#Hexenjagd— Wer ist die Hexe? Und wenn ja: Wieviele Jäger?

Hier entsteht aktuell ein Text zum Besuch der Premiere Hexenjagd im Burgtheater Wien am 22.12.2016. Vorbereitungen via Twitter:

Hexenjagd
Arthur Miller
Regie: Martin Kušej
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer

Zusammenstellungen von Reaktionen finden sich bei Nachtkritik. Zu diesem Fragment passt der abgeschlossene Eintrag: IN FORMATION am Schauspielhaus Zürich, welches ebenfalls kurz vor Weihnachten 2016 Premiere feierte.

WORK IN MOMENTS ist das neue WORK IN PROGRESS [RE:load für aktuellsten Schreibstand]

[Textsorte: Traum, Blitz, Bekenntnis, Memo]

#Hexenjagd — Wer ist die Hexe? Und wenn ja: Wieviele Jäger?

Was wären die Jäger, ohne ihren wilden Hunde? Vom hohen Ross herab lassen sie Hasen jagen. Wer lässt sich finden? Ein verwirrtes Reh. Eine dicke Sau. Einen stolzen Hirschen. Erwartungen klein halten. Damit der Spass mit dem Tag wachsen kann. Der Kritiker in Reihe 4 hustet vor sich hin.

Hart. Mann. Zu_Rich. Vienna is Calling. Kušej. Residenz im Exil. Jagd nach Hause. Heiss. Die Burg lodert. Den Mädels springen die Kleider vom Leib. Die Jungs strangulieren. Sich. Andere. Gegenseitig. Es riecht nach Schwefel. Ekstase. Energie. Lust. Die Dramaturgie lacht.

Medienkompetenz erkennen wir heute wiederum daran, dass nicht auf das Gezeigte geschaut wird.

Das Theater ist ein Theater.

Das Theater spielt ein Spiel. Und kündigt das auch so an. Die Tradition von Theater behauptet nicht, die Realität zu sein. Die Wirklichkeit abzubilden. Die Wahrheit zu verkünden. — Das haben andere gemacht.

Niemand käme es in den Sinn, Lügentheater zu schreien. Keinem Troll. keinem Pegida-Trottel. Keinem doofen Leserbriefschreiber. Einfach niemandem. — Warum? Weil Theater ein Theater ankündigt. Und dann auch ein Theater liefert. Punkt.

Das Ritual, die Musik, das Theater.

Wenig begleitet das Zusammenleben von Menschen länger. Noch bevor diese Affen sich mit Sprache auf den Keks ging, nervte einer die ganze Hölengemeinschaft durch sein olles Gepfeife. Schon — und insbesondere — am frühen Morgen. Die immer gleiche Melodie. Die Morgenmuffels waren verärgert über die demonstrative Fröhlichkeit. Die VielOh!sofWie?schen ärgerten sich über den verscheuchten Traum. Die handwerklich Gesegneten hatten eine praktische Idee, welche bald einen praktischen Unterschied machen sollte: Stilles schnitzen an einer schöneren Keule. — Päng! Ein kultureller Quantensprung!

Wen wunderts, dass die Mönche zuoberst in ihre Regel notierten, dass zu schweigen sei. Den ganzen Tag. Einfach immer. Und dass ein Einzelzimmer Teil der universellen Menschenrechte sei — und die unantastbare Würde des Menschen die Schrift. Die Heilige Schrift.

Gegrüßet seist Du Maria voll der Gnade.
Der Herr ist mit Dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen.
Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes: Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Was wäre die Katholische Kirche, ohne das Theater?

Das Ritual, die Musik, das Abbrennen von stimulierenden Kräutern, das Reden in fremden Zungen. Von Hollywood? Von Massenmedien? Von den Journalisten?

Vom wem hat das Theater das gelernt? Die Inszenierung, die Drehbühne, die Pausen, die provokative Stille, die Missachtung des Zusammenhangs als Mittel zum Dialog. Von wem?

Francis Bacon rief vor über 400 Jahren, dass die Druckerpresse allen Dingen ein anderes Gesicht verliehen habe. Seit 20 Jahren ist es unmöglich geworden, nicht zu erschaudern, dass der Computer alle Sachverhalte in einen zusätzlich noch ganz anderen Zusammenhang einbindet. Nein. In einen Anderen. Nein. In einen ganz Anderen. Nein. In ein Anderen. Und einen Anderen als diesen. Und:

  • Nein. Es ist nicht so, dass wer bereit ist zum Morden, siegen wird.
  • Nein. Es ist nicht so, dass wer penetranter distribuiert, siegen wird.
  • Nein. Es ist nicht so, dass wer das stärkere Netzwerk hat, siegen wird.

Wie soll Kulturmontag ORF denn anders berichten, als dass sie die Pausen zwischen den Sätzen eliminieren. — Eben. — Also?

Das Format der Kulturberichterstattung entscheidet, von was Kulturberichterstattung Bericht erstatten kann. — Eben. Also?

Wenn du wissen willst, worüber Kulturberichterstattung berichten kann, musst du lernen, die Ränder der Kulturberichterstattung zu erkunden. Dort wo die Berichterstattung bricht. — Eben. — Also?

Logo: Das wissen die Kulturberichterstatter freilich am Allerbesten. Akademisch zertifiziert. Und sie bauen es ganz offensiv in die Kulturberichterstattung ein. So offensiv, dass ich vergesse, die Grenzen der Berichterstattung zu erkunden. Das ist der Trick. Das nennt sich in der zeitgenössischen Kunst seit #DADA Hyperaffirmation. Guck:

Einer, welcher für die grosse Bühne (nicht nur der Bücher) schreibt und bereit ist, sich in Hollywoodflittchen zu verlieben — welches bereit ist, sich in amerikanische Prädidenten und dessen Brüder(? | Marilyn Monroe und die Kennedy-Brüder) zu verlieben — nutzt für eine Polit-Parabel(?) auf einen versteckt schwul lebenden(?), kleine Knaben jagenden(?), alkoholabhängen(?) Mitarbeiter eines amerikanischen Präsidenten (McCarty unter Truman), welcher gewaltbereit gegen die “Rote Gefahr” (Russland! Kommunismus!) agitiert, die Projektionsfläche von im Walde Fete machenden Mädels. Wie rational ist das denn? Ihr Theaterkritiker und mutige, selbstlose, aufklärerischen Kämpfer gegen alles Böse und Postfaktische?

  • Stimmen Fakten(?)
  • Jahreszahlen(!)
  • Postfaktisch meint, dass massenmedial kommuniziert wird, was auf Massen wunschgemäss wirkt.

NIE WIEDER! Massenmedien

  • Ist Theater Kommunikation mit Massen? Nein.
  • Ist Theaterkritik im Feuilleton Kommunikation mit Massen? Ja.
  • Ist nachtrikitik.de ein Massenmedium, wenn diese stur nur als Kritik akzeptieren, was in Massenmedien publiziert wurde? Jain.

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Nachträge

Bildnachweise:
1 | Der Blick aus der letzten Reihe (Stehplatz, Eur 3,50)

2|

Links:

Zu diesem Text, passt der Text zu IN FORMATION, welche ebenfalls kurz vor Weihnachten 2016 Premiere hatte. Am Schauspielhaus Zürich.

Stefan M. Seydel/sms ;-)
(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin.

Unternehmer, Autor, Künstler.

Ausstellungen u. a. in der Royal Academy of Arts in London, Deutsches Historisches Museum Berlin, Cabaret Voltaire Zürich. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Nominiert mit rocketboom.com für den Webby Award 2006 (Best Use of Video or Moving Image). Jury-Mitglied “Next Idea” Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. (2006 arbeitete er auf Einladung der Volksbühne Berlin einige Monate neben Claus Hegemann und Götz Leineweber und begleitete die Arbeiten von Christoph Schlingensief und Bazon Brock mit seinem Blog.) Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: http://dfdu.org AG

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Ich stehe in keiner Zusammenarbeit mit dem Burgtheater Wien.

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stefan m. seydel/sms ;-)

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