IN FORMATION das Theater zum Theater der Medien. im Schauspielhaus Zürich #shZRH

PROLOG | Es geht los. Der Schauspieler stellt das Spiel der Show zur Schau. Er rennt durch die ovale Arena und streckt einem alten Mann mit weissem Bart das Mikrofon ins Gesicht:

Vertrauen Sie den Medien?
— Es kommt drauf an…
… ein Rechtsanawalt!
 — Nein! (empört) Ich bin Sozialarbeiter...
Nadenn: Was entscheidet, ob Sie den Medien vertrauen?
— Woraufs ankommt…

Der Schauspieler hüpft kichernd davon. Fragt Andere. Und bekommt andere Antworten:

Ja
Ja
Nein
Nein
Ja Ja

Das sind die Antworten, welche das Schauspiel jetzt braucht. Das Spiel kann beginnen. Es geht los!

Die Kraft des Theaters? Die Form!

Was war vorher? Die Musik oder das Theater? — Keine Ahnung. Kinder machten sicher zu allen Zeiten ein Theater, wenn sie zu Bett gehen mussten. Zum Beispiel. Die Party vorne am Feuer noch voll im Gang. Und jetzt ab in die Höhle? — Was für ein Quatsch!

Es gibt gescheite Leute die behaupten, dass Sprache erfunden worden sei, um Kinder in den Schlaf zu wiegen. Sicherer ist, dass der Papi mit dem Bier zwischen den Beinen vor dem Fernseher dem nicht schlafen wollenden Quengelbengel durch die Wohnung zurief: “Mach nicht so ein Theater!” Das weiss ich sicher. Ich war dabei.

Theater ist Inszenierung. Und genau das macht es so glaubwürdig.

Ich darf mir ganz sicher sein: Es ist ein Spiel. Theater versteckt dies in keinem Moment. “Wer Wahrheit ruft, der lügt bestimmt.” Wer Wahrheit sagt, fordert Glauben ein. Setzt Hierarchie. Unterwirft. Packt die Kulturkeule aus und schnitzt sie noch etwas hübscher. Bevor… Nein: Theater macht kein solches Theater. Theater spielt ein Spiel. Und alle Beteiligten wissen das. Alle. Und alle Beteiligten werden freiwillig oder anders integriert.

Theater achtet auf Form. Theater vertraut Form. Theater pflegt Form.

Die Form entscheidet über die Art und Weise, wie sich Inhalte strukturieren können. Die Unterscheidung “Form und Inhalt” ist praktisch. Genügend kompliziert für gewisse Probleme. Zum Beispiel Gestaltung, Grafik, Design. Aber unterkomplex. Für Berufe, Professionen, Disziplinen, welche mit Komplexität umgehen müssen, genügt die Unterscheidung <<Form>Inhalt< nicht. Wir unterscheiden <<Form>Struktur<. Und das gilt nicht nur für Soziale Arbeit — welche sich als eine Arbeit am Sozialen versteht — sondern auch für Theaterwissenschaft: Wir beobachten, welche Form, welche Art und Weise des Zusammenhangs ermöglicht. Oder behindert. Oder begrenzt.

Zürich. Schauspielhaus. Schiffbau. Box.

Für die Inszenierung des Stücks IN FORMATION von Guy Krneta (Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Pascale Martin, Musik: Lars Wittershagen) mit Texten von Laurin Buser und einem Gespräch mit Dirk Baecker, Elisabeth Bronfen, Miriam Meckel und Constantin Seibt) hat sich die Intendanz des Schauspielhauses Zürich also für die Box entschieden. Marthaler/Carp/Viebrock eröffneten diesen Betonkubus mit “Hotel Angst”. Das passt. Gerstner — weiter oben das passende Bild! — interpretiert den Raum als Zwangsjacke und presst eine römische Arena hinein. Die Gladiatoren können auftreten. Es kommt zu einem Kampf. Daumen hoch. Daumen runter. Leben oder Tod. Es ist die Zeit für eine ultimative Entscheidung gekommen!

Präzis am Tag der Premiere wird massenmedial verkündet, dass der erste Gast, welcher im Theater mit dem Publikum reden wird, eine seiner deutschschweiz weiten Zeitungen einstellt. Ein anderes Produkt dieses Verlegers, eine kostenlose Online-Zeitung aus seinem Haus, welche das NativeAdvertisment in der Schweiz salonfähig gemacht hat, berichtet im Vorfeld über das Theaterstück und übernimmt in der 2. Hauptprobe — zu welcher in Social Media Aktiven (also allen?) kostenlos Zugang gegeben wurde — eine Expertenposition ein. Gegen wieviel Geld? Gegen viel Phantasie! (So?)

Aber nicht genug. Es geht weiter:

Der Eingang zum Theater ist in einer Ecke platziert. Die Zuschauenden steigen in der Diagonale zum Raum eine Treppe hoch und eine Treppe runter. Sie kommen rein und tauchen unter. So suchen sie sich einen unbequemen Platz. Auf Holz. Viel zu Nah. Zurücklehnen geht nicht. Die Unterscheidung “Zuschauende” ist gelöscht. Es ist eine Rolle im Spiel dieses Spiels einzunehmen, eine unbequeme Haltung allemal, welche zum Schluss hin sich gar ganz auflösen soll. So der Plan des Einführenden ShowMasters. Wer in der Arena ist, hat genau vier Fluchtmöglichkeiten. Je auf der Diagonalen des Raums.

Nicht genug: Es geht noch wwweiterer:

Plötzlich — während dem Spiel — ertönt eine Stimme. Aus einem Lautsprecher. Es werden vier Stimmen werden. Je aus einer Seitenwand. Also rechtwinklig zur Arena. Zuerst Prof. Dr. Elisabeth Bronfen. Dann Prof. Dr. Dirk Baecker. Dann Prof. Dr. Miriam Meckel. Zum Schluss die sprachgewaltige Edelfeder des Tagesanzeigers, ein vielfach ausgezeichneter Journalist, selbstbekennender Studienabbrecher, politisch links engagierter und jetzt neuerdings hipper StartUp-Jungunternehmer Constantin Seibt. Ein NativeAdvertisement von ihm? — Wir phantasieren.

Es sind vier Stimmen aus dem OFF.

Stimmen aus dem Off? — Eine ganz traditionelle Strategie der Inszenierung. Alexander Kluge könnte als Ikone dieser suggestiven Methode genannt werden. Erfunden hat es — was eigentlich nicht? — die katholische Kirche: Die Stimme Gottes. Die Stimme des stets Anwesenden und nie Sichtbaren. Es ist die Klang gewordene Drohung aus dem Raum der Emergenz. Hier nun also vier bekannte, profilierte, ausgezeichnete Persönlichkeiten, welche sich freilich nicht die Hände schmutzig machen werden in diesem grausligen Kampf um Leben und Tod. Daumen hoch. Daumen runter. Das überlassen diese Stimmen dem Pöbel. In der römischen Arena. Auf Facebook. Aber sie selbst sind nicht da. Mit ihnen ist bloss zu rechnen. Mit allem rechnen. Ganz präzis:

Zwei Frauen. Zwei Männer.

  • Zwei kühle, fragende, Metaebene-suchende Stimmen. 
    Eine Frau. Ein Mann. (Meckel/Baecker.)
  • Zwei heisse, kämpfende, aggressive Stimmen.
    Eine Frau. Ein Mann. (Bronfen/Seibt.)

Die Inhalte? — Die sind banal. Im Theater ist das traditionell so.

Kennen Sie Romeo und Julia? Zwei junge Menschen. Aus zwei zerstrittenen Familien. Eine unmögliche Liebe. Lieber der Tod, als dieses unmögliche Leben. Das passt.

Das ist Theater. Das genügt Theater. Theater braucht fast nichts. Aber einen präzisen Konflikt. Ein nagendes Problem. Eine quälende Fragestellung.

Und das gilt auch für IN FORMATION.

Die Inszenierung des Medientheaters durch das Schauspielhaus Zürich ist Theater vom Besten. Weil es die Möglichkeiten des Theaters in einer grossartigen Leichtigkeit ausspielt und zur Darstellung bringt. Und dabei eine der drängensten, wichtigsten und zentralsten gesellschaftlichen Fragen so auf nimmt, dass sehr breit daran angeschlossen werden kann. In diesem Sinne ist das Stück in erster Linie eine Kritik an der Szene der Theaterschaffenden, der Kulturschaffenden, der Kunst.

Zwei Mal haben professionelle Inszenatoren in Theaterstücken die Szene der Kulturschaffenden in Bedrängnis gebracht. Pro Helvetia wurde (wiederkehrend!) eine Million Schweizerfranken pro Jahr gekürzt. Weil einer der teuersten Künstler ein Bild eines amtierenden Bundesrates bepinkeln liess. Dem Theater Neumarkt in Zürich wurde Geld gestrichen, weil eine auf massenmediale Aufmerksamkeit spezialisierte Theatergruppe einem politisch engagierten Chefredakteur die bösen Geister austrieb. Gegen seinen eigenen Willen.

Freilich wurde beide Male lauthals die zerschmelzende Freiheit der Kunst beklagt. Was sicher stimmt. Wer kann daran nicht (ver)zweifeln? Aber: Ist Kunst nicht schon seit dem 10. April 1917, seit genau 100 Jahren tot? DADA. Marcel Duchamp. Big Show. Bazon Brock erklärt es am wortreichsten. Und die Manifesta11 in diesem Jahr in Zürich, hat präzis diese uralte Krise durch die hervorragende Arbeit von Christian Jankowski reaktiviert. Eine grandiose Hommage an 100 Jahre DADA Zürich.

DADA? 2x Ja = Nein

Wer rechts-populistische Parteien hyperventiliert, profitiert vermutlich selbst am Meisten davon. Oder steht mindestens in diesem Verdacht. Es gäbe jedenfalls gute Belege zur Begründung zur Andacht.

IN FORMATION notiert mit einer mutig nagenden Lücke

Information ist ein gefährliches Gut. Wer, wenn nicht die deutsch-sprachigen Menschen, müssen es wissen. Können es nicht vergessen. Dürfen es nicht vergessen. Wollen es nicht vergessen. Aus Information wird leicht ein Marschieren in Formation.

  • Der Krieg der In Formation richtete sich nicht gegen Fake. Ganz im Gegenteil.
  • Der Krieg der In Formation richtete sich gegen Wahrheit.

Die Herausfoderungen liegt im zivilisierten Umgang mit Dissens.

Die Pflege einer Kultur von Konsens, ist eine explosive Bombe die nicht nur keinen Sinn macht, sondern umstandlos Freiheit zerstört.

Der “Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit”, ist eine der zentralsten Fragen dieser Jahrzehnte. Die Entwicklung von Kommunikation über “Sprache”, zu “Schrift”, zu “Buchdruck” waren Soziale Metamorphosen, vielfache Vertreibungen aus dem Paradies — wie es Dirk Baecker in der NZZ kürzlich betitelt hat. Die Umstellung “von Buchdruck auf Computer” scheint eine nächste solche Herausforderung zu sein. IN FORMATION fordert zur Deliberation auf. Und das in einer präzis durchdachten, stark inszenierten, hervorragend gepflegten FORM.

Das Spiel hat begonnen. Und:

Sie können nicht nicht mitspielen.

/sms ;-)

Online gestellt am Nachmittag vor der Premiere: 17.12.2016 | Letztes Update: 26.12.2016, 14:49h/Wien

NACHTRÄGE

1 | Bildquellen

Link zum Ausgangsbild vom Bühnenbild in der Box. (Geklaut bei Watson. Zeichen sme. Vermutl. Schauspielhaus. Bildrechte nicht abgeklärt, bzw konkludentes Verhalten. Eigene Bearbeitung.)

Alle anderen Bilder: sms/dfdu.org Aufnahmetechnik: Invertierung. Das Verdrehte verdreht beobachten. (So?)

2 | In der Premiere kam die Stimme von Dirk Baecker plötzlich reihum aus allen vier Boxen aus dem Off. Meine Nachfrage.

3 | Diverse Reaktionen und Tweets werden hier kuratiert.

4 | Aktuell (26.12.2016) entsteht ein Text vom gleichen Autor zum Stück HEXENJAGD am Burgtheater Wien. Der Link verweist auf die kuratierung von Tweets mittels TwitterMoments.

Stefan M. Seydel/sms ;-)
(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin.

Unternehmer, Autor, Künstler.

Ausstellungen u. a. in der Royal Academy of Arts in London, Deutsches Historisches Museum Berlin, Cabaret Voltaire Zürich. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Nominiert mit rocketboom.com für den Webby Award 2006 (Best Use of Video or Moving Image). Jury-Mitglied “Next Idea” Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. (2006 arbeitete er auf Einladung der Volksbühne Berlin einige Monate neben Claus Hegemann und Götz Leineweber und begleitete die Arbeiten von Christoph Schlingensief und Bazon Brock mit seinem Blog.) Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: http://dfdu.org AG

Transparenzbox

Ich stehe in keiner Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Zürich. Die TweetUp’s schreibt das Schauspielhaus via Twitter und Facebook aus und sind für alle gegen Anmeldung zugänglich. Der Zugang zum Theaterstück ist dann kostenlos. Anschliessend wurde eine Dose Bier offeriert, was ich angenommen habe. Die Karte zur Premiere habe ich selber bezahlt. Und zwar bevor ich mich zum 5. TweetUp angemeldet habe.

Dirk Baecker hat uns in Band 1 von “Die Form der Unruhe” (Piazzi/Seydel, Junius-Verlag Hamburg, 2009) einen Beitrag geschenkt. Von seinen Arbeiten — ”Studien zur nächsten Gesellschaft” uvam — sind unsere Arbeiten stark inspiriert. Wir nennen es #medienlǝsɥɔǝʍ und Arbeiten als Unternehmen an einer “konstellatorischen Kommunikation”.