Wort zum Sonntag, II

Sind das alles Nazis?

Wie in Großbritannien und den USA auch gibt es erhebliche Probleme bei der politischen Verortung der Unterstützer der örtlichen Rechtsradikalen. Nicht nur sie wehren sich dagegen, pauschal als Nazis verdammt zu werden. Aber:

Wer die Linke wählt ist Sozialist,
wer SPD wählt ist Sozi,
wer Grüne wählt ist Grüner,
wer FDP wählt ist liberal,
wer die Union wählt ist konservativ,
aber damit die Wähler einer Nazipartei auch Nazis zu nennen, tun sich alle schwer?

Es ist nachvollziehbar, Bedenken dagegen zu haben, 13% der deutschen Wahlbevölkerung zu Nazis zu erklären. Soviele, eventuell auch von den eigenen Familienmitgliedern, Nachbarn, Freunden, Kollegen — kann das sein?

Zuerst: Es war auch anderswo immer die erste Verteidigungslinie der Gaganazis wie Nigel Farage oder Trump, auf die große Zahl ihrer Unterstützer zu verweisen und zu behaupten, da dies ja nicht alles Nazis sein könnten, wären sie auch keine. Aber wieso eigentlich nicht? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Ein beliebtes Argument in dieser Hinsicht, dass mir öfter auf dem Höhepunkt der PEGIDA-Märsche angeboten wurde, war: Wenn wir die jetzt alle Nazis nennen, dann werden daraus tatsächlich welche. Dann haben wir die verloren.

Vielleicht sind die, die sich aus welchen Motiven auch immer in eine Reihe mit Nazis stellen, schon verloren. Die ungeschnittenen Interviews mit den Marschierenden zeigten Menschen, die eigentlich konkrete materielle Sorgen haben, aber keine Skrupel, für deren Beseitigung in Kauf zu nehmen, dass ethno-religiöse Minderheiten verfolgt werden. Sie bevorzugten das eigentlich sogar, denn die 1050€-Mindestrente bietet mir auch die Linke an. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Wähler der Original-Nazis das in vielen Fällen genauso gesehen haben — ihr Interesse galt Arbeit und Brot, nicht Krieg und Holocaust. Bekommen haben sie das trotzdem. Wie wollen wir das nun nennen? Egoisten sind es auf jeden Fall, und das Interesse am Wohl ihrer Mitmenschen wird mit wachsender Unterschiedlichkeit von der eigenen Person zunehmend suspendiert.

Zu der Unwilligkeit, das Kind beim Namen zu nennen, ist noch zu sagen: Es deprimiert mich, wie schlecht das politische Gedächtnis der Menschen ist. Nicht im Bezug darauf, was vor 70 Jahren passiert ist und damit nicht mehr zum eigens Erlebten gehört, sondern gerade darauf, was in den letzten 70 Monaten passiert ist. Es werden zuviele Dinge allein in einem kontextfreien Raum schwebend betrachtet.

Die Nazis — und ich meine nicht die Anhänger, sondern die Führer und Organisatoren, von denen sich alle einig zu sein scheinen, dass das tatsächlich Überzeugungstäter sind — haben sich alleine in meiner Lebenszeit so häufig rebrandet, dass einem schwindlig werden muss. Naziglatzen in Springerstiefeln. Nazis in Nadelstreifen. Vegane Nazihipster. Neonazis, autonome Nationalisten, der nationalsozialistische Untergrund, die identitäre Bewegung. NPD, DVU, Republikaner, Schill-Partei, Pro-Köln / -NRW / -Deutschland, Lucke-, Petry-, Höcke-AfD. Nazis die gut mit Israel gegen Muslime können, Nazis die gut mit Muslimen gegen Israel können. Slawophile Nazis, slawophobe Nazis.

Und jedes Mal der selbe Eiertanz; sind das jetzt Nazis? Dürfen wir die so nennen? Was heißt das für mein eigenes Handeln, für meine Bewertung des Handelns anderer (Antifa)? Und wenn die Gesellschaft zu einem Urteil gekommen ist, ziehen die Möchtegernhitlers prompt das nächste Kostüm an und es geht von vorne los.

So einfach hätte ich es auch gerne.