Warum ich mich an #EditWar @Wikipedia beteilige, oder: Wie man über Videos spricht, die man nicht gesehen hat | vortrag an der #wiwi18 /sms ;-)

Textsorte: Memo, Tabu | Sound/Bildcheck | Status: Keine Korrekturlesung des Textes, einige Links zu Hinweisen auf Twitter am Ende des Beitrages. | Kurz nach dem Vortrag, konnte ich meinen Benutzername bei Wikipedia (von Derpräfekt) auf sms2sms ändern lassen. | Mein Beitrag an der #Wikicon18: Was wir von Wikipedia lernen könn(t)en. Ein Dialog-Kreis. (Podcast) | Die Videodoku vom Vortrag:

Danke für alle Feedbacks: Social Media: Twitter, Instagram, Soundcloud, Wikipedia via @sms2sms

Erlaubt mir ein NoGo: Ich lese in den folgenden 50 Minuten einfach einen Eintrag auf medium.com/@sms2sms vor. 50 Minuten Redezeit zugesprochen zu erhalten ist anachronistisch. So machten es früher und bis heute die Professorenden. Und die lasen dann auch einfach am Nachmittag vor, was sie am Morgen zusammengeschrieben haben. Wer heute wissenschaftlich fundierte Hinweise machen will, macht dies in einer 18 Minuten-Show auf Ted. Wer VentureCapital sucht und dies nicht in einem 3 Minuten Pitch zu begründen vermag, übt morgen halt einfach weiter. Und Youtube lehrt uns, dass wir 3 Sekunden haben, den “Überspringen”-Button zu überleben. Und dann haben wir weitere 12 Sekunden, die Message vollständig zu detaillieren. “Bedenken Sie”, sagte uns der Coach von Google, “die paar Sekunden scheinen Ihnen vielleicht sehr kurz zu sein. Aber die User wollten ja zu einem anderen Video. Für die ist es eine halbe Ewigkeit, bis diese Werbung endlich weggemacht werden kann.” Nutze die Zeit!

Dass dies alles Quatsch ist, beweist die Gruppe 42. Sie publiziert ja regelmässig stundenlange Videos auf Youtube. Und findet tonnenweise Freunde und Fans. Und mit mir heute ein Jemand, welcher versucht, die Arbeit dieser Gruppe zu interpretieren. Dafür brauche ich aber nicht 50, sondern bloss 30 Minuten. Darum nutze ich 20 davon gnadenlos, um meine eigenen Suchbewegungen zu inszenieren. Wobei ich kein professioneller Inszenierer bin. Die Gruppe 42 sind professionelle Journalisten, Schauspieler, Storyteller. Es könnte also schwierig werden mit mir:

Ich bin Sozialarbeiter. Ich arbeite — wie das die Bezeichnung von Beruf, Profession und Disziplin ja anzeigt — am Sozialen. Ich arbeite nicht an Körpern. Ich arbeite nicht an Psychen. Ich arbeite am Sozialen.

Es geht los:

SERVUS INTERNET

https://gruppe42.com/wiwi-konferenz/

Ah. Nein. Ich bin ja Vorgruppe. Das ist ja die Begrüssungsformel von den zwei Herren, die später kommen. Auf die freue ich mich mit euch zusammen. Klar, auch, weil ich gespannt bin, wie sie auf meine Spiel mit Ihnen reagieren werden ;-)

Bis zum Abschluss von rebell.tv war meine Begrüssungsformel jeweils — wo ist die Kamera? — Ah! Da!

Welcome to the german-speaking part of the World

Aber für hier und heute, würde ich gerne eine andere Begrüssung machen…

Am 22. August 1930 ist Albert Einstein vor einem Mikrofon mit Radio-Access gestanden. Er hat die 7. Deutschen Funkausstellung und Phonoschau in Berlin, die heutige @IFA_berlin — eröffnet. Er sagte, was ich auch heute euch zurufen will:

Sehr verehrte an- und Abwesende

1930. Das ist genau 88 Jahre her. 88. Ein Zeichen? Für manche ja. Es ist ja noch nicht entschieden, wer ich hier bin. Vor einer Woche bei der #Wikicon18 war es nicht klar, ob ich zur Gruppe 42 gehöre. Hier werde ich als Wikipedianer vorgestellt. Für die linke Wochenzeitung — wir nennen sie liebevoll WOZ — war ich — wie Daniele Ganser, ein mindestens rechts-offener. Mindestens. Meine Freunde in und um diese Redaktion herum, haben sich bis heute nicht herabgelassen, diese diffamierende, diese ruf- und berufsschädigende — sie nennen es — “Einordnung”, richtig zu stellen. Wo war ich? — Ahja:

Wie Albert Einstein diese Worte in Berlin ausgesprochen hat — sehr verehrte An- und Abwesende — , weitete sich die Möglichkeit der Kriegsführung mehr als nur vom zweidimensionalen zum dreidimensionalen Raum aus. Der Begriff der “Umwelt” schien eben gerade erfunden zu sein. Der Kampf “Mann gegen Mann” elegantisierte sich. Du kannst Hand anlegen auch, wenn du Menschen die Umwelt manipulierst. Die Gaskammern des Holocausts sind das Denk!Mal für diese Umstellung. Kommunikativ aber, hat Albert Einstein es hinreichend formuliert:

Die Abwesenden müssen ab sofort als Anwesend angenommen werden. Wer das nicht kapiert, überlebt nicht. Eine Generation von Kriegstraumatisierten versuchte später in einem zivilisierteren Leben wieder Fuss zu fassen. Ihr Trauma lautete:

“Feind hört mit.”

Nächsten Mittwoch machen wir Buchvernissage zu “Paul Watzlawick 4.0”. Hier in Wien. An der Fischerstiege. Ab 18.30h. Watzlawick war einer jener, welche mit dieser elenden Vorstellung einer “Röhrchenkommunikation” Schluss machen musste und “Menschliche Kommunikation” auf gänzlich andere Grundlagen stellte…

Ja. Das sind diese üblichen Werbeunterbrechungen auf dem Sender Kanal 42…

Schluss jetzt: Ich will Anfangen.

Aber vielleicht — so hoffe ich — wird spürbar, was ich wollen können wollte: Es geht mir darum, eine Hin- und Herleitung zu machen zu dem, wovon ich ausgehe: Dass wir in einer der spannendsten Zeiten leben seit — … ähm… ich sage jetzt mal — 500 Jahren. Seit der Erfindung von Buchdruck.

Neuzeit, Aufklärung, Moderne war ja bloss die Fortsetzung dieses Anfangs. Dazwischen die wundervolle Zeit des “Ancien Régime” mit dem umwerfenden Barock. Die Königshäuser und die katholische Kirche vermochten auf die Angriffe der Reformation mit einer Gegenreformation zu reagieren und haben ja erst ausformuliert und zur Darstellung gebracht, wogegen sich radikalsten Kräfte gewehrt haben. Täufer, Pietisten, Waldenser (wer Männernamen hören will: John Wyclif, Jan Huss und immer so weiter…), welche dann pragmatische Reformatoren wie Luther, Zwingli, Calvin berühmt haben werden lassen.

Dass aber diese Moderne — welche sich also erst 300 Jahre später hat durchsetzen können — bereits ihren ganzen Schrecken in ihrem Namen mitgetragen hat, können wir heute nicht nicht wissen:

Das Moderne fokussiert auf das Modische. Das Modische auf das Neue. Und wer das Neue präferiert, bevorzugt, auf Total setzt, — der produziert insbesondere Müll. — Ja, Auch Menschenmüll. Zygmunt Baumann hat das präzis auf den schmerzhaften Punkt gebracht.

Wenn Demokratie das Ende der sozialen Fahnenstange gewesen sein soll, dann Gnade uns Gott. Ich gehe davon aus, dass die Realexistierende Marktwirtschaft 2008 kollabierte. Die Demos waren für manche einfach nicht so laut wie jene 1989 in Berlin, wie die Realexistierende Sozialwirtschaft kollabierte.

Beide Systeme fokussierten auf das Individuum.

  • Aber die einen sagten: “Es ist gut für dich selbst, wenn du dich Solidarisierst mit allen Arbeitern der Welt”.
  • Und die anderen sagten: “Es ist gut für die Weltgemeinschaft, wenn du deinen eigenen Vorteil suchst.”

Die Gemeinsamkeit von Links und Rechts ist, dass sie das Individuum akzeptieren, inszenieren, ausbilden und fördern und fordern. Dass aber diese grandiose Problemlösung — während der Zeit der Erfindung des Buchdrucks — längst zum Problem selbst geworden ist, auf diese Idee kommt aktuelle Parteienpolitik nicht.

Ihr glücklichen in Wien: Geht Bruegel im Kunsthistorischen anschauen. Wie einer in einer ähnlichen Zeit wie der unseren gearbeitet hat — wer gar Wikipedia erahnen will — bekommt in dieser Ausstellung viel Inspiration:

Ich erahne mir das seit 2001 laufende Wikipedia — und das seit 2012 laufende Wikidata — als die zwei grössten Projekte, welche auf sehr spezielle, wundersame, erstaunliche Weise eine andere Form des kollaborativen Austausches erproben. Und ich habe den Eindruck, dass am Beispiel der Gruppe 42 grad sehr viel gelernt werden kann, oder könnte…

Ich will das in drei Schritten entwickeln:

A Zuerst möchte ich diese Einleitung — Medium sagt, die sei in 6 Minuten vorlesbar — zusammenfassen und abschliessen mit einer kleinen Performance, welche ebenfalls genau 6 Minuten geht. Es freut mich, wenn ihr mitmachen mögt. Egal ob an- oder abwesend. Wichtig ist: Bitte jetzt Handy bereit halten. Gleich gibts eine Internet-Adresse, welche ihr aufrufen sollt… dann kann es losgehen.

B Danach möchte ich die Antwort auf die an mich gestellte Frage geben: Warum ich mich an Editwar auf Wikipedia beteilige. Das mache ich auch mit einem Video. Nach 4 weiteren Minuten ist auch das vorbei.

C Und dann will ich das probieren, worauf ich mich freue, weil ich nicht weiss, wie gut es klappen wird: Eine Interpretation dieser Gruppe 42. Was tut die? Wie macht die das? Wie kommt sie dazu, es genau so zu tun und nicht ganz anders? Was wollen die, wie wir auf sie reagieren? Und immer so weiter…

Wenn Hans Ulrich Obrist es sagt, sollten wir das tun. Es geht so:

neugieronautik.ch/bühnewarfake

Die Herausforderung besteht nicht darin, einen 50-Minuten-Vortrag gut, spannend, lehrreich zu gestalten. Wer das tun muss, soll es lernen. Es gibt dazu keine Geheimnisse mehr. Mich interessiert das nicht.

1:n

Dieses Setting könnte 1:n genannt werden. Eine Person zu vielen. Egal ob An- oder Anwesend. Auch die Umkehrung ist — je nach Schöpfungsgeschichte — zwischen 3000 und vielen Millionen Jahre bekannt. Hier in Wien wird dieses Setting gerade jeden Donnerstag wieder geübt.

n:1

Auch das interessiert mich nicht. Und schon gar nicht interessiert mich das Ur-Setting von Adam und Eva:

1:1

Nein. Mich interessiert jenes Setting, zu welchem es noch sehr spärlich Lehrbücher gibt. Und jene, welche es gibt, traue ich noch nicht so richtig. Lasst es uns

n:n

n zu n nennen: Viele mit Vielen. Vieles mit Vielem. Egal ob Zeitgleich, Zeitnah oder umstandlos Asynchron: Wir nennen es Kollaborativ, Multiperspektivisch, Multirational und immer so weiter…

Ich werde so oft mit all den Vorwürfen gegenüber Wikipedia konfrontiert. Als hätte Wikipedia null Ahnung von ihren eigenen Problemen. Aber sehr selten wird gefragt, wie es denn eigentlich möglich war, dass von 2001 bis — sagen wir mal — 2007 sich diese Wikipedia hat aufbauen können… Seit allerspätestens 2009 ist das Projekt möglicherweise recht prekär unterwegs. Weil zwar Millionen — auch unendliche viele kritische Journalisten — Wikipedia stündlich als Ausgangspunkt für Recherchen nehmen, aber letztendlich sehr wenig Menschen dafür sorgen, dass Wikipedia gepflegt wird. Und selbst die von der Bevölkerung bezahlten Journalistinnen und Journalisten, ihr stündlich entwickeltes Wissen konsequent in ihre eigenen Silos einpflegen und mit einem Copyright deckeln, statt es offen zugänglich und gemeinnützig abzulegen.

Weder Politik, aber auch nicht von Wissenschaft wurden diese fr0he Prozessphasen von Wikipedia begleitet. Nicht einmal untersucht. Im Vergleich zum Engagement der sogenannten “Medienwissenschaft” zur Rettung der tagesaktuellen Massenmedien, ist der Forschungsstand zu Wikipedia — naja — nicht nur irrelevant, sondern vielmehr inexistent. Das verbessert sich aktuell gerade etwas. Aber auch bloss deshalb, weil Medienwissenschaft entdeckt, dass inhaltliche Texte automatisch generiert werden können. Und dazu bietet Wikipedia ein interessantes Datensampling. Das interessiert offenbar. Aber dort wo Gruppe 42 ansetzt… Langsam:

Als Vorbemerkung zu dem folgenden Schnipsel was jetzt als Antwort auf die an mich gestellte Frage folgt:

2010 haben wir rebell.tv vom Netz genommen, weil unser Angelinvestment von über einer Million Schweizer Franken kein Venture Capital gefunden hat. Rebell.tv gibt es nicht mehr. Aber sieben Jahre später nutzte ich zur Beobachtung der #NoBillag-Initiative — in Österreich wird in diesen Tagen die #NoGis eröffnet und bald wird wohl auch die #NoGez in Deutschland laufen —… nutze ich als Vlogging via Snapchat und Youtube 6 Monate lang zur täglichen beobachtung von 4 Hashtags. Dabei ist ein 12-stündiges Konvolut entstanden: http://communautic.org/ping/

Zur Begleitung der zwei Veranstaltungen im Herbst 2018 — #wikicon18 und #wiwi18 — habe ich 2 Monate lang auch wiederum 4 Hashtags beobachtet und wiederum ein sogennantes #SNAPeriment gemacht: http://communautic.org/pngpng/ Dabei kann die ganze Vorbereitung — auch auf diesen Vortrag — beobachtet werden. Besser wäre, wenn ich sagte:

“Ich beobachte mich selbst beim beobachten und weiss, dass ich dabei — mit viel Zugewinn durch Hinweise anderer — beobachtet werde.”

Das hat übrigens schon Bruegels so gemacht:

Der Typ ist echt grandios! — Jetzt aber meine Antwort:

Warum ich mich an #Editwar @wikipedia beteilige?

Zur Playlist des ganzen Konvolutes: http://communautic.org/pngpng/

So. Jetzt. Jetzt wird es spannend.

(Für mich.) Ist noch jemand da? 
Ja? 
Geht es noch?
- ok… interessiert mich ja angeblich nicht ;-)

Gestern morgen hat via Signal der “Tatalles” — jsja: ein Pseudonym — zwei Bildchen geschickt:

Die linke “Wochenzeitung” hat einen Praktikanten an die #Wikicon18 in St. Gallen geschickt und hat jetzt dessen Text auf totes Holz gepresst. Mir geht es daraus aber nur um diesen Abschnitt:

Die Gruppe 42 hat der Praktikant noch nicht entdeckt. Aber er weiss schon Mal, dass dies “rechtspopulistische Propaganda” sein muss und auf “Verschwörungsplattformen” verteilt wird. Das ist ein Motivierter am demonstrieren, dass er gut ins journalistische Team passt. Er mag — so sein Profil auf Twitter — Metal. Also: Alles was reinhaut ist gut. Wenns laut ist, ist schon mal ziemlich gut. Kurzum: Er hat gute Voraussetzungen für Journalismus.

1 Mein erster Punkt — es wird ingesamt 5 Punkte geben! — soll nun sein: Wir reagiert Gruppe 42 auf solche Verleumdungen?

  • Richtig: Zunächst gar nicht.
  • Und schon grad gar nie würde es ihr in den Sinn kommen, Leserbriefe an die Wochenzeitung zu schreiben. Ich habe jedenfalls noch nie etwas in dieser Art gesehen.
  • Und die Kamera in die Hand nehmen und 20 Minuten Wut und Ärger abrotzen, wie das halt — so erklären sich das die Professionellen — jeder Wutbürger so mal schnell machen würde? — Kommt bei der Gruppe 42 schon grad gar nicht in die Tüte.

Das ist ein sensationeller Punkt.

Und daran wird das hoch Professionelle an dieser Gruppe deutlich. Pohlmann ist ja Journalist. Fiedler ist ja Filmemacher. Bartunek ist ja Schauspieler. Und immer so weiter… Wenn es also um Vermittlung, um Storytelling, um professionelle Inszenierung geht, verfügt die Gruppe 42 über Wissen und Können vom — offensichtlich — Feinsten.

Die Gruppe reagiert erst, wenn diese Hinweis auf Wikipedia diffundieren, eindringen, aufgenommen, eingearbeitet werden. Sie erklären auch regelmässig, dass Wikipedia der entscheidende Ort sei. Ideal dazu die aller ersten Sekunden des im Oktober 2017 veröffentliche 2 Stunden 14 Minuten dauernde Films “Zensur”. Welcher auch — als nicht ganz vollständiges — Script zu lesen gibt.

Das ist zunächst eine sehr clevere, sehr gescheite, sehr weise Reaktion:

Wie die Businessmodelle von Journalismus laufen, ist nun echt kein Geheimnis. Mit “professionellem Informationsjournalismus” zu streiten, macht überhaupt rein gar keinen Sinn. Würdest du zur Chefredaktion rennen, sagte diese:

  • “Nichts ist Älter als die Zeitung von Gestern…” — Keep Cool!
  • “Es ging doch gar nicht darum in dem Artikel, du regst dich über einen winzigen Kollateralsschaden auf…“
  • “Any News Are Good News” — mach was Gescheites daraus!
  • “Zum Anwalt willst du? Mach nur, bei uns werden heikle Stellen standardmässig von der juristischen Abteilung gecheckt!”
  • und immer so weiter…

Die Gruppe 42 hat nicht nur akzeptiert, dass Wikipedia wirklich, das heisst in der Wirkung des Wir’s im Ich — Wir-kl-ich — wirklich wichtig ist, sondern sie reagiert ausschliesslich dort. Darum habe ich “Geschichten aus Wikihausen” etc. auch schon “Das Watchvlog der Wikipedia” genannt.

Der Wert dieser Arbeit ist nicht zu unterschätzen.

Es mag zwar für die Wikipedia-Community ärgerlich sein und die Wikipedianer werden rufen, dass es innerhalb der Wikipedia weiss Gott genug Kritik gäbe — was meines Erachtens auch locker zeigbar wäre — aber der Gruppe 42 gelingt es, gerade weil sie so professionell arbeitet, dass damit Themen auf den Tisch kommen, welche von Bloggern und insbesondere von Journalismus-externen Beobachtern so nicht formuliert werden könnten. Auf jeden Fall nicht so, dass die Hinweise von den nach wie vor als Gate-Keeper fungierenden, tagesaktuellen Massenmedien aufgenommen werden könnte. (Das aktuelle Beispiel vom Praktikanten der WOZ wäre mir dazu ein Beleg.) Journalismus kann fast nur auf Kritik von Journalismus reagieren. Was die Idee von Kritik ins absurde verdreht. Davon später.

Dass die Gruppe 42 aber Wikipedia ausserordenlich schätzt, sich um sie bemüht, Beiträge machen will, welche die Qualität von Wikipedia erhöhen, selbst wenn dies darin bestünde, eine neue, andere, nächste Wikipedia zu gründen — was im übrigen eine Haltung ist, welche selbst Mitarbeitende von Wikimedia Deutschland stützen — , wird etwa darin deutlich, dass sie in ihrer Argumentenführung gegen missbräuchliche Edits häufig, meistens, fast immer — so weit ich das sehe, wie gesagt, ich habe ja längst nicht alles gesehen (Pause, weil Publikum im Saal kichert)—auf andere Einträge in der Wikipedia verweisen und unermüdlich auf die Standards und Ideale bei Wikipedia verweisen.

(Ok. das ist jetzt ein sehr schlecht vorzutragender Abschnitt. Sage ich doch: Dieses Setting ist einfach Quatsch. Würdest du den Text im Blog lesen, wärs Null Problem.)

Zusammenfassung Punkt 1:

  • Die Gruppe 42 anerkennt Wikipedia als das was sie ist: Extrem wichtig. Das kann “Professioneller Informationsjournalismus” und Medienwissenschaft möglicherweise noch lange nicht attestieren. Ein Studium des Pressespiegels von der #Wikicon18 zeigte eine lange Liste von Herabwürdigungen, Banalisierung, Problematisierungen. Dass diese Stimmung aber kippen könnte, zeigen Aussagen von Gilles Marchand oder — um helvetisch zu bleiben — ein Projekt von Patrizia Laeri, was kommunikativ allerdings auch für die Reputation von Wikimedia höchst schwierig ist… abernu: ich wollte nicht neue Kisten öffnen, sondern zusammenfassen:
    Gruppe 42 schenkt Wikipedia höchste Anerkennung,
  • sie engagiert sich in der Sache der Qualitätsförderung,
  • sie sucht ausschliesslich Streit mit der Wikipedia-Community.

2 Mein zweiter und eigentlich auch dritter Punkt — es freut mich besonders, diese in Wien vortragen zu dürfen — sollen belegen, dass die Gruppe 42 eine Expertin in der Nutzung von “Paradoxer Kommunikation” sei. Paul Watzlawick, Norbert Wiener, Heinz von Foerster, Ludwig Wittgenstein und wie sie auch alle heissen mögen… sie alle hätten mit jeder Garantie einen riesen Spass, diese Gruppe zu beobachten. Ich will mit dem Beispiel der “Verschwörungstheorie” beginnen.

Wenn Daniele Ganser — in Österreich müsste jetzt noch der Herr Doktor davor gestellt werden — wenn also Doktor Ganser in der Wikipedia Verschwörungstheorie unterstellt wird, flippt die Gruppe aus. Sie tut jedenfalls so. Aber was die Gruppe 42 gegenüber Wikipedia, einem offenen Netzwerk in welcher einfach alle und jeder, knallhart mitprotokolliert, mitschreiben kann? — Sie unterstellt Verschwörungstheorie! In dunkler Umgebung, mit einer einsam vor sich hinqualmender Zigarette eines investigativ in die Aktenrecherche verschwundenen Journalisten, wird von einigen wenigen — 200, vielleicht auch nur 20 — Accounts erzählt, welche die gesamte Enzyklopädie kontrollieren…

Das ist derart theatralische überhöht, dass es auch der Blinde als Theater sehen muss. Darsuf angesprochen, ssgtenndie Herren freilich: Nein, Nein, Nein! — Was lediglich deren professionalität bestätigt! — Das Ziel ist offensichtlich: Von Verschwörungstheorien zu reden, ist — solange akademische Kriterien gelten — einfach bloss Quatsch.

Natürlich machen Staaten geheime Aktionen. Wozu sonst sind denn die Geheimdienste da? Und warum heissen sie denn “Geheim”, wenn sie “Öffentlich” agieren? Und wenn beispielsweise das Schweizer Fernsehen im Jahr des Herrn 2018 einen Universitätsdozenten, welcher auch ein Journalist der NZZ ist, eine hohe Funktion beim Militär innehat und von sich sagt, er würde für den Nachrichtendienst arbeiten als Experten gegen den Abwesenden “Verschwörungstheoretiker” Dr. Daniele Ganser auffährt — ich spreche von Bruno Lezzi — dann musst du schon sehr komisch gewickelt sein, um nicht ein bisschen zu staunen. Gell? — Was eine “seriöse Quelle” ist, das möchte ich mir noch für Punkt 4 aufheben. Hier soll mein Punkt sein:

Die Gruppe 42 versteht es, Quatschbegriffe als Solche zu inszenieren. Sie so aufzufahren, dass sie frontal kollidieren. Und nichts weniger erzwingen, als die Vermeidung dieser Begriffe.

Und das könnte als eine Inszenierung eines zentralen Anliegens von Wikipedia gesehen werden: Es geht darum, Wissen zur Darstellung zu bringen. Nicht Meinung. Nicht Wahrheit. Wissen.

3 Mein dritter Punkt schliesst eng daran an, aber an einem gänzlich anderen Anliegen: Das anonyme Publizieren. Diese inbrünstig inszenierte Jagd nach eindeutiger Identität und Klarnamen. Dabei ist jeder angemeldete “Benutzer”, wie es in der Wikipedia heisst, ganz einfach via eMail erreichbar und jedenfalls einfacher und direkter zu erreichen als Protagonisten der Gruppe 42. Und sehr oft sind die Verbindungen zwischen Benutzername auch mit einfachem Googlen leicht zu verifizieren. Auch hier würde ich wieder sagen: Es wird mit theatralischem Einsatz ein Thema inszeniert, welches danach als Solches nicht mehr irritationslos diskutiert werden kann.

Wer gegen das anonyme Publizieren ist, ist gegen die Freiheit.

Das gilt seit 500 Jahren so. Journalisten decken traditionell ihre Informanten. Leaking ist erst in Verruf geraten, wie Staaten und Banken — die gewaltig mächtigen, also — verraten worden sind.

Aufklärung hat ihren Namen davon, dass eben das Versteckte, Verborgene, Unzugängliche ans Licht gezerrt unf geklärt werden soll. Die Tradition der “Explizierung des Impliziten” hat allerspätestens mit dem Nordafrikaner Augustinus unzweifelhafte Kraft gewonnen und wird in allen Generationen aufs immer wieder Neue bestärkt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass dieses Prinzip zurückgenommen werden kann. Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie dieses Prinzip unter den Bedingungen von mitrechnenden, mitwirkenden, mitentscheidenden Computern realisiert werden kann. Damit könnte ich jetzt zum fünften und letzten Punkt weiter rennen. Vorher aber noch:

4 Tatsächlich gibt es die Möglichkeit auf Wikipedia, dass Accounts mit besonderen Privilegien, so löschen können, dass ich als “passiver Sichter” — wie mein Kompetenzlevel, das zweitunterste, bezeichnet wird — nicht einmal mehr sehe, dass hier je einmal was gelöscht worden ist. Diese Frage zu skandalisieren — wie dies die Gruppe 42 tut — finde ich höchst unterstützenswert. Weil diese Frage uns Mitten an gänzlich unterkomplex verhandelte Themen führen, welche den Rahmen hier bei weitem sprengten.

Nur so viel: Die deutsche Bundesregierung unterstützt mit dem #NetzDG — dem Netzdurchsetzungsgesetz — dass Plattformbetreiber verklagt werden können, wenn diese gesetzlich verbotenen Inhalt auf ihren Seiten halten. (Ganz anders im Übrigen die Schweiz.) Witzigerweise stören sich Facebook, Google & Co auch gar nicht daran, dass sie mit irrationalen Höchststrafen bedroht sind. Im Gegenteil: Es legitimiert sie zu handeln und Geld spielt eh keine Rolle. Unsere Regierungen unterstützen so offensivst die Privatisierung des Rechtsstaates. Ein Skandal. Einer von Vielen.

Will sagen: Die Herausforderungen sind dermassen gigantisch, dass jedes Jagen von Einzelpersonen — mit Verlaub — unanständig wird, wenn nicht das Ziel dahinter stünde — und dieses irgendwann als solches auch sichtbar würde!— auf die grossen, atemberaubenden, dramatischen Konsequenzen unsere aktuellen informationellen Situation zu verweisen.

Ich will es dabei belassen. Und noch einen letzten fünften Punkt auftun. Eine ebenfalls riesige Kiste.

5 Was ist eine seriöse Quelle? Die Gruppe 42 skandalisiert dieses bei der deutschen Wikipedia besonders hartnäckig verfochtene Relevanzkriteruen, dass bei tagesaktuellen, zeitnahen Quellverweisen fast nur noch journalistisch erzeugte Publikstionen eintragbar sind. Um bei Daniele Ganser zu bleiben: Ein Aussage von Daniele in irgendeinem Video auf Youtube, ist schlicht nicht bei Wikipedia eintragbar, auch wenn es eine wissenschaftlich wasserdichte Aussage wäre. Links auf Socialmedia Plattformen werden sogar technisch verhindert. Das führt gerade bei der Darstellungen von kontroversen, noch nicht konsensuell gesättigten Themen, zu ärgerlichen Problemen.

Auch hier: Das Engagement der Gruppe 42 kann darin gar nicht genügend geschätzt werden. Freilich ist auch dies kein Fragekomplex, welche der Wikipedia fremd wäre. Ganz im Gegenteil. Gerade aus Schweizer Sicht, welche in vielen Teilen traditionell eine hohe Nähe zu amerikanischen Freiheitsidealen pflegt, ein wichtiger Punkt. Es gäbe noch eine radikalere Sicht, welche ich aber nicht persönlich kenne. Es wurde mir gesagt, dass Sprachgruppen innerhalb der Wikipedia, welche stark durch orale Gesellschaftsstrukturen geprägt sind, gänzlich andere “Relevanzkritierien” entwickelt hätten. Bitte Fragen sich mich dazu nichts. Ich habe keine Quellen dazu. Aber gerade dieser Umstand macht die Aussage nicht weniger wertvoll? Überredet? — Das ist mein Punkt. In der Beurteilung, ob eine Aussage Gültigkeit hat, relevant ist, ist die Beurteilung der “Quelle” lediglich ein Kriterium von anderen.

Ich will diesen fünften Punkt aber zum Abschluss noch für einen Übergang nutzen, welcher bei der Gruppe 42 noch nie — wie gesagt… — in den Fokus kam: Wikidata.

Was eine seriöse Quelle ist, welche den bestehenden Relevanzkriterien entspricht, wird durch Wikidata fundamental angegriffen und befragt.

Wenn wir der klassischen Informationswissenschaft folgen wollen, unterscheiden wir zwischen Daten — Informationen — Wissen.

Auf Wikipedia wollten wir bisher nur eintragen, was als “Wissen” konsensuell gesättigt ist. Dabei sollen unbedingt — bedingungslos! — auch kontroverse Wissensbestände zum (vermeintlich) gleichen Gegenstand zur Darstellung kommen.

Das semantische Web, was Wikidata seit 2012 am entwickeln ist und sich an schema.org der w3c orientiert, fordert aber das ganze — ich habe gelernt, dass es hip ist zu sagen — Ökosystem von Wikimedia heraus. Google hat kürzlich ein Findeportal für Datensätze eröffnet. Und die Verwaltungen — ob Wien oder Zürich — sind ist in diesem Zusammenhang äusserst aktiv. (Je nach Zeit, schnell reinklicken!) Es ist höchste Zeit.

Ich darf zum Schluss kommen.

Selbstverständlich will ich noch einen letzten Schnippsel zeigen aus dem Archiv von rebell.tv. Einer, welcher nicht nur zu Wien passt, sondern auch zu unserem Thema.

Nicht ohne meine 5 Punkte zusammenzufassen:

1Die Gruppe 42 sucht nicht Streit mit ihren professionellen Fachkollegen im Feld ihrer Disziplinen, sondern mit der Wikipedia-Community: Aus Gründen!

2 Die Gruppe 42 nutzt “Paradoxe Kommunikation” um wissenschaftlich und massenmediale unirritiert genutzte Quatschbegriffe zu pulverisieren. Einer heisst: “Verschwörungstheorie”.

3 Ein anderer Quatschbegriff heisst “Anonymes Publizieren”. Wer anonymes Publizieren nicht verteidigt, ist (seit 500 Jahren) gegen die Freiheit. Ende der Durchsage.

4 Die Gruppe 42 hat das Potenzial, die ganz grossen gesellschaftlichen Herausforderungen aufmerksamkeitsökonomisch relevant zu formulieren. Eines von vielen möglichen Beispielen ist: “Die Privatisierung des Rechtsstaates.

5 Ohne die Integration von Wikidata in die Kritik von Wikipedia, wird das nix. Wikidata läuft seit 2012 und die Energie in diesem Projekt — in welchem übrigens sehr viele Frauen mitarbeiten — ist riesig.

Lernen wir von #smf18 und den ganz grossen Verlegern: “Ohne Feinde, keine Eskalation. Ohne Eskalation keinen Businessplan.”

Und: ich höre auch nicht auf, bevor ich mich herzlich bedankt habe. Bei Euch allen. Der Geduld mit mir. Der Gruppe 42 und insbesondere Stephan Bartunek für diese grossartige Arbeit, welche diese #wiwi18 ermöglicht. Danke. (Hat der Gute schon einen dicken Applaus erhalten?)

Die Herausforderungen sind zu gross, als dass wir uns gegenseitig Ausspielen.

Es ist egal, ob ich eine Frau oder ein Mann bin, erwerbslos oder erfolgreich, gescheit wie Albert Einstein oder dumm wie Brot, “nativ” oder “immigrant”, ein Kind oder ein Grossväterchen wie ich, von hier oder von dort, anwesend oder abwesend... Vor dem Rechner sind wir — wie früher vor Gott und später vor der Justizia— alle gleich.

Es geht weiterhin darum, einen Umgang — einen mustergültigen Umgang — mit Dissens zu erfinden. Jede Epoche neu. Wir haben mit Wikipedia und Wikidata grad zwei Umgebungen vor uns, welche das Wissens darum, was uns Menschen zu Menschen macht sammelt, aufbereitet, einander herzeigt. Es gibt viele andere Umgebungen, in welchen wir üben können. “…ausser, wir tun es.

Politik, Wissenschaft und Journalismus wird immer leichter als Teil von Problem erkennbar. Und nicht als Teil von Lösung.

Das kann unruhig machen. Aber es ist nicht der Untergang der Welt. Das hat unsere Gesellschaft schon bei der Erfindung von Sprache, Schrift und Buchdruck erfolgreich überstanden. Diese Umstellungen waren nie die Gründe für Krieg. Ganz im Gegenteil.

Krieg, Gewalt, Zerstörung: Das ist das Mittel der Starken. Die Schwachen hatten schon immer gänzlich andere Problemlösungsvorschläge als die Starken, sagt der Sozialarbeiter. Wir sollten uns einbringen. Attraktiv, Selbstbewusst, Professionell.

“Wir sehen der Zukunft ins Gesicht”, wird Peter Weibel gleich sagen… Ziehen wir uns nicht vor ihr zurück! Weiten wir die Gegenwart ins Unendliche und gestalten offensiv an einem guten Leben. Ich wünsche uns gutes Gelingen.

aus dem archiv von rebell.tv

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Stefan m. Seydel/sms ;-)

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Autor, Künstler.

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: #dfdu.org AG, Konstellatorische Kommunikation. (Entwicklung von Pilot und Impulsprojekten, gegründet 1997 mit Tina Piazzi)