Was war die Idee des besseren Arguments? #ScriptedCulture 1 (Eine Skizze)

Dr. habil. Christian Demand, Merkur Magazin, 5. April 2018, ZhdK, instagram.com/sms2sms

Die suprkrze Geschichte des besseren Argumentes:

Sie kam auf. (Die Idee des besseren Argumentes.)
Sie war scheu wie ein Reh.
Und im Moment der Möglichkeit zum grösstmöglichen Erfolg — mit dem Aufkommen des Weh!Weh!Weh!— verschwand sie für immer. 
(Für immer? — Nein. Aber jetzt geht es eh anders weiter ;-)

Zack! Das war sie. Die ganze Geschichte. Die ganze, die ganz kurze, die superkurze Geschichte des besseren Argumentes.

(Erste Lesung als Soundfile: 15min)

Chronologie einer Gesprächsreihe (aufsteigend)

[Textsorte: Traum, Bekenntnis]

Um mit dem Ende zu beginnen:

Es war wohl Jürgen Habermas, welcher sich noch als aller letzter irritationslos getraute zu fordern, dass “das bessere Argument” zwingend zu gewinnen habe. Er träumte den wunderbaren Traum eines herrschaftsfreien Diskurses. (Ok. Ich auch. Ich nenne es Anarchie. In der Tradition von Peter Heintz oder Mani Matter oder… Aber das wäre jetzt ein anderes Thema.)

Der Gute — der Habermas, Jürgen — hatte ja in einfach allem so recht. Ausser vielleicht, dass der Holocaust eben nicht die Abwesenheit der Idee-Logik von Neuzeit, Aufklärung, Moderne war, sondern dessen radikale Umsetzung. Das hat ihm offenbar Zygmunt Bauman ergebnislos zu erklären versucht.

Kurzum: Es ist fotografierbar, dass sich der Verlauf der “Sozialen Welt” so rein gar nicht um die wertvolle Gedankentradition aus dem Institut für Sozialforschung gekümmert hat. Und weil Soziologie sich sehr bewusst scheint, dass ihr denken sehr lokal sei, liesse sich vielleicht sagen: “Gewonnen hat Frankfurt die Moral, Bielefeld alles Andere.” Jetzt geht es eh anders weiter:

#medienlǝsɥɔǝʍ (Vom #Buchdruck zum #Computer)

Um (auch noch) mit dem Anfang zu beginnen:

Anfänge und Enden sind Interpunktionen (Heinz von Foerster). Wenn ich also jenes Ende beschreibe und nun einen Anfang inszeniere, dann hoffe ich, eine Serie von Unterscheidungen zum Aufscheinen bringen zu können, welche einen “Praktischen Unterschied” machen.

Lassen Sie mich “Das Soziale” als eine Unterscheidung von biologisch/physischem einerseits und psychischen Prozessen andererseits auffassen. Vielleicht wollen Sie sich diese Vorstellung als drei sich ein wenig überschneidende Kreise vorstellen? Die drei “Bereiche” bedingen sich gegenseitig. (Ohne die beiden je Anderen, wäre das Eine nicht.) Sie beeinflussen sich gegenseitig auch, aber determinieren einander eben nicht. (Wenn ich arm dran bin, ist das zwar besser, als wenn der Arm weg ist: In meiner Psyche ändert sich derweil nichts: Es fühlt, es denkt, es jammert.)

Die Psyche reiht unterbruchslos Gedanken, Gefühle, Empfindungen hintereinander. Das Bio/Physische steht in stetem (irgendwelchem) Stoffwechseln unterbruchslos im Austausch. (Ich habe keine Ahnung wie das geht. Aberu. )— Und schliesslich “Das Soziale”?

— Naja. Eben: “Es kommuniziert.”
Was?
 —Naja. Eben. “Das was kommuniziert.” 
Aha…

Um nun auch hier die Geschichte möglichst kurz zu halten: 
So erklären sich die Menschen in unserem Kulturkreis noch nicht sehr lange das, was sie als wahre, wirkliche, reale Welt erleben. Es sind Gedanken, Ideen, Unterscheidungen, welche in einer bestimmten — hier noch näher zu bestimmenden — Tradition stehen und in einer Abfolge von kollektiven Erlebnissen über hunderte von Jahren hinweg entstanden sein mögen. Diese sind keineswegs “alternativlos ”, auch nicht besser als andere Vorschläge — hoffentlich auch nicht schlechter — jedenfalls aber Anders.

Und eben: Mit der damit verbundenen “Hoffnung”, dass diese Erzählungen “Praktische Unterschiede” generieren können.

Immerhin: Es geht darum, dass wir “spüren”, dass gänzlich neue Herausforderungen “in den Sozialen Raum” eingetreten sind.

(Ja! Ja! Metaphern sind immer falsch. Aber selber denken, macht einfach auch sehr viel mehr Spass. Sapere aude.)

EINSCHUB — Was mir an dieser Metapher (der drei Kreise) so gefällt?

Ich kann es einem Kind erklären und wenn es später an die Uni kommt, lassen sich tonnenweise gscheite Bücher finden, welche daran anschliessen, differenzieren, konkretisieren. So:

Wenn Grossmutter nun gestorben ist, und wir sie in jenem Sarg in das tiefe Loch gelegt haben, dann wissen wir nicht, in welchem Moment sie ihre eigenen Gedanken nicht mehr für Wahr genommen hat. Aber wir wissen, dass ihr Körper unter der Erde wiederum zu dem wird, was dieser die ganze Zeit war: Ganz viel Wasser. Ihr Körper gleicht einem Apfel im Kompostkübelchen auf dem Balkon: Es schrumpelt, fault, modert. Und bald freuen sich Blümchen, Gemüse, ganze Bäume über frische, reichhaltige, wundervolle Erde…

Nein. Ich weiss nicht woher ich komme. 
— (Und jene, welche es behaupten zu wissen, sind mir suspekt.)
Nein. Ich weisse nicht wohin Grossmutter gegangen ist.
— (Und jene, welche es behaupten zu wissen, sind mir suspekt.)
Nein. Das Leben hat keinen Sinn. Aber ich erlebe, wie ich mich — im Austausch mit Anderen — glücklich realisieren und diesem absurden Leben Sinn zuschreiben kann.

Jetzt aber: Wie das Argument aufkommen konnte, dass das bessere Argument zwingend gewinnen müsse?

Dass der Sieg des besseren Argumenten zu allen Zeiten angewendet und praktiziert wurde, scheint mir selbstverständlich:

Wenn die Pfahlbauer miteinander am Ufer vom Bodensee eine Hütte bauen wollten und einer daher kam und vorgeschlagen hat, mit dem Dach zu beginnen, wäre es ums Lagerfeuer herum laut geworden. Dabei hatte der Spinner durchaus tolle Argumente bereit: “Das Dach ist der Höhepunkt unserer Bauerei, warum also nicht damit anfangen?” —“Wir können im trockenen Arbeiten und verkälten uns viel weniger!” — “Nachdem wir das Fundament gelegt und den ersten Boden erstellt haben, schieben wir einzelne Wände unter das Dach und heben es mit jeder Schicht eine Stufe höher…” — Will sagen: Der Spinner hat sich viel gedacht dabei. Gewonnen hat seine Idee erste hunderte Jahre später. Abernu: Jede Idee braucht ihre günstige Zeit, gell?

Und so war es eben auch mit der Idee des besseren Argumentes: Sie war zwar immer da, sie wurde auch zu allen Zeiten berücksichtigt. Aber es muss eine Epoche gegeben haben, in welcher diese Idee dominant werden konnte. Es muss eine Zeit gegeben haben, in welcher der Vortrag des aller absurdesten Argumentes sofort dazu führte, dass offensivste Neugier ausgebrochen ist wie ein hyperaggressives Grippevirus: Wer das Argument hörte, kam nicht umhin, zu fragen, was das jetzt schon wieder für ein Quatsch war und wie dieser Spinner auf diese abgedrehte Idee kommen konnte. Einer soll einmal gesagt haben: “Ich bin in keiner Weise mit jener Idee einverstanden. Aber ich gäbe mein Leben dafür hin, dass diese detailliert ausgesprochen werden darf!” (Das müssen wilde Zeiten gewesen sein. Undenkbar dieses Engagement heute.)

Darum auch dazu eine nächste kleine Geschichte aus jenen Tagen:
Ein Gewitter zog über das Land hinweg und zerstörte die Ernte der Bauern innerhalb von wenigen Stunden. Blitz, Hagel, Wasser ohne Ende. Das Schlimmste aber: Der Familie mit dem prächtigen Hof, oben auf dem Hügel, leicht ausserhalb des Dorfes, brannte zusätzlich das ganze Hab und Gut ab. Tiere starben. Menschen auch. Es rauchte noch Tage nach dem fürchterlichen Abend. Und die Dorfgemeinschaft war in grosser Unruhe.

In solchen Momenten rannten die Menschen in die Kirche. Sie knieten auf Holzbänken und beteten zu allerlei Heiligen, zur Mutter Gottes im Besonderen. Und der Priester stieg auf die Kanzel. Las aus einem Buch, was in einer fremden Sprache geschrieben war. Er umkreiste den Altar. Räucherte. Er war fähig, das absolut Unzugängliche, absolut Unverständliche, absolut Unnachvollziehbare in sonderbaren Handlungen zu zelebrieren. Und den Menschen wurde damit tatsächlich geholfen. Sie beruhigten sich. Sie knieten noch inniger auf ihren Bänken und machten sich bewusst, wie vergänglich, wie kurz, wie wundervoll das Geschenk des Momentes war. Sie bauten die wundervollsten Kirchen, schnitzten grandioseste Altäre, komponierten herzerweichende Musik, welche uns noch heute zu Tränen rührt.

Das ärgerte einige. Sie fanden den Hokuspokus der Priester und das Gemurmel der ollen Gläubigen totalen Quatsch. Sie lasen lieber selbst Bücher. Bücher in ihrer eigenen Sprache verfasst. In einem Traktat— die Druckmaschine war eben erst gerade aufgekommen — lasen sie von einem Typen, welcher behauptete, dass es so was wie Elektrizität geben soll. Und dass mit geeigneten Apparaturen die hellen, heissen Blitze am Himmel auch im Kleinen und Kontrollierten möglich sein müsse. Plötzlich war klar: Jener Bauernhof auf dem Hügel dort oben, stand bloss an einer ungünstigen Stelle. Und ganz Alte erinnerten sich plötzlich, dass doch dort schon früher ein Haus stand und auch jenes in einer stürmischen Nacht abbrannte. Die Lawine der Argumente purzelten und rissen Gefühle, Gedanken und immer noch durchgeknalltere Ideen mit sich…

Das war der Anfang, welcher zu einem brutalen Ende führte...

Ist es nötig, dass ich weiter ausformuliere? — Nein. Zusammenfassend kann aber gesagt werden, dass sich aus diesen Überlegungen einige Unterscheidungen ableiten lassen, welche einen “praktischen Unterschied” machen:

ARGUMENTE

Argumente sind Veranschaulichungen von Verborgenem. Argumente lassen sich von den Erscheinungen nicht täuschen. Argumente schieben nachvollziehbare Hinweise so hintereinander, dass das Vertraute, anders gesehen, anders beobachtet und damit auch anders umgegangen werden kann.

MASSENMEDIEN

Massenmedien sind Medien — also: Mittel, Möglichkeit, Optionen — welche es dem einzelnen Menschen erlauben, sich aus der Klebrigkeit der Sozialen Masse herauszulösen. Und wie gelingt dies?

ANONYMES PUBLIZIEREN

Die Druckmaschine favorisierte “das bessere Argument” in idealer Weise: Wer einen Text geschrieben hat, steht überhaupt nicht mehr zur Frage. Und wenn ein jemand einen Namen über den Text schreibt und eine möglichst eindrucksvolle autobiografische Notiz hinten her schiebt: Es beeindruckt einfach wirklich gar niemanden. Es könnte ja alles erstunken und erlogen sein. “Papier ist geduldig.” Der Herr Baron von und zu, könnte ein Bäuerchen aus einem Dörfchen vor den Toren zu Paris sein. Das als schelmisches Bäuerchen schreibende, könnte eine Dame aus gebildetem Hause sein. Die lange Liste von ultimativen Forderungen könnte von einem Kollektiv stammen. Niemand wusste es. Der Drucker schützte seine Kundinnen und Kunden. Und tatsächlich war es auch gar nicht nötig, es ganz genau zu wissen. Wichtig war bloss: Wird hier ein besseres Argument präsentiert?

AUTORITäT DURCH AUTORENSCHAFT

Autorität generierte sich fortan nicht mehr durch Herkunft, Abstammung, Markterfolg, soziale Anerkennung und verfilzte Beziehung. Autorität generierte sich fortan über die Begründung von Autorenschaft: Über die Kompetenz, das bessere Argument herzuleiten. Und wie dies zu machen sei, dafür gab es fortan kein Verfahren mehr ausser jenem der Verschriftlichung, der Publikation, des Buches.

Wissenschaft

Das was Wissen schafft, nennen wir Wissenschaft. Denn schnell zeigte sich, dass die vielen Ideen und die Hin- und Herleitungen der Argumente, durchaus gewissen Prinzipen folgten. So fächerten sich diszipliniert Denkende in unterschiedlichen fachlichen Disziplinen aus. Diese saugten die Skurrilsten Ideen auf wie feuchte Schwämme und pressten sie durch ihre Denkmaschinen. Sie hämmerten mit ihren Schreibmaschinen auf jedem einzelnen Gedanken herum und stählten Ideen zu starken, tragfähigen Konstrukten.

Wie gesagt: Wie wir wissen: Es endete bald…

Laut. Stinkend. Dröhnend. Und doch kommen wir nicht umhin, die subversive Kraft des besseren Argumentes in unserer Gedankenarbeit integrieren zu müssen. Wer sich diesem Prozess entzieht, hat sich verraten. Er mag gewinnen, siegen, sich durchsetzen. Aber er ist verraten. (Auch, wenn er eine Frau sein mag.) Wer “auf der Höhe der Zeit” denken will, musst sich anmerken lassen, dass NACH der Idee des besseren Argumentes gedacht wird. Und das hat Konsequenzen…

Das bessere Argument ist tot?

Denkste! Aber jetzt geht es eh anders weiter...


Feedbacks zu diesem Text

(Letztes Update: 8. April 2018, 21:52h)

  • Was ist der roten Faden?
  • Zu viele Spiele zwischen Sprache und Gedanken
  • Vermischung von Argument mit Idee etc.

Notizen

im Kontext der Veranstaltungen zu #SmartCuration (2017) und der Publikation „Scripted Culture“ (Diaphanes, April 2018) finden von April bis Juni 2018 an der ZHdK fünf Frühstücksveranstaltungen statt, die relevante Perspektiven auf die Kulturöffentlichkeit in der Digitalisierung vorstellen — darunter auch diejenige der Produzent/innen in den Bereichen Kultur und Medien.

/sms ist als “Flankierender Votant” zu den Veranstaltungen eingeladen und macht während den Sessions Notizen in seinen Zettelkasten:

Ein Live-Blogging.

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Stefan m. Seydel/sms ;-)

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Autor, Künstler.

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: #dfdu.org AG, Konstellatorische Kommunikation. (Entwicklung von Pilot und Impulsprojekten, gegründet 1997 mit Tina Piazzi)

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