Unqualifiziert in die Arbeit 4.0

Die Berufswelt wandelt sich immer schneller, der Staat müsste in Qualifizierung investieren, anstatt an ihr zu sparen.

von Dr. Stefan Heumann

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Keine Frage, im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinen Arbeitslosenzahlen glänzend da. Mit 5,9 Prozent ist die Quote derzeit auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren. Die starken Zahlen verleiten jedoch dazu, zwei Entwicklungen zu übersehen, die zusammen diesen Erfolg gefährden: die Veränderung der Berufswelt durch Digitalisierung und die Verknappung von Arbeitskräften durch eine alternde Gesellschaft. Nur wenn wir schon heute politisch die richtigen Weichen stellen, wird sich die Erfolgsgeschichte fortschreiben lassen.

Die Analyse des Problems ist inzwischen sogar weitgehend unstrittig: Die Digitalisierung wird sehr viele Berufsbilder noch sehr viel stärker verändern als bisher. Für eine Industriemechanikerin bedeutet es beispielsweise, dass sie nicht mehr nur Maschinen warten, sondern auch mit Software umgehen muss, um Anlagen aus der Ferne zu warten. Während Computer Teile unserer Tätigkeiten übernehmen, müssen wir zusätzliche Fertigkeiten erlernen, die für uns nicht nur neu, sondern teilweise auch komplizierter sind. Niedrig qualifizierte Jobs fallen weg, während neue Aufgaben entstehen, deren Ausübung ein sehr hohes Kompetenzniveau verlangt.

“Na und?”, könnte man fragen – diese Entwicklung ist nicht neu. Der Generationenwechsel war lange ein natürlicher Ausgleichsmechanismus, der für einen stetigen Nachschub qualifizierter Personen sorgte. Schulen und Universitäten passten ihre Curricula an, neue Ausbildungsgänge wurden gegründet. Die Kompetenzen nachrückender Generationen deckten sich größtenteils mit der veränderten Nachfrage der Arbeitgeber. Dies bedeutete für junge Arbeitnehmer gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt und für Unternehmen wenig Personalprobleme.

Dieser sogenannte skill match droht aber in Zukunft nicht mehr zu funktionieren. Das Aufeinanderpassen von erlernten und benötigten Fähigkeiten gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Zum einen durch die Digitalisierung, mit der sich die Geschwindigkeit des technologischen Wandels erhöht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dauerte es noch Jahre, bis neue Technologien wie das Telefon branchenübergreifend in den Arbeitsalltag integriert waren. Heutzutage wird ein Softwareupdate innerhalb weniger Minuten auf einen Computer gespielt. Arbeiter, die Computer nutzen, sind daher ständig gefordert, neue Softwareanwendungen zu lernen und einzusetzen.

Unsere Bildungsinstitutionen halten nur schwer Schritt. Zwar prägen Tablets und Computer den Alltag der Jugend. Die Vermittlung digitaler Kompetenzen bleibt aber weiter eine Großbaustelle der Bildungspolitik. Auch die viel gelobte beruflichen Ausbildung macht das Problem deutlich: Mit Bankkauffrau und Einzelhandelskaufmann bilden wir junge Menschen vor allem in Berufen aus, die sich in den nächsten Jahren nicht nur weiter stark wandeln, sondern auch in großem Umfang wegfallen werden. Während die großen Banken weiter Filialen schließen, begannen 2015 mehr als 30 000 junge Menschen eine Banklehre. Im Einzelhandel sind es — trotz der weiter zunehmenden Konkurrenz aus dem Online-Geschäft — mehr als 60 000.

Gerade Geringqualifizierte geraten in Zukunft am stärksten unter Druck

Hinzu kommt ein zweites Problem: Der demografische Wandel. Er stört den skill match, weil in Zukunft immer weniger Menschen in den Arbeitsmarkt hineinkommen. Das heißt, der mit der Digitalisierung verknüpfte Bedarf an neuen Kompetenzen wird sich immer weniger durch nachrückende Generationen von Arbeitnehmern decken lassen. Schon heute befinden sich Unternehmen in einem starken Wettbewerb um junge Fachkräfte, mit denen sie die Herausforderungen der digitalen Transformation meistern können. Angesichts der demografischen Entwicklung wird dieser Wettbewerb noch zunehmen. Auch der Zuzug von Geflüchteten schafft hier keine wirkliche Entlastung. Das Altern unserer Bevölkerung wird dadurch nur verlangsamt — der Trend aber nicht gebrochen. Hinzu kommt: Viele Migranten zählen zur Gruppe der Geringqualifizierten. Gerade diese Gruppe gerät jedoch im Arbeitsmarkt der Zukunft am stärksten unter Druck.

Schneller technologischer Wandel und eine alternde Gesellschaft sind die zwei Megatrends, die zusammen unseren Arbeitsmarkt im nächsten Jahrzehnt unter Druck setzen. Wenn wir den Kompetenzbedarf im Arbeitsmarkt nicht durch nachrückende Generationen decken können, führt an einer groß angelegten Weiterqualifizierungsstrategie kein Weg vorbei. Wir müssen diejenigen, die bereits fest im Arbeitsleben stehen, für die Anforderungen der Zukunft fit machen. Arbeitnehmer erkennen das Problem. Umfragen zufolge sind 80 Prozent von ihnen angesichts des technologischen Wandels von der Notwendigkeit überzeugt, ihre Fähigkeiten ständig weiterzuentwickeln. Real wird aber kaum etwas unternommen.

So nimmt im Durchschnitt nur jeder achte Deutsche mindestens einmal im Jahr an einer Weiterqualifizierungsmaßnahme teil. Ähnlich sieht es auf staatlicher Seite aus. Die öffentlichen Ausgaben für Weiterqualifizierung gehen sogar zurück. Laut eines Gutachtens im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung sind die öffentlichen Ausgaben für Weiterqualifizierung zwischen 1995 und 2012 um 41 Prozent auf 6,1 Milliarden Euro gesunken.

Die Politik darf sich in Sachen Weiterqualifizierung nicht weiter hinter Gewerkschaften und der Wirtschaft zurücklehnen. Sie muss Weiterqualifizierung als zentrales, strategisches Handlungsfeld der Bildungspolitik ernst nehmen. Unternehmen alleine werden das Problem nicht lösen können. Das Beispiel des US-Telekommunikationsunternehmens AT & T zeigt, wie Weiterqualifizierung ohne unterstützenden politischen Rahmen aussehen könnte. Der Konzern mit mehr als 240 000 Mitarbeitern hat ein ambitioniertes Weiterqualifizierungsprogramm gestartet. Allerdings müssen die Beschäftigten die Fortbildungen in ihrer Freizeit besuchen und selbst bezahlen. Wer nicht mitmacht, gefährdet seine Zukunft im Unternehmen.

Von amerikanischen Verhältnissen sind wir in Deutschland weit entfernt. Leider aber auch von einer politischen Weiterqualifizierungsstrategie, um die Herausforderungen eines von Demografie und Digitalisierung unter Druck gesetzten Arbeitsmarkts meistern zu können. Die vielen Reden über Qualifizierung und lebenslanges Lernen werden nicht reichen. Wir brauchen endlich eine Bildungspolitik, die Weiterqualifizierung zu einem zentralen Handlungsfeld erklärt. Wer hier heute die richtigen Weichen stellt, macht nicht nur gute Bildungs-, sondern auch zukunftsweisende Arbeitsmarktpolitik.

Dr. Stefan Heumann ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Denkfabrik Stiftung Neue Verantwortung in Berlin. Dieser Artikel erschien erstmals in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel “Arbeit 4.0” am 11. September 2016.