Empathie statt “likeability”: Marielle Hellers Can You Ever Forgive Me?

Beim Schauen von Can You Ever Forgive Me?, Marielle Hellers Film über Autorin Lee Israel, die in den 90ern hunderte Briefe literarischer Giganten gefälscht und an Sammler verkauft hat, landete ich immer wieder bei einem Gedanken: Ich würde gutes Geld für eine Anthologie von Israels fiktiven Briefen bezahlen — ja, ich würde ein solches Buch eher kaufen als eins mit echten Briefen dieser berühmten Autor*innen.

Die Frage, ob die Welt, unterm Strich, nicht ein interessanterer Ort ist mit Israels Fälschungen in ihr, und ob das den angerichteten Schaden wert ist, stellt Can You Ever Forgive Me? recht explizit; es ist eine offensivere Idee als die ebenfalls im Film herausgearbeitete, dass Israel (zunächst) aus finanzieller Notwendigkeit, ja Existenzangst handelte, schwerer verdaulich für den Zuschauer: Can You Ever Forgive Me? will Israels Handeln nicht rechtfertigen, sondern verstehen, will der einfachen Verurteilung keine ebenso einfache Ehrenrettung entgegensetzen, sondern den Zuschauer die moralische Frage in all ihrer Komplexität sehen lassen, all ihren Facetten, den untrennbar verknüpften Fragen nach Kontext, Konsequenzen, Verantwortung und Komplizenschaft. Dennoch schafft der Film Empathie für Israel, aber auch das nicht, indem er sie likeable macht, sondern indem er aufzeigt, dass das Konzept likeability kein real nützlicher Maßstab ist: Wir müssen Israel nicht mögen, aber wir sollen sie sehen in ihrer Komplexität, ihrer Widersprüchlichkeit, ihrer Menschlichkeit.

Melissa McCarthy, als Israel, veranschaulicht effektiv die Beziehung zwischen Selbsthass und Narzissmus, zwei Spielarten derselben, um sich selbst kreisenden und oft toxischen Perspektive. Ihre Lee ist ein Arschloch, das sich weigert, zu akzeptieren, dass die Welt sich nicht um sie dreht. Einmal empört sie sich, wie viel höher der Vorschuss ist, den die gemeinsame Agentin für Tom Clancy ausgehandelt hat, für seinen „right-wing, macho bullshit“; doch die in einem Vakuum sicher nicht ganz falsche Idee, dass weiße, männliche, heterosexuelle Autoren es tendenziell einfacher haben, in der Branche zu überleben, wirkt etwas heuchlerisch: Natürlich ist Lee klar, warum ein Celebrity-Autor von Mystery-Bestsellern mehr verdient als eine Biographin obskurer Vaudeville-Performerinnen.

Doch in anderen Momenten ist Lee herzzerreißend verwundbar, fast kindlich; McCarthy ist besonders brillant in diesen Momenten, macht spürbar, wie eng abgesteckt die Parameter sind, innerhalb derer Lee ihr Selbstbewusstsein, ihre Arroganz bewahren kann: Wenn sie um das Leben ihrer Katze fürchtet, weil das Geld für Medikamente fehlt, oder unter der Anweisung von dem nächsten, was sie zu einem Freund hat, ihre völlig versiffte Wohnung aufräumt, bekommen wir ein Gefühl dafür, wie hilflos, wie verzweifelt Lee hinter der Fassade ist, wie kurz davor sie immer steht, aufzugeben.

Ähnlich gut im Spiel mit den Ambivalenzen seiner Figur ist Richard E. Grant als Jack Hock, der alternde, homosexuelle Drogendealer, mit dem Lee eine Art Freundschaft beginnt und der ihr Komplize wird. Im Grunde eine geerdetere Version seiner Rolle aus Withnail & I — inklusive einiger expliziter Anspielungen -, pendelt sein Jack zwischen bemitleidenswertem Loser und dem coolsten Typen im Raum, zwischen Lees Enabler und dem einzigen Menschen, der ihr dysfunktionales Verhalten herausfordert und, in Ansätzen, durchbricht.


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Wie die Protagonisten in Withnail & I leben Lee und Jack in ihrer eigenen, kleinen Welt, die in schäbigen Lounge-Bars und Nachtclubs und seltsam anachronistisch anmutenden Buchläden stattfindet. Hier herrschen eigene Gesetze, oder zumindest reden die beiden sich das ein: Wenn die Welt die beiden nicht will — egal, wie berechtigt das ist angesichts ihres Verhalten -, dann, so scheint die innere Logik, schulden die beiden der Welt nichts mehr. Und, ja, man kann es irgendwie nachvollziehen, wie Lee zu ihrem schiefen Moralverständnis kommt: In einer Szene versucht sie, ihre Agentin zu kontaktieren, doch ihre Assistentin wimmelt Lee ab; erst, als Lee erneut anruft und Nora Ephron imitiert1Die echte Ephron erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen Israel, um ihr zu verbieten, sich weiter als sie auszugeben., erreicht sie die Person, die für ihre weitere literarische Karriere, ihre Existenz verantwortlich ist. In der Logik eines hinreichend gekränkten Verstandes ist es vielleicht kein großer Schritt von diesem relativ harmlosen und schnell aufgedeckten Betrug zu Lees gefälschten Briefen; aus ihrer Perspektive schlüpft Lee weiterhin in die Rolle berühmterer Autoren, um sich Gehör zu verschaffen, Aufmerksamkeit für ihr Schreiben zu gewinnen, für das sie weiterhin einen perversen Stolz aufbringt: Sie ist gekränkt, als Jack impliziert, dass ihr Teil der Arbeit — nachdem Lee als potenzielle Betrügerin in den Buch- und Sammlerläden auffliegt, muss Jack den tatsächlichen Verkauf übernehmen — von jedem mit dem richtigen Equipment und ausreichend Geduld ausführbar sei. Es scheint erstmal absurd, dass Lees Handeln moralisch eher zu rechtfertigen wäre, weil ihre Fälschungen gut waren, doch natürlich ist das einer der Gründe, warum Lees Geschichte interessant für uns ist (und warum ich gerne Reproduktionen ihrer Briefe besitzen würde).

Doch das kluge Skript von Nicole Holofcener und Jeff Whitty entschuldigt Lees Verhalten nicht, läutert sie am Ende nichtmal, nicht wirklich: In den abschließenden Worten in ihrer Gerichtsverhandlung gibt Lee offen zu, dass sie ihren Betrug nicht bereut, ja mit den Briefen zum ersten Mal seit langem etwas produziert hat, worauf sie wirklich stolz ist; dennoch seien ihre Verbrechen „es nicht wert gewesen“, und sie habe realisiert, dass sie „keine richtige Autorin“ sei. Es ist ein perfekt geschriebener, kleiner Monolog, gerade weil er so ungeschliffen ist, so widersprüchlich wie Lee selbst: erfrischend in seiner Direktheit, seiner Schamlosigkeit; frustrierend in Lees Unwillen, den letzten Schritt zu gehen, sich wirklich zu verändern.

So sind auch die letzten Szenen seltsam ambivalent: Lees Versprechen, als Auflage ihrer Bewährung auf Alkohol zu verzichten und zu AA-Treffen zu gehen, wird einen Schnitt weiter unterwandert, als Lee einem solchen Treffen fernbleibt, um sich ein letztes mit dem an AIDS sterbenden Jack zu treffen, in derselben Bar wie immer, mit dem gleichen Drink in der Hand. Sie bittet Jack um Erlaubnis, in ihrem geplanten Buch über die Verbrechen über ihn schreiben zu dürfen, und beide — nachdem Jack mit dem FBI kooperiert hatte, um Lee zu überführen, hatten die beiden keinen Kontakt mehr — entschuldigen sich, oder, naja, was bei ihnen so dafür durchgeht; aber sich einzugestehen, dass sie einander brauchen, soweit gehen sie dann doch nicht, und dieses wahrscheinlich letzte Gespräch der beiden endet damit, dass Lee zugibt, dass sie den Impuls hatte, dem schwer kranken Jack ein Bein zu stellen, und dann beleidigen die beiden einander ein letztes Mal, liebevoll, aber schon irgendwie so gemeint. Das ist berührend, auf seine Weise, aber genauso gut wie als versöhnliches Ende lässt es sich als ein Rückfall in dysfunktionale Verhaltensmuster lesen.

Am Ende arbeitet Lee, ein neues Kätzchen kraulend, an ihrem Memoir; als sie entdeckt, dass ein Sammler-Laden weiterhin einen ihrer gefälschten Dorothy-Parker-Briefe verkauft — und der Besitzer sagt, niemand könne schreiben, wie Parker — schreibt Lee ihm einen wütenden Brief in der Persona der längst verstorbenen Parker, und der Besitzer überlegt einen Moment lang, den Brief aus dem Verkauf zu nehmen — entscheidet sich aber dagegen. Der Film endet also mit einem weiteren Ausdruck von Lees seltsamer, heuchlerischer Moral: Natürlich hat sie Recht, dass sie und Jack nicht die einzigen an diesem Betrug beteiligten Parteien waren, dass die Käufer der Briefe, die schlampig oder nur halbherzig die Authentizität überprüften, eine Teilschuld tragen — wie die letzte Einstellung, in der der Verkäufer den Brief zurück ins Schaufenster stellt, ironisch unterstreicht; doch man kommt kaum herum, zu notieren, dass Lee noch vor kurzem wohl stolz gewesen wäre, einen ihrer Briefe in einem Schaufenster zu sehen. Heller, Holofcener und Whitty lassen uns nicht mit einer einfachen, eindeutigen Resolution davonkommen: Ihre Lee Israel ist kein missverstandenes Genie und keine geläuterte Sünderin; aber es ist unmöglich — besonders als so mittelerfolgreicher Autor -, in ihrer Frustration, ihrer Enttäuschung, dass die Versprechen ihrer Jugend nicht eingelöst wurden, nicht ein Bisschen von sich selbst wiederzuerkennen, und so verlässt man Can You Ever Forgive Me? mit vielen unbequemen Fragen, mit einer Frustration, aber auch einem gewissen Respekt für eine Hauptfigur, die vielleicht nicht getan hat, was sie tun musste, aber halt etwas getan hat, um zu überleben, und um der Welt, durch die Hintertür, vielleicht doch noch etwas zu hinterlassen. Und, vielleicht, mit dem Bedürfnis, Lees fragwürdiges „Werk“ selbst zu lesen.


Originally published at Sebastian Moitzheim.