Gipfeltreffen der Energie-Revoluzzer

von Fabian Reetz

EventHorizon2017

Die Blockchain ist in aller Munde. Zumindest beim Großteil der Energiewelt. Die Technologie, auf der die Kryptowährung Bitcoin basiert, hat das Zeug unsere Energiewirtschaft grundlegend zu revolutionieren. Dessen sind sich zumindest knapp 550 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Energiewirtschaft einig, die sich am 14. und 15. Februar in den opulenten Redoutensälen der Wiener Hofburg zur ersten internationalen Blockchain Konferenz für den Energiebereich zusammengefunden hatten – der Eventhorizon2017. Hier die drei wichtigsten Take Aways von der Konferenz:

(1) Fundamentale Umbrüche

Durch die radikal neuen Möglichkeiten, die Technologien wie Blockchain bieten, wird auf einmal der Status Quo aus bestehenden Prozessen und Mechanismen grundlegend in Frage gestellt, wodurch man zu erstaunlichen neuen Ansätzen kommt: Ergibt es wirklich Sinn, dass ein Stromkunde nur einen Lieferanten haben kann? Sind die Transaktionskosten für Kleinsterzeuger nicht mittlerweile weit genug gesunken, um selbst den Strom zu vermarkten? Sind 15 Minuten als kleinste Zeitscheibe im Stromhandel noch zeitgemäß? Alle diese Fragen betreffen die Grundlage unseres heutigen Energiemarkt-Designs — ein Design welches zuletzt vor 2 Jahren im Rahmen des Grün- und Weißbuch Prozesses zum Strommarkt 2.0 überarbeitet wurde. Die damalige Debatte drehte sich allerdings zum größten Teil um die Frage ob man nun einen Kapazitätsmarkt zur langfristigen Sicherung unserer Versorgung braucht oder nicht. Der digitale Wandel und insbesondere disruptive Technologien wie Blockchain wurden hierbei vollkommen außer Acht gelassen — der Dialog muss also schnellstmöglich unter Berücksichtigung Technologien wieder aufgenommen werden. Hier stehen fundamentale Veränderungen an, die wir frühzeitig erkennen und in die Gesetzgebung einspielen sollten.

Screenshot von der Website des BMWi

(2) Geschwindigkeit

Digitalisierung kommt in einer rasenden Geschwindigkeit auf den Energiesektor zu und das in sämtlichen Bereichen. Sie verändert dabei Spielregeln, verschiebt Machtverhältnisse und macht bisher Unmögliches möglich. Unsere Gesetzgebung und Regulierung hat Technologien wie Blockchain nicht einkalkuliert und versteht Digitalisierung im Energiebereich zumeist als das Ausrollen von Smart Metern. Doch Digitalisierung kann nicht verordnet werden, sie ist auch nicht die Adaption einer Technologie sondern ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Digitalisierung ist auch kein Projekt, das irgendwann fertig ist — Technologischer Wandel bleibt nicht stehen. Dem Energiebereich steht die wirkliche Digitalisierung erst noch bevor (siehe Grafik von BCG). Die Blockchain ist ein riesiger Treiber dieser Entwicklung, den vor 3 Jahren noch niemand hat kommen sehen. Durch die neuen Möglichkeiten der Technologie wird die Geschwindigkeit der Digitalisierung nochmals zunehmen, was den traditionell sehr langsamen Energiesektor vor neue Herausforderungen stellt.

Quelle: The Boston Consulting Group

(3) Neuland

Die Blockchain-Community ist zu großen Teilen technisch geprägt. Sie war jahrelang ein kleiner erlauchter Kreis von Informatikern, Mathematikern und Kryptografie-ExpertInnen und hat — vielleicht ohne explizite Intention — eine digitale Reinform der Basisdemokratie geschaffen, die es zunächst einmal zu verstehen gilt. Wer trägt die Verantwortung für etwas, das überall und nirgends ist? Wer entscheidet in Patt-Situationen? Wie kann eine Rechtsprechung hier aussehen? Diese Debatte muss schnellstmöglich interdisziplinär geführt werden. Hier wird ein Bedarf für eine moderne Governance-Instanz evident — mal mehr, mal weniger deutlich artikuliert. In einer Live-Umfrage auf der EventHorizon2017 zur zukünftigen Rolle der Regulierung gaben knapp 50% an, dass das Monitoring von Smart Contracts zukünftig Aufgabe der Regulierungsbehörden sein könnte. Einig scheint man sich über den generellen Wunsch nach Partizipation der Regulierung zu sein: 78% meinen, es sollte eine Task-Force gegründet werden, um die Potentiale und Spannungsfelder der Blockchain im Energiebereich zu evaluieren. Eine Einladung zum Mitgestalten auf Augenhöhe! Doch bisher wird das Thema von Seiten der Politik und Regulierung konsequent ignoriert. Unter den 550 ExpertInnen war kein einziger Vertreter von BMWi oder BNetzA. Hier besteht dringender Nachholbedarf!

Screenshot Umfrage EventHorizon2017

Event Horizon — der Ereignishorizont — bezeichnet in der Astrophysik die Grenze, ab der nichts mehr der Anziehungskraft eines schwarzen Loches entfliehen kann, nicht einmal Licht. Der point of no return. Mir scheint dieser Punkt für die Blockchain im Energiebereich erreicht zu sein. Sie hat längst genügend wichtige Player in ihren Bann gezogen, deren Momentum durch unzählige Initiativen sich nicht mehr stoppen lässt. Wir sollten nun versuchen, die Rahmenbedingungen für digitale Technologien so zu setzen, dass hierdurch ein größtmöglicher Nutzen für alle entsteht. Es war nie spannender in der Energiewirtschaft als heute!

EventHorizon2017

Fabian Reetz leitet den Bereich Digitale Energiewende beim Think Tank Stiftung Neue Verantwortung in Berlin.