Gang etwa fünfzig Schritte, bevor er abbiegt. Alexa nimmt erst eine, dann zwei, dann drei Ecken, die Augen immer auf den abnehmenden Nummern neben den stummen Türen gerichtet. Während am Anfang noch “D700 — D651” angeschrieben war, erreicht sie endlich die A-Nummern, die auf der linken Seite mit “A700 — A651” anfangen. Nur wenige Meter weiter steht sie dann endlich vor “A350 — A301” und sucht nach einem Schlüsselpanel. Es ist ein unauffälliges graues Quadrat mitten in der Tür, auf dem sich ein kleines Schloss befindet. Alexa aktiviert ihr Sunray, um nach dem entsprechenden Interface zu suchen. Wenn sie den Schlüssel einprogrammiert hätte, könnte sie das Gerät wie daheim einfach vor das Panel halten, um die Tür zu öffnen. Die Benutzeroberfläche der Fahrradgarage lädt in dem Browser auf ihrem HUD, dann erscheint ein gerenderter Avatar. Es sieht aus, als würde ein armlanger Mann direkt in der Tür des Abteils stehen. Er hält ihr fragend ein comicmäßiges Schloss mit einem gigantischen schwarzen Schlüsselloch entgegen. Mit zwei schnellen Bewegungen ihrer Finger auf dem Glasdisplay wählt Alexa gespannt die A308.bky-Datei aus. Das Programm rechnet einen kaum merklichen Augenblick und der Avatar gibt ihr grinsend ein übermütiges “Thumbs up”. Verärgert über diese kindische Darstellung schaltet Alexa das HUD aus, sodass der virtuelle Mann im digitalen Nirvana verschwindet. Sie drückt mit der Handfläche gegen das Metall, überrascht wie warm es ist. Die schwere Tür schwingt auf und im Halbschatten des Ganges dahinter kann sie Reihe um Reihe von Spindtüren erkennen, jede mit einer roten LED versehen. Im hinteren Teil fährt eine der Schubladen heraus, erst erhellt, als Alexa in das Abteil tritt und die Decke zu leuchten beginnt.

Das Fahrrad erinnert Alexa an ein Raubtier, irgendwo zwischen Panther und Gepard. Gebannt kommt sie langsam näher, die Schublade bleibt geduldig offen stehen. Der Rahmen des Rades ist mattschwarz, mit dünnsten roten Linien verziert, die sich spielerisch wie Weinranken darum winden. Ein fingernagelgroßes, teufelsrotes chinesisches Schriftzeichen ist der einzige Hinweis auf den Hersteller, alle anderen Bauteile sind nicht gekennzeichnet. Die Bremsscheiben funkeln mit dem schimmernden Grau einer Hochtemperaturlegierung, jeder einzelne Ring versehen mit exakt gelaserten Löchern zur Kühlung. Die Radnaben haben denselben matten Kohleton wie die Pedale und das Metall des Lenkers. Alexa geht um das Rad herum. Anstatt einer Kette hat das Rad einen straff gespannten Riemen und die Schaltung am Hinterrad ist anscheinend stufenlos: zahllose silberne Bauteile, mit filigranen Federn gespannt, halten den Riemen radial gegen die Achse fest. Alexa hat es komplett die Sprache verschlagen. Sie kann sich nicht mal im Ansatz vorstellen, in welchem Preisbereich dieses Fahrrad zu finden ist, geschweige denn, ob man es überhaupt auf dem freien Markt kaufen kann. Sie will es aus der Halterung heben und ist überrascht, wie leicht es ist. Alexa schätzt es auf maximal sechs Kilo, was bei der technischen Ausstattung absoluter Wahnsinn ist. In dem Moment, wo sie es auf den grauen Betonboden absetzt, fährt die Schublade A308 lautlos wieder zurück und reiht sich ein. Alexa lässt das Rad kurz los, als sie ein leichtes Vibrieren spürt. Selbst ohne Ständer steht es in dem Gang, animalisch lockend. Alexa vermutet, dass irgendein Gyrostabilisator im Lenker dafür verantwortlich ist und grinst breit. Mit diesem verfrühten Geburtstagsgeschenk sollte der Auftrag ein Klacks werden. Sie tippt eine Nachricht an Crimson, die aus zwei Buchstaben besteht: “OK”.


Der Pariser Platz wird von Touristen dominiert, und von Soldaten. Das Gebäude der ehemaligen US-amerikanischen Botschaft wirkt wie mitten aus einer Kriegszone eingeflogen. Alle Fenster sind mit schweren blauschwarzen Metallplatten verschlossen, das einstmals sandsteinfarbene Gebäude mit einem Flickenteppich aus den Stars-and-Stripes-Bannern der “Patriotic Union of North America” fast vollständig verhüllt. Das Gebäude ist seit dem Bürgerkrieg mit einer aggressiven Rolle Klingenstacheldraht gekrönt, während die Botschaften der anderen amerikanischen Staaten vorsichtshalber gleich nach Potsdam gezogen sind. In einer weitläufigen Umfassung stehen hinter einem 3 Meter hohen Maschendrahtzaun grimmige Soldaten, komplett schwarz gekleidet, die schlanken Karabiner von Colt Defense geladen und gesichert.

Söldner der Hanse patrouillieren in strahlend weißen Anzügen zwischen den schnatterenden Horden von Indern und Chinesen, ab und zu mit Grüppchen schweigsamer Bürger aus dem New Commonwealth durchsetzt, die mit ihren mausgrauen Uniformen aussehen wie verirrte Schüler auf einem Klassenausflug. Alexa entdeckt Crimson gleich, als sie einer Meute aufgetakelter Studentinnen ausweicht, die aufgeregt über ihre Einkäufe diskutieren. Er überragt die Menge der Asiaten um mindestens eine Kopflänge und sein halbrasierter Kopf tut sein übriges, um gegen die weißen Baretts der Hansesöldner aufzufallen. Crimson betrachtet das Brandenburger Tor, immer wieder gedankenverloren aus einer Getränkedose trinkend, bis Alexa ihm von hinten auf die Schulter tippt. Er fährt erschrocken herum, lacht aber, als er Alexa sieht.

“Hey, schleich dich nicht so an” sagt er grinsend und umarmt sie.

“Das musst du grad sagen, Crimson” antwortet Alexa mit der Erinnerung an die gestrige Aktion in der U-Bahn. Crimson macht eine “blabla”-Geste, dann legt er kumpelhaft seinen Arm um ihre Schulter und hängt sich an sie.

“Hast du das mit dem bike terminal entschlüsselt?” will er wissen, während sie den Pariser Platz Richtung WilhelmStraße verlassen, immer wieder den unaufmerksamen Touristen ausweichend. Crimson schaut sie fragend an, aber Alexa sagt nichts und zieht ihn mit. Wenige Meter in die WilhelmStraße hinein dünnen sich die Touristen deutlich aus, sodass sie leichter vorwärts kommen.

“Augen zu!” befiehlt Alexa, was mit Crimson mit einem überraschten Blick quittiert, aber dann die Augen schließt. Sie führt ihn noch ein paar Schritte, bis sie vor Alexas neuem Fahrrad stehen.

“OK, du darfst” sagt sie feixend. Er macht die Augen wieder auf, das Stahlblaue sucht kurz in Augenhöhe, dann bemerkt er das Rad. Ohne es anzufassen geht Crimson eine komplette Runde außen rum, saugt jedes einzelne technische Detail mit gierigem Blick auf und schaut Alexa dann mit leicht geöffnetem Mund an, als hätte er den Geist von Newton gesehen. Oder eine hinreißend gut aussehende Frau, denkt sich Alexa, Crimsons Mimik ist nicht immer so leicht zu interpretieren, vor allem wegen seinem schwarz-orangen Cyberimplantat. Sein Blick springt noch ein paar Mal zwischen Alexa und dem Fahrrad hin und her, dann findet er seine Worte wieder.

“Das ist das geilste Fahrrad, das ich je gesehen habe” sagt er leise.

“Es fährt sich auch verdammt genial” antwortet Alexa und fährt zärtlich mit der Hand über den Sattel. Crimson streckt auch die Hand aus, zuckt aber vom matten Rahmen wie geschockt zurück.

“Aua, was hast du denn damit angestellt” fragt er verärgert. Selbst Alexa ist verwirrt. Sie fasst den Rahmen an, ohne dass etwas passiert. Sie spürt nur die raue Textur, von der Sonne aufgewärmt.

“Ist doch gar nichts?” sagt sie, aber Crimson, der mit bösem Blick seine Hand reibt, ist anderer Meinung. Alexa zuckt mit den Achseln.

“Vielleicht ein automatischer Diebstahlschutz? Whatever, ich geb dir auch einen Chai aus, wenn du mitkommst. Dann erzähl ich dir, was ich geplant habe” sagt sie. Crimson schaut zwar noch nicht begeistert, kommt dann aber mit. Nach ein paar Schritten dreht er sich um, um dem unschuldig in der Sonne geparkten Fahrrad einen bösen Blick zuzuwerfen.


Alexa überholt einen blauen BMW und bremst ihr Rad vor dem Pförtnerhäuschen zum Frachtbereich des Flughafen Tegel leicht ab. Elektromagnetische Fühler unter dem Asphalt strecken sich ihr entgegen und suchen nach einem Authorisationscode. Alexas Sunray fängt sie auf und wirf ihnen ein Stück Code zu, wie Fleisch einem hungrigen Löwen. Einen kurzen Augenblick lang glaubt Alexa, dass ihre Lüge durchschaut wird und gleich spitze Anti-Vehikel-Krähenfüße aus dem Boden schießen. Aber die Scanner im Boden scheinen mit dem Code, der sie als Fahrradkurierin ausgibt, zufrieden zu sein und sie rauscht an den bewaffneten Wachen vorbei, ohne dass etwas passiert. Die Blicke der Wachmänner im Rücken biegt sie scharf rechts ab, dem grünen Pfeil folgend, den ihr HUD auf die Straße wirft.

Zweihundert Meter weiter hält sie vor dem Frachtterminal 3, an dem überraschend wenig los ist. Einige muskulöse Arbeiter in braunen Uniformen werfen Pakete von einer Rampe in einen wartenden Laster derselben schlammigen Farbe. Alexa stellt ihr Rad neben einem Müllcontainer ab, nimmt die vier kleinen Treppenstufen zur Rampe mit zwei Schritten und nickt den Arbeitern so natürlich wie möglich zu, als würde sie jeden Tag nichts anderes machen als Pakete vom Flughafen abholen. Sie schlüpft durch das Rolltor und steht in einer großen Halle voller Paletten, auf denen unauffällige Kartons in faltig glitzernde Plastikfolie eingewickelt sind. An der Rückwand der Halle fahren langsam immer neue Paletten ein, um am Ende des Förderbandes von einem orangenen Stapelroboter abgeladen zu werden. Daneben steht ein Arbeiter, sein Oberkörper in einem rostigen Exoskelett gefangen, dessen Servomotoren mit denen des Greifroboters um die Wette surren. Er wuchtet einige Kisten in Kleiderschrankgröße auf eine Lastraupe als wären sie aus Polystyrol.

Alexas HUD navigiert sie im Inneren problemlos weiter, als sie sich umgesehen hat. Sie wendet sich nach links, auf eine verbeulte Tür an der Hallenwand zu, die laut Plan der Zugang zum Aufenthaltsraum ist.

Dort ist es menschenleer, eine altmodische Filterkaffeemaschine gluckert obszön auf einem verdreckten Tisch voller Automagazine vor sich hin. Der Raum hat drei große Fenster, die auf die Ladehalle des Terminals, durch die Alexa eben gekommen ist, zeigen. Auf den halbtransparenten Scheiben läuft lautlos ein Nachrichtenkanal. Eine Sprecherin mit einem silbernen Okularimplantat und ohne Augenbrauen steht vor den Ruinen von etwas, dass Alexa glaubt als die Klagemauer in Jerusalem zu erkennen. Der Hintergrund wird von gigantischen Feuersäulen dominiert, die dicken schwarzen Rauch in den Himmel blasen. Eine Explosion außerhalb des Aufnahmebereiches lässt die Reporterin innehalten, dann schaut sie erschrocken zur Seite. Für einige Sekunden passiert gar nichts, das Bild der verwirrten Korrespondentin ist eingefroren. Die Übertragung scheint abzubrechen, der Bildschirm wird schwarz, nur die Infozeilen des Senders laufen weiter über den unteren Rand des Fensters, als wäre nichts passiert. Der Bericht setzt mit einem jungen Mann in einem Studio wieder ein, der hektisch auf der Steuerungsfläche eines in der Tischfläche eingelassenen Computers herumtippt, bevor er mitgeteilt bekommt, dass er sich auf Sendung befindet.

Alexa wendet sich ab, lässt den Blick über die durchgesessenen Couchen schweifen und blättert dann gelangweilt durch ein paar Magazine. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass trotz der übermächtigen Präsenz von elektronischem Papier immer noch archaische gedruckte Boulevardhefte in Warteräumen zu liegen haben, bewacht von drittklassiger Kunst an den Wänden. Sie schaut sich um. Wie erwartet hängen zwei Bilderrahmen an der Wand, aber Alexa sieht, dass es immerhin kleine Displays sind, auf denen Landschaftsaufnahmen im halbminütigen Takt wechseln. Auch nicht besser.

Ihr wird warm und sie zieht die rote Kunstlederjacke aus, die Crimson ihr vorhin gegeben hat. Auf ihrer Rückseite prangt das Logo eines Kurierdienstes aus Potsdam, ein blauer Blitz, der hinter den Buchstaben “Rayo Kuriere” schwebt. Die Minuten verstreichen. In der Verladehalle schlichtet der Roboter unermüdlich Paletten aufeinander.

Kurz vor halb fünf kommt ein Mann in den Aufenthaltsraum. Alexa beobachtet ihn, als er seine Radhandschuhe von den Fingern zieht und sich an der Kaffeemaschine zu schaffen macht. Er bemerkt Alexa und nickt ihr kurz unverbindlich zu. Für einen Kurier ist er überraschend stämmig, und ungewöhnlich alt: Alexa schätzt ihn auf etwa Mitte Vierzig. Sein Haar ist an den Schläfen schon ergraut, aber seine Arme sind voller bunter Tättowierungen und außerdem ziemlich kräftig. Das kurze Nicken war offenbar genug Interaktion für ihn, also stellt er sich mit dem Rücken zu Alexa und blickt aus dem Fenster. Die Nachrichtensendung ist beendet worden und wurde durch Werbung ersetzt. Alexa liest desinteressiert auf dem Newsticker die Kurse der Moskauer Börse und die aktuellen Staatenratings des Eurasischen Hanserates. Dann kommt eine kurze Meldung über den Besuch des Präsidenten der “Free California Alliance”, Bryn Manning, in Berlin, gefolgt vom Wetter.

Als der Mann nach zehn Minuten Warten plötzlich seine Handschuhe nimmt und den Raum verlässt, schlüpft Alexa in ihre Jacke und folgt ihm. Wieder in der Halle schaut sich der andere Kurier kurz um, dem Arbeiter im Exoskelett winkend. Offensichtlich kommt er öfters her, folgert Alexa, als eine Tür an der hinteren Hallenwand aufgeht und ein kleiner blonder Mann in einem Anzug hereinkommt. Der Kurier geht auf ihn zu, die beiden wechseln ein paar Worte. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, wendet sich Alexa einer Palette zu und gibt vor, den Aufkleber zu lesen. Ungünstigerweise ist er voller chinesischer Schriftzeichen, unterbrochen von einem Absatz Sanskrit.

Das Treffen der beiden Männer ist anscheinend beendet, denn der ältere Kurier verlässt mit die Halle mit einem Koffer. Alexas Puls beschleunigt sich: es ist der Koffer, den sie nachher versuchen wird zu stehlen, obwohl er kleiner aussieht als auf den Bildern. Sie zählt bis dreißig, dann folgt sie dem Kurier nach draußen. Die Packer haben in der Zwischenzeit den Truck fertig geladen und stehen rauchend auf der Rampe. Ohne ein weiteres Wort erreicht Alexa ihr Rad, lässt die Handerkennung am Lenker ihre Freigabe erteilen und schwingt sich auf den Sattel. Als sie sich ihre Radbrille aufsetzt, meldet ihr das Sunray einen Anruf von Crimson. Alexa nimmt ihn an, in ihrem HUD taucht ein kleines Profilbild von ihm auf, grasgrün hinterlegt.

“Bist du auf dem Weg?” will Crimson wissen. Alexa wartet, bis sie an den Pförtnern des Frachtterminals vorbei ist und den Kurier etwa hundert Meter vor sich auf der Straße sieht, den silbernen Koffer auf den Rücken geschnallt.

“Geht klar, er ist vor mir” antwortet sie. Das schwarze Fahrrad fährt fast von allein, die stufenlose Übersetzung perfekt und lautlos und mit dem Daumen am Lenker einzustellen. Alexa schiebt den Regler nach oben. Der Widerstand der Pedale unter ihren Füßen erhöht sich kaum merklich, aber Alexa wird genau so schnell wie der Kurier vor ihr. Ihr fällt eine kleine silberne Fläche auf der linken Lenkerseite auf, während die Bäume an ihr vorbei fliegen. Als sie darauf tippt, vibriert ihr Sunray kurz und in ihrem HUD erscheint ein kleines Diagramm von dem Fahrrad, alle Teile schwarz mit weißer Umrandung. Darunter ist ihre aktuelle Geschwindigkeit eingeblendet, die gerade von vierzig auf achtunddreißig Kilometer pro Stunde gefallen ist. Alexa grinst breit und beugt sich tiefer über den Lenker.

“Seid ihr bereit?” fragt sie Crimson. Es dauert ein paar Sekunden bis er antwortet. Im Hintergrund kann sie hören, wie ein Elektromotor protestierend aufheult, als Crimson den Gang nicht findet.

“Alles klar” sagt er. “Hammer wartet im Wagen, ich hab dich auf dem Schirm. Bleib einfach hinter dem Kurier, dann könnten wir Glück haben. Bis gleich!”

Alexa folgt dem Kurier durch die Stadt, den silbernen Koffer immer im Blick. Auf Höhe der Brücke über die Bahngleise denkt sie kurz, dass sie ihn verloren hat, aber dann sieht sie, wie der Kurier vor einem Lastwagen wieder am rechten Straßenrand fährt. Sie biegen auf Höhe der Turmstraße nach links ab und Alexa findet langsam Spaß am Katz-und-Maus spielen. Nur noch wenige hundert Meter, dann könnte der Auftrag schon erledigt sein.

“Wir sind gleich bei euch” sagt sie über den Link zu Crimson. Er bestätigt mit einem kurzen Brummen.

Alexa wird von einem tiefen Dröhnen von links irritiert. Es sind nur noch wenige Meter bis zu der Kreuzung, an der sie nach rechts in die Gotzkowskystraße abbiegen werden, aber ein alter schwarzer Laster schiebt sich langsam an Alexa vorbei, kaum eine Armlänge entfernt. Vorne springt die Ampel auf Gelb, der Kurier mit dem Koffer nimmt darauf keine Rücksicht und verschwindet rechts um die Ecke. Der Lastwagen hat sich mittlerweile vor sie gedrängt und zwingt Alexa zum Abbremsen. Aus einem Auspuffrohr kommen blaue Rauchschwaden. Alexa hustet fluchend, versucht auf den Bürgersteig auszuweichen, aber dort blockiert sie eine Reihe Stromkästen und Mülltonnen. Der Laster bremst scharf an der roten Ampel, neben ihm ergibt sich keine Chance vorbeizufahren. Für den Moment ist Alexa dahinter gefangen.

“Crimson, ich hab ihn verloren. er ist vor ein paar Sekunden in die Gotzkowsky eingebogen, aber ich komme grad nicht weiter. Ihr seid dran!” sagt sie hektisch und starrt wütend auf die verbeulte Stoßstange vor ihr.

“Hammer sieht ihn. Es geht los” antwortet Crimson.

Alexa kann nur warten, bis die Ampel grün wird.

Der Fahrradkurier bemerkt nichts ungewöhnliches, als er bei Gelb an der Ampel rechts abbiegt. Er hat es eilig, aber hundert Meter nach der Kreuzung steht ein Auto mit Warnblinker in zweiter Reihe geparkt, alle Türen weit ausgerissen. Die Besitzer sind scheinbar nicht anwesend und drei weitere Autos stehen dahinter, vom Gegenverkehr am Überholen gehindert. Der erste hupt und der Kurier verdreht die Augen. Er zieht rechterhand auf den Bürgersteig, umfährt eine ältere Frau mit Einkaufstüten, die den Stau beobachtet. Dann beschleunigt er, vor ihm niemand mehr auf dem Weg, und überholt die stehenden Fahrzeuge. Ein schneller Blick nach links zeigt ihm eine Frau am Steuer des ersten Wagens, die frustriert auf das Lenkrad trommelt. Eine Bewegung im Augenwinkel zieht seine Aufmerksamkeit nach rechts auf die Häuserseite. Direkt vor ihm tritt ein junger Mann mit halb abrasierten Haaren auf den Gehweg, gebannt auf etwas in seiner Hand starrend. Der Kurier weicht unmerklich nach links aus, doch zu spät um der Tür des parkenden Autos auszuweichen, die sich im selben Moment vor ihm öffnet. Er kann noch einen überraschten Fluch ausstoßen und hart bremsen, sodass sein Hinterrad quietschend über den Boden schlittert, dann trifft sein Vorderrad auf die Innenseite der Autotür. Der linke Arm des Kuriers schmettert mit dem Ellenbogen hart in die Scheibe, die glücklicherweise nicht bricht und ihm damit schlimmere Verletzungen erspart. Trotzdem wirft ihn der Aufprall nach vorne, das unnachgiebige Fahrrad verdreht sich, den Mann auf den Boden ziehend.


Alexa kann endlich weiterfahren, als die Ampel auf Grün umschaltet. Sie tritt kräftig in die Pedalen, um rechtzeitig zu Crimson zu kommen, der den Kurier mittlerweile auf den Boden befördert haben sollte. Wenige Sekunden später sieht sie das parkende Auto mit dem Warnblinker und auf dem Gehweg zwei Männer, die hektisch auf einen dritten einreden, der inmitten seines Fahrrads auf dem Boden liegt. Alexa ist zu weit entfernt, um irgendetwas tun zu können. Der Kurier wehrt alle Versuche ab, ihm aufzuhelfen. Ohne ein weiteres Wort hebt er sein Fahrrad auf, schwingt sich darauf, tastet kurz auf dem Rücken nach dem Koffer und zieht dann um die Autotür herum. Dann ist er wieder unterwegs, zwar etwas unsicher, aber immer noch zu schnell für Alexa. Erst zehn Sekunden später rauscht sie an Crimson vorbei, der die Autotür geschlossen hat und ihr im Vorbeifahren etwas zuruft, was sie nicht versteht. Die Jagd geht weiter, der Kurier vor ihr scheint unversehrt auf sein Ziel zuzuhalten, inzwischen wieder auf der Straße. Noch neun Kilometer und Alexa hat erst mal keine Ahnung, wie sie den Koffer noch erwischen soll.

Sie folgt dem Kurier in sicherem Abstand die Levetzowstraße herunter, über die Spreebrücke in die Altonaer Straße. In der Ferne kann sie schon die Siegessäule sehen, die seit hundert Jahren den Tiergarten bewacht. Der Verkehr wird immer dichter und es wird für Alexa schwieriger, den Kurier im Auge zu behalten, obwohl er immer auf der rechten Spur bleibt. Plötzlich stauen sich die Autos, die Abendluft ist erfüllt von wütenden und drängenden Hupen der Elektroautos. Alexa fährt an ihnen langsamer vorbei, über eine grüne Ampel. Aber die Ampel ist nicht der Grund für den Stau, soweit sie es erkennen kann, steht der Verkehr schon einige hundert Meter vor ihr, vielleicht sogar bis zur Siegessäule. Einige andere e-bikes schlängeln sich frech durch die Lücken zwischen den Fahrzeugen und Alexa fährt rechts auf den Radweg. Eine Steinwurfweite vor ihr macht der Kurier dasselbe, der silberne Koffer auf seinem Rücken blitzt in der langsam untergehenden Sonne. Alexa fällt auf, dass sich auf der Fahrbahn die weißen Einsatzfahrzeuge der Hansesöldner häufen, schwer gepanzerte Busse, die nur mit kleinen roten Nummern gekennzeichnet sind. Der Kurier vor ihr bremst ab und Alexa kann endlich den Grund für den Stau erkennen: mit Schrittgeschwindigkeit kriechen drei dunkle Limousinen auf den Großen Stern zu, die Scheiben getönt und altmodisch mit silbernen Zierleisten versehen. Vorne an der Motorhaube flattern fröhlich kleine rot-gelbe Fähnchen. In Alexas Kopf klingelt etwas, hatte sie nicht vorhin etwas über den Staatsbesuch des Präsidenten der FCA gelesen? Vielleicht würde sie jetzt noch eine Chance bekommen, den Koffer zu erwischen.

Der Konvoi wird auf beiden Seiten von Sicherheitskräften flankiert, auf der Straße und dem Radweg drängen sich Hansesöldner in ihren papierweißen Uniformen neben Soldaten, die anscheinend zur FCA gehören, da sie schwarz-weiß-blaue Urban Camo-Outifits tragen. Wie stolze Mütter präsentieren sie in ihren Händen blanke Maschinenpistolen. Der Kurier kann nicht schneller fahren als die Marschierenden vor ihm, also holt Alexa ein Stück auf und pendelt sich in sicherer Entfernung hinter ihm ein, das kleine Fahrrad in ihrem HUD zeigt 8 km/h an. Sie würde sich schleunigst aus dem Staub machen, wenn sie ahnen würde, dass sie die Straße in wenigen Sekunden in ein Schlachtfeld verwandeln wird, aber so schaut sie dem Kurier vor sich zu, wie er versucht, eine Möglichkeit zum Überholen zu finden.

Aus den Bäumen zu Alexas Rechten fliegt ein kleiner dunkelgrauer Container in hohem Bogen auf die Straße, der zwischen den ersten beiden gepanzerten Limousinen landet. Zuerst denkt sie, dass jemand einen Getränkebecher geworfen hat, aber als sie schaut, steht niemand mehr da. Einige Soldaten vor ihr bleiben stehen, verfolgen den Gegenstand interessiert. Irgendjemand ruft eine halbherzige Warnung, dann explodiert die graue Dose und drückt Alexa von ihrem Fahrrad. Sie wird ein paar Meter nach hinten geworfen, aber ein weißer Einsatzbus schräg vor ihr hält den Großteil der Druckwelle ab. Alexa stolpert in einen kleinen Busch, der sie auffängt wie ein weiches Bett und sie vor größeren Verletzungen schützt. Vor ihren Augen tanzen kleine Sterne, es wirkt als hätte Alexa Watte auf den Ohren. Zwei Sekunden lang ist die gesamte Szene gespenstisch still. Alexa rappelt sich aus dem Gebüsch auf und geht vorsichtshalber in die Knie, versteckt hinter dem Fahrrad, das vor ihr auf dem Radweg liegt. Auf den ersten Blick sieht es weitgehend intakt aus.

Im Umkreis bewegt sich gar nichts mehr, alle Autos stehen still. Selbst Alexas HUD ist ausgefallen, das Sunray in ihrer Hosentasche ebenso tot. Sie vermutet, dass die Granate hauptsächlich ein EMP-Sprengsatz war, der durch einen starken elektromagnetischen Impuls alle Elektronik lahmgelegt hat. Vor ihr kommt langsam Bewegung in die Soldaten, zumindest jene, die unversehrt geblieben sind. Die zweite Limousine steht quer auf der Fahrbahn, die kleinen Fähnchen an der Motorhaube brennen wie Kerzen, während das Auto davor nur noch aus der Vorderhälfte besteht, der Kofferraum in einem Gewirr aus Schläuchen und verbogenen Metallstreben quasi nicht mehr vorhanden. Schillerndes Öl tropft auf den Asphalt, wo es sich langsam in einer Pfütze sammelt.


Die Söldner der Hanse stehen als erste wieder, ihr Uniformen weiß wie immer, als wäre nichts passiert. Alexa hegt nicht das erste Mal die Vermutung, dass es sich dabei nicht um normalen Stoff handeln kann. Noch bevor sie den Gedanken zu Ende führen kann, heulen aus Richtung der Siegessäule mehrere kleine Motoren auf, gefolgt von dem Tuckern eines typischen Benziners. Erschrocken suchen die Soldaten nach der Ursache, als drei vierrädrige Quads auf den Konvoi zuschießen. Auf jedem sitzen zwei Personen, nicht nur schwarz gekleidet, sondern auch schwer bewaffnet und mit Integralhelmen vermummt. Dahinter rauscht ein Kleinbus heran, dunkel wie die Nacht, als würde er ein Statement gegen die weißen Hansesöldner setzen wollen. Zwei Soldaten der FCA auf dem Mittelstreifen, die die Granate offenbar unbeschadet überstanden haben, entsichern ihre Maschinenpistolen und eröffnen das Feuer auf die entfernten Angreifer. Die Schüsse klingen wie Stahlkugeln auf einem Blechdach, seltsam trocken in der Sommerluft. In Alexa steigt Panik auf. Vor ihr rappeln sich die benommenen Wachkräfte langsam auf oder hechten in Deckung. Einige kauern hinter der Motorhaube des Einsatzfahrzeuges und entsichern ebenfalls ihre Karabiner.

Der Kurier vor ihr hat mehr von der Druckwelle der Granate abbekommen. Er liegt regungslos unter seinem Fahrrad am Rand, unbeachtet von den Soldaten, die an ihm vorbei hetzen. Alexa wittert eine Chance, auch wenn es riskant werden könnte.

Die drei Quads und der Bus haben inzwischen knapp hundert Meter vor dem Konvoi gehalten. Einzelne Schüsse knallen wie Peitschenschläge in die Limousinen, beantwortet von dem schnellen Gebelle der Maschinenpistolen. Alexa kriecht weiter vor, geschützt von den umgefallenen Motorrädern der Söldner, die sich alle hinter das Einsatzfahrzeug geduckt haben. Ein Soldat der FCA liegt eingeklemmt unter einem der Fahrzeuge, seine Uniform blutgetränkt. Er bewegt sich nicht mehr, seine Augen starren tot in den blauen Himmel. Alexa wendet sich ab und krabbelt weiter. Sie kann nichts mehr für ihn tun. Dann erreicht sie den Kurier, der bewusstlos an einer Laterne lehnt. Ein dünnes rotes Rinnsal kommt aus seinen grauen Haaren, aber seine Brust hebt und senkt sich schwach. Auf der Straße ist das Feuergefecht kurzzeitig verebbt, aber ein kurzer Blick zeigt Alexa, dass sich beide Seiten nur zum Nachladen hinter ihre Fahrzeuge verzogen haben. Sie greift nach dem Koffer, der neben dem Kurier liegt. Fast denkt sie, dass sie ihn hat, da wacht der Kurier auf, sieht sie und legt seine kräftige Hand auf ihren Arm. Er schüttelt stumm den Kopf, dann verzieht er schmerzerfüllt das Gesicht. Alexa lässt den Koffer wieder los. Der Kurier versucht sich zu bewegen, lässt es aber schnell sein, als er merkt, dass er sich nicht großartig rühren kann.

“Hilf mir” flüstert er und zeigt erst auf die Straße, dann auf sein Bein. Alexa bemerkt, dass die dunkelbraune Hose des Kuriers am linken Knie feucht und von Blut klebrig ist. Sie nickt. Hinter der Laterne steht ein niedriger grauer Installationskasten, den sie als Deckung nutzen will. Alexa deutet darauf, der Kurier nickt schwach. Er legt den Koffer auf seine Beine, zuckt aber kurz zusammen, als er sein Knie streift. Alexa kniet sich hinter ihn, packt ihn unter den Achseln und umgreift ihr linkes Handgelenk mit der Rechten. Dann zieht sie ihn Stück für Stück hinter den Stromkasten, darauf bedacht, nicht die Aufmerksamkeit der Soldaten auf der Straße zu erregen. Als sie den Kurier wieder anlehnt, schließt er erschöpft die Augen und nickt ihr dankbar zu. Eine verirrte Kugel schneidet über ihren Köpfen durch die saftig grünen Blätter des Baumes. Alexa wird klar, dass sie sich beeilen muss. Aus der Innentasche der roten Jacke fischt sie eine verknitterte Packung, öffnet den Blister und drückt dem Kurier drei Schmerztabletten in die Hand. Sie zögert kurz und legt ihm den Rest auch noch hin. Konnte er bestimmt besser gebrauchen. Der Mann schließt die Augen, als er die Tabletten kaut. Alexa sieht es als ihre letzte Chance. Obwohl sie sich merkwürdig fühlt, greift sie nach dem Koffer und steht geduckt auf. Als der Kurier bemerkt, was sie tut, verfinstert sich sein Gesicht.

“Sorry” sagt sie blöde, dann wendet sie sich ab und läuft geduckt zu ihrem Rad zurück. In dem Moment, wo sie es erreicht, startet auch ihr Sunray neu, sodass ihr HUD wieder aufleuchtet. Kleine Warnanzeigen leuchten auf wie Signalfeuer. Hoher Adrenalinpegel. Hohe Belastung mit sekundären Stresshormonen. Verletzungen an den Gliedmaßen. Leichte Gehirnerschütterung. Alexa ignoriert alles, schnallt sich den Koffer um und richtet ihr Fahrrad auf. In die Richtung, aus der sie gekommen ist, scharen sich Soldaten, die meisten vorsichtig genug, nicht in den offenen Schusswechsel zu laufen. Seit der Explosion sind vielleicht zwei Minuten vergangen und immer noch nicht alle Söldner sind einsatzfähig. Tatsächlich werden alle, die sich selbstständig aus der Gefahrenzone retten konnten, noch verarztet, ebenfalls auf dem Radweg. Die Chancen, dort durchzukommen, sind eher gering, vor allem, bis der Kurier auf den Diebstahl aufmerksam machen kann. Zur rechten ist nur ein paar Schritte Gebüsch, dahinter liegen die Mauern irgendeines neu errichteten Regierungsgebäudes. Für Alexa bleibt nur der Weg nach vorne.

Sie schwingt sich auf das Rad, das sich sofort in ihrem HUD meldet. Die Statusanzeige ist weitgehend weiß, nur das Hinterrad leuchtet orange auf. Anscheinend ist es aber noch fahrfähig, also tritt Alexa in die Pedale und hält auf die Siegessäule zu. Zuerst kommt sie an dem Soldaten vorbei, der unter dem Motorrad liegt, dann an dem Stromkasten, hinter dem der Kurier sitzt. Alexa muss einen großen Bogen um e-Bike machen, dass auf dem Radweg quer liegt. Sie driftet kurz durch den schmalen Grünstreifen auf die Straße und findet sich zu ihrem Unmut nicht allzu weit von den Schützen auf den Quads entfernt wieder. Erschrocken rutscht sie vom Schalthebel, verliert auf den plötzlich nachgebenden Pedalen beinahe das Gleichgewicht und kann sich gerade noch fangen, ohne zu stürzen. Mit wild pumpendem Herz schlingert sie ein paar Meter vorwärts.

Die Soldaten der FCA haben sich mittlerweile koordiniert. Sie nutzen die beschädigten Limousinen als Deckung, um weiter vorzurücken. Zwei der Angreifer befinden sich bereits auf dem Asphalt, regungslos neben den Quads liegend. Ein dritter wird in dem Augenblick angeschossen, als Alexa beinahe vom Rad fällt und bricht in Rufweite von ihr zusammen. Sie dreht sich kurz um, kleine Sterne blitzen da auf, wo die Soldaten ihre Maschinenpistolen abfeuern.

Wie in einem verdammten Spiel, denkt sie sich, als die Kugeln eine Reihe Löcher in die Frontscheibe des Kleinbusses stanzen. Alexa hat nicht vor, noch länger rumzulungern und gibt Gas. Hinter dem Bus duckt sich ein Mann ohne Helm und späht immer wieder um die Ecke. Er bemerkt sie und legt direkt auf sie an.

“Shit shit shit” murmelt Alexa panisch und versucht Abstand zu gewinnen. Zwei dumpfe Schläge erreichen ihre Ohren, kurz bevor sie nach vorne geworfen wird, als hätte ihr jemand freundschaftlich etwas zu kräftig auf den Rücken geklapst. Ihre linke Schulter verwandelt sich in einen Eisklotz aus heißem Schmerz, ihr Arm wird fast sofort taub. Der Gyrostabilisator hält sie glücklicherweise aufrecht, aber Alexa kann sich einen Schmerzensschrei nicht verkneifen. Sie hat alles ausgeblendet, ihre Beine arbeiten mechanisch. Sie wird schneller und wirft keinen Blick mehr nach hinten, als sie endlich aus der Gefahrenzone fährt. Ihr Arm hängt nutzlos wie ein glühendes Stück Eisen an ihrer Seite, außerdem schreit ihr kompletter Oberkörper vor Schmerz. Alexa fährt und fährt. Sie bemerkt den blauen BMW, der ihr ab der Siegessäule folgt, nicht.


Die Sonne verschwindet langsam über Berlin. Alexa versucht immer wieder, Crimson zu erreichen, aber er antwortet nicht. Sie hat keine Ahnung, wo sie hinfahren soll, vor allem mit dem gestohlenen Koffer und einer Schusswunde in der linken Schulter. Irgendwie hält sie nach Westen auf den Schlosspark zu. Der Kurier dürfte den Diebstahl mittlerweile gemeldet haben. Auch wenn die Hansesöldner noch genug zu tun haben dürften, die Schiesserei im Tiergarten zu beenden, kann sie sich nicht sicher fühlen.

Der Adrenalinschock nutzt sich langsam ab und Alexa merkt, dass sie zittert. Sie biegt von der Straße in den Park ab, fährt noch, bis sie eine ruhige Stelle am Ufer findet, und fällt dann mehr vom Rad, als dass sie absteigt. Erschöpft setzt sie sich an einen Baum, den Koffer an ihrer Seite. Das HUD blinkt durchdringend. Blutverlust. Schusswunde in der Schulter. Zerstörtes Schulterblatt. Angerissener Kapuzenmuskel. Dringend ärztliche Versorgung aufsuchen. Gehirnerschütterung. Sie tastet nach dem Sunray, aber die Körperanzeige des ZhuRu-Chips lässt sich nicht ausschalten. Genervt greift Alexa zitternd in ihr rechtes Auge, tastet nach den Rändern der Linse und drückt dann Daumen und Zeigefinger zusammen, bis sich das dünne Filament ablöst. Sie hält die durchsichtige Anzeige in Hand, dann drückt sie zu. Es klingt, als würde man auf einen saftigen Käfer treten, aber wenigstens hat sie jetzt Ruhe. Alexa lehnt sich zurück und schließt die Augen.


Kurz darauf wird sie geblendet. Verwirrt schaut sie sich um, direkt in das gleißende Licht einer Taschenlampe.

“We’ve got her” sagt eine raue Männerstimme. Alexa will sich aufrappeln, aber ein stechender Schmerz in ihrer linken Schulter sagt ihr, dass das keine gute Idee ist. Beim zweiten Versuch kommt sie bis in die Hocke, als sie an der Schläfe kaltes Metall spürt.

“Do not move” sagt der Mann scharf. Alexa lässt sich resigniert zurücksacken. Sie schaut hoch und sieht ihre Erwartungen bestätigt: das Metall war tatsächlich der Lauf einer Pistole, die der Mann in der Hand hält. Sie mustert ihn kurz, erkennt ihn dann aber an einem grauen Stück Stoff, dass unter seiner Jacke hervorlugt und an seinen kurzen blonden Haaren. Über seinem Ohr ist ein Blitz einrasiert.

“Good job” sagt eine Frau, die von hinten näher kommt. Alexa ist sich nicht sicher, ob die Frau damit ihren Partner oder sie meint. Es ist dieselbe Frau, die sie vor ein paar Tagen in der Bar gesehen hat. Die Frau aus dem Commonwealth mustert Alexa kurz, dann greift sie nach dem Koffer.

“You saved us a lot of trouble” sagt sie mit einem dicken britischen Akzent. “Who could anticipate that some bloody stupid Yankees decide to play warfare in the middle of the street. Idiots.” Sie schüttelt traurig den Kopf.

“Anyway, we’ve got what we want, don’t we” sagt sie, nimmt den Koffer in die Hand und öffnet ihn. Alexa kann selbst im abendlichen Halbdunkel sehen, wie das Gesicht der Frau aschfahl wird. Sie kommt die zwei Schritte auf Alexa zu, dann greift sie grob nach Alexas Gesicht.

“Why is it empty?” fragt sie, die Stimme giftig mit kaum verhohlenem Hass. Alexa kann sie nur anstarren. Der Koffer ist leer? Tausend Fragen kochen in ihr auf, jede sinnloser als die vorherige.

“I.I don’t know” stammelt sie verängstigt. Die Frau holt aus und Alexa wendet das Gesicht ab, aber der Mann stoppt seine Kollegin.

“She doesn’t knows anything” sagt er und sieht Alexa mitleidig an. “She’s just another puppet.”

Die Frau mit den blonden Haaren nickt und richtet sich auf. Sie lässt den Koffer fallen und er klappt auf dem Gras auseinander. Alexa dreht den Kopf. Er ist tatsächlich komplett leer. Als sie wieder hochschaut, sind die beiden aus dem New Commonwealth schon wieder auf dem Rückweg zu dem blauen Auto, das zwischen den Bäumen parkt.

Alexa atmet erleichtert auf, aber selbst das tut weh. Vor lauter Schmerzen, Enttäuschung und Frust kann sie nichts anderes mehr machen, als schluchzend am Baum zu sitzen und die heißen Tränen auf ihrer Wange zu spüren. Alexa hat sich noch nie so hilflos und allein gefühlt.


“Alexa. Hey. Wach auf. Alexa.”

Eine Stimme holt langsam sie aus dem Zustand, der irgendwo zwischen Schlaf und Bewusstlosigkeit ist.

“Wach auf.”

Sie macht die Augen auf, was überraschend schwer geht, und blinzelt. Vor ihr kniet Crimson, die Hand auf ihrem Bein. Er lächelt sie an.

“Hey. Wie geht’s dir?” fragt er zärtlich. Alexa will was sagen, aber ihr Mund ist trocken und klebt. Sie klappt ihn ein paar Mal hilflos auf und zu, wie ein Fisch.

“Scheiße” krächzt sie. Mit der rechten Hand zeigt sie auf ihre Schulter. Ein vorsichtiger Blick verrät ihr, dass ihre rote Jacke dort einen schwarzen Fleck von eingetrocknetem Blut hat. Crimson nickt verständnisvoll, dann hebt er sie hoch. Alexa ist überrascht von seiner Kraft, aber im Moment findet sie es vollkommen ok, von Crimson getragen zu werden. Gleichzeitig heroisch und wie ein kleines Mädchen. Sie will grinsen, aber dann fällt ihr der Koffer ein.

“Ich habe versagt” sagt sie. “Der Koffer ist leer.”

Crimson antwortet darauf nichts, schleppt sie nur schaukelnd durch die Bäume. Nach einigen Schritten setzt er sie vorsichtig ab und hält ihr eine Dose hin.

“Hier, trink” sagt er und setzt ihr die Dose an den Mund. Sie nimmt zwei, drei Schlucke Wasser. Zuerst geht es ihr besser, aber nur wenige Sekunden später fühlt sie sich seltsam benommen. Wie aus weiter Ferne hört sie Crimson sagen “Das ist nicht nur Wasser, weißt du.” Dann fällt sie in eine tiefe Schwärze.

Alexa blinzelt. Alles schwankt und wackelt. Ein Erdbeben? In Berlin? Wo ist sie eigentlich? Über ihr ein schmaler Spalt, aus dem gelbliches Licht fällt. Sie dreht den Kopf mühsam nach rechts, aber dort befindet sich nur eine rote Metallwand. Wie in einem Transporter, denkt sie. Auf der anderen Seite sitzt Crimson neben einem kleinen Asiaten und grinst sie an.

“Na du Schlafmütze” sagt er.

Alexa dreht sich wieder auf den Rücken und seufzt. Ihr Arm tut fast nicht mehr weh, auch sonst stellt sie fest, dass es ihr überraschend gut geht.

“Was ist passiert?” fragt sie in das fahle Licht. “Was ist mit dem Koffer?”

“Keine Panik” sagt Crimson. “Ich erkläre dir alles.” Er räuspert sich kunstvoll.

“Mein Freund Hammer hier hat mir den Auftrag gegeben, einen bestimmten Koffer der Hansearth aus Tansania zu besorgen. Es soll wohl einige überraschende Funde in den Minen dort gegeben haben. Seltene Elemente, Cer, Yttrium, Neodym und so weiter. Besonders chinesische Firmen haben daran Interesse. Wenn die Hanse erfährt, was dort unten alles im Boden liegt, sichern sie sich das Gebiet auf Jahrzehnte. Wissen ist Macht, auch hier.” Alexa beginnt langsam zu verstehen, um was es hier geht. Sie lässt Crimson weiter reden.

“In dem Moment, wo der Kurier in die Autotür geknallt ist, hat Hammer den Koffer ausgetauscht. Es war echt beeindruckend, hat keine 5 Sekunden gedauert.” Er lacht. “Hammer wollte dich ja zurückhalten, den Kurier weiter zu verfolgen, aber ich hatte eine Idee. Ich wollte sehen, was du so draufhast, und ob du den Koffer noch besorgen könntest. Leider ist dann einiges schiefgegangen.”

Alexa lacht hohl.

“Ja, ich wäre beinahe draufgegangen, du Arsch.”

Sie setzt sich vorsichtig auf und erzählt ihnen von der Aktion vor der Siegessäule, verbittert über Crimsons Fahrlässigkeit. Als sie fertig ist, beugt sich Crimson vor, ein entschuldigendes Grinsen auf dem Gesicht. Alexa holt impulsiv mit der Rechten aus und trifft Crimson genau auf der Nase. Sie spürt, wie unter ihren Knöcheln etwas nachgibt. Er schreit kurz auf, helles Blut fließt zwischen seinen Fingern, mit denen er sich die Nase hält. Es hat fast die gleiche Farbe wie sein Muttermal am Kinn.

“Mann, hast du einen Haken” sagt er näselnd. Alexa findet, dass es trotz allem anerkennend klingt.

“Den hast du verdient” sagt sie. “Ich werde angeschossen, damit du mit mir prahlen kannst.” Eigentlich will sie noch sauer sein, aber der Schlag war eine ganz gute Aggressionstherapie und sie spürt, wie ihr Ärger verfliegt.

“Und wer waren die beiden vom Commonwealth” fragt sie. Hammer antwortet für Crimson, der sein Gesicht mittlerweile in ein Taschentuch presst.

“Offenbar haben auch die Briten Interesse an der Miene” sagt er einfach, mit einer überraschend tiefen Stimme für seine Statur. “Aber sie sind zu spät gekommen” fügt er grinsend hinzu, wobei er eine Reihe goldener Zähne entblößt. Seine Hand täschelt einen Koffer, der unter der Sitzbank liegt. “Gut gemacht, Alexa.”

“Schau mal” sagt Crimson zwischen seinem Taschentuch und hält ihr sein shouji hin. Alexa liest das Formular auf dem Display.

“Du fliegst nach Shanghai” fragt sie ihn ungläubig. Crimson nickt begeistert.

“Und du fliegst mit mir” sagt er.