Der Grund für ein Fest: 50 Jahre 5 Axiome #PaulWatzlawick reloaded: Feste Gründe

PROLOG | Alois Huber hat Tina Piazzi und Stefan M. Seydel im Herbst 2016 an die Fachhochschule Burgenland eingeladen, über die Bedeutung von Paul Watzlawick für die Soziale Arbeit nachzudenken. Vortrag und Workshop wurden unter dem Titel “Paul Watzlawick und das Weh!Weh!Weh!” verhandelt. Die Dokumentation dieses Prozesses ist im Zettelkasten dissent.is offen zugänglich abgelegt: Text, Audio, Making Of etc. Aktuell arbeiten wir an einer Erweiterung der 5 Axiome auf 9. Der Beitrag erscheint im Herbst 2017 in einem UTB-Band. Die Entwicklungen werden im Zettelkasten und Twitter abgelegt: #PaulWatzlawick @sms2sms Der Text wird 3 Teile haben:

#PaulWatzlawick Reloaded
1) Hermeneutisches #PaulWatzlawick verstehen
2) Die 3 x 3 Axiome der Grossenkel von #PaulWatzlawick
3)
Das Manifest der Ordnung durch Computer

Wonach Paul Watzlawick vor 50 Jahren mit seinen 5 Axiomen auf die Suche ging? — Heute beginnen wir es leichter zu erahnen. (so?)

Ende März 2017 jährt sich der Todestag von Paul Watzlawick zum 1o. Mal. Wer sich auch nur ein bisschen mit “Kommunikation” beschäftigt, lernt schnell seinen Namen kennen. Und damit auch jene 5 Sätze, welche so oft erklärt und so gründlich zerklärt worden sind. Aber: Präzis um Klärungen ist es Paul Watzlawick gar nicht gegangen. Er interessierte sich um Formen, Störungen, Paradoxien. So auch wir. Hier:

Die 5 Axiome von Paul Watzlawick

EINFüHRUNG | Vor genau 50 Jahren — 1967 — notierte sich Paul Watzlawick und sein Team die danach rasch weltweit berühmt gewordenen 5 Axiome. Die drei Autoren von “Pragmatics of Human Communication: A Study of Interactional Patterns, Pathologies, and Paradoxes” suchten nach einer Metakommunikation.

Das Problem? Wenn wir über Sprache sprechen — also darüber reden, wie wir miteinander reden — sprechen wir und reden miteinander. Das ist das Problem!

Dieser Durcheinander faszinierte Paul Watzlawick. Und er interessierte sich dafür, ob es eine andere Möglichkeit geben könnte. Dem Vorbild der Mathematik folgend, notierte er sich, woran er erkennen könnte, dass eine Metakommunikation gefunden worden wäre:

  1. Es müsste etwas Anderes sein als Sprache.
  2. Dieses Andere müsste so präzis sein wie ein Kalkül.

Wenn Mathematiker miteinander über Mathematik sprechen wollen, dann plappern sie einfach drauf los. Sie nutzen die Sprache — meistens wohl Englisch — um sich über ihr tun zu verständigen. Paul Watzlawick wollte das auch können. Mit Sprache.

Paul Watzlawick war ein grossartiger Geschichtenerzähler. Er kompilierte die frischesten Ideen seiner Zeit. Er arbeitete weniger interdisziplinär, als umstandlos transdisziplinär. Und gerade damit brachte er die Elemente für das zusammen, was in jenen Tagen so bitter nötig schien: Ein Paradigmenwechsel. Ein Wechsel von einem linear-kausalen, maschinell-mechanischen Weltbild, auf ein prozessual-systemisches, sozial-ökologisches, kybernetisches Bild von der Welt. Das schien nicht nur angemessen, das schien nötig. Und zwar dringend.

Paul Watzlawick stellte die bisherigen Annahmen von “menschlicher Kommunikation” vom Kopf auf die Füsse:

Vor Paul Watzlawick wurde angenommen, dass Menschen kommunizieren, damit sie sich verstehen. Friedemann Schulz von Thun führte diese Tradition mit seinen “Vier Ohren” weiter.
Nach Paul Watzlawick müssen wir uns “menschliche Kommunikation” als einen komplexen Vorgang vorstellen. Menschen kommunzieren, weil sie sich nicht verstehen. Weil sie sich nicht verstehen können.

Diese Umstellung hat dramatische Konsequenzen. Diese Umstellung ist so gravierend, dass wir sie vielleicht erst jetzt zu erahnen bereit sind, wo wir so ganz anders kommunzieren: Viele (zur gleichen Zeit) mit Vielen. Zum Beispiel. Wer hätte gedacht, dass noch während Paul Watzlawick an seiner mechanischen Schreibmaschine sass und stundenlang telefonierte, die Elektrizität in die “menschliche Kommunikation” eingefahren ist wie der Blitz? Unter euphorischer Anteilnahme der Menschen. Nicht zuletzt der Kinder.

Vielleicht sah Paul Watzlawick genau darum so präzis in die kommunikative Zukunft, weil er sich den Hypes seiner TecNerdKollegen — allen voran Heinz von Förster, ein Professor für Fernmeldetechnik — entzogen hat? Paul Watzlawick legte sich selbst keinen Computer zu. Er scheint überhaupt computer-vermittelte Kommunikation gar nicht beobachtet zu haben.

Uns ist diese Grundhaltung heute verwehrt. Aber in einer anderen Sache wollen wir es ihm gleich tun: Wir nehmen die 5 Axiome radikal hemmungslos noch einmal auf und konstruieren uns diese 50 Jahre später neu. Wir versuchen nachzuvollziehen, was er verstanden hat. Und suchen nach Formulierungen, welche uns einen praktischen Unterschied machen. Wir versuchen damit jene Fragen freizulegen, welche den Weg zu dem, was er für nötig befand — die Entwicklung einer Metakommunikation für “menschliche Kommunikation”— wiederum zu ermöglichen.

Wir sprechen von einer “konstellatorischen Kommunikation”. Wir nennen es #medienlǝsɥɔǝʍ. Und so rufen wir in den Raum. Und warten das Echo ab.

1. Axiom — “One cannot not communicate.”

Dieser Satz kennt heute jedes Kind: “Man kann nicht nicht kommunzieren.” Leider meinen auch die Eltern, dass sie den Satz verstanden haben. Wer nichts sagt, sagt viel. Mamma schreit ins Obergeschoss: “Hast du deine Hausaufgaben gemacht?” — Stille im Haus. Alles klar? Meistens. Bloss:

Im 1. Axiom von Paul Watzlawick geht es um etwas gänzlich anderes.

Wenn du wissenschaftlich ambitionierte Forschung machen willst, musst du zuerst deine Wörter klären. Deine Instrumente putzen. Deine Verfahren bestimmen.

Mindestens war das damals noch so. Vor 50 Jahren. Paul Feyerabend rief zwar wenig später — 1975 — “Anything goes”. Aber er bezeichnete damit ja insbesondere das, was eben nicht geht: Nämlich alles, was nicht geht.

Das was geht, geht. Das was nicht geht, geht nicht.

Der Methodenzwang ist eine Einladung, Methoden zu prüfen, auszuprobieren, sich den Problemen zu stellen und zu gucken, was geht. Was dem Problem angemessen ist. Was passt.

Das kontraintuitive Denken — die Negation einer Unterscheidung stets mitzudenken — das hat nicht Niklas Luhmann erfunden. Er war vielleicht der virtuoseste im Umgang damit. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass auch er sich intensiv mit Kommunikation beschäftigt hat. Wie Paul Watzlawick. Bloss ganz anders. Will sagen:

Um sich auf die Forschung nach einer “Metakommunikation” zu machen, baute Paul Watzlawick sich einen Beobachtungsgerüst, klärte seine Annahmen, bestimmte seine Arbeitsweise. Und weil er sich Mathematik zum Vorbild nahm, finden wir immer wieder Wörter und Vorstellungen aus der Welt der Mathematik. Und wohl auch darum nannte er seine 5 Sätze Axiome. Und nicht 5 Annahmen, 5 Prämissen, 5 Thesen. Oder so.

“One cannot not communicate.”

#PaulWatzlawick lässt seine fünf grundlegenden Annahmen zur “menschlichen Kommunikation “— seine 5 Axiome — mit einem “One” beginnen. Symbolischer geht es gar nicht. Den drei Autoren zu unterstellen, diesen grandiosen, mehrdeutigen, sprachlichen Clou am Anfang ihres Anfangs übersehen zu haben: das wäre eine Beleidigung. Nein: eben noch war alles nichts. Null und nichts. Wüst und leer. In vielerlei Hinsichten. Paul Watzlawick wurde durch wüste Kriege durch die Welt gespült. Und er musste mit anhören, wie namentlich bekannte Menschen in Nürnberg vor Gericht standen und sagen konnten, dass sie sich keiner Schuld bewusst sein können. Sie hätten lediglich Befehle ausgeführt. Das System sei schuld. Nicht aber sie. — Schluss mit solchem Unfug. Seine Annahme von “menschlicher Kommunikation” mussten gänzlich anderen Massstäben genügen: “One!”

“Draw a distinction” hat der zeitgleich arbeitende Mathematiker George Spencer-Brown in seine Notizbücher geschrieben. Ohne dieses Eine, welches sich als ein Etwas — und nicht etwa das Gleiche — in Szene setzt und für Wahr nimmt, ist nicht nichts, aber alles unterschiedslos gleich. — “Draw a distinction!” — Wenn aber eine Unterscheidung gemacht ist — wenn dieses eine durch Unterscheidung von einem Anderen in “die Welt” gekommen ist — kann es nicht mehr zurück. Die Türe zum Paradies der Unterschiedslosigkeit — um an einer für unseren Kulturraum ältesten Vorstellungen von der Schöpfung der Welt anzuknüpfen — ist verschlossen. Die Frucht des Baumes der Erkenntnis wirkt. Ewiglich. Es kommunziert. Mit mir. Um mich herum. Wegen mir. Gänzlich ohne mich. Dieses “One” ist. Ist im Austausch. Wäre ohne Austausch nicht. “One cannot not communicate.” Es kommunziert. In community. Dieses Eingesponnen-sein ist furchtbar fruchtbar. Es mehret sich und machet sich die Welt untertan. Und will kein Ende haben. Ganz im Gegenteil.

Das erste Axiom, die erste Annahme, der Anfang des Anfangs beschreibt nichts weniger, als den ersten elektrischen Blitz, den Urknall, die Schöpfung. die Schöpfung menschlicher Kommunikation. Die Entstehung des Menschen selbst. Die Auferstehung des Menschen aus dem Nichts. Und es wurde Abend. Und es wurde Nacht. das 2. Axiom.

Wir haben uns das erste Axiom mit: “Man kann nicht nicht unterscheiden” übersetzt. Wir übersetzen — interpretieren, arrangieren, kuratieren — alle Axiome anders als im Original. Anything goes.

2. Axiom — Man kann nicht nicht beobachten.

#PaulWatzlawick macht unerbittlich, messerscharf, streng digital — um eine Definition zu nutzen, welche er später machen wird — weiter. Er beschreibt die Herausforderung des zentralen Gedankens des 2. Axioms bereits im ersten Kapitel seines Buches ausführlich. Und er expliziert dort auch — in Kapitel 1.5 um präzis zu sein — dass es sich hier um ein Problem handelt, welches sich durch die gesamten Überlegungen durchziehen wird. Wir heute aber haben ein ganz anderes Problem: Wir haben das Problem, dass der Zugang zum Problem verschüttet ist. Massiv. Vielleicht sogar verbetoniert.

Schulz von Thun erzählt in seinem Band 1 seines Bestsellers “Miteinander reden” wie er 1970 einen Auftrag erhalten hat. Und er bezieht sich für die Bearbeitung des Auftrags explizit auf Paul Watzlawick. Und noch mehr: er lehnt auch seinen Buchtitel bei Paul Watzlawick an:

Friedemann Schulz von Thun: “Miteinander reden: Störungen und Klärungen”
Paul Watzlawick: “Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien”

Es muss auffallen, was sich so dramatisch auswirkt und so zentral den Zugang zum 2. Axiom verschüttet: Schulz von Thun geht es um Klärungen im Unterschied zu Paul Watzlawick, welcher sich um Formen und Paradoxien interessiert.

Notieren wir Kurzes über die klärenden “Vier Ohren”. Schulz von Thun weist darauf hin, dass jede Mitteilung einen Inhalts-, Beziehungs-, Selbstoffenbarungs- und Appellaspekt in sich trägt. Das ist — wenn es um Klärungen geht — eine Klärung. Es leuchtet zudem jedem Kind ein, dass wir es Metakommunikation nennen, wenn wir unser gegenüber fragen was denn gemeint gewesen sei, wie gesagt wurde, dass ich ein netter sei: Ob es sich dabei um die Anfrage um ein Date handelt oder eben gerade um das Gegenteil. Immerhin: als nett bezeichnet zu werden, ist selten freundlich.

Im Sinne des zweiten Axioms von Paul Watzlawick — aus dessen Einführungen Friedemann Schulz von Thun den Begriff Metakommunikation bezogen hat — hat ein solches Gespräch mit Metakommunkation nun wirklich gar nichts zu schaffen. Mit Betonung auf Nichts. Gar nichts.

Paul Watzlawick nutzt die Zeichenkette Metakommunikation für “den Begriffsrahmen (welcher ein) Kommunikationsforscher gebrauchen muss, wenn er mit anderen über Kommunikation kommunzieren will”. Das hat mit Klärungen zwischen Menschen, welche miteinander reden nichts zu tun. Aber. Immerhin. In der nötigen Knappheit ist geschafft, das Problem zu wiederholen. Paul Watzlawick sucht nach einem Weg zu einer Metakommunikation. Und dazu hat er fünf Axiome notiert. Wir sind erst beim Zweiten. Wir erinnern uns an den Ersten:

Jenes ONE aus dem ersten Axiom, ist durch Unterscheidung von einem anderen ONE entstanden: das Eine, nicht ohne das Andere. Diese Ebene lernen wir nun im zweiten Axiom als “Inhaltsebene” zu bezeichnen.

Mit der Akzeptanz dieser Definition, sind wir aber bereits am Beobachten. Es geht gar nicht anders. Die Unterscheidung steht unter Beobachtung. Wir hätten auch anders unterscheiden können. Wir können das Kommunizierte nicht nicht beobachten.

Und noch mehr: Wir können nicht wissen, was die andere Seite der Inhaltsebene beobachtet. Es entsteht — so will es das zweite Axiom — also eine dritte Position. Paul Watzlawick bestimmt, dass wir es “Beziehungsaspekt” nennen. Der Beziehungsaspekt kann von der Inhaltsebene aus nicht bestimmt werden. Es ist die Position der mitlaufenden Beobachtung mit welcher wir zu rechnen haben. Es handelt sich um eine mitentscheidende Beobachtung der Beobachtung, welche entscheidet.

Das gleicht der klassischen Black-Box wie es Heinz von Foerster definiert hat. Genau darum notiert Niklas Luhmann mit Ausrufezeichen — was bei ihm selten vorkommt — Nie wieder Vernunft! Im Original heisst das 2. axiom: “Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei letzterer den ersten bestimmt.”

Für Jetzt, genug. Aber nicht ohne zu erwähnen, was auch Paul Watzlawick an dieser Stelle notierte: Dieser Punkt wird uns weiter beschäftigen.

Festzuhalten gilt: Wenn wir in der Kommunikation zwischen Menschen sensibel sind auf die verschiedenen Aspekte einer Mitteilung — Beziehung, Inhalt, Selbstoffenbarung, Appell, dann wird Verstehen wahrscheinlicher, Verständnis möglicher, Missverständnisse weniger, Unverständnis seltener. Das ist auch erfahrungsgemäss so. Und darum brauchen wir uns gegen diese Klärung durch Friedemann Schulz von Thun auch nicht grossartig zu wehren. Bloss: Erstens: In der Interpretation von kanalreduzierten, computervermittelten Short-Messages klären “Die Vier Ohren” völlig ungenügend. Und zweitens — und hier wichtiger: um jedwede Art von Klärungen dieser art, das — und präzis das, war eben gerade nicht der Punkt von Paul Watzlawick. Ganz im gegenteil:

Paul Watzlawick erzwingt mit seinem zweiten Axiom, dass wir uns Kommunikation, nicht als einen komplizierten Vorgang, sondern als einen komplexen Vorgang, anzunehmen haben. Und das wird dramatische Auswirkungen zeitigen. Es ist ein Untergang einer ganzen Welt. Ein Paradigma wird pulverisiert. Eine Vorstellungswelt, welche sich die Welt als eine dampfende, quitschende, explodierende Maschine vorgestellt hat ist granularisiert. Jetzt geht es anders weiter.

3. Axiom — Man kann nicht nicht handeln.

Das dritte Axiom — der dritte Satz — macht eine eine dritte Setzung. Streng folgend auf die Zweite, welche ihrerseits streng auf die Erste folgte. Das Vorbild für #PaulWatzlawick war Mathematik. Das Ziel, Grundlage für eine Metakommunikation schaffen. Das dritte Axiom ist vergleichweise einfach zu verstehen: Wenn wir uns die Welt als eine Maschine vorstellen, können wir uns daneben stellen und zugucken wie es dampft. Und wenn was schief läuft, rufen wir: Die Maschine wars. Die böse Maschinerie. Ich jedenfalls nicht. Mit dem dritten Axiom von Paul Watzlawick geht das nicht mehr. Es ist bezeichnend für Paul Watzlawick, dass nicht er, sondern Heinz von Foerster — der Professor für Fernmeldetechnik — den ethischen Imperativ formulierte. Weil nun aber angenommen werden soll, dass man nicht nicht unterscheiden, nicht nicht beobachten und nun auch noch nicht nicht handeln kann, es also gar nicht anders gehen kann, als eine Interpunktion zu machen und darauf zu reagieren, soll hier im Stil von Paul Watzlawick einfach zwei illustrierende Geschichten erzählt werden:

Der Name des ersten Chefs von IBM — thomas watson — gab dem aktuell heisseste Teil von IBM seinen namen. IBM dot com Slash Watson. Auch wenn bekannt ist, dass es keinen kostenlosen Lunch gibt, wird kostenlos ein flaches, unverknüpftes, Excel-Sheet — sagen wir: eine Kundendatenbank — an den Detektiv Watson übergeben. Und wenige Sekunden später fragt die “intelligente” Software, was gewusst werden will. Vielleicht: “Welche Kundengruppen hat mein Unternehmen?” Oder: “Wer bestellt am Häufigsten?” Oder was auch immer. Die Software rechnet. Und rechnet. Und rechnet. Und wird bald selber Korrelationen zusammenstellen, auf welche kein Mensch von selbst gekommen wären. Ja. Das hängt auch damit zusammen, dass ein Computer frei von allen menschlichen Präferenzen rechnet. Ein Rechner rechnet — nicht nur im Schachspiel — mehr und schneller mögliche Positionen und deren Konsequenzen für daran anschliessende, andere Positionen durch, als ein Mensch es könnte. Aber nicht nur das: Die Beobachterposition sieht bekanntlich stets mehr, als man selbst. Und das stimmt halt auch, wenn ein Computer beobachtet. — Ok! Vielleicht zugänglicheres Beispiel?

Menschen haben bekanntlich das Problem, dass sie sich selbst nicht sehen können. Die Augen sind so merkwürdig verbaut, dass sie ausgerechnet das eigene Gesicht, das letztmöglichst zu verhüllende Körperteil eines Menschen, nicht sehen können. Das hat schon immer genervt. Selbst im prähistorischen Museum finden sich Zeugnisse davon, wie sich Menschen von ihrem eigenen Körper versucht haben ein Bild zu machen.

Und dann kommt eine neue Technik und die Menschen reagieren und fotografieren sich selbst. Täglich. Mehrmals. Ständig. Bei allem was sie tun. mit Betonung auf Alles. Und jetzt ist es besonders aufschlussreich zu beobachten, wen das nervt.

Wer lästert am lauthalsigsten über dieses idiotische, debile, egomanische, irre Verhalten? Das grandiose ist ja, dass ausgerechnet jene, welche von mangelnder Medienkompetenz reden, übersehen, dass selfies-machen die genialste aller Übungen im Umgang mit Medien sind. Wer selber Bilder macht, weiss, wie unendlich voraussetzungsreich ein tolles Bild ist. Wenn Bildermachende ein tolles Bild sehen, wird unmöglich übersehen, wie gewollt, wie gemacht, wie gekonnt dieses Bild ist. Wer Medienkompetenz propagiert, sollte selfies-machen verschreiben, wie andere lebensrettende Medikamente. Dem Bild zu misstrauen, hat Tradition in unseren Breitengraden. Wir versuchten es schon einmal mit einem Sturm auf die Bilder. Heute erkennen wir Medienkompetenz daran, dass nicht auf das gezeigte geschaut wird.

Das eine Beispiel wollte daran erinnern, dass Computer Informationen aus dem Feld der Emergenz zerren. Ununterbrochen. Ständig. Stetig. Sie haben erst gerade damit angefangen! Das andere Beispiel wollte daran erinnern, dass es zur Grundlegenden Kompetenz menschlicher für Wahr nehmung gehört, dem Gezeigten zu misstrauen. Traditionell. Ständig. Stetig. Wir lernen es in diesen Tagen gerade aufs Neue. In beiden Fällen geht es um die Würdigung der Komplexität von “menschlicher Kommunikation” und unserer prinzipiellen Unmöglichkeit, uns dazu nicht handelnd zu verhalten.

4. Axiom — Die Reaktion ist digital oder analog.

Die Worte “Digital” und “Analog” feiern derzeit in riesiges Revival. Aber wie schon das Wort “Metakommunikation” schon wieder nicht so wie dies Paul Watzlawick vorgeschlagen hat.

Digital meint: Eins, Null. Ein, Aus. Ja, Nein. Ein bisserl schwanger geht nicht.

Oder um es mit den Kategorien des Tetralemmas zu sagen: (1) Das Eine (2) Das Andere (3) Beides (4) Keines von Beidem. Digitale Kommunikation ist eindeutig, präzis, klar.

Die fünfte Position, welche uns das Tetralemma anbietet, soll hier mit dem identifiziert werden, was Paul Watzlawick “Analogkommunikation” genannt hat: (5) “All dies nicht und selbst das nicht.” Analogkommunikation ist unklar, mehrdeutig, ambigue. Dirk Baecker fragt in seinem ersten Entwurf für eine Theorie der Digitalisierung nach einer Kurzeinführung zu Paul Watzlawick: “Ist diese Analogkommunikation die Domäne des Menschen im digitalen Zeitalter?”

5. Axiom — Die Dynamik ist symmetrisch oder komplementär

Während das vierte Axiom die Möglichkeit der Reaktion beschrieben hat, beschreibt das fünfte Axiom die Dynamik der Reaktion. Paul Watzlawick bestimmt zwei klare Typen: symmetrisch und komplementär.

Wenn Kommunikation symmetrisch ist, baut sie linear auf einer Reaktion auf. Paul Watzlawick erwähnt das Beispiel des prahlens: Ich prahle. Du prahlst. Ich prahle mehr. Du prahlst mehr. Ich übertreibe. Du übertreibst. Ich übertreibe mehr. Gleich prügeln wir uns.

Wenn kommunikation komplementär ist, zielt die Reaktion ins präzisest mögliche Gegenteil: Meine Faust rast auf meinen Gegner zu. Und dieser packt meinen Arm, nutzt meine Energie, zieht mich zu sich und schlägt meinen ganzen Körper über den seinen gedreht auf den Rücken…

Komplementäre Positionen schliessen sich gegensätzlich so präzis aus, dass sie sich bedingen. Hier könnte das von Friedemann Schulz von Thun gerettete Werte- und Entwicklungsquadrat erwähnt werden: Symmetrische Kommunikation neigt dazu, ein Verhalten, eine Reaktion, eine Aktion in die Übertreibung und damit in den Zerfall, in die Selbstzerstörung zu treiben. Ausser es gelingt, eine komplementäre Position zu (er)finden und diese in spannender Spannung zur symmetrischen Gegenposition zu halten. Aber das wäre ein anderes Thema.

Im fünften Axiom geht es also darum, die fortschreitende Veränderung, die Prozesse von Gleichheit und Unterschiedlichkeit, die Eigendynamik dieses Geschehens zu erfassen. Das vierte und das fünfte Axiom könnten — so gesehen — als das gezeigt werden, was wir leben nennen: Wenn die Reproduktion eines Systems aus sich selbst heraus gelingt. Hier ginge das Fenster auf, darüber nachzudenken, wie weit entfernt die Computer davon sind, ihre Existenz als Computer selbst zu reproduzieren. Dass sie in der Lage sind, sich selbst zu beobachten und Anweisungen zu geben, wie sie verbessert werden können: Das scheint heute bereits gegeben zu sein. Science Fiction, ist keine Fiktion mehr. Auch das wäre ein eigenes Thema.

/end

unverarbeitete Notizen (Stand 11. Dezember 2016)

Vor 50 Jahren konnte Paul Watzlawick erkennen, dass eine neue Vorstellung von Kommunikation notwendig geworden ist. Er ging von “Menschlicher Kommunikation” aus. Für die prozessual-systemische Tradition von Sozialer Arbeit, lässt sich daran leicht anschliessen:

Soziale Arbeit ist Arbeit am Sozialen. Und nicht an Körpern oder Psychen. Was das Soziale ist? “Kommunikation”. Was “Kommunikation”? 
— Wir sagen:

1) Man kann nicht nicht unterscheiden.
2) Man kann nicht nicht beobachten.
3) Man kann nicht nicht handeln.
4) Eine Re:Aktion ist digital oder analog.
5) Die Dynamik ist symmetrisch oder komplementär.

Unfertige Nachträge:

Link zum Originalvortrag an der FH Burgenland, Eisenstadt

<<Kompliziert>Komplex<

In nur drei Sätzen, legt Paul Watzlawick einen festen Grund. Die Chance auf Kompliziertheit ist verbaut, abgeschlossen, ausgeschlossen.

Schon die Aufklärung, hat “den festen Grund” in der Prozessualisierung von Wissen verlegt. Und das haben die Aufklärer wohl noch in der Klosterschule gelernt. Matthäus 7, 24–27, Lukas 6, 47–49. Das Haus, soll auf festen Grund gebaut werden. So der jedem Ingenieur einleuchtende Ratschlag. Was aber “das Gleichnis” bezeichnet, ist nicht “Christus”. Und nicht Jesus. Und auch nicht Petrus, der Fels.

Bereits die Regula Benedicti legte die Basis für ein konstruktives Zusammenleben, für einen Umgang mit Dissens.

(…)

Systemisch Strukturaufstellungen als Metakommunikation

Dieser Gedanke fasziniert uns aktuell am Meisten. Wir verfolgen dabei die These, dass Soziale Arbeit (und die damit verbundenen Hilfsprozessplanungen) schon immer mit Komplexität “rechnen” musste, im Schatten des Ingenieurismus (und des unattraktiven Zielpublikums) aber unerkannt blieb und dass diese Methoden heute auf dominant gesetzt werden könnte. Ein rascher Zugang bieten die Entwickelten Beispiele rund um Twitter: Vergl. dazu auch: Twitter war kein SMS an viele. Ganz im Gegenteil. Sowie: Anderes anders machen. Oder direkt: “Die Form der Unruhe”, Band 2, 2010, Junius-Verlag Hamburg. Auf diesem Büchlein basieren alle diese Entwicklungen.

Stefan M. Seydel
(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin.

Unternehmer, Autor, Künstler.

Ausstellungen u. a. in der Royal Academy of Arts in London, Deutsches Historisches Museum Berlin, Cabaret Voltaire Zürich. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von „Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich. http://dfdu.org AG