Mitten ins Herz — der Brand in Notre-Dame de Paris

Romy Mlinzk
Apr 16 · 4 min read

Mein Herz setzt für einen Moment aus, als ich in meine Twitter-Timeline sehe. Nicht, weil ich eine Nachricht eines geliebten Menschen sehe, von dem ich lange nichts gelesen habe. Mein Herz setzt aus, weil eine Kirche brennt. Nein, nicht irgendeine Kirche. Notre-Dame de Paris steht in Flammen.

Die Kirche im Herzen Paris, im Herzen der Grande Nation, steht seit wenigen Minuten in Flammen. Die ersten Tweets zeigen schon verherrende Szenen im hinteren Bereich der Kirche. Der Dachstuhl rund um den Spire, den mittleren Turm der Kathedrale, brennt. Qualm steigt in den Abendhimmel von Paris. Flammen schlagen aus dem eingerüsteten Bereich heraus. Denn Notre-Dame de Paris wird gerade in diesem Bereich aufwändig gesäubert. Die Umweltbelastungen hatten der Bausubstanz schwer zugesetzt. Glück im Unglück: die Statuen rund um den Spire waren wenige Tage vorher mit Kränen heruntergeholt worden und sind so gerettet.

Im Inneren der Kirche

Mein Herz setzt erneut aus, als der Spire durch die Macht der Flammen gebrochen wird und zusammenbricht. In quasi Echtzeit dabei zu sein, wie diese Kirche in rotzüngelnden Flammen aufgeht, geht mir sehr nahe. Nicht nur mir. Tausende Menschen säumen die Straßen von Paris und blicken geschockt auf die Île de la Cité, auf dem eines der ältesten Wahrzeichen der Stadt an der Seine steht.

Ein Bollwerk. Seit über 800 Jahren im Herzen der Stadt gelegen, schien Notre-Dame de Paris nichts schaden zu können. Es ist nicht irgendein Punkt der Stadt, an dem diese Kathedrale steht. Die Île de la Cité gilt als der älteste Punkt der Stadt. Alle Entfernungsangaben innerhalb von Frankreich, die Paris angeben, beziehen sich auf diesen Platz. Es ist das Herz des Landes und hier steht die alte Lady, die so viel durchgemacht hat. Sie hat Könige kommen und gehen sehen, die blutige Französische Revolution überlebt und auch Napoléon sowie die Weltkriege.

Madame stand eisern an dieser Stelle und langsam mehrten sich an diesem gestrigen Abend die Mutmaßungen, ob die Struktur der Kirche erhalten werden kann. Das Feuer hatte auf den Nordturm übergegriffen. Doch im Laufe der Nacht sicherten mehr als 400 Feuerwehrmänner nicht nur die Schätze der Kathedrale, sondern auch die Kirche an sich. Das Feuer war unter Kontrolle und konnte im Laufe des Tages vollständig gelöscht werden.

Notre-Dame de Paris — mit Spire (Mittelturm)

Doch warum nimmt mich das Ganze so mit. Notre-Dame de Paris ist eine besondere Kirche, die mich bei meinen Besuchen nie kalt gelassen hat. Sie hat immer mit mir etwas gemacht, Sehnsüchte geweckt, mir Kraft gegeben. Eben weil sie ein Anker im Herzen dieser turbulenten Stadt ist. Weltweit scheine ich auch nicht allein damit gewesen zu sein.

2011 habe ich mir im Februar viel Zeit für die Kirche genommen. Bin auf die Türme hochgestiegen, um den berühmten Wasserspeichern (Gargoyles) Hallo zu sagen. Es war mein 30. Geburtstag. Es war die Flucht vor dem ungeliebten Tag. Eine Flucht, die ich nicht alleine antreten wollte. Doch der Platz neben mir im Flugzeug blieb leer.

Die Wasserspeier von Notre-Dame hoch über Paris

Der Mann, mit dem ich dieses Wochenende und diesen Geburtstag plante, starb ein halbes Jahr vorher an einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung. Allein lief ich durch das verregnete Paris, in meinen schwarzen Mantel gehüllt, die Wassertropfen tropften von meiner Nase und ich bin mir nicht sicher, ob es nur der Regen war. Allein zog ich durch Museen, gönnte mir von meinem wenigen Geld ein kleines Menü in einem französischen Restaurant mit einem Glas Rotwein und zündete in Notre-Dame de Paris eine Kerze für den Mann an, den ich verloren hatte.

Kerzen in Notre-Dame de Paris

Diese Kirche gab mir Kraft. Nun bricht mir das Herz, diesen Ort so verwundet zu sehen, wie ich damals war. Mein Herz blutet. Meine Seele zerreißt. Mein Schmerz ist nicht in Worte zu fassen.

    Romy Mlinzk

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    Reiseblogger, Fotografin, Social Media Manager, Selbständig im Bereich Digitale Kommunikation mit “Keep Me Posted”.