Die Gefahr, sich die Seele outzusourcen

Foto: David Streit

Vom 24. bis 25. Oktober fand der Entrepreneurship Summit im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin statt. Ein Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Vorträge, Workshops und Fokusgruppen: Gründen mit Komponenten. Sprich, das Vorgehen möglichst viele Bestandteile des Gründungsvorhabens auszugliedern und an externe Dienstleister zu übergeben. Bis im Idealfall ein geschlossener Kreislauf von der Herstellung über die Logistik, den Bestellprozess, den Versand bis hin zur Rechnungsstellung erfolgt, der komplett ohne eigenes Eingreifen auskommt. Das perfekte Geschäftsmodell scheint geboren.

Business für Faule

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Auf der Bühne stehen Gründer, die stolz von ihrem Weg berichten, und den Zuhörern weismachen wollen wie einfach sich heutzutage erfolgreiche Unternehmen führen lassen. Sie selbst sehen ihre Rolle in der kreativen Weiterentwicklung der Firma und wollen sich am liebsten 24/7 mit dem Erschließen neuer Geschäftsfelder beschäftigen. Eben das, weshalb sie überhaupt zum Gründer geworden sind. Man hört heraus, dass es ihnen längst nicht mehr um das Produkt geht, welches der Postmann am Ende vom Produktkreislauf semi-automatisch beim Kunden abgibt. Es geht ihnen viel mehr darum alle Verantwortung an Zulieferer abzutreten — und nur noch den penibel kalkulierten Gewinn abzugreifen. Die Hände dürfen sich die anderen schmutzig machen.

Leidenschaft adé

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Von ihrem Produkt verstehen die Komponenten-Gründer genau so viel, dass es ausreicht den Zyklus zu vollenden. Die Suche nach den passenden Puzzle-Teilen stellt sich noch als die schwierigste Aufgabe heraus. Zunächst wenden sie sich an jemanden, der viel über das Produkt weiß und lernen seine Sprache zu sprechen. Danach holen sie Angebote bei der Konkurrenz ein und treten schon selbst als neuer Player mit großen Ambitionen auf. “Ich brauche bis Weihnachten 100 Tonnen Konzentrat. Bekommen sie das hin? Und können die ganz nebenbei auch die Abfüllung übernehmen?” Schwubs fehlen nur noch Verpackung und Versand und fertig ist die Lauge.

Marktnische ≠ Strategie

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Natürlich müssen sich auch Komponenten-Gründer an die Spielregeln des Marktes halten (wie beispielsweise Qualitätssicherung und Verbraucherrechte). Man könnte aber meinen, dass sie die größeren Schlitzohren unter den Geschäftsleuten sind. Und genau das könnte ihnen bei der Vermarktung das Genick brechen. Denn eine wirklich spannende Geschichte lässt sich so nicht erzählen. Und mal ehrlich: Zu Beginn interessiert sich niemand für das Produkt. Spannend sind die Menschen und Geschichten hinter den Dingen! Was bewegt jemanden dazu sein Produkt herzustellen? Die Antwort würde lauten: Risikominimierung und Profitmaximierung (wegen fehlender Anfangsinvestitionen). Beides Gründe, die wesentlich sind für den erfolgreichen Start. Doch ohne Idee, die zum Entrepreneur passt, ist das Vorhaben wohl oder übel zum Scheitern verurteilt. Merke: Der Bezug zum Produkt muss stimmen!

Die Positivbeispiele

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Zum Glück geht es auch anders, denn während des Events habe ich vor allem Menschen erlebt, die für ihre Sache brennen. Yvonne von Paloneo möchte nicht einfach nur “gesunde Süßigkeiten” vertreiben, sondern sorgt sich in erster Linie um ihren Sohn. Es geht ihr darum ihm und anderen Kindern eine geschmackvolle Alternative zur zuckerhaltigen Konkurrenz anzubieten. Oder Izmet, der Schüler der Berliner Problemschule Rütli war und erst im Studium die Förderung erfahren hat, die seine Interessen angesprochen hat. Heute führt er nicht nur ein erfolgreiches Autoren-Team an, er plant auch eine für jedermann verständliche Datenbank mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen aus dem Gesundheitsbereich.

Fazit: Fokus mit Idealen

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Natürlich sollte man sich als Gründer auf seine Kernkompetenzen konzentrieren dürfen und nicht alles selbst machen müssen. Wer kein Sprachtalent hat, sollte keine Pressemitteilungen verfassen und wer handwerklich oder programmiertechnisch nicht bewandert ist, kann sein Produkt wohl kaum selber herstellen. Es ist also mitunter notwendig gewisse Komponenten abzugeben. Entrepreneure in spé sollten dabei aber immer im Hinterkopf haben, dass sie mit ihrer Idee für ein Ideal stehen. Und sie nicht nur ihre Teammitglieder, sondern vor allem auch Partner gewissenhaft auswählen und gegebenfalls mit den eigenen Werte anstecken sollten.

Der persönliche Bezug zum Produkt ist das A und O.