können. steine. denken.

können. steine. denken.

ob ich denken kann, ob steine denken können? kann ich so sehr empathie für einen stein entwickeln, dass ich fühle, ob ich als stein sagen würde, dass ich denke?

soll ich besser zuerst definieren, was denken ist und dann entscheiden, ob steine diese kriterien erfüllen?

warum denn soll ich entscheiden? warum sollen steine kein gleich berechtigtes mit-sprache-recht haben? warum sollen sie sich von anderen vertreten lassen? zumal diese anderen gar freimütig zugeben, dass sie gar keine ahnung haben können, was es meint, ein stein zu sein?

ich weiss von steinhäusern, welche eingefallen sind, wenige monate nachdem das letzte tier, der letzte mensch, ausgezogen ist. könnte es sein, dass steine darauf angewiesen sind, dass sie sinn in ihrem tun erleben?

ich weiss von grau-matten steinen, welchen ich bloss ganz fein die aller oberste schicht wegpolieren musste und schon offenbarten sie sich in einer vorher unvorstellbaren pracht. ich zeige sie heute meinen freunden wie reale, wirkliche, wahre kunstwerke.

ich weiss von einem stein, welcher mit mir am vorderrhein lag. den ganzen vormittag, hinein in den heissen nachmittag. er war nicht anders, als viele andere steine neben mir. ich sah keinen markanten unterschied. aber plötzlich — ich erschrack ein wenig — teilte sich dieser in zwei teile. mit einem gar nicht so lauten klick.

ich weiss von steinen, welche sich geradezu danach zu sehnen scheinen, aufgestellt zu werden. du nimmst sie in die hand, stellst sie auf ihre spitze. sie wackeln sich kurz ein und stehen dann. auf einem anderen stein. für stunden. mehrere tage. und andere: du nimmst sie in die hand, siehst, wie sie guten stand finden könnten. zeigst es ihnen. eins fürs nächste mal. redest ihnen gut zu. aber sie purzeln. keine sekunden wollen sie stehen. umsverrecken wollen sie sie nicht stehen.

“steine sind die wolken des erdmantels”, sagte mir einmal eine geophysikerin. eine junge doktorandin an der eth. an einer studentenparty. und sie erzählte, dass wenn du eine million jahre die kamera auf die weltkugel richten würdest und du dann den entstandenen film komprimiert in 10 minuten ablaufen liessest: du würdest keine wolken sehen. du würdest keine wellen sehen. du würdest keine rauschenden bäume sehen. aber du würdest steine sehen, wie sie auf der erde herumspazieren. ganze berge am wandern. riesige erdteile, wie sie sich tummeln am strand der weltenmeere.

können steine denken?


für adrian vieli aka “tatalles”
von stefan m. seydel/sms ;-)
zürich, 9. april 2018 für den 30. mai 2018/
dissent.is

[Textsorte: Märchen]

#GanaNegra 2019/sms ;-)

Gespräche über das Thema:

Inklusive Bezug zu Vals: Arthur Schneiter hat in der Therme eine Klanginstallation ;-)

Tondoku vom Geburtstagsfest:

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Stefan m. Seydel/sms ;-)

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Autor, Künstler.

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: #dfdu.org AG, Konstellatorische Kommunikation. (Entwicklung von Pilot und Impulsprojekten, gegründet 1997 mit Tina Piazzi)

stefan m. seydel/sms ;-)

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