Wie das eigene Unternehmen aussieht, erkennt man am besten mit den Augen von Gästen. source: unsplash.com

Kultur: Wie dein Unternehmen mit den Augen deiner Gäste aussieht

Stefan Willuda
Dec 11, 2017 · 5 min read

Lade dir Gäste ein, um zu verstehen wie dein Unternehmen funktioniert und wie du es zu einem besseren Ort machen kannst.

Unternehmenskultur ist das, was wir zu Hause von der Arbeit erzählen. Es ist das, worüber wir an der Kaffeemaschine sprechen. Unternehmenskultur ist zugleich wie das Wasser für den Fisch: Sie ist unsichtbar, wenn wir nicht wissen, wonach wir gucken sollen. Dieser Artikel ist ein Plädoyer für eine offene Auseinandersetzung mit der eigenen Unternehmenskultur unter der Zuhilfenahme von freundlichen Gästen außerhalb des Unternehmens. Warum? Weil freundliche Gäste ehrlich spiegeln können, was in deinem Unternehmen vor sich geht. Gäste sind neugierig, offen und immun gegen Routinen und Schrulligkeiten deines Unternehmens.

Basierend auf einer wahren Geschichte.

Ein Kollege lernte auf einem Meetup in Berlin jemanden kennen, die in einem traditionsreichen Berliner Unternehmen für die Organisationsentwicklung brannte und sich sehr für die praktischen Facetten agilen Arbeitens interessierte. Sie fragte sich, wie agiles Arbeiten in ihrem Unternehmen gelingen könne, um für den Kunden und die Mitarbeiter bessere Bedingungen zu schaffen. Auch wollte sie verstehen, wie agiles Arbeiten in anderen Unternehmen interpretiert und umgesetzt wurde. In unserem Unternehmen arbeiten wir bereits in weiten Teilen agil (überwiegend im besten Sinne des Wortes) und so ergab es sich, dass mein Kollege die Organisationsentwicklerin, einlud, sich zusammen mit ihren Kollegen anzusehen, wie unser Unternehmen tickt, um daraus Rückschlüsse für ihre eigene Arbeit abzuleiten.

Wir wollten den Gästen ein realistisches Bild von der Zusammenarbeit im Unternehmen und von agilen Kulturelementen vermitteln. Un-geschönt, transparent und tatsächlich erlebbar. Gleichzeitig wollten wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, dabei selbst etwas über unser Unternehmen zu lernen. Für uns Agile Coaches sind diese “unverbrauchten” Perspektiven pures Gold. So lässt sich exzellent über die eigene Arbeit reflektieren.

Inspiriert von meiner Arbeit als Berater, bei der jeder neue Kunde auch eine neue und spannende Kulturstudie im Kundenunternehmen bedeutete, luden wir die Gäste ein, mit den Augen eines Beraters durch das Unternehmen zu gehen. Wir baten sie Manifestationen von Unternehmenskultur, wie ein Forscher auf einer Safari, aufzustöbern und zu dokumentieren. Manifestationen von Unternehmenskultur sind zum Beispiel beobachtbare Verhaltensweisen, Artefakte, Kommunikations- und Interaktionsbeziehungen.

Die Fragen der Gäste

Bevor die Gäste des traditionsreichen Berliner Unternehmens zu uns kamen, erhielten wir eine Liste von Fragen, dessen Beantwortung die erklärte Hoffnung unserer Gäste war. Sie wollten damit verstehen, wie agile Zusammenarbeit bei uns praktisch aussieht und welche organisatorischen Rahmenbedingungen diese Zusammenarbeit unterstützen.

Die Fragen waren:

  • Gibt es eine flache Hierarchie?
  • Wie werden Entscheidungen getroffen?
  • Wie breit ist das Thema Selbstorganisation aufgestellt?
  • Wie ist die Kultur?
  • Führen auf Augenhöhe?
  • Wie funktioniert die Kommunikation und die Zusammenarbeit an den Schnittstellen?
  • Transparente Kommunikation?
  • Wie sind die Ablaufprozesse?

Jede dieser Fragen ist nicht leicht zu beantworten und wir widerstanden der Versuchung dies mit unseren Worten tun zu wollen. Wir blieben bei unserem Plan der Kultur-Safari. Wir versicherten den Gästen, dass ihre Fragen am Ende des Besuches beantwortet sein werden.

Gäste zu Besuch

Bewaffnet mit Schreibblöcken und Stiften baten wir die Gäste, uns durch den Tag zu folgen und dabei die Perspektive eines Beraters einzunehmen. Sie sollten Verhalten, Artefakte, Muster und Interaktions- sowie Kommunikationsbeziehungen als Beobachtung — also ohne persönliche Bewertung — notieren. Im Verlauf des Tages, so versprachen wir, wurden wir diese Notizen nutzen, um die Fragen unserer Gäste zu beantworten.

Agenda des Besuchs

  • Gemeinsamer Check-in
  • Frühstück und Auftrag der “Kulturstudie”
  • Beobachtung Daily Stand-up Team 1
  • Beobachtung Daily Stand-up Team 2
  • Beobachtung Scrum of Scrums im Unternehmensbereich 1
  • Beobachtung Backlog Refinement Meeting Team 3
  • Pause
  • Kurzeinführung in unser Geschäftsmodell
  • Debriefing “Kulturstudie”
  • Mittagessen
  • Fish-Bowl-Gespräch mit CTO, POs, Entwicklern und Agile Coaches
  • Besuch des “Product and Technology All Hands”
  • Check-out

Debriefing “Kulturstudie”

Nachdem unsere Gäste Gelegenheit hatten, einige Teams bei der Arbeit zu beobachten, waren wir gespannt welche Auffälligkeiten notiert wurden. Wir baten darum die Beobachtungen zunächst unsortiert mit uns und miteinander zu teilen.

Dokumentierte Beobachtungen der Kulturstudie unserer Gäste.

Mit so vielen interessanten Beobachtungen hatten wir nicht gerechnet.

Da wir unseren Gästen versprochen hatten, dass ihre Fragen am Ende des Besuches beantwortet sein werden, wollten wir die Beobachtungen nun noch in den Kontext der Fragen einbetten. Dazu baten wir unsere Gäste die Beobachtungen als Antwort auf die passenden Fragen zuzuordnen.

Anders gesagt: Woran würdet ihr erkennen, ob es flache Hierarchien gibt? Oder: Woraus ließe sich ableiten, wie wir Entscheidungen treffen?

Die Antworten halfen nicht nur den Gästen. Sie verrieten uns auch viel über unser Unternehmen.

Fragen beantwortet durch unsere Gäste

Ein Zugewinn für Gäste und Gastgeber

Zum Abschluss des Tages baten wir unsere Gäste die Erlebnisse des Tages zusammenzufassen. Zu unserer Überraschung wurden die Erlebnisse beschrieben, als wären sie aus einer anderen Welt. Es wurde wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass die Gäste sich nicht hatten vorstellen können, dass Arbeit so organisiert werden könne und noch weniger, dass diese Art der Organisation und Zusammenarbeit in ihrem Unternehmen gelingen könne. Wir sprachen darüber, wie sehr agiles Arbeiten in den Kontext der bestehenden Organisation eingebettet werden muss, um lebendig und sinnvoll zu sein. Auch reflektierten wir darüber, wie bestehende Werte und Grundannahmen die erlebten Verhaltensweisen beeinflussen und wie wichtig konsistentes Verhalten in Führung ist, um eine spürbare Veränderung der Zusammenarbeit zu erreichen.

Unsere Gäste erkannten, dass es für die agile Reise in ihrem Unternehmen eine eigene Route brauchte und dass sie agile Zusammenarbeit nicht allein über das ausführen von Ritualen unter Nutzung von Artefakten und in Einbindung definierter „agiler Rollen“ erreichen werden. Sie erkannten zugleich, dass die beobachtete Zusammenarbeit unseres Unternehmens gut zu dem zugehörigen Geschäftsmodell passt und in diesem Sinne überwiegend effektiv funktioniert.

Mein Kollege und ich waren am Ende des Tages dankbar. Die Perspektive der Gäste zeigte uns, wie privilegiert wir aktuell arbeiten. Wir konnten erkennen, dass die durch uns unterstütze Form der agilen Zusammenarbeit bereits zweckmäßig zu funktionieren schien. In dem Fish Bowl Gespräch wuchs unsere Zuversicht, mit den Kollegen auf einer gemeinsamen Reise zu sein. Wir erhielten durch unsere Gäste eine Perspektive, die uns unsere Unternehmenskultur transparent werden ließ. Auch wuchs unser Verständnis dafür, welcher Weg bereits hinter uns lag und welche Herausforderungen wir und die Kollegen bereits gemeistert hatten. Darüber hinaus wurde uns klarer, welche Herausforderungen als nächstes auf uns warteten und wir konnten darüber nachdenken, wie wir auch diese meistern können werden.

Call for Action: Bitte nachahmen!

Ladet euch Gäste in das Unternehmen ein! Lasst sie euch bei der Arbeit beobachten und sprecht über die Beobachtungen. Die Einsichten, die sich so gewinnen lassen sind für beide Seiten wertvoll. Der Besuch der Gäste legt schonungslos offen, was die Betriebsblindheit mit der Zeit verdeckt. Die guten Lösungen der Vergangenheit werden als Kuriositäten der Gegenwart entlarvt und werden so veränderlich.

Diese Effekte sind sicherlich auch beobachtbar, wenn die Gäste nicht aus einem anderen Unternehmen, sondern aus einer anderen Abteilung oder einem anderen Bereich kommen. Wir werden uns diese Perspektive gern wieder ins Haus holen.

Stefan Willuda

Written by

Former Scrum, Kanban and Management Consultant | Agile Coach | TOC Enthusiast | idealo Internet | I believe that a humane global economy is possible.

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