„Der Grexit kommt bestimmt — nur später“


So titelte DIE WELT am 22. Juli 2015 unter Bezugnahme auf vermeintliche Top-Ökonomen — und wies erneut darauf hin, dass Griechenland ohne Schuldenschnitt wohl kaum zu retten sei. Lange Rede, kurzer Sinn: Sicherlich haben die befragten und in der WELT zitierten Ökonomen Recht. Soweit, so wenig erstaunlich. Erstaunlich hingegen ist, dass erneut nur kurzfristigen Aktionen das Wort geredet wird. Eine tiefere Analyse der Ursachen erfolgt nicht.

Natürlich finden sich regelmäßig Hinweise, die griechische Administration sei aufgebläht, das Steuersystem ineffizient. Auch Anekdoten über doppelt gezahlte Renten rasen wieder und wieder quer durch den Blätterwald. Doch reichen diese Erklärungen aus? Oder liegt das eigentliche Problem tiefer?

Der Kapitalismus als Schuldenjunkie

Keine Frage, ich habe hierzu eine persönliche Meinung. Selbstverständlich ist zu kritisieren, dass das Land unter einer ineffizienten Verwaltung, einer überbordenden Bürokratie leiden. Vermutlich würde dem kaum ein Grieche widersprechen. Doch liegt die eigentliche Krisenproblematik nach meiner Auffassung an einer anderen Stelle. An einer Stelle, die meines Erachtens auch für die Weltfinanzkrise von 2008 verantwortlich war.

Betrachtet man die aktuelle Vermögensverteilungen auf der Welt, ist schnell ersichtlich, dass rund 10 Prozent der weltweiten Bevölkerung über ca. 80 Prozent der weltweiten Vermögen verfügen. Die Ungleichheit dieser Verteilung betrifft dabei sowohl die Verhältnisse zwischen als auch innerhalb vieler Staaten. Zeitgleich stößt diese auf eine Wirtschaft, die auf Massenkonsum angewiesen ist, um ihre Produktionskapazitäten auszulasten. Wird nun unterstellt, dass zunehmende Vermögen wohl kaum vollständig konsumiert, sondern vielmehr in immer größerem Umfang gespart werden, bleibt letztlich nicht viel mehr, als diesen Konsum durch schuldenbasierte Staats- und oder Privatausgaben zu finanzieren. Schon in einem früheren Beitrag verwies ich darauf, dass so allein die privaten Schulden in den USA in 2014 etwa 260 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) umfassten. Schulden scheinen somit — global betrachtet — weniger ein Problem einzelner Staaten und Personen, sondern vielmehr eine systemimmanente Eigenschaft des modernen Kapitalismus zu sein.

Was bedeutet das für Griechenland?

Für die Bewertung der Griechenland-Krise kann dies nicht ohne Konsequenzen bleiben. Griechenland und dessen Bevölkerung für den Zustand der Staatsfinanzen verantwortlich zu machen, ist in dieser Hinsicht zumindest scheinheilig — profitierte doch gerade Deutschland jahrelang auch von den Exportüberschüssen in das europäische Partnerland. Doch wenn einige Länder wie Deutschland globale Handelsbilanzüberschüsse erzielen wollen, werden andere Staaten zwangsläufig negative Leistungsbilanzen aufweisen müssen. Und diese im Zweifel über Kredite respektive Nettokapitalimporte im Ausland finanzieren.

Natürlich kann hier kritisch angemerkt werden, dass eine Schuldenaufnahme per se nicht problematisch ist. Vielmehr muss gefragt werden, wofür diese Schulden verwendet werden: Primär für den kurzfristigen Konsum oder aber für langfristige, gewinnbringende Investitionen? Genau an dieser Stelle ist Kritik an Griechenland dann auch berechtigt. Dennoch ist dieses Argument ein „zweischneidiges“ Schwert: In dem angeführten WELT-Artikel verweisen Ökonomen auf die geringe Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands und mithin auf die fehlenden Einnahmen. Doch wäre dies wirklich im Interesse der deutschen Unternehmen? Genauso, wie innerhalb einzelner Staaten bei ungleicher Vermögensverteilung Konsum (und somit Wirtschaftswachstum) ohne Schulden kaum möglich ist, kann auch eine exportorientierte Nation nicht ohne internationale Schuldnerstaaten wachsen. „Gesünderes“, das heißt nicht auf Schulden basierendes Wachstum (soweit dies denn überhaupt möglich ist) wäre national wie international somit nur bei gleicheren Reichtumsverteilungen realisierbar. Alternativ bleibt ansonsten letztlich nur, gelegentliche Schuldenschnitte zu akzeptieren.

Wie geht es weiter?

Sofern man das bestehenden System als solches nicht verändern will, kann daher die einzige Antwort nach meiner Auffassung ein gelegentlicher Schuldenschnitt sein — ob es sich dabei um Staaten wie Griechenland oder private Haushalte in den USA handelt. Um künftige Verschuldungen zu verhindern, wären hingegen die benannte „fairere“ Vermögensverteilungen unabdingbar.

Alternativ bliebe die Möglichkeit, sich über die Gründe dieser Strukturen Klarheit zu verschaffen. Bereits bekannte Ökonomen wie Irving Fisher führten die Schuldenproblematik zumindest zum Teil auf die Möglichkeit der Banken zurück, Buchgeld selber zu schöpfen, da Kredite nicht vollständig, sondern nur in Höhe der von der Zentralbank festgelegten Mindestreserve hinterlegt werden müssen. Durch die hierdurch bedingte Ausweitung des zur Verfügung stehenden Geldmenge wird aber das Geldangebot erhöht, kreditfinanzierter Konsum wird durch niedrigere Zinsen günstiger. Obgleich dies zunächst schön klingen mag, trägt es letztlich zu höheren Verschuldungen der Privathaushalte bei und führt — nebenher — häufig zu Fehlinvestitionen, die zu „marktgerechten“ Zinsen nicht erfolgt wären.

Diese Problematik wurde 2012 gar von der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfond aufgegriffen und eine Studie über Alternativen veröffentlich. Ebenso denkt die isländische Regierung derzeit über entsprechende Reformen im Geldsystem nach.

Was uns bleibt

Im wesentlichen bleibt uns zu erkennen, dass Griechenland sicherlich per se nicht als „Schuldiger“ bezeichnet werden kann. Es wäre zu wünschen, dass dies auch die Tonlage bezüglich Griechenlands in einigen Medien und dem politischen Betrieb der EU positiv beeinflussen würde. Auch könnte die Debatte über die griechische Schuldenproblematik sinnvollerweise genutzt werden, um unsere bisherige Wirtschaftspolitik, die immer weniger Menschen verstehen und befürworten, kritisch zu diskutieren. Dann könnte die Krise in Griechenland nicht das Ende der EU, sondern der Beginn eines neuen Europas für seine Bürger sein.

Persönlicher Nachtrag

Meiner Meinung nach ist die derzeitige Situation in Europa wirklich besorgniserregend. In Atavismus zu verfallen und wieder Grenzen hochzuziehen kann aber kaum die Lösung der aktuellen Probleme sein. Was soll als Nächstes kommen? Wollen wir — wie im Mittelalter — wieder Mauern um Städte bauen?

Dies zu verhindern ist Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger. Eine sachliche Kontroverse bedarf aber sachlicher Argumente. Daher anbei einige Links zu Veranstaltungen der “Pluralen Ökonomie”, in der kontrovers über unser Wirtschafts- und Geldsystem diskutiert wird.

Ringvorlesung “Geld- und Finanzsystem” an der Uni Bayreuth

Konzentriert sich, wie der Name schon sagt, speziell auf unser Geldsystem. Ich empfehle persönlich vor allem die Vorlesungen vier und fünf der Veranstaltungsreihe.

Vorlesungsreihe “Plurale Ökonomie” der Uni Hamburg

Befasst sich generell mit Themen wie “Krisentheorien” in der VWL und in diesem Zusammenhang auch mit den Lehren Keynes.

https://lecture2go.uni-hamburg.de/veranstaltungen/-/v/13870;jsessionid=284EA422BB1881AD6B7153174D21D5D2