Das erste Jahr als Unternehmer.

Es heißt doch: Je schöner ein Erlebnis war und je länger es rückblickend erscheint, desto schneller verging die Zeit, als es tatsächlich passierte. Da mir das vergangene Jahr in etwa so lang vorkommt wie ein Kinobesuch — immerhin ist die Rede von einem Nolan-Film — ist es dann wohl nicht sonderlich schwer zu erraten wie ich das vergangene Jahr wahrnahm. Es war ein wirklich höllisch aufregender Ritt!

Wer sich nun einen Beitrag in der Länge eines richtigen JK Rowling Romans erwartet, der ist Fehl am Platz. Daher habe mich entschlossen in diesem literarischen Erguss lediglich einen Teil meines letzten Jahres zu präsentieren. Genauer gesagt wird es um Fehler gehen, die mir und meinen Kollegen bei Raddy unterlaufen sind — von denen gab es schließlich mehr als uns lieb war — und wie man sie am Besten vermeiden kann.


Buchhaltung & Jahresabschluss selber machen

Vielen Gründer geht es zu Beginn meist ähnlich, man hat wenig Geld am Konto und möchte sparen wo es nur möglich ist. Da es vielen bei der Selbstständigkeit auch um den Aufbau eines möglichst großen Wissensschatzes geht, denken sich viele sie machen die Buchhaltung inklusive den Jahresabschluss einfach selber. Natürlich gehörte ich auch zu diesen Wahnsinnigen. Im Nachhinein betrachtet war dies natürlich die falsche Entscheidung und das hat einfache Gründe.

  1. Selbst mit dem nötigen Grundwissen gibt es sehr viel zu lernen und meist sind Unterlagen schwer zu bekommen.
  2. Mache nicht den Fehler und bewerte deine Arbeitsstunden mit 0 Euro. Deine Zeit ist eine wohl noch wertvollere Ressource als Geld.
  3. Du wirst nie, wirklich niemals so gut sein wie dein Steuerberater.

Sei also nicht so naiv wie ich es war und such dir einen passenden Partner. So gibt es durchaus schon Startup Beratungspakete ab € 1500,00 jährlich — wie zum Beispiel bei Deloitte.


Bootstrapping-Jüngling bis zum bitteren Ende

Ganz ehrlich, jeder der ein Startup gründen möchte, sollte zumindest schon einmal von diesem Begriff gehört haben. Falls nicht, habt ihr jetzt noch die Chance es zu googeln. Nun, so sehr ich ein Verfechter dieser Methode bin, so schnell wurden mir auch ihre Grenzen bewusst. In einer immer lauter werdenden Welt wird es immer schwieriger gehört zu werden und selbst mit einer genialen Marketing-Strategie wirst du früher oder später größere Beträge in die Hand nehmen müssen um ein anständiges Wachstum erzielen zu können. Mein Tipp ist also, möglichst lange die Kosten gering halten, bis man eine passable Firmenbewertung erreichen kann und dann sollte man sich einen finanzkräftigen Partner mit ins Bord holen.


Das Team — Mein Bauchgefühl ist unwichtig

Eine Firmengründung ist wie eine Ehe, deinen Partner wirst du nicht mehr so leicht los. Es ist daher nicht ratsam eine Firma mit Personen zu gründen, die du kaum kennst oder denen du nicht vollständig vertrauen kannst. In einigen anderen Ländern gibt es zumindest das so genannte Vesting von Anteilen — es werden Ziele gesetzt, die erfüllt werden müssen um an seinen Anteil zu bekommen (Meist mehrere Schritte in Form von Jahren). Natürlich ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir nichts dergleichen in Österreich haben und daher ist es sehr ratsam sich über einen längeren Zeitraum kennenzulernen und eventuell ein paar gemeinsame Projekte ohne große Bindung zu stemmen.


Marketing? Ich hab doch eh meinen Pressekit.

Es stimmt schon: Die Presse spielt eine wichtige Rolle für Startups. Jedoch überschätzen viele — meist B2C Startups — den Effekt, den ein Artikel in einer Zeitung, in einem Blog oder anderem Medium haben kann. Bis auf wenige Ausnahmen sind es meist nur kleine Einmal-Effekte bei Besucherzahlen beziehungsweise Downloads. Nachhaltiges und langfristiges Wachstum kommt immer durch andere ergriffene Maßnahmen. Sei also nicht naiv und verlass dich ausschließlich auf deine Presse.


„Unser Produkt X revolutioniert Y“

Ein ziemlich beliebter Satz unter allen Startups — ja, auch wir verwenden ihnen gerne. Ob ein Produkt revolutionär sein kann, entscheidet man jedoch nie selbst, der Markt erledigt das. Auch, wenn es bereits oft genug gesagt wurde, kann ich es nur wiederholen: Bring dein Produkt möglichst schnell auf den Markt, hör ganz genau zu, was dir der Markt zu sagen hat und iteriere so lange bis dir dein Nutzerwachstum zeigt, dass du den richtigen Weg eingeschlagen hast.


Netzwerken hat keinen Sinn

Die Beine werden schwach, es bilden sich Schweißperlen auf der Stirn und du hast keine Ahnung was du hier eigentlich tust. So ergeht es vielen Personen bei ihrem ersten Networking-Event, besonders jenen, die alleine und ohne viel Erfahrung zu eben solchen gehen. Ich war einer dieser Glücklichen und wenn ich sage, dass ich mir Fehl am Platz vorkam, so ist das wohl die Untertreibung des Jahres. Wird man sich jedoch erst einmal bewusst, dass es den meisten so ergeht und das Smalltalk doch keine Herkules-Aufgabe ist, kann man sogar - so wird zumindest gemunkelt — Spaß daran finden. Im Endeffekt wirst du jede erhaltene Visitenkarte und jeden geknüpften Kontakt, wie deinen eigenen kleinen Schatz betrachten.


Falls ihr nur einen Fehler dank dieses kleinen Beitrags vermeiden konntet, so haben sich die paar Minuten Lesezeit doch mehr aus ausgezahlt. Solltet ihr euch aber bereits in einer ähnlichen Situation befinden, so ist es doch immerhin etwas tröstlich zu wissen, dass es noch einen weiteren Idioten da draußen gibt.

In diesem Sinne seid euch eines bewusst: Jeder fällt mal hin, doch nicht jeder schafft es sofort wieder aufzustehen.