Innovationsmanager (m/w) für Wohlfahrt und Soziale Arbeit: Wen brauchen wir?

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Der geschätzte Kollege Hendrik Epe stellt häufig richtig gute Fragen. So auch heute, denn das Thema Innovationsmanager (m/w) für Wohlfahrtsverbände und Soziale Träger ist bisher noch recht unberührt.

Und es ist kein ganz unkritisches Thema. Denn viele Verbände und Träger, die ich kenne, werden bei einer solchen Frage zunächst abwehren und eine Vermeidungsfrage stellen, die jedoch berechtigt ist: “Brauchen Wohlfahrtsverbände und Soziale Träger überhaupt Innovationsmanger?”

Ich sage ja und will mit der folgenden Aufstellung von Kompetenzen und Gründen eine Diskussion- und Arbeitsgrundlage zum Thema liefern.

Was ist ein Innovationsmanager und was haben Wohlfahrt und Soziale Arbeit davon?

Die Karrierebibel beschreibt den Beruf des Innovationsmanagers wie folgt:

… Hier kommt der Innovationsmanager zum Einsatz. Dieser kümmert sich um Planung, Umsetzung und um die Beobachtung neuer Ideen und Produkte der Firma für den potenziellen Markt.

Im wirtschaftlichen Bereich handelt es sich also um Fachfrauen und Fachmänner, die dafür sorgen, dass ein Unternehmen weiterhin am Markt bestehen und sich mit innovativen und neuen Ideen gut aufstellen kann. Angesichts der hohen Dynamik vieler Märkte eine Aufgabe, deren Sinn einleuchtet.

Doch warum sollten Wohlfahrtsverbände oder Träger der Sozialen Arbeit sich mit diesem Beruf befassen? Sie haben doch viel weniger Konkurrenz als ihre wirtschaftlichen Pendants und müssen sich um Konkurrenz keine Gedanken machen, oder?

Weit gefehlt! Innovationsmanager sind für Wohlfahrt und Soziale Arbeit wichtig, denn

  1. … bekommen etablierte Verbände und Träger immer stärkere Konkurrenz durch (Social) Start-Ups und neue, innovative Geschäftsmodelle die auf den Markt kommen und Nischen besetzen. Das Problem für die etablierten Träger: Haben sich Anbieter mal in einer Nische etabliert, wachsen sie von dort aus auch in Bereiche, die bisher von den Trägern besetzt waren.
  2. … wenn Verbände und Träger ihren Auftrag ernst nehmen, müssen sie sich mit den wachsenden und teilweise neu entstehenden Bedürfnissen und Problemen ihrer Klienten befassen. Hier sind traditionelle und erprobte Lösungen längst nicht ausreichend. Das gilt vor allem, wenn es um die Ansprache und das Erreichen von Menschen geht, die sich vom Sozialsystem und der Politik vergessen und vernachlässigt fühlen. Hier sind innovative Ansätze nötig.
  3. … auch wenn es viele nicht gerne hören: Die (deutschen) Sozialsysteme und die Aufgabenstellungen für Wohlfahrtsverbände und Träger der Sozialen Arbeit verändern sich. Wer auf diese Veränderung nicht reagiert, die Möglichkeiten von Technologie, Kommunikation und Algorithmen nicht kennt und versteht, wird auf absehbare Zeit irrelevant.

Wichtig: Beim dritten Punkt schreibe ich bewusst “wer die Möglichkeiten … nicht kennt und versteht, …”. Ich sage nicht, dass Wohlfahrt und Soziale Arbeit alle Möglichkeiten nutzen müssen. Doch wir brauchen in diesem Bereich mehr Fachkompetenz in Feldern — beispielsweise KI, Algorithmen, Medienkompetenz, (politisches) Agendasetting und anderen — die wir bisher nicht oder nur am Rande beachtet haben.

Um diese Bereiche zu erkennen, Entwicklungen frühzeitig zu erfassen und passende Reaktionen entwickeln zu können sind Innovationsmanger sinnvoll und notwendig.

Welche Kompetenzen brauchen Innovationsmanager für Wohlfahrt und Soziale Arbeit?

Die Grundvoraussetzung ist ein Verständnis — und idealerweise Erfahrung — der Wohlfahrt und Sozialen Arbeit, ihrer Aufgaben, grundlegender Prinzipien — beispielsweise des Triple Mandats — und ein Bezug zum Selbstverständnis von Sozialarbeitenden.

Die Vertrautheit mit Wohlfahrt und Sozialer Arbeit ist für wirksame Innovationsmanager zwar wichtig, sie dürfen jedoch nicht zu nah dran sein. Denn ein gewisser Abstand ist notwendig, um bestehenden Strukturen, Leistungen und Abläufe wahrnehmen und kritische reflektieren und hinterfragen zu können.

Es muss sich daher bei Innovationsmanagern für Wohlfahrt und Soziale Arbeit nicht zwingend und Sozialarbeitende handeln. Wohl aber um Menschen, die für den Bereich affin sind und die nötige Empathie mitbringen, um sich in die Haltung und Mentalität der Sozialarbeitenden hinein zu denken.

Ist diese Grundvoraussetzung gegeben, sind aus meiner Sicht noch (mindestens) folgende Kompetenzen nötig:

  • Affinität und Offenheit für neue Entwicklungen und eine natürliche Neugier auf Veränderung.
  • Interesse an Technik, Kommunikation, gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen.
  • Rechercheerfahrungen und die Fähigkeit, sich schnell, auch in komplexe, Themen einzuarbeiten.
  • Kommunikative Fähigkeiten und die Offenheit für Dialog und Austausch mit Experten und Expertinnen verschiedenster Bereiche und Branchen.
  • Affinität für sozialpolitische und soziologische Fragen, da beide Bereiche Wohlfahrt und Soziale Arbeit direkt betreffen.
  • Ein ausgeprägtes Netzwerk, oder die Bereitschaft dieses zu etablieren, in den verschiedenen Bereichen, von Forschung über Entwicklung bis hin zur Wirtschaft.
  • Bereitschaft und Affinität fürs Netzwerken sowie diplomatisches Geschick.

Mir ist klar, dass sich diese Liste wie die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau liest. Gleichzeitig ist sie vermutlich unvollständig. Sowohl die Liste als auch dieser Artikel sind keinesfalls vollständig. Beide sollen als Diskussions- und Arbeitsgrundlage dienen. Und wenn sich etwas neues zu diesem Thema ergibt, werde ich den Artikel nach und nach aktualisieren und erweitern.

Wenn du Impulse, Fragen oder Kommentare zu Thema hast, freue ich mich auf die Diskussion hier in den Kommentaren.


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