Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Fragezeichen #SozialarbeitMR (Teil 1)

Das ist der Text m/einer ersten Vorlesung vom Montag, 2. Juli 2018, vor Studierenden der Fachhochschule St. Gallen. Wie ich den Text vorgelesen habe? Hier gehts zur Tonspur. Hier gehts zu allen Tweets mit dem Hashtag #SozialarbeitMR. Hier geht es zur zweiten Vorlesung vom Donnerstag, 5. Juli 2018. | Teil 3: Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild | Das Making of findet sich im Blog: dissent.is

[Textsorte: Bekenntnis, Memo] Wie auch immer unsere Antwort auf die Frage was denn Soziale Arbeit sei — ob eine Menschenrechtsprofession oder auch nicht: Wir werden kaum auf die Idee kommen, dass Sozialarbeit Produktförmigkeit aufweist. In der klassischen Ordnung der Betriebswirtschaft, wird unser Tun wohl eher als Dienstleistung beschrieben werden. Auch eine Dienstleistung kann als Produkt beschrieben werden. Aber es ist eben doch etwas anderes, wenn ein Schreiner ein Bett herstellt. Auch der Schreiner könnte das Herstellen eines Bettes als Dienstleistung beschreiben, aber er würde irgendwann doch Teile eines zersägten Baumes bestellen, diesen zuschneiden und so bearbeiten, dass ein fachmännisch konstruiertes Gestell wackelfrei eine Matratze aufnehmen kann und sich ein oder sogar zwei Menschen darauf ein paar Sprungübungen erlauben können. So etwas entsteht bei Sozialer Arbeit nie.

Sie werden einwenden wollen: “Aber wir schreiben doch Berichte!”
- Und ich werde sagen: “Ja. Das ist ein Problem. Wir sollten in den nächsten Tagen jene Kolleginnen und Kollegen kennen lernen, welche solches verweigert haben. Aus Gründen.”

Sie werden einwenden wollen: “Aber wir beantworten doch Fragen!”
- Und ich werde sagen: “Ja. Das ist ein Problem. Wir sollten in den nächsten Tagen jene Kolleginnen und Kollegen kennen lernen, welche solches verweigert haben. Aus Gründen.”

Sie werden einwenden wollen: “Aber wir helfen doch Menschen!”
- Und ich werde sagen: “Ja. Das ist ein Problem. Wir sollten in den nächsten Tagen jene Kolleginnen und Kollegen kennen lernen, welche solches verweigert haben. Aus Gründen.”

Was ist Soziale Arbeit?

Das ist eine Setzung, welcher Sie sich in den nächsten drei Tagen widersetzen müssen. Damit Sie das können, habe ich mir für Sie eine Atelier-Situation ausgedacht. Sie werden argumentieren. Versprochen.

Das ist mein Punkt und mein Ziel für die vier Tage: Ich verlange am Donnerstag Nachmittag, dass Sie in freier Rede — aber nicht so wie am Stammtisch! — die Fragen beantworten können:

- Was ist Soziale Arbeit?
- Was sind Menschenrechte?
- Fassen Sie Soziale Arbeit als eine Menschenrechtsprofession auf? Antworten sie digital: Ja oder Nein? Begründen Sie Ihre Antwort. Fassen Sie sich kurz. Nehmen Sie sich die Zeit, welche Sie brauchen. Es gibt keine richtige Antwort. Bloss schlechte Argumente.

Meine Antwort und meine Argumente für das, was Soziale Arbeit ist?

Soziale Arbeit ist Arbeit am Sozialen.
- Und nicht an Körpern.
- Und nicht an Psychen.

Soziale Arbeit hat viel mit Raumforschung, mit Architektur, also den Bildenden Künsten zu tun, viel mit Bibliotheks- und Informationswissenschaft, viel mit Inszenierung, Dramaturgie, also Theaterwissenschaft. Etc. — Ist ihnen schon aufgefallen, dass Architektur ihre Werke — wenn diese professionell dokumentiert werden — stets ohne Menschen abbilden lassen? Obwohl fast jede Art der Architektur von, für und mit Menschen entwickelt wird?

Lassen wir das. Ich will sie ja bloss etwas erschrecken. Damit sie “aufwachen”. Damit ich hier “mit aufgeweckten Studierenden” arbeiten kann. Wer sich empört, hebt den Kopf, wagt den aufrechten Gang. SAPERE AUDE, war Ruf der Aufklärung, an welchem geschichtlichen Ende wir fühlen, leben, arbeiten… keine Ahnung. Ist

HABE KEINE AHNUNG

  • Soziale Arbeit ist Arbeit am Sozialen und eben gerade nicht “Arbeit an Körpern”, sonst könnte es ja Körperarbeit heissen.
  • Soziale Arbeit ist Arbeit am Sozialen und eben gerade nicht “Arbeit an Psychen”, sonst könnte es ja Psychoarbeit heissen.

Diese Dreiteilung von Körper, Psycho und Soziales — dieses “psycho-bio-soziales-Menschenbild” — das ist meine Setzung für diese vier Tage, welche freilich nicht ich erfunden habe. Und sie ist selbstverständlichst auch nicht “die Wahrheit”. Ganz im Gegenteil: In Wirklichkeit ist es ganz anders. Es ist keineswegs Realistisch, dass wir diese Dreiteilung machen. Es ist eine “theoretische” Aussage, welche nicht nur nicht erbaulich wirken will, sie will auch gar nicht mit der wirklichen Wirklichkeit übereinstimmen. Uns interessiert überhaupt gar nicht, wie es “wirklich” ist:

Soziale Arbeit weiss seit ihren ersten Tagen ihres Seins, dass es viele ganz viele, ganz gute, ganz relevante Perspektiven auf das vermeintlich gleiche Problem gibt und schon das Sammeln, das Würdigen, das Akzeptieren dieser Perspektiven enorm Nervenaufreibend und schliesslich auch ziemlich unmöglich gänzlich zu leisten ist. Nein: Wir nutzen solche Gedanken aus ganz strategischen Gründen. Wir sind Profis. Wir arbeiten Professionell. Und das ist traditionell anders, als wenn sich Laien — egal von welchem Beruf wir reden — an einem Gegenstand zu schaffen machen.

  • Wer einen Beruf ausübt, arbeitet professionell, oder übt keinen Beruf aus.
  • Wer eine Profession studiert, reflektiert das Professionelle.
  • Wer eine Disziplin studiert, entwickelt das, was später das Professionelle ist und einen Beruf ausmacht.

Theorie ist auch Praxis. Bloss nicht so verschwitzt

Ich hoffe, dass unter Ihnen Personen sind, welche sich dezidiert gegen dieses bio-psycho-soziales Menschenbild wehren. Das Problem wird sein: Sie werden mit Argumenten argumentieren müssen. Sie werden nicht kommen können und sagen: “Aber in der Bibel steht was anderes. Punkt” Ich werde dann die Bibelstellen verlangen. Ich werde ihnen zuschauen wollen, wie sie sich diesem Text nähern. Ich werde ihnen dann zeigen, wie die Täufer vor 500 Jahren präzis die Initianten gewesen sind für das Menschenbild, welches ich hier verteidigen werde. Sie werden es auch schwer haben, wenn sie kommen und sagen, dass es eh gar nicht darum gehe, die Welt irgendwie ein bisschen anders zu interpretieren. Es gehe darum, die Welt zu verändern. (Marx, 11. These) Auch dann: Ich werde sie fragen, zu welchen Handlungen sie persönlich bereit wären, die Welt zu ändern. Und immer so weiter.

Der Titel für meine zweite Vorlesung — ich habe den Text noch nicht, ich hoffe, wir arbeiten hier gut zusammen und der Text entstehe dann fast wie von alleine aus meinem Zettelkasten heraus — heisst übrigens: “Über das Verschwinden des Körpers. Arbeit am Sozialen.” Ich will damit sagen: Auch ich habe Sorgen, Bedenken, Vorbehalte gegenüber diesem bio-psycho-sozialen Menschenbild. Ich lade Sie also herzlich ein: Sich einzubringen. Mit Ihren Gefühlen, Gedanken, Erfahrungen.

Wir arbeiten vier Tage, an der vielleicht aktuellsten Frage, welche sich Menschen dieser Tage widmen können:

  • Wer sind wir?
  • Wer ist “wir”?
  • Wie wollen wir zusammenleben?

Wir — nicht nur wir Sozialarbeitenden — nennen diesen Fragekomplex traditionell:

Die Soziale Frage.

Ich lese diesen Text vor, welche ich auf GoogleDocs — also in der Cloud geschrieben und gespeichert habe. Und ich lege eine Tonspur ab, welche andere Rechner den genau gleichen Text eine andere Texttur verpassen, auswerten, errechnen werden. Mit diesem Text, mit jener Tonspur, mit dieser Vorlesung wird gerechnet.

Dieser Text gleicht einem Tropfen, welcher ein Berg aus den Felsen gepresst hat und durchs Tal geschossen, im weiten, weiten, weiten Meer von anderen Daten umspült ist, von der Sonne aufgesogen und in die Wolken — die Clouds — schweben und dort…

ok. Ich will ja nicht allzu abgespaced wirken. Aber… Wo war ich? Ahja:

Das psycho-bio-soziale Menschenbild.

Unser Körper unterscheidet sich in keiner Weise von der Welt. Wenn der Körper tot ist, wird dieser von anderen Menschen verbrannt oder in die Erde gelegt. Der Luft im einen Fall, den Würmern im anderen Fall ist das völlig egal. In beiden Fällen wird unser Körper problemlos in die Natur zurück transportiert. Dort hin, wo dieser freilich die ganze Zeit über ja auch immer war: In der Natur.

Die Psyche — jetzt wird es vielleicht schauerlicher — ist ja immer irgendwie so etwas wie ein Gedanke, ein Gefühl, eine Empfindung, welche auf einen Gedanken, ein Gefühl, eine Empfindung folgt — oder “anschliesst”, wie wir in verschiedenen und unterschiedlichen Systemtheorien zu sagen pflegen. Es ist schlicht unvorstellbar, dass ein Gedanke, ein Gefühl, eine Empfindung so quasi copy/pastend von Kopf zu Kopf, von Herz zu Herz, von Bauch zu Bauch hüpft. Wir kennen zwar Extase und La-Ola-Wellen — es ist ja gerade Fussball WM. Aber Sie erahnen was ich meine:

Die Extase ist zwar “mega toll”, aber brutalst schnell wieder vorbei. Und die geistigen Verschmelzung in Horden halten vielleicht über Generationen von Menschen, sind aber Rückblickend “mega schlimm” und somit aus prinzipiellen Gründen absolut zu meiden.

Damit wäre ich beim Sozialen. Das Soziale zeichnet sich zunächst — und das soll uns dann hier auch so schon genügen — dadurch aus, dass es eben gerade nicht Natur und — und! —und auch nicht Psyche ist. Beides nicht. — Wir mögen “das Soziale” “Austausch”, “Kommunikation”, “Koreflektion”, “Koproduktion”, “Interaktion” nennen: Wie auch immer: Ganz sicher ist: Körper kommen darin nie vor. Und Psychen auch grad überhaupt rein gar nicht.

Professionelle Soziale Arbeit arbeitet am Sozialen. Oder ist keine professionelle Soziale Arbeit. Das ist meine Setzung für diese vier Tage. Widersetzen Sie sich!

Noch einmal: Selbstverständlich ist das Soziale nicht ohne “Leben” und ohne “Bewusstsein” — ohne Körper und Psyche — denkbar. Die Wissenschaft welche sich darum interessiert, wie es wirklich ist, heisst “Ontologie” oder “Metaphysik” oder “Ganzheitlichkeit” oder wie auch immer. Hier geht es aber um Soziale Arbeit. Ok?

Professionelle Soziale Arbeit interessiert sich übrigens auch nicht darum, ob ein Mensch angibt, es gehe ihm schlecht oder gut. Es gibt reiche, schöne, grandios vernetzte Menschen, welchen es hundeelend geht. Und es gibt arme Menschen ohne Arme, welche faktenbasiert von einem erfüllten Leben erzählen.

Professionelle Soziale Arbeit hört solche Beschreibungen, aber sie hört nicht auf sie, sie hört vielleicht nicht einmal zu, — ganz sicher aber hört sie dort nicht auf. Insbesondere darum nicht, weil sie dort gar nicht angefangen hat. Soziale Arbeit macht das ganz anders:

Wir beobachten.
Wir beobachten Beobachtungen.
Wir beobachten Beobachten von Beobachtungen.
Wir beobachten Austauschprozesse über gewisse Zeitdauern hinweg.

Wir intervenieren.
Wir üben uns darin, Begrenzungsmacht auszuüben.

Wir haben bestimmte Kriterien, was wir als fair, gerecht, — leider ist es hip geworden zu sagen: — “nachhaltig” erscheint.

Das ist ziemlich durchgeknallt und grössenwahnsinnig und vor allem paradox. Weil in aller Regel weder unser Klientel, noch unsere Profession, noch wir selber zu Mächtigen dieser Welt gezählt werden.

Aber Ärzte geben ja auch vor, sie würden Menschenleben retten oder würden ihre grundlegenste Regel als Ärzte verleugnen, was 100% disqualifizierend wäre. Dabei ersaufen jeden Tag Menschen im Mittelmeer. Wenige schliessen ihre Praxis am Rosenberg zu Güllen und üben sich als Menschenfischer.

Und Ingenieure bauen auch jeden Tag nächste Strassen und bis heute schaffen es einfachste Pflänzchen, ihren härtesten Beton zu sprengen. Und Politiker geben ja auch vor, sie würden sich für Menschen einsetzen. Journalisten sagen, sie würden recherchieren. Historiker erzählen krude Märchen. Nein: Das Internet ist nicht schuld an dieser Misere. Internet ist Teil von Lösung, nicht Teil von Problem. Aber das wäre jetzt ein anderes Thema. Ich will bloss sagen: Es ist offenbar doch ziemlich viel komplizierter. Und vielleicht sogar komplexer. Ich will aber zum Abschluss kommen. Mit einem für mich wundervollen Vorschlag von Gilles Deleuze, einem französischen Philosophen aus Paris, welcher 1995 70-jährig gestorben ist. Er hat einmal erklärt, was linkes denken sei. Er klärte das am Beispiel…

einer postalischen Adresse:

Schweiz. Wir könnten weiter machen: Europa. Erde. Sonnensystem, Milchstrasse, Galaxy. Keine Ahnung: Dem Postboten ist das glaubz egal.

Gilles Deleuze macht dann folgenden Gedanken. Er sagt: “Rechtes Denken” geht von oben nach unten: Zuerst Ich. Mein Körper. Mein kleine Familie. Mein Ort, wo ich wohne. Mein Land. Meine Kultur. Meine… Ich, Ich, Ich. Ganz anders: “Linkes Denken”.

Linkes denken, denkt stets von unten her,

Soziale Arbeit denkt von unten her.

Wenn Soziale Arbeit von “Emanzipation” und “Ermächtigung” und “Empowerment” und — leider ist es hipp geworden zu sagen — “Partizipation” und was auch immer redet, dann meinen wir damit, dass daran gearbeitet wird, dass sich Menschen zur Minorität entfalten können. Individuell werden dürfen. Wir verlangen, dass eingelöst wird:

“Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

In diesem Sinne könnte der bis 1989 real existierende Sozialismus und der bis 2008 real existierende Kapitalismus als “Rechte Bewegungen” gezeigt werden. Und in eben diesem Sinne könnte Jesus als ein klassischer Linker gezeigt werden. Dieser soll gesagt haben: “Liebe deine Feinde.” Das ist präzis die Grundhaltung um welche hier gerungen wird. Wenn sie so wollen, war Jesus der erste professionelle Sozialarbeiter. Aber das wäre jetzt vielleicht etwas verwirrend. Wir machen hier Wissenschaft. Wir kritisieren Religion. Bloss ist leicht zu zeigen, dass die Kritik der Religion die Voraussetzung von Kritik ist. Und immer so weiter. Aber auch das will ich jetzt hier nicht vertiefen. Ich willen mit Ihnen zusammen die sensationelle Frage beantworten:

Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Fragezeichen.

Ich freue mich auf Sie.

/sms ;-)

P.S.: Hier folgt dann der Link zur zweiten Vorlesung vom Donnerstag, 5. Juli 2018.

Pflichtliteratur:

  • Müller C. Wolfgang, Wie Helfen zum Beruf wurde: eine Methodengeschichte der Sozialen Arbeit, 4. Aufl., Weinheim 2006.
  • Luhmann Niklas, Was ist Kommunikation?, in: Lebende Systeme. Fritz B. Simon, Suhrkamp 1997 (PDF auf Moodle | Text als Podcast)
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Stefan M. Seydel/sms ;-)

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: #dfdu.org AG, Konstellatorische Kommunikation. (Entwicklung von Pilot und Impulsprojekten, gegründet 1997 mit Tina Piazzi)

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