Menschenwürde als Aufgabe: Kirche lebt in Social Media

Ist die Menschenwürde (un)antastbar?!

Ja, die Menschenwürde wird digital angetastet — ich will Ihnen dies im Folgenden mit sieben teils vielleicht auch ein bisschen frechen Thesen erläutern. Ich bin heute vor allem deshalb hier, weil ich in der Praxis in den letzten zehn Jahren viele Online-Erfahrungen machen konnte — deshalb liegt auch bei meinen Thesen der Schwerpunkt auf der Praxis, die ich als Struktur in drei Bereiche untergliedert habe: Die Praxis der Digitalisierung (und ihre Folgen), die Praxis der Kirche als Aufgaben und Perspektiven und die Praxis der Lebensweise, worin ich die Menschenwürde als Aufgabe verstehe. Meine sieben Thesen werden sich auf diese drei Bereiche verteilen — und ich gebe zu, ich beginne recht düster und pessimistisch, was aber, das verspreche ich Ihnen, im weiteren Verlauf nicht so bleiben wird… Ich beginne mit:

Praxis der Digitalisierung und ihre Folgen

1. Die Digital-Konzerne tasten unsere Menschenwürde an: Durch Psycho-Tricks und Ausgrenzung sind wir den Quasi-Monopolen ausgeliefert

Die Datenjagd im digitalen Raum ist in vollem Gange. Im Internet sei eine universelle Infrastruktur zum Sammeln von Bewegungs- und Nutzungsdaten entstanden, der auch versierte Nutzer kaum entkommen könnten, konstatierte der Berliner Philosoph und Informatiker Rainer Mühlhoff im September beim Jahrestreffen des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) in Berlin.

Clickbait, Nudging, „User Experience“: Beim “Nutzerfreundlichen Design” geht es heute verstärkt darum, Nutzer dazu zu bringen, möglichst viele Informationen über sich selbst preiszugeben,

Praktiken folgten dem Modethema des “Nudging” (von engl. nudge, Stupser). Mit kleinen psychologischen “Stupsern” in Form “unverbindlicher Eingriffe” in Entscheidungssituationen soll ein gewünschtes Verhalten bei uns ausgelöst werden. Dahinter steht die These, dass Verhalten unbewusst beeinflussbar ist durch das Design von Interaktionsabläufen. Dazu kommt noch der Versuch, menschliche Handlungen zu vermessen und “prädiktiv zu modellieren”. Der Drang, etwas zu tun, wird also unter dem Motto der scheinbaren Freiwillig- und Freizügigkeit präsentiert. Ich will dazu ein Beispiel nennen: Wenn Sie ein Hotel auf einer Online-Plattform buchen und Ihnen angezeigt wird, dass dieses Angebot nur noch wenige Minuten zur Verfügung steht, bestätigen Sie alle Buttons und setzen ungelesen alle erforderlichen Häkchen nur um an ihr Ziel zu kommen, oder? Sehen Sie…

Und wenn dann der Markt von Monopolen wie Google oder übrigens auch Eventim beim Thema Ticket-Verkauf dominiert ist, werden diese Tricks gefährlich — und noch ein Beispiel: Amazon schließt Kundenkonten, weil bei der Überwachung herausgefunden wurde, dass eine Person im gleichen Haus seine Rechnungen nicht bezahlen konnte.

2. Die Digitalisierung erschafft keine „neue Welt“ sondern ist eine Erweiterung unserer einen Lebenswelt, gehört dazu und beeinflusst die Lebensweise an sich

Es gibt kein „hier“ und „dort“, ein „Vergleich“ zwischen real und virtuell trifft nicht den Kern der Sache: „real“ ist die eine Lebenswirklichkeit, die sozialen Medien sind Teil der einen Realität — und nicht die Online-Welt ein Gegensatz zur “echten” Welt. Die Folge ist: Eine Grenzziehung ist nicht möglich, was zur Durchdringung des Alltags mit unendlich vielen neuen Möglichkeiten der Digitalisierung führt. Von der Planung einer Urlaubsreise über Tutorials auf YouTube bis zur Terminabsprache findet vieles einfach gestützt durch Online-Tools statt. Apropos „online“: Auch diese Unterscheidung zwischen „online“ und „offline“ hat sich im Smartphone-Zeitalter längst überlebt und zeigt ein altertümliches Verständnis vom Internet.

Wer erinnert sich nicht an diese Zeiten: Quietschende Modem-Geräusche und niemand konnte telefonieren — wir saßen vor dicken Röhrenmonitoren, warteten geduldig auf den Seitenaufbau unseres Browsers und waren in diesem Moment ganz und gar: online. Das Internet hatte unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, jede Minute wurde abgerechnet. Das waren die Zeiten, in denen die Begriffe online und offline noch Sinn ergaben. Heute ist der Begriff „online“ einfach unsinnig geworden, weil es in Studien zum Online-Verhalten darauf ankommt, ob wir Netflix streamen oder eine BlueRay gucken — aber macht das denn einen Unterschied? Wir sollten uns von dieser Unterscheidung verabschieden. Die allgegenwärtige Durchdringung des Alltags durch die Digitalisierung wird dadurch ja nicht weniger wahrgenommen, ganz im Gegenteil.

Das Problem sind aber heutzutage verstärkt Abhängigkeiten und dass Personenkreise ausgeschlossen oder unterdrückt werden — Das neuste Smartphone zu haben ist nicht mehr nur ein Statussymbol wie es früher das schicke Auto war, sondern heutzutage auch die Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe. Die Menschenwürde wird hierbei „antastbar“, weil Angebote nicht angemessen barrierefrei gestaltet werden, Menschen ausgegrenzt werden und die „stille Mehrheit“ dies bestenfalls nicht wahrnimmt und es ihr schlimmstenfalls egal ist.

Praxis der Kirche: Aufgaben und Perspektiven

3. Wenn nicht wir, dann eben jemand anderes: Die #DigitaleKirche ist nicht stark genug, spricht keine gemeinsame Sprache und überlässt so das Feld den „Anderen“: Dubiose Angebote florieren im Netz

Kirche lebt in Social Media, Religiosität schwingt immer mit bei Kommunikation zwischen Menschen — Aber eine angemessene Qualität dieser Theologie ist auch (oder vor allem) im Internet keine Selbstverständlichkeit.

Wenn nicht wir unsere Qualität in der Breite der digitalen Angebote präsentieren und verteidigen, dann erreichen eben andere Gruppen, Sekten und Scharlatane die Menschen die sich in ihrer Suchbewegung des Glaubens und Zweifelns Rat suchend online bewegen. Natürlich sollten wir keine Angebote platzieren, nur um andere „Anbieter“ vom „Markt“ zu verdrängen. Aber ich bin bisweilen wirklich schockiert mit welcher Vehemenz und Nachdruck Sekten und ähnliches aggressiv Präsenz zeigen. Das verstehe ich als unverhohlenen Angriff auf die Religionsfreiheit.

4. Die Kirche hat eine moderne Botschaft und zugleich eine Botschaft an die Moderne: Sie darf sich neuen Wegen nicht verschließen, muss aber auch Menschen verteidigen, Grenzüberschreitungen benennen und kritisch begleiten wo #Neuland begangen wird

Die Institution Kirche zeigt ja auch (sicherlich ausbaubare) Präsenz in sozialen Medien. Die Interessen und sozialen Milieus werden immer vielfältiger und differenzierter. Damit müssen wir als Kirche umgehen. Kirche muss auch da sein wo die Menschen sind, zurück auf den „Marktplatz“, Präsenz zeigen. Natürlich muss man da auch Verantwortung übernehmen und vieles bedenken: Wo wird was wie veröffentlicht, wie weit kann, darf, soll und möchte jedes Gemeindeglied gehen, wie gewährleistet man angemessenen Datenschutz usw.

Wir müssen es aber tun und können es nicht aussitzen. Sonst reformieren uns die Freikirchen und spirituelle Kleingruppen so, wie es die Reformatoren vor 500 Jahren mit der katholischen Kirche gemacht haben.

Übrigens ein „Fun-Fact“ am Rande: Mit der Gründung der Kirche „Way of the Future“ könnte die Digitalisierung der Lebenswelt sogar schon selbst zur „Konkurrenz“ der traditionellen Kirchen werden: Mit Anthony Levandowski werden neue Wege im Verhältnis von Mensch und Maschine beschritten, er will „eine auf Künstlicher Intelligenz basierende Gottheit aus Hardware und Software realisieren, akzeptieren und anbeten“. Eine Vision, die zeigt, wie nahe doch die Inhalte von Religion und der fortschreitenden Digitalisierung des Lebens einander sind. Letztlich bleibt nur die Frage, was wir daraus machen und dies als Chance nutzen:

5. In der digitalen Praxis zeigt sich das Bedürfnis nach Vertrauen durch Verifikation: Die Kirche kann Halt und Orientierung bieten in einer undurchsichtigen, pseudo-demokratisierten Welt voller Rattenfänger-Angebote und #FakeNews

Es geht um Vertrauen in Informationen, Vertrauen in Institutionen. Das ist eine tolle Chance für die Kirchen, die ein solches Vertrauen verdient haben. Damit die Bedürfnisse der Menschen “da draußen” auch wirklich befriedigt werden, muss man neue Grenzen ziehen, die man in der “alten Welt” noch mit Ordination und Vokation umsetzen konnte, um die Legitimation und damit das Vertrauen durch Verifikation zu gewährleisten. Dass es dadurch wieder eine Hierarchie gibt, liegt in der Natur der Sache — doch dass die Strukturen in den sozialen Medien die “Machtverhältnisse” gar nicht so sehr auf die “breite Masse” verschoben haben, haben wir Pioniere der ersten Jahre schon seit geraumer Zeit erkannt. Die Menschen habe das Bedürfnis, auch online Halt und Orientierung zu bekommen, aber nicht nur von privaten Einzelpersonen oder schlecht überprüfbaren hauptamtlichen Ansprechpartnern, sondern von verfizierten Vertrauenspersonen, die für eine repräsentative Institution mit solidem Fundament sprechen. Stabilität, Zuverlässigkeit, Authentizität, Vertrauen — das sind die Stichworte, die durch die aktuelle Tendenz zu unüberschaubarer Vielfalt mit Tendenz zum Chaos immer wichtiger werden und von der Kirche geboten werden könn(t)en. So kann dem Einzelnen wieder Halt und Orientierung im Alltag gegeben werden, auch im Blick auf die Erfüllung des Anspruches, die Würde der Mitmenschen zu wahren und nicht anzutasten…

Damit komme ich auch schon zum Bereich:

Praxis der Lebensweise: Menschenwürde als Aufgabe

6. Die Wahrnehmung des Menschen im durch Digitalisierung geschaffenen Raum der unendlichen Möglichkeiten von Interaktion, Teilhabe und subjektiver Öffentlichkeit macht die Menschenwürde antastbar — ohne dass wir es merken

Die Gefahr, die ich mit dieser sechsten These hervorheben will, verbirgt sich vor allem in den letzten Worten der These: „…ohne dass wir es merken“. Schon meine erste These befasste sich ja mit der Frage, ob wir eigentlich durch Psycho-Tricks und sogenanntes „Nutzerfreundliches Design“ gesteuert werden, womit ich womöglich auch zu sehr die Möglichkeit schuf, zu viel Verantwortung von uns weg auf die Digital-Konzerne zu übertragen. Doch genau da ist die zu bewältigende Herausforderung verborgen: Wir haben verdammt nochmal eine Verantwortung beim Umgang miteinander! Der Mensch besitzt eine Würde, die verteidigt und beschützt werden muss. Dies zu operationalisieren und dann über die Möglichkeiten und Chancen aufzuklären ist etwas, das „Kirche“ leisten kann: Wir sollten im Namen der Benachteiligten stärker und lauter den barrierefreier Zugang zu Angeboten einfordern. Wir sollten die Stimme für Minderheiten und Menschlichkeit (vor allem auch online) erheben und Präsenz zeigen um Gesprächspartner zu sein und gestalten zu können statt verdrängt zu werden. Das ist zwar eigentlich auch Aufgabe von jedem Einzelnen von uns als Teil dessen, was ich darunter verstehe, „Mensch“ zu sein — doch uns muss klar sein, wie Institutionen bestimmte Mechanismen ausnutzen um uns dagegen wehren zu können! Und wir sollten Gestaltungsmöglichkeiten von etablierten Institutionen wie den Kirchen dazu nutzen, ein Gegengewicht zur Verteidigung der Menschenwürde zu sein!

7. Die praktizierte Religiosität muss Formen finden, die mit neuen, digitalisierten Lebensweisen vereinbar sind, ohne die Botschaft an das Medium anzupassen

Ich habe mich schon mit vielen Theologen über die Konsequenzen der digitalisierten Lebensweisen für die Verbreitung der christlichen Botschaft unterhalten und vor allem eine Antwort habe ich oft gehört und hat mich viel beschäftigt. Das ist die Kritik, dass wir unsere frohe Botschaft, das Evangelium, nicht verbiegen oder gar verraten dürfen nur um „im Internet“ präsent zu sein. Ich kann diese Sorge einerseits verstehen — ich möchte das ja auch nicht. Andererseits ist diese Sorge größtenteils unbegründet, da die Nutzung moderner Kommunikationskanäle nicht per se einem „Verrat“ am Kern des Christentums gleichkommt. Die Botschaft sollte sich aber durchaus in der Form dem Medium anpassen: Wie hierbei der richtige Weg aussieht muss nach und nach entdeckt werden, wir müssen Formen für die praktizierte Religiosität finden, die funktionieren.

Ich nutze „Evangelisch im Facebook“ gerne als Versuchslabor: Neue Formen werden ausprobiert, um zu erkunden wie diese bei den Menschen ankommen. Und viele Projekte zeigen, dass hier ein Interesse da ist, sich auszutauschen und gegenseitig bereichern zu können. Bei solchen Projekten geht es auch mal um die Bibel, als wir beispielsweise beim Projekt „Der Vers meines Lebens“ mit persönlichen Anekdoten den individuell wichtigsten Bibelvers gesammelt und ein Jahr lang Woche für Woche veröffentlich haben. Letztlich wurde das Ergebnis dann auch als Buch veröffentlicht. Oder es ging um Symbole im Alltag bei der Foto-Aktion „Evangelisch 2 go“, im Namen angelehnt an „Coffee 2 go“, bei dem in verschiedenen Kategorien von Taufstein bis Schmuck christliche Fotos gesammelt wurden um einen Einblick in die vielfältige Präsenz religiöser Stätten und Motive zu geben. Aber auch die Kurzandachtsreihe „Stell‘ dir vor“ oder die Glaubensfragen-Impulse „#MeinGlaube“ waren Projekte bei denen Gedankenanstöße und Diskussionsimpulse zu zentralen theologischen Fragestellungen eine neue digitale Präsenz im Alltag der Menschen erreichen konnten.

Außerdem darf aber auch der Bildungsauftrag nicht nur Medien-Nutzungs-Kompetenz umfassen, sondern muss die Verletzlichkeit des Menschen aufgreifen, wofür gerade die Kirchen ihre Stimme erheben sollten, was ich ja in These vier bereits ausgeführt hatte.

Ich bin deshalb stolz darauf, ein Teil dieser Pionierarbeit im Netz für die Kirche der Zukunft übernommen zu haben indem ich mit „Evangelisch im Facebook“ eine reichweitenstarke Community aufbauen konnte, die sich über viele soziale Medien erstreckt und auf diese Weise Wegbereiter für einige, im wahrsten Sinne des Wortes, sinnvolle Angebote sein konnte. Doch die rasanten Veränderungsprozesse in der digitalisierten Lebenswelt werden unseren unermüdlichen Einsatz zur Verteidigung der Menschenwürde erfordern. Dafür sollten Sie sich mit neuen technischen Möglichkeiten auskennen und dann, wie schon Paulus wusste, darüber urteilen: „Prüft aber alles und das Gute behaltet“.