Denken und Schreiben aus der Bewegung

Urlaubsbekanntschaften. Über den deportierter Sklaven und Doktor der Philosophie Anton Wilhelm Amo

Irgendwie wurde ich diesen Sommer auf Anton Wilhelm Amo aufmerksam. Ich nahm mir vor, im Urlaub über ihn zu lesen. Das hat sich gelohnt.

Nec sufficit verum dicere, nisi et falsi causa adsignetur. Es genügt nicht, die Wahrheit zu sagen, wenn nicht auch die Ursache der Unwahrheit bestimmt wird. Anton Wilhelm Amo. Bildnachweis: https://alchetron.com/Anton-Wilhelm-Amo-1083992-W CC BY-SA

Um die Wende zum 18. Jhrhdt. im heutigen Ghana geboren, seinen Eltern entrissen, wurde Anton Wilhelm Amo im Jahr 1704 im Alter von 4–5 Jahren von der holländischen West-indischen Gesellschaft nach Amsterdam verbracht, wovon ihn der Weg als Sklave in die Karibik führen sollte. Er wurde dann aber – zur Pflege der weiteren guten Geschäftsbeziehungen – dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel zum Geschenk gemacht. Auch das war damals nicht unüblich, am Hofe hielt man sich gerne einen jungen “Mohren” (m/w) als exotische Attraktion und Zeichen von höfischem “Hipstertum”. Wer den Rosenkavalier von Strauss/Hofmannsthal kennt, erinnert sich sicher an den kleinen Mohren im Dienste der Feldmarschallin, so kann man sich das gut vorstellen.

Experiment über die Bildungsfähigkeit

Der Herzog Anton Ulrich war jedoch “innovativ” und wissbegierig: Statt als Ausstellungsstück nutzte er sein “Patenkind” als Experiment und Versuchsobjekt. Der Fürst wollte erfahren, wie es mit der Bildungsfähigkeit des Afrikaners an sich bestellt sei. Nach der Taufe vom “Heydentum” zum evangelischen Christen ließ er “seinem” Mohren eine überdurchschnittlich gute Ausbildung angedeihen und Anton Wilhelm Amo ergriff die Chance und wurde vom Objekt, das gehandelt wurde zum Subjekt, dem “Herrn” seines eigenen Schicksals. Daher auch der Nachname: “Amo” bedeutet auf Spanisch “Eigentümer”. So kam es, dass er sich als erster Schwarzer als Student an der Universität zu Halle einschreiben konnte, das damals ein Zentrum der Frühaufklärung war. Hier fügte er seinem Namen auch das Attribut “Afer” hinzu, das für die Europäer gedacht war: “der aus Afrika”. Bestimmt war er sich auch seiner prekären Situation bewußt. Zwischen den Welten und total abhängig von der “Gnade” (= Zuwendungen) des Fürsten, mußte er sich jetzt auch noch mit den akademischen Spielregeln arrangieren. Die Lehrsprache an den Universitäten war (noch) das Lateinische. Kein Problem für Antonius Guilielmus: Er war vielsprachig und beherrschte Hebräisch, Griechisch, Lateinisch, Französisch und Englisch. Nur eine Muttersprache hatte er nicht.

Zweieinhalb Jahre nach seiner Immatrikulation in Jurisprudenz und Philosophie hielt Amo seine Disputatio über ein juristisches Thema, das ihn selbst auch betraf: In *De iure Maurorum in Europa* ging es um die Klärung der Rechte der Afrikaner – der “Mohren” – in Europa, die quasi als “Sklaven ohne Sklaverei” (Ette) ohne jedwede Rechte in Europa lebten.

An die Stelle der fürstlichen Förderer traten nun zunehmend Andere, die die herausragenden Fähigkeiten des Studiosus erkannten und ihn nach ihren Möglichkeiten förderten. Nur nochmal zur Erinnerung: Wir befinden uns im ersten Drittel des 18. Jhrdts: Welcher Mut, wieviel Geschick und strategisches Vorgehen, wieviel Leidensfähigkeit war wohl nötig, sich angesichts des verbreiteten Rassedenkens und der kolonialistischen Sklavenwirtschaft an einer deutschen Universität durchzusetzen und eine universitäre Laufbahn anzustreben?

In den frühaufklärerischen Zeiten des Kampfes zwischen den Aufklärern auf der einen und den Pietisten auf der anderen Seite sucht er einen eigenen Weg. Seine Dissertation ist im Grenzgebiet von Erkenntnistheorie, Medizin und “Biologie” angesiedelt und hat eine stoisch geprägte Grundtendenz: Im Mittelpunkt steht der Begriff der *apathea, *der* unerschütterlichen Seelenruhe. *Ungewöhnlich schnell wird er zum Magister legens ernannt, was ihm die Möglichkeit eröffnet, als Privatdozent zu lehren und seine “Habilitation” anzugehen, die mit dem Verfassen einer philosophischen Hauptschrift verbunden ist.

Was er uns zu sagen hat: Denken auf Grundlage der Verschiedenheiten

Hier geht er nun auch philosophisch eigene Wege, gespeist aus seiner persönlichen Lebensgeschichte. Sicher bleibt er formal im zergliedernden, logischen Stil der Frühaufklärung. Und doch ist in seinem Werk etwas angelegt, das auch für uns noch wirksam sein kann. Denken auf Grundlage der Verschiedenheiten meint, Spannungsfelder nicht zugunsten einer einzelnen Perspektive aufgeben zu wollen, sondern sie aushaltend als Grundlage einer Dynamik des Denkens zu nutzen. Einer der Hauptgedanken seines großen Werkes mit dem Titel *Tractatus de arte sobrie et accurate *lautet:

Die mögliche Idee “ ist eine wegen Äquipollenz der gegeneinander streitenden Gründe nach beiden Seiten disputable Erkenntnis”

Ins Moderne übersetzt mein “Äquipollenz” eine Gleich-Mächtigkeit oder das Gleichviel Geltende. Amo nimmt einen Begriff aus der traditionellen Logik und überführt ihn in eine neue – und für mich sehr aktuelle – Bedeutung: Das Gleich-Gültige der unterschiedlichen Blickwinkel zulassen heisst, “einen Moment des Oszillierens in ein Denken integrieren, das sich seines Standorts nicht mehr alleinig sicher sein kann” (Ette). Er entwickelt ein Denken, das sich der gleichen Gültigkeit unterschiedlicher Perspektiven, unterschiedlicher Traditionen und unterschiedlicher Blicke bewußt ist.

Das ist die Hauptbotschaft, die ich von Amo mitnehme für die Diskussionen über digitale Zusammenarbeit, die richtige Organisation und unserem Verhältnis zur Arbeit. Amo bestärkt mich in meinem Mißtrauen gegenüber jeglicher Art digitaler Evangelisten, die uns glauben machen wollen, zu wissen, wo es lang geht.

Prekäre Lebensverhältnisse und Proto-Rassismus

Amo wechselt von Halle nach Wittenberg, wieder zurück nach Halle und schließlich nach Jena. Anscheindend bei den Studenten sehr beliebt, lebt er ein prekäres Leben als Privatdozent. Seine Lage verschlimmert sich, als nach und nach seine Förderer wegsterben. Irgendwann entschließt er sich, nach Afrika zurückzukehren. Man sagt, nach Veröffentlichung eines rassistischen Spottgesangs über ihn. Überliefert ist es nicht. Mit der gleichen Gesellschaft, die ihn 45 Jahre früher nach Amsterdam brachte, fährt er zurück in eine fremde Herkunft. Dort ist nicht mehr viel rauszubringen, nur dass er in einem Fort sein Lebensende verbringt, das als Umschlagplatz für den Sklavenhandel dient.

Ein Philosoph des Dazwischen. Kein festes Koordinatensystem zur Verfügung. Daraus entstand ein spannendes Leben, das hoffentlich noch lange Spuren hinterlässt.

*Das Buch, das die Grundlage dieses Artikels bildet, heißt “Anton Wilhelm Amo. Philosophieren ohne festen Wohnsitz” von Ottmar Ette, 2014 im Kadmos Verlag Berlin erschienen.

Apropos Berlin: Gerade lese ich in der Süddeutschen Zeitung, dass es wieder einmal Bestrebungen gibt, die Mohrenstraße in Berlin endlich umzubenennen. Der Vorschlag ist: Anton W. Amo Straße. Es wäre zu wünschen, das dies endlich geschieht.