Eine Nacht am Drangajökull (Gabriel-Burns-Fanfiction)

Der eiskalte und zugleich kristallklare Tag machte Telma Johansdottir glücklich. Der Frühling, ihre liebste Jahreszeit, stand kurz bevor. Kälte hatte ihr noch nie etwas ausgemacht. Nur Dunkelheit. Telma schimpfte sich zwar innerlich selber, mit Ende 20 immer noch Angst vor der Finsternis zu haben, dennoch war sie jedes Mal froh, wenn der arktische Winter ohne Sonne vom hellen Frühling abgelöst wurde.
Aber seit sie mit Thomas Björnsson verheiratet war und sie ihre gemeinsamen Söhne Kristof und Kristjan zur Welt gebracht hatte, war auch im Winter genug zu tun, um sich von der Schwärze der Nacht abzulenken.
Telma seufzte. Kristofs achter Geburtstag am nächsten Tag sollte etwas ganz Besonderes werden. Gemeinsam mit ihrer Nachbarin Sunna buk sie schon seit Stunden süße Kuchen und legte deftige Fischspezialitäten ein. Thomas, Kristjan und Kristof waren in den umliegenden Hügeln unterwegs, damit die Geburtstagsüberraschung auch eine Überraschung blieb.
Mühsam drehte Telma die Kurbel am Brunnen. Ein Mann aus Reykjavik hatte versprochen, dass nächstes Jahr Wasserleitungen zum Dorf gebaut werden sollten. Sie schnaubte vor Anstrengung und Belustigung; Grindavestyr war wohl der einzige Ort auf der Welt, der zwar Anbindung ans Elektrizitätsnetz hatte, aber kein fließend Wasser.
Auf dem Rückweg blickte sie beunruhigt zum Gletscher hinauf. Wie ein Tier, das in wilden Träumen zuckt und knurrt, hatte der Dranga geklungen. Dann wandte sie sich ab. Kiljan würde noch heute hinaufsteigen und nach losen Eisplatten oder Eisrutschen suchen.
Jetzt galt es erst einmal, die Kuchen fertigzubacken.
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“Kann ich wohl!”
Kristof zog eine sauertöpfische Miene. Sein kleiner Bruder Kristjan tat es ihm gleich.
“Kannst Du gar nicht! Kein Mensch kann sowas! Nur ein Zauberer!”
“Und woher hab ich dann gewusst, dass Erik die Fische gestohlen hat?”
“Er hat es Dir halt gesagt!”
“Das hat er nicht, und das weißt Du!”
“Aber keiner kann Geheimnisse nur aus dem Gesicht von Leuten lesen… Du willst doch nur angeben!”
Kristof war der Diskussion überdrüssig. Hätte er Kristjan nur nicht von seiner Fähigkeit erzählt. Seit Tagen ging dieser Streit schon — aber keiner der beiden sturen Jungen war bereit, nachzugeben. Ihr Vater Thomas hatte sie auf eine Erkundungstour mitgenommen, um sie wieder zu versöhnen. Bisher hatte dieser Versuch aber noch keine Früchte getragen.
“Papa, wann gehen wir denn zu den Geysiren?” quengelte Kristof, um das Thema zu wechseln.
Sein Vater kniete sich neben ihn und deutete auf eine naheliegende Gebirgskette.
“Dort, ganz knapp hinter dem Hügel sind einige. Wenn wir uns beeilen, sind wir in einer halben Stunde dort.”
Kristjan jauchzte übermütig und lief los. “Wer zuerst da ist, hat gewonnen!”
Lachend folgte Thomas seinen Söhnen durch die noch unbegrünten Hügel.
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Steine rollten den Abhang hinunter, während der Wanderer den beschwerlichen Aufstieg begann. Kiljan Ulfsson machte sich Sorgen. Der Drangajökull war die letzte Zeit sehr aktiv gewesen. Manchmal entluden sich die Aktivitäten nur in harmlosen Steinschlägen, die das Dorf nicht erreichten. Manchmal kam es schlimmer.
Sein Vater hatte ihm von der Katastrophe anno 1957 erzählt, als der Dranga zuletzt erwacht war. Lava hatte das Eis gelöst, und die Schollen waren die Abhänge hinab bis in die Siedlung gerast. Die Hälfte des damals kleineren Dorfes war zerstört worden und keine Familie wurde von Verlusten verschont. Dieses Ereignis hatte seinen Vater so sehr geprägt, dass er Glaziologe wurde. Von ihm hatte Kiljan gelernt, kontrollierte Lawinen und Erdrutsche zu erzeugen, um größeres Unglück zu verhindern.

Und jetzt wieder, dieses nicht endende Grollen. Kiljan zuckte unwillkürlich, als ein lautes Knirschen durch die Spalten im Gestein hallte. Der schlafende Riese schien im Traum zu reden.
Die schweren Sprengsätze an seinem Gürtel machten das Laufen schwer, aber Kiljan musste auf alles vorbereitet sein. Sollten sich tatsächlich Eisschollen gelockert haben, konnte man keine Nacht mehr warten.
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Leif Magnusson lief fluchend durchs Dorf. Ausgerechnet heute funktionierte sein Telefon nicht. Er ertappte sich dabei, eine nicht jugendfreie Formulierung in inadäquater Lautstärke von sich gegeben zu haben. Wie sollte er denn einen kleinen Supermarkt betreiben, wenn er keine Waren bestellen konnte? Er bedachte seinen verdammten Vater, der ihm die Leitung seines Supermarktes übertragen hatte, mit einer Beleidigung, dann stand er vor Thomas Björnssons Haus. Thomas besaß das zweite Telefon im Ort — er war ganz verrückt nach Technik. Die beiden hatten sich die Kosten für die Verlegung eines Telefonkabels geteilt.
Leif klopfte heftig gegen die Tür. 
„Thomas? Bist Du da?”
Telma, ein wenig rot im Gesicht und offenbar nicht in bester Laune, öffnete die Tür.
„Hallo Leif. Nein, Thomas ist gerade nicht da.”
„Könnte ich vielleicht euer Telefon benutzen? Meines bekommt keine Verbindung, dieses Drecksding!”
„Machst Du Witze?! Momentan funktioniert hier gar nichts mehr! Ein Strommast muss umgekippt sein, der ganze große Kuchen für Kristof ist hin!”, fauchte Telma. 
Sunna tauchte hinter ihr auf. „Mach Dir nichts draus. Wir haben doch noch so viele andere Dinge gebacken. Oh, hallo Leif!”
Er wurde rot. Schon länger hatte er ein Auge auf Thomas’ hübsche Nachbarin geworfen. Sein Zorn verflog.
„Ach verdammt. Dann werde ich morgen mit dem Auto nach Reykjavik fahren müssen. Trotzdem vielen Dank, Telma.” Sofort errötete er wieder, als er Sunna ansah. „Man… also … ja… man sieht sich.”
Kichernd schlossen die beiden Frauen die Tür. Wütend machte Leif kehrt und verfluchte sich auf dem Heimweg selbst.
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Die Sonne versank langsam hinter dem Dranga, als Kiljan wieder zurückkehrte. Zu seiner Beruhigung hatten sich seine Befürchtungen als falsch herausgestellt. Zumindest in dieser Nacht konnte das Dorf noch ruhig schlafen.

Irritiert blickte er hinunter. Warum schalteten sich die Straßenlaternen nicht an? Im Schatten des Dranga war es bereits dunkel genug. Mit Mühe erkannte er einige Gestalten, die aufgeregt hin- und herliefen. War es etwa zu einem Stromausfall gekommen? Ausgerechnet jetzt, wo der Gletscher aktiv wurde?
Kiljan schluckte schwer. Man würde nicht einmal einen Krankenwagen rufen können, falls etwas Ernsthaftes passierte. Auch die Künste des Dorfarztes hatten ihre Grenzen.

Thomas Björnsson und einige andere Männer standen leise murmelnd auf dem Dorfplatz, als Kiljan zu ihnen stieß. Ihre angespannten Gesichter blickten ihn ratlos an.
„Keine Sorge”, beschwichtigte er sie, „Vor Lawinen brauchen wir uns diese Nacht nicht zu fürchten. Aber ich werde den Gletscher im Auge behalten müssen.”
Einige fingen an zu tuscheln. Beruhigt waren sie noch lange nicht.
Bjarki, ein stämmiger Mann mit wildem Bart, ergriff das Wort: „Es ist nicht nur der Strom oder das Telefon. Die Autos funktionieren ebenfalls nicht. Was sollen wir tun, wenn jemand heute Nacht einen Unfall hat?”
Kiljan runzelte die Stirn. Das war in der Tat ungewöhnlich.
„Verfluchtes Elfenwerk! Wir müssen sie verärgert haben!” brach es aus einem der Männer heraus.
Der Glaziologe schüttelte den Kopf. „Wie sollen wir das getan haben? Hier ist schon seit einem halben Jahr kein neues Gebäude errichtet worden, keine neuen Hügel wurden für die Pferde zum Weiden freigegeben und alle Feste wurden wie vorgegeben gefeiert. Nein, Elfen waren das sicher nicht.”
Thomas lachte spöttisch. „Dass Männer wie ihr immer noch an Elfen glaubt, ist einfach albern.”
Einige Männer sahen ihn böse an. Thomas hatte sich bereits in der Vergangenheit mit seinen Äußerungen keine Freunde gemacht.
„Ob wir daran glauben oder nicht, tut hier nichts zur Sache. Wir müssen mit der Situation zurechtkommen”, beeilte sich Kiljan zu sagen, bevor ein Streit vom Zaun brach. „Einer wird morgen früh mit dem Pferd losreiten, um nachzuschauen, wo der Strommast beschädigt wurde und um in der Stadt Bescheid zu geben. Wer von euch übernimmt das?”
Einer der Männer meldete sich.
„Sehr gut. Heute können wir so oder so nicht mehr viel machen. Es wird bereits dunkel. Passt in dieser Nacht besonders gut auf eure Familien auf. Morgen sehen wir dann weiter.”
Murmelnd stimmten die Männer zu. Nur Bjarki blieb still. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und blickte misstrauisch über Kiljan hinweg.
„Die Sonne braucht heute aber sehr lange, um unterzugehen.”
Verwundert drehte sich Kiljan um. Tatsächlich, noch immer lag über dem Dranga ein orangener Schimmer, obwohl der restliche Himmel bereits dunkelblau gefärbt war. Er sah genauer hin. Der Ursprung des Scheins lag nicht hinter dem Gebirge.
“Der Gletscher leuchtet …”, staunte Thomas.

Aufgeregte Stimmen wurden laut.
„Wir müssen das untersuchen! Wenn der Dranga heute Nacht ausbricht, dürfen wir auf keinen Fall hierbleiben!”, rief jemand.
Kiljan nickte. Er selber fühlte sich zu müde, den Aufstieg heute noch ein zweites Mal zu machen. Aber jeder der Anwesenden hatte genug Erfahrung, den Gletscher zu besteigen.
„Gut. Aber es sollten mindestens fünf Männer sein, besser sechs. Ihr müsst euch gegenseitig absichern, falls das Gletschereis schmilzt.”
Thomas trat vor. „Ich gehe auf jeden Fall. Wer kommt mit?”
Sofort meldeten sich drei weitere Freiwillige. Kiljan musterte sie. Bjarki, Arni und Halldor galten als Kraftpakete. Jetzt fehlten noch zwei, die mehr Geschicklichkeit aufwiesen.
„Leif, Einar, es würde mich sehr beruhigen, wenn ihr auch noch mitkommen würdet. Nicht zuletzt, weil ihr besonders vorsichtig seid.”
Einar nickte zustimmend, während Leif brummte: „Das gefällt mir nicht.”
„Das gefällt uns allen nicht, aber genau deshalb müssen wir nachschauen. Vielleicht hat es etwas mit dem Stromausfall zu tun”, gab Thomas zu bedenken. Dann grinste er. „Sunna fände es mit Sicherheit sehr mutig von Dir, dort hinaufzusteigen!”
Gelächter brach unter den Männern aus. Leif wurde zum dritten Mal an diesem Tag rot.
„Hervorragend”, sagte Kiljan laut. „Ihr macht euch schnellstmöglichst auf den Weg. Ich gebe euch Laternen mit. Verschwendet keine Zeit!”
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Es dauerte nicht lange, bis die Männer sich dicke Jacken angezogen hatten und mit Ausrüstung versehen den Aufstieg begannen. Die Petroleumlampen spendeten genug Licht, um den Pfad zu beleuchten. An den wenigen Stellen, wo man klettern musste, konnte man noch Kiljans Stahlkeile im Fels stecken sehen. 
Leif plagte die Angst. Er war nie ein Abenteurer gewesen. Wenn er genug Geld zusammen hatte, würde er auswandern. In die USA oder nach England, er wusste es noch nicht. Nur weg von diesem gefährlichen, unberechenbaren Gletscher. Das seltsame Leuchten war ein eindeutiges Zeichen.
Nach einer Stunde stand der Trupp auf den schier unendlichen Eisflächen. Das Glühen färbte den Schnee zartorange, fast pfirsichfarben, doch seine Quelle wurde von einem Felsausläufer verdeckt.
Thomas nickte den anderen zu. „Es sieht bisher nicht so aus, als ob das Eis hier schmelzen würde. Gehen wir.”
Das Laufen durch den Schnee war anstrengend. Im Gänsemarsch gingen die Männer vorsichtig auf das Licht zu. Bei Vulkangletschern konnte man nie wissen, ob unter dem Eis eine Wasserblase lauerte. Leise grollte der Dranga unter ihren Füßen.
„Es ist bestimmt Lava — spürt ihr nicht die Wärme?”, fragte Arni unvermittelt.
Leif richtete seine Konzentration auf die Luft. Arni hatte recht, es war wärmer geworden. Sogar die Schneeoberfläche glitzerte feucht.
Dann sahen sie es. Das Licht brach aus einer Senke hervor, wo der Schnee offensichtlich durch die Hitze geschmolzen war. Am Rand der Kuhle blieben sie stehen.
Jeder der Männer verlor in dieser Nacht den Glauben an das, was die Welt zuvor für ihn gewesen war.
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Kristjan grinste gehässig. Ab heute würde es sich sein Bruder vorher überlegen, ob er ihn nochmals anlügen wollte. Das gedämpfte Winseln in dem Holzschrank wurde langsam leiser.
„Wenn Du ruhig bist und Mama nichts sagst, hole ich Dich in 2 Stunden wieder raus! Und dann darfst Du mich nie wieder anlügen!”
Von Schluchzen unterbrochen antwortete Kristof demütig: „Ich verspreche es Dir … aber hol mich hier wieder raus …”. Er zog die Nase hoch und brach neuerlich in Tränen aus. „Ich spiel nie wieder mit Dir Verstecken!“
„Mama ist noch bei Sunna. Wenn sie wiederkommt, schließe ich den Schrank auf. Wehe, Du sagst auch nur ein Wort!”
Mit diesen Worten drehte sich Kristjan um, ergriff die Petroleumlampe und lief die Treppe hinunter ins Erdgeschoss.
Von draußen hörte er laute Stimmen. Waren sein Vater und die anderen Männer zurück?
Noch ließ ihn sein schlechtes Gewissen zurückschrecken. Wenn seine Eltern erführen, dass er noch nicht im Bett lag und fest schlief …
Aber was sollte schon passieren? Er würde ihnen erzählen, dass er vom Trubel aufgewacht sei, genau!
Aufgeregt öffnete Kristjan die Tür und lief in die Dunkelheit.
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Der runde Platz in der Mitte des Dorfes wurde von unzähligen Fackeln erleuchtet. Einige Neugierige, größtenteils aber Frauen, redeten durcheinander. Kristjan sah seine Mutter und Sunna am Rand stehen. Vorsichtig schlich er sich ein Stück weg und versteckte sich hinter einer Gruppe junger Mädchen.
Auf einmal wurden Rufe laut. 
Kristjan spähte in die Richtung, in die die Leute deuteten. Von den Hängen des Drangas näherten sich kleine, orangene Punkte. Sein Vater und die Männer kamen zurück!
Vielleicht wussten sie bald, ob das Leuchten Lava war. Kristjan hoffte, dass es nicht so war. Er wollte nicht weg aus Grindavestyr.

Während sie auf das Dorf zuliefen, stritten die Männer lauthals über das, was sie oben gefunden hatten. Einar schwor bei seinem Vater und allen Vorfahren, es sei ein Meteorit, der langsam verglühe. Bjarki hingegen war sich sicher, dass es doch Lava sei und sie so schnell wie möglich verschwinden sollten. Arni und Halldor diskutierten, ob das nun ein Elfendorf oder ein Hexenkessel gewesen war.
Nur Leif und Thomas blieben ruhig. Beide waren sich bereits auf dem Gletscher einig gewesen. Das Ding in der Kuhle sah wie ein riesiges Schneckenhaus aus. Im Museum in der Hauptstadt hatte Thomas so etwas schon einmal gesehen, nur viel kleiner. Diese Tiere hießen “Ammoniten” und sollten eigentlich schon lange ausgestorben sein.
Angst breitete sich in seinem Bauch aus. Schon seit einiger Zeit hatte er das Gefühl, dass der Wind auch seltsame Geräusche zu ihnen trug. Was immer da oben aufgetaucht war, tot war es nicht.

Kaum, dass sie den Dorfplatz erreicht hatten, entbrannte eine heftige Diskussion. Einige trauten dem seltsamen Vorfall auf dem Gletscher nicht und wollten Grindavestyr verlassen. Andere hingegen gaben zu bedenken, dass der Exodus zu Fuß oder zu Pferd in der Nacht ebenfalls nicht ohne Risiken war.
Kiljan ergriff das Wort. Nicht zuletzt seine Funktion als Glaziologe hatte ihm Respekt bei den Dorfbewohnern eingebracht.
„Das, was ich von unserem Spähtrupp gehört habe, lässt nicht darauf schließen, dass uns unmittelbare Gefahr droht. Zumindest wird es keine Lawinen geben und ein Ausbruch des Dranga ist auch nicht zu erkennen. Die Nacht verbringen wir noch hier, aber morgen früh werden wir Grindavestyr sicherheitshalber verlassen. Zumindest, bis der Strom wieder funktioniert.”
Die Menge murmelte zustimmend. Offensichtlich waren nicht alle glücklich mit dieser Entscheidung, akzeptierten diese aber.

„Sag mal, hörst Du das auch?”
Sunna horchte. Unter die Stimmen der Dorfbewohner mischte sich ein entferntes Heulen, wie von einem Kind.
„Du hast recht, Telma, da ist was. Klingt wie … ein weinendes Kind! Eigentlich sollte es längst im Bett sein, aber vielleicht hat es sich in den Hügeln verirrt! Wir müssen es suchen — das arme Ding steht sicher Todesängste aus, so allein!”
„Aber, Sunna … ich hab Angst im Dunkeln…“, stotterte Telma verlegen.
Ihre Nachbarin funkelte sie böse an. „Machst Du Witze? Da draußen weint ein Kind und Du flennst rum wegen Dunkelheit? Komm jetzt!“
Unbemerkt vom Rest der Dorfbewohner huschten Telma und Sunna in die Finsternis. Nur Kristjan sah seine Mutter verschwinden. Zu seinem schlechten Gewissen mischte sich jetzt auch noch die Angst um seine Mama. Lautlos lief er den beiden Frauen hinterher.
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Thomas blickte finster in die Dunkelheit. Die Geräusche kamen näher. Am Anfang hatte er sich noch eingeredet, es sei das Heulen des Windes. Aber je länger er horchte, desto absurder schien ihm diese Erklärung. Es hörte sich an wie Wehklagen…
„Thomas? Ist alles in Ordnung?”
Arni blickte ihn besorgt an.
„Ich weiß nicht … Klingt so, als wäre da draußen was.“
Die beiden spähten in die Finsternis. Thomas fror. Die Nächte waren immer noch eisig.
Der Platz leerte sich allmählich. Auch die anderen Leute wollten nicht in der Kälte stehen bleiben.
„Geh nach Hause, Thomas. Ich werde noch einen Streifzug durch die Hügel machen und nachschauen.“
„Danke, Arni. Wir sehen uns morgen.“

Thomas kam nicht bis nach Hause. Bereits auf halbem Weg schreckte ihn ein entfernter Schrei auf.
„Arni?“
Sofort drehte er um und lief zurück. Aus den Hügeln jenseits der Dorfgrenze war nun immer deutlicher das seltsame Geräusch zu hören, wie Kinderweinen. Aus einer Seitenstraße kam Kiljan gelaufen.
„Thomas? Hast Du das gehört? Wer oder was war das?“
„Ich weiß es nicht“, keuchte Thomas, „aber was immer da draußen ist, es ist gefährlich!“

Auf einem Hügel sahen sie einen Lichtpunkt aufgeregt hin- und herhüpfen. Dann ertönte erneut ein Schrei. Die Stimme war eindeutig weiblichen Ursprungs.
„Oh Gott — Sunna!“
Thomas beschleunigte seinen Schritt nochmals und sprintete den Berg hinauf auf das kleine Licht zu. Dass Kiljan immer weiter zurück blieb, bemerkte er nicht.
Dann erlosch das Licht mit einem Mal.
„Sunna?! Arni!! Seid ihr das?“, schrie Thomas aus Leibeskräften.
Dann erstarrte er. Eine finstere Gestalt jagte auf ihn zu, sich kaum vom dunklen Untergrund abzeichnend. Da erkannte er Arni. Doch die Angst überwältigte ihn umso mehr, denn in Arnis Gesicht war das blanke Entsetzen geschrieben.
„Thomas — lauf! Sunna — tot — schnell!“ brach es aus ihm heraus.
Keiner der beiden sah den dritten Schatten näher kommen. Gerade, als Thomas Arnis Hand greifen wollte, kippte dieser nach vorne. Die Jacke war von hinten im Brustbereich durchlöchert.
Etwas kreischte. Thomas sah nur einen Augenblick, was Arni umgebracht hatte.
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Kristof Thomson drehte den Kaffeebecher nachdenklich in seiner Hand.
„Meinen Vater fand man erst am nächsten Morgen, halb erfroren zwischen Felsengeröll. Er muss vor Schreck gestolpert und den Hügel hinuntergerollt sein. Nach drei Wochen im Krankenhaus konnte er zumindest wieder laufen.“
Larry und Steven blickten den Isländer entsetzt an.
„Kristofs Mutter, Kristjan, Sunna und Arni lagen noch auf der Hügelspitze. In einiger Entfernung wurde Lilja, Arnis Frau, von diesen Dingern getötet. Sie muss wahnsinnig vor Sorge hinausgelaufen sein, obwohl ich allen Bewohnern verbot, das Haus zu verlassen. Noch die ganze Nacht hörte man Kinderweinen auf den Straßen“, fügte Kiljan hinzu.
„Wir wollten unsere Toten rächen, doch der Ammonit war bereits wieder im Eis versunken.
Zu dem Versprechen, das alle geben mussten, nämlich das Geheimnis zu wahren, kam noch ein Schwur hinzu. Viele verließen Grindavestyr nach diesem Vorfall. Jene die blieben, schworen auch, dass diese Wesen für immer im Eis vergraben bleiben mussten.“
Kristof Thomson nickte andächtig.
„Hätte mein Bruder mich nicht im Schrank eingeschlossen, wäre ich vermutlich auch umgekommen.“
Mit einem leisen Räuspern stand er auf.
„Lassen Sie uns nach Luther sehen. Carols Tod war ein schwerer Schlag für ihn.“

Ende.