Der Lebkuchenmann

Franziska und ihre Familie backen Weihnachtskekse. Den ganze Tag über werden viele verschiedene Sorten Teig verarbeitet. Als letztes kommen Lebkuchen dran. Es riecht ganz wunderbar nach den Zutaten des Lebkuchens: Honig, Zimt, Nelken, Koriander, Ingwer, Kardamom, Piment und Muskatnuss. Es ist einfach herrlich. Franziska freut sich schon darauf, wenn sie die fertigen Lebkuchen naschen darf.

Franziska sticht mit ihren Eltern und den älteren Zwillingsbrüdern allerlei schöne Formen aus. Nach und nach entstehen Herzen, Kleeblätter, Engel, Christbäume, Sterne, Sternschnuppen, Monde, Glocken und Nikoläuse. Als der Teig schon fast verbraucht ist, ruft Franziska: „Der Lebkuchenmann! Wir haben doch eine große Lebkuchenmann-Keksform. Das wäre ja schade, wenn wir die nicht verwenden würden.“ So wird das letzte Stückchen Teig dafür verwendet, ein Lebkuchen-Männchen auszustechen.

Als die letzten Lebkuchen ausgekühlt sind und in einer Keksdose verstaut werden, ist es schon später Abend. Höchste Zeit fürs Bett. Franziska ist sehr müde und schläft deshalb schon bald ein. Doch sie hat einen ganz seltsamen Traum. Sie hört jemanden jammern: „Brrrr … mir ist so kalt. Mir ist sooo kalt!“. Franziska schreckt aus ihrem Traum auf. Sie setzt sich in ihrem Bett auf. Ihr ist, als würde sie noch immer jemanden sagen hören: „Brrrr … mir ist so kalt. Mir ist sooo kalt!“.

In der nächsten Nacht hat Franziska einen ganz ähnlichen Traum. Sie sieht diesmal eine schemenhafte Gestalt, die immer und immer wieder sagt: „Brrrr … mir ist so kalt. Mir ist sooo kalt!“. In der nächsten Nacht hat sie noch einmal diesen Traum. Doch diesmal erkannt sie es ganz genau: es ist der Lebkuchenmann, dem so kalt ist.

Franziska möchte diesen Traum nicht mehr haben. Sie geht zu ihrer Mutter und sagt: „Der Lebkuchenmann ist ja nackig. Dem ist kalt, und wir müssen ihm etwas zum Anziehen geben.“ Die Mutter möchte eigentlich erst am nächsten Wochenende Kekse verzieren, doch Franziska bettelt so lange, bis die Mutter die Tuben mit bunter Zuckerschrift holt. Der Lebkuchenmann wird nun liebevoll verziert. Er bekommt braune Stiefel, eine grüne Hose, und einen roten Mantel. Franziska meint, dass das noch nicht warm genug ist, deshalb bekommt der Lebkuchenmann noch gelbe Handschuhe, einen orangen Schal und eine rot-grün gestreifte Haube. „Der wird nicht gegessen, das ist ja wohl klar!“, sagt Franziska zu ihrer Familie.

Jetzt ist Franziska beruhigt, und sie hofft, dass die seltsamen Träume jetzt vorbei sind. Tatsächlich träumt das Mädchen jetzt nicht mehr von einem Lebkuchenmann, dem kalt ist. Nein, in ihren Träumen sieht sie jetzt den warm angezogenen Lebkuchenmann, der alle möglichen Dinge tut, die man im Winter so tun kann. In einer Nacht sieht sie den Lebkuchenmann bei einer Schneeballschlacht, dann beim Skifahren, dann beim Langlaufen. Sie sieht ihn Eis laufen, Eisstock schießen, im Schnee spazieren gehen, Schlitten fahren oder Schneemann bauen.

Als Weihnachten vorbei ist, werden die Träume mit dem Lebkuchenmann seltener. Am Dreikönigstag sind alle anderen Kekse gegessen, und Franziskas Mutter möchte den Lebkuchenmann wegwerfen. Franziska möchte ihn zuerst aufheben — aber dann denkt sie, dass es eigentlich doch nur ein Keks ist. Sie bricht den Lebkuchen in sechs Teile: einen für sich selbst, einen für Mama, einen für Papa, je einen für die beiden älteren Brüder. Den sechsten Teil bekommt der Hund der Familie.

„Glaubst du, ich werde den Lebkuchenmann jemals wiedersehen?“, fragt Franziska ihren Vater. „Ganz bestimmt.“, sagt Franziskas Vater. „Um sicher zu gehen, können wir etwas versuchen. Wenn du ihn Weihnachtsstimmung kommst, laden wir den Lebkuchenmann in deine Träume ein.“ „Und wie machen wir das?“, fragt Franziska. Franziskas Vater schmunzelt und sagt: „Ganz einfach, wir backen einen Lebkuchenmann und verzieren ihn genau so wie den, der dir ein so schönes Weihnachtsfest beschert hat.“

Die Familie backt von nun an jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit einen Lebkuchenmann. Manchmal backen sie sogar einfach so, auch wenn nicht Weihnachten vor der Türe steht. Der Lebkuchenmann enttäuscht das Mädchen nie. Er besucht Franziska in ihren Träumen, solange sie in Weihnachtsstimmung ist.