Fandom, Erwachsenwerden & das Lebensgefühl von Millennials — Pokémon: Detective Pikachu ist der klügste Blockbuster des Jahres

Im Januar präsentierte Bill Maher1…ein Mann, der definitiv glücklich ist mit dem, was aus ihm geworden ist, sich so gut wie nie einsam fühlt und sich seit Wochen nicht mehr in den Schlaf geweint hat! eine seiner New Rules2So eine Mischung aus Late-Night-Show-Monolog und ISIS-Geiselvideo: Die Gäste der Show werden gezwungen, on-camera über die Old-Man-Yells-At-Cloud-Rants des Gastgebers zu lachen und so ihre Komplizenschaft in diesem Humor-Terrorismus vorzugeben. Ernsthaft: Achtet mal darauf, wie nach einem besonders, ähem, gelungenen Gag oft jeder einzelne von Mahers Gästen kurz gezeigt wird, damit auch ja keiner ohne demonstratives Lachen davonkommt! mit dem Titel Grow Up! Die These: Wer als erwachsener Mensch noch Comics liest, ist unreif. Es ist, wie von Maher gewohnt, voller scharfsinniger Beobachtungen wie der, dass Comic-Storylines oft derselben Formel folgen3Netter Touch, danach kurz die exhumierte Leiche Joseph Campbells einzublenden und auch sie mittels aufwändiger Puppenspielerei über den Gag lachen zu lassen. und originellen Witzen wie dem hier:

Comics are for kids — that’s why they sell them next to the …

[hier macht Maher eine winzige Pause, als würde das Wort ihm nicht auf Anhieb einfallen, und als wäre die bloße Erwartung, dass ihm, Bill Maher, dieses Wort einfallen könnte, eine Zumutung]

Poki-Man cards and not on the aisle with the condoms and the lube.

Ignorieren wir für den Moment, dass Maher — dessen Job unter anderem daraus besteht, Popkultur zu verfolgen und zu kommentieren — natürlich weiß, dass es »Pokémon« heißt, und ignorieren wir, dass sein Zurschaustellen seines angeblichen Nichtwissens auf dem humoristischen und argumentativen Niveau von YouTube-Bros ist, die direkt nach dem Kinobesuch, im Auto sitzend, über The Last Jedi ranten und dabei Rey demonstrativ »The Girl« und Finn »The Black Guy« nennen: Interessant für unsere Zwecke ist die Beiläufigkeit dieses Gags. Maher rantet ausführlich gegen Comics und Comicverfilmungen, führt sogar etwas an, was man, wenn man nicht genau hinsieht, mit Argumenten verwechseln könnte, um zu belegen, warum Comic-Fandom an sich unreif, unerwachsen macht; dass allerdings Interesse an Pokémon — ja sogar, I guess, das Wort »Pokémon« richtig aussprechen zu können — von mangelnder Reife zeugt, das ist für Maher selbstverständlich, so selbstverständlich, dass sogar Comicfans, diese simplen, unreifen Manneskinder, es intuitiv verstehen: Dass ihre Superheldengeschichten in der Nähe von Pokémon-Karten stehen, das soll ihnen endgültig die Augen öffnen, dass Comics eben keine ernstzunehmende, erwachsene Literatur sind.

Allein ist Maher sicher nicht4Hier zum Beispiel ein auf dem Höhepunkt des Pokémon-GO-Hype geführtes Interview mit Zachary Quinto, in dem dieser eine ähnliche, ähem, rhetorische Strategie wie Maher auffährt: Er betont, dass er literally no idea habe, was Pokémon überhaupt ist, aber ist sich doch ganz sicher, dass dieses Phänomen, von dem er nicht weiß, was es ist, uns irgendwie von human connection abhält und davon, einen sense of purpose zu entwickeln. mit seiner Meinung über Pokémon, auch, wenn die wenigstens Menschen so selbstverliebt und herablassend wirken, wenn sie diese Meinung ausdrücken, wie Maher5…aber das gilt ja auch für absolut alles andere, was Maher sagt, selbst, wenn er mal Recht hat.: Pokémon ist die Sorte Phänomen, über die viele Menschen eine starke Meinung haben, und diese Meinung ist nicht selten so negativ, dass selbst zu verstehen, was Pokémon ist, als persönliche Schwäche gesehen wird. Pokémon ist so an sich frivol, so, offenbar, ansteckend in seiner Frivolität, dass Ahnungslosigkeit als Wappen vor sich hergetragen wird, das zeigt, dass man zu den Guten, den Erwachsenen gehört.

Das macht natürlich in sich keinen Sinn, ist aber, glaube ich, etwas mehr oder weniger universell menschliches, etwas, dessen sich so gut wie jeder irgendwann schuldig macht: Ohne Frage habe ich mich auch schonmal damit gebrüstet, dass ich YouTube-Star X nicht kenne oder noch nie einen Song von Junge-Leute-Band Y gehört habe.6Ich mein selbst unter Untergruppen von Pokémon-Fans gibt es das: Für manche gilt es als so selbstverständlicher wie identitätsstiftender Skill, die ersten 151 Pokémon auswendig zu kennen, aber sich mit denen ab, sagen wir, Generation 3 auszukennen, gilt als, ja, frivol und unreif.

Nur: Irgendwann ist auch mal gut. Als knee-jerk Reaktion auf einen Twitter-Trend oder eine seltsam hitzige Debatte mit vielen Namen und Begriffen, die man nicht versteht, mag es nachvollziehbar sein, vielleicht gar dem Schutz der eigenen geistigen Gesundheit dienen, sich mit »Versteh ich nicht, ist sicher was für Kinder, muss ich mich nicht mit beschäftigen« davor zu drücken, eine wirklich informierte Meinung bilden zu müssen. Aber irgendwann muss der Punkt kommen — wenn ein Phänomen lang genug Teil unserer gemeinsamen Öffentlichkeit ist — , an dem man sich entweder damit arrangieren sollte, dass dieses Phänomen vielleicht nichts für einen selbst ist, aber bislang nicht den Untergang der westlichen Zivilisation verursacht hat und denjenigen, die es mögen, schon irgendwas von Wert zu bieten haben wird; oder, wenn man denn unbedingt weiter seinen metaphorischen Rasen beschützen möchte, man bringt ein Mindestmaß an Anstrengung auf, um zumindest vortäuschen zu können, in Grundzügen zu wissen, wovon man redet. So, wie Maher es eben bei Comics und Comicverfilmungen tut — bei »Poki-Man« hält er selbst vorgetäuschte Argumentation für unnötig, im Gegenteil, die Frivolität von Pokémon-Fandom ist so selbstverständlich, dass der Vergleich damit selbst als Argument für seinen Rant gegen Comics taugen soll. Und während es zweifelsohne einiges zu kritisieren gibt an Pokémon — sowohl inhaltlich als auch als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen — hat der Diskurs zur Hochphase von Pokémon GO auch gezeigt, dass man auch 20 Jahre nach dem ersten Hype noch ganz gut mit derselben uninformiert-herablassenden Haltung über Pokémon reden und schreiben kann wie damals, und damit ein dankbares Publikum findet.

Ich glaube, das hat, unter anderem, damit zu tun, wann das Phänomen Pokémon aufgekommen ist: Pokémon ist eines der definierenden kulturellen Ereignisse im Leben von Millennials7Auf die meisten von uns hatte Pokémon wahrscheinlich einen größeren Einfluss als, nun, das Millennium., und während Pokémon weiterhin neue Fans gewinnt, hat es für die nächste Generation nicht den Stellenwert, den es für uns hatte und hat8Keine Ahnung, was an seiner Stelle steht. Fortnite? PewDiePie?. Und wir müssen ja noch immer froh sein, wenn kulturelle Gatekeeper uns überhaupt als die Erwachsenen wahrnehmen, die mittlerweile selbst die Jüngsten von uns sind — und selbst dann erklären sie uns im nächsten Satz für gewöhnlich, dass wir das mit dem Erwachsensein irgendwie falsch machen. Natürlich muss man da nichtmal den Minimalaufwand aufbringen, Argumente dafür aufzubringen, warum es als Erwachsener nichtmehr okay ist, Pokémon zu mögen: Pokémon ist nichts für Erwachsene, weil wir es mögen; wir sind keine Erwachsenen, weil wir Pokémon mögen. Das macht genauso viel Sinn, wie es hier klingt.

Anyway: Entschuldigt diese lange Einleitung, aber dieser Kontext ist nötig, um zu verstehen, warum Detective Pikachu großartig ist, ja, vielleicht sogar irgendwie wichtig.

Detective Pikachu ist der erste »richtige« Pokémon-Film, im Sinne von: Der erste, der als mehr als eine Kino-Extension des Anime funktionieren soll, der ein breites, nicht zwangsweise mit Pokémon vertrautes Mainstream-Publikum ansprechen will. Gleichzeitig ist es ein Film, der explizit die »alten« Fans abholen will. Das meine ich nicht im Sinne von, »das hier ist ein Film für die echten Fans«, i.e. einer, der die Entwicklung des Franchise nach der ersten Generation ignoriert, oder der jüngere Pokémon-Fans — oder Nicht-Fans — außen vorlässt; auch nicht im Sinne von, »das hier ist ein Film für Erwachsene«, jedenfalls nicht exklusiv.

Detective Pikachu bleibt durch und durch ein Film für die »ganze Familie«, nach der Princess-Bride-/Pixar-Art. Aber es ist ein Film, der sich bewusst ist, dass ein Teil seines Publikums eben schon ziemlich lange dabei ist und daher, rein rechnerisch, erwachsen geworden ist; und neben den neuen, jüngeren Fans will er auch die ansprechen — nicht mit nostalgischen Referenzen, die den Film unverständlich für neue Fans (oder Nicht-Fans) machen würden, nicht, indem er uns in die Zeit zurückversetzt, als wir so alt waren wie die jüngsten aktuellen Fans, sondern indem er uns da abholt, wo wir hier und jetzt sind: In unserer Lebensrealität, aber auch in unserer Beziehung zum Pokémon-Franchise.

Es geht um den 21jährigen Tim (Justice Smith), der früher Pokémon-Trainer werden wollte, jetzt aber für eine Versicherung arbeitet. Als letzter seines Freundeskreises lebt er in seinem beschaulichen Heimatort — bis ihn ein Anruf der Polizei in die Großstadt Ryme City bringt: Sein Vater Harry, der als Polizist in der Stadt arbeitete, soll in einem Autounfall gestorben sein. Ausgelöst wurde der Unfall anscheinend vom Pokémon Mewtwo, Ergebnis eines geheimen Experiments, in dem Wissenschaftler das legendäre, vorzeitliche Pokémon Mew klonen wollten. In der Wohnung seines Vaters begegnet Tim einem Pikachu, das, anders als andere Pokémon, mit einer menschlichen Stimme spricht — allerdings nur für Tim verständlich. Pikachu leidet an Amnesie, weiß aber, dass er Harrys »Pokémon-Partner« war, und ist sich sicher, dass Harry noch am Leben ist.

Basierend auf der Vision des Unternehmers Howard Clifford (Bill Nighy) leben in Ryme City Menschen und Pokémon gleichberechtigt miteinander; Menschen haben frei herumlaufende »Pokémon-Partner«, anstatt Pokémon in Poké-Bällen zu halten; Pokémon-Kämpfe sind verboten. Dieses Setting reflektiert eine der interessantesten und stärksten Entscheidungen des Films: die Distanz, die er zu seinem Ausgangsmaterial einnimmt. Mit der Positionierung von Ryme City als fortschrittliche, zukunftsgewandte Stadt, und Momenten wie dem, wenn Pikachu mit spürbarem Schock reagiert, als er herausfindet, dass in der Stadt doch (illegale) Pokémon-Kämpfe stattfinden, hinterfragen Regisseur Rob Letterman und seine ungefähr 600 Autoren9OK, vier, Letterman plus 3 Co-Autoren. die problematischeren Aspekte des Materials; aber das tun sie aus einer Position aufrichtiger Liebe für das Franchise heraus, mit einem Verständnis dafür, warum Fans trotz dieser Probleme Positives aus der Welt von Pokémon ziehen können. Nach dem Trailer — vor allem angesichts des Casting von Ryan Reynolds, ein Mann, der zu glauben scheint, dass er persönlich die Ironie erfunden hat — war meine größte Sorge, dass Detective Pikachu eher eine dauerironische Parodie von Pokémon wird als eine ernstgemeinte Adaption: ein 21 Jump Street oder, schlimmer, ein Baywatch. Stattdessen erinnert der point of view des Films eher an den von The Lego Movie: Er sieht schlicht keinen Widerspruch darin, problematische Aspekte des Materials zu kritisieren und positivere zu feiern. Und er traut seinem Publikum zu, dass es bereit ist, seinen spielerischen Umgang mit der Continuity und dem Universum der Vorlage mitzugehen, solange ein grundlegender Respekt vor dem Material und denjenigen, die es mögen, da ist. Detective Pikachu erkennt die Geschichte von Pokémon an10…nimmt aber auch an den »klassischeren« Aspekten des Materials subtile Änderungen vor: Für das erfolgreiche Fangen eines Pokémon ist hier auch erforderlich, dass das Pokémon seinen Trainer »wählt«; damit reflektiert der Film auch die Weiterentwicklung der Videospiele, die sich der unangenehmen Implikationen ihres Gameplays zunehmend bewusst scheinen und — mal mehr, mal weniger erfolgreich — Wege suchen, diese, wenn nicht zu vermeiden, so doch wenigstens abzuschwächen., zeigt aber auch, wie sich das Material und seine Fans entwickelt haben und, vielleicht, noch weiterentwickeln müssen.

Diese gesunde Distanz zum Material zeigt sich auch in der Figur des Howard Clifford: Obwohl Clifford sich bald als der Villain des Films herausstellt, unterwandert der Film nie seine ursprüngliche Vision vom Zusammenleben von Menschen und Pokémon. Clifford ist damit, wenn man so will, ein Beispiel eines problematic fav, jemand, an dessen Werk es einiges zu bewundern gibt, aber dessen Persönlichkeit und Entwicklung problematisch, ja gefährlich ist. Sein Plan involviert das transferieren des Verstandes der Bewohner von Ryme City in die Körper ihrer Partner-Pokémon, was man als eine Art Statement über Fandom lesen kann, die man sich von, sagen wir, Marvel-Filmen auch wünschen würde: Pokémon zu mögen, auch sein Fandom in sein Leben zu integrieren, das ist schön und gut, aber definieren sollte man sich über dieses Fandom nicht. Detective Pikachu ist damit ein Film, der sich aktiv von den toxischsten Elementen seines Fandoms distanziert, der seine »echten« Fans, sein anvisiertes Publikum, explizit als diejenigen definiert, die Pokémon nicht zu wichtig nehmen und mit einer gewissen kritischen Distanz betrachten. Wie erfrischend ist das bitte?11Weniger erfrischend ist leider die Motivation von Nighys Figur: Clifford sitzt im Rollstuhl und will, durch das transferieren seines Verstandes in Mewtwo, seiner Behinderung »entkommen«. Das ist nicht nur ableistisch und simplistisch, sondern schlicht unnötig: Ohne diese küchenpsychologische Motivation würde die Figur genauso gut, ja besser funktionieren.

Und dann sind da die jungen Protagonisten des Films, und, was soll ich sagen: Reader, I felt seen! Tim verbündet sich bald mit der etwa gleichaltrigen Lucy (Kathryn Newton, die derzeit irgendwie in allem ist, von Three Billboards über Big Little Lies zu Netflix’ The Society), einer angehenden Journalistin, die, bei ihrer Einführung, in Noir-Klischees spricht und sich als mysteriöse Femme Fatale zu inszenieren versucht, dann aber als unbezahlte Praktikantin herausstellt, die das Blog von Cliffords Nachrichtensender mit Listicles und Fluff-Pieces füllen muss. Dennoch beweist sie von Anfang an ihren journalistischen Instinkt, scheint sie doch neben Pikachu die einzige zu sein, die Zweifel an den Umständen von Harrys Tod hat.

Lucy ist wohl eine der inspirierteren Figuren, die wir dieses Jahr im Mainstream-Kino sehen werden, ein scharfsinniges Stück Satire12Doch, wirklich. über das Zerrbild von Millennials, das Medien und Popkultur über die Jahre entworfen haben13Inklusive der Popkultur — Girls und so — die von Millennials selbst kam, und die oft den Selbsthass ausdrückte, den unsere Elterngeneration in uns kreiert hat.: Sie performt eine Version von Erwachsensein, die sie aus der Kultur ihrer Eltern kennt, hängt aber fest in einer Zwischenphase zwischen Heranwachsen und Erwachsensein — aber explizit nicht, weil sie unreif ist, weil sie nicht die Voraussetzungen hätte, als Erwachsener zu »funktionieren« sondern weil die Welt, in der sie lebt, sie nicht erwachsen sein lässt. Ihr Talent und ihre Kompetenz werden vom Film nie in Frage stellt, nur von den Autoritätsfiguren, den Gatekeepers, die ihr berufliches Fortkommen blockieren, die sich weigern, irgendwas, was sie sagt, ernstzunehmen, weil, ja, weil sie jung und weiblich und blond ist und daher, in ihren Augen, nichts von Wert zu sagen haben kann. Also leistet sie, um sie zumindest eine Art von Selbstverwirklichung und Selbstwert und, you know, Würde und Sinn und so Quatsch, zu finden, auf eigene Faust unbezahlte Arbeit, zusätzlich zu der unbezahlten Arbeit, die sie eh schon jeden Tag leisten muss. Ihr Partner-Pokémon, in einer Entscheidung, die das Pokémon-Franchise im Alleingang in die Sphäre feuilletonistisch ernstgenommener Hochkultur katapultieren sollte, ist ein Psyduck/Enton: ein Pokémon, das konstant unter nahezu unerträglichem, körperlich schmerzhaftem Stress steht, das jederzeit, fast buchstäblich, unter dem Druck zu explodieren droht. Man zeige mir eine treffendere Metapher für die Lebenserfahrung dieser Generation!

Natürlich ist all das Subtext, Textur, nichts, mit dem Detective Pikachu den Zuschauer überfällt, und nichts, was er explizit ausformuliert und erklärt, und das ist auch gut so: Im Kern bleibt der Film ein simples, kindsgerechtes Abenteuer, das den Zuschauer weniger aktiv mit seinen thematischen Ideen konfrontiert als dass es Projektionsfläche bietet für diejenigen, die danach suchen. Aber gerade deshalb finde ich diese Ideen bemerkenswert, und gerade deshalb ist Detective Pikachu vielleicht kein ganz unwichtiger Film: Der Film geht davon aus, dass ein großer Teil seines Publikums sich bereits diese Gedanken gemacht hat. So, wie es für Maher selbstverständlich ist, dass Pokémon für Kinder ist, ist es für Detective Pikachu selbstverständlich, dass Pokémon-Fans — zumindest eine bestimmte Gruppe von Pokémon-Fans — Menschen sind, die sich sehr wohl Gedanken machen über ihren Platz in der Welt machen, die sehr wohl »reif« und erwachsen sein können, aber von den Modellen von »Erwachsensein« ihrer Eltern im Stich gelassen wurden.14Aus dem selben Grund kann der Film Pikachu auch einen beiläufigen Witz darüber machen lassen, dass nur Idioten nicht an den Klimawandel glauben: Er kann davon ausgehen, dass das für sein Publikum nichts kontroverses, sondern etwas selbstverständliches ist. Und es ist selbstverständlich für die Macher, dass der beste Weg, »alte« Pokémon-Fans anzusprechen, ein Film ist, der kritisch, distanziert und spielerisch mit Pokémon und Pokémon-Fandom umgeht. Detective Pikachu ist damit kein Film, der irgendwen von irgendwas überzeugen oder mit irgendwas konfrontieren wird, aber es ist einer, der validierend ist und Repräsentation schafft für eine Gruppe von Menschen, die im popkulturellen Mainstream ansonsten oft nur in Stereotypen und Halbwahrheiten stattfinden.

Am Ende des Films entscheidet Tim sich, in Ryme City zu bleiben und seinem Vater als Polizist nachzueifern: keine Rückkehr zu seinem pipe dream, Pokémon-Trainer zu werden, sondern ein Mittelweg zwischen dem unrealistischen Kindheitstraum und der bloß funktionierenden Versicherungs-Drone. Es ist ein angemessen reflektiertes Ende für diesen Film: Detective Pikachu zeigt, dass es — egal, was die Bill Mahers dieser Welt sagen — nicht unser Popkulturgeschmack an sich ist, der zeigt, dass wir »erwachsen« sind oder nicht, sondern wie wir mit dieser Kultur interagieren, mit welcher Distanz wie wir sie betrachten, was wir aus ihr ziehen; dass man sich weiterentwickeln, wachsen kann, ohne diesen kindlichen Sinn für Freude und Spiel und Abenteuer zu verlieren, den Pokémon für viele von uns symbolisiert. Und ganz generell bedeutet »Erwachsenwerden« für diesen Film vielleicht, seine Kindheitsträume mit der Realität abzugleichen — aber das muss nicht mit absoluter Selbstaufgabe verbunden sein; es gibt einen Weg, die unrealistischsten Ideen der eigenen Zukunft hinter sich zu lassen, und dennoch eine Form von Selbstverwirklichung zu finden. Vor allem versichert der Film uns, dass wir nicht unrealistisch oder entitled sind, wenn wir mehr vom Leben verlangen, als zwischen Dead-End-Jobs und unbezahlten Praktika zu entscheiden: Wie Tim wollen wir am Ende nicht viel mehr als genau das, was für unsere Eltern selbstverständlich war.

Was ich sagen will: Mir egal, wo die Poki-Man-Karten verkauft werden — ich wünschte, mehr Mainstream-Filme wären so klug, so reflektiert, so erwachsen.


Originally published at Sebastian Moitzheim.