Ein kleiner Text über das Wünschen

Früher, als ich noch ein Kind war, dachte ich immer, dass die Gedanken, die man hat sofort genial sein müssten. Doch alles, was man somit produziert, sind Seifenblasen - eine Sekunde lang da und etwas, worauf andere Kinder mit staunenden Augen blicken, aber nichts haltbares. Plopp - und sie sind wieder weg.

Anders, ganz anders ist es mit dem Wünschen. Denn die Wünsche sind etwas eigenartiges. Sie entstehen langsam, durch das übereinanderschichten von Träumen, an die man sich nicht mehr erinnert. Und dann, irgendwann, liegen sie so fest übereinander wie Gestein im tiefsten inneren der Erde.

Deshalb ist der erste, der sie findet, häufig nicht der geschwätzige Mensch, der sich um jeden und alles kümmert, der in der Welt wandelt, sondern ein ganz ruhiger, beharrlicher; einer, der nicht viel redet, sondern der macht. Der keine Angst hat vor repetitiver Arbeit. Was er aber kann, ist, Muster erkennen. Und wenn er, wie er sich, ganz Bergmann, der er ist, durch die tiefsten Geschichten des inneren Gesteins wühlt, dann findet er manchmal ein Bild - oder eine Reihe von Bildern - die wirklich wichtig sind.

Mit Seifenblasen hat das nichts zu tun. Das sind Fossilien.

Jetzt ist es so, dass wir Menschen Angst vor dem Vergangenen haben. Wir sind so aufgebaut. Wir möchten nicht wirklich sehen, wie alles zu Gestein wird. Lieber schauen wir Seifenblasen beim Zerplatzen zu. Und dann kommt da dieser haarige Bergmann, so ein Spielverderber, und präsentiert einem ein Fossil. Da bekommen wir häufig Angst und wir reden es weg, oder wir sagen dem Bergmann, dass er doch bitte jetzt wieder mal woanders graben soll. Da hinten im Feld zum Beispiel. Und der brave Bergmann macht das und gräbt dort langsam los. Wir schauen ihm etwas skeptisch hinterher; nicht, dass er da noch mal so ein Fossil findet ... und versuchen wieder Seifenblasen zu blasen.

Aber irgendwie macht das keinen Spaß mehr. Und das Wetter wird auch langsam unsonnig und etwas Wind kommt auf. 
Gerade, als wir gehen wollen, fällt unser Blick wieder auf das Fossil.
Und mit einem letzten Blick auf den Bergmann - ach ein Glück, er hat sich wegen des Wetters in seine Hütte zurückgezogen! - gehen wir nach Hause.

Zuhause holen wir uns erst mal ein Glas Wasser. Dann setzen wir uns aufs Sofa und schauen uns dieses Fossil an. Mit einer großen Lupe. Was sehen wir denn da?
Es sind merkwürdige Strukturen. Gar nicht so genau zu erkennen. Sowas kennt man doch sonst nur aus dem Museum. Könnte man das ans Museum verkaufen? Nein, nicht spektakulär genug .. ist ja kein Saurierknochen oder so was. Einfach nur eine kleine Pflanze.
Eine kleine Pflanze aus der eigenen Seele. Ganz, ganz alt. 
Was wollte die denn mal werden? 
Eine große Pflanze. Wurde aber fossiliert. War wohl nix.

Denn so ist das mit den verstorbenen Wünschen. Sie werden zu Fossilien, und nur mit viel Glück findet man sie wieder - und mit einem Bergmann, der was von seinem Handwerk versteht. 
Aber das Wünschen ist etwas wichtiges. Und es ist etwas anderes als mit den Seifenblasen, die zerplatzen. Denn Wünsche sind lebendig. Sie kommen aus einem, aber sie leben in der Welt. Sie leben außer einem, und sie müssen gegossen werden, damit sie wachsen können. Und dann braucht man für sie einen Garten, in dem sie wachsen können. Und tolle Nachbarn, die sie mal gießen, wenn man im Urlaub ist!

Und was man nicht vergessen darf: alle Wünsche werden geboren, wachsen, gedeihen - und sie sterben. Aber wenn sie erst sterben, nachdem sie Samen in die Welt gesetzt haben - dann war es schön, dass sie da sind, und an den neuen Pflanzen können sich immer noch mehr Menschen, und die Tiere, und natürlich die anderen Pflanzen erfreuen.