Imperative gegen die Angst vor dem Fremden

Martin Heidegger sagte, dass die Angst eine Grundbefindlichkeit des Menschen sei. Wie schaut es aus mit der “Angst vor dem Fremden”?

Im Ö1 Salzburger Nachtstudio vom 9. März 2016 (https://oe1.orf.at/programm/430716) zur „Angstgesellschaft“ sagt der Psychiater und Psychoanalytiker Stephan Doering, dass die Urangst vor dem Fremden immer schon in uns steckt und dass wir diese wir ernst nehmen müssen. Durch die Flüchtlingskrise scheine die Angst vor dem Fremden größer geworden zu sein, obwohl Multikulturalität generell als positiv gesehen und als Bereicherung unseres Kulturkreises gewertet wird. Die Reaktion der Politik auf die Flüchtlingskrise bezeichnete Doering als Angstmache: „Politiker auf höchster Ebene agieren mit der Angstmasche.“ Sie würde mehr und mehr Überwachung, mehr vernetzte Information fordern. Dabei würden wir aber jedes Mal Bürgerrechte verlieren. Mit Bezug auf F. D. Roosevelt konstatierte er, dass es die vorrangige Aufgabe der Politik ist, den Bürgerinnen und Bürgern „die Angst vor der Angst zu nehmen“. Der Weg, der auch politisch gesteuert werden muss, hin zu einer „Zukunft, an die man glauben kann“ und die nicht starr macht durch die Angst vor der Angst, scheint noch nicht gefunden.

Der kalifornische Professor für Human Communication Studies William B. Gudykunst hat ein paar Ansätze parat, die helfen könnten, die eigene Unsicherheit und die zu große Angst vor dem Fremden oder vielleicht sogar die „Angst vor der Angst“ zu bewältigen sowie die Starre zu lösen. Aus seiner Theorie versuche ich, drei Imperative als Diskussionsanregung abzuleiten, die dabei helfen, Vertrauen zu entwickeln. Meiner Meinung nach wäre genau das auch die Aufgabe der Politik und der Medien gerade in dieser Zeit jetzt: Mutig zu sein und Räume zu schaffen, in denen sich Vertrauen bilden kann.

1. „Schau‘ dir an, wie du dich selbst siehst, definierst.“ Denn, die Weise, wie wir uns selbst definieren, beeinflusst die Art, wie wir mit Fremden kommunizieren und wie wir die Ängstlichkeit und Unsicherheit bewältigen. Wer sich sicher und integriert fühlt, ein hohes Selbstwertgefühl und wenig Schamgefühl hat, ist weniger unsicher und ängstlich. 
 2. „Geht aufeinander zu.“ Denn, je respektvoller, häufiger, intensiver und persönlicher wir uns auf Fremde beziehen und je mehr Verknüpfungen und auch Abhängigkeiten es zwischen den einzelnen Welten/Personen gibt, desto eher können wir das Verhalten vorhersehen, desto attraktiver wird es, eine Beziehung zu unterhalten und desto besser können Angst und Unsicherheit bewältigt werden.
 3. „Sammelt Informationen und Wissen über den anderen.“ Denn, je mehr Wissen wir darüber haben, wie Fremde verstehen, was geschieht, wenn wir handeln und kommunizieren und je mehr wir über ihre Kultur, Erwartungen und Sprache wissen, desto weniger Angst und Unsicherheit haben wir. Nach Gudykunst eine Bedingung für effektive Kommunikation.

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