Dust Devil

Stephanie Doms
Nov 3 · 5 min read
https://de.wikipedia.org/wiki/Kali_(Göttin)

Der Boden bebte, als der Baum fiel. Rote und goldene Blätter flammten auf und senkten sich dann in spontanen Wirbeln zur Erde. So langsam, als hätte der tiefe, laute Fall die Zeit für einen Moment niedergerungen. Auch das Zittern ihrer Füße am Boden schlug nur ganz gemächliche Wellen, bis hoch zu den schwarzen Haaren. Als sich die letzten Blätter gelegt hatten, spürte sie wieder den ungezügelten Atem im Bauch, heiß und wallend. Die Zigarette fiel von ihren Lippen ins trockene, herbstgelbe Gras. Es zischte, als sie darauf spuckte. Noch war es nicht Zeit für ein Feuer. Sie duckte sich noch etwas tiefer zwischen die Wurzeln jener Bäume, die der Sturm bereits vor längerem herausgerissen hatte. Mit allem, was die stillen Riesen noch hätte überleben und von Neuem Kraft zum Aufbäumen hätte geben können. Löcher, wo ihre Wurzeln gewesen waren. Nichts ist so gründlich wie der Wind. Er kümmert sich um nichts, nicht um das, was war, nicht um das, was kommen könnte. Nur um eines: die Bewegung. Und wenn die Luft sich erst einmal bewegt, kann nichts mehr sie halten. „Und wir atmen und atmen und atmen immer weiter“, flüsterte sie zwischen spitzen Zähnen, die Lippen blau. Dass der Winter nahte, war nicht mehr zu leugnen. Sie spürte die Anwesenheit des Fuchses im Rücken, seine aufmerksamen Blicke. Still hatte sie sich ihm genähert. „Du hast nichts zu befürchten“, hatte sie ihm wortlos versichert, eng an den Boden gedrückt, die Augen sanft. „Nicht wegen dir bin ich hier.“ Der Fuchs hatte genickt, denn er verstand. Ruhig war er vor seinem Bau sitzen geblieben, den Schwanz mit der schneeweißen Spitze um die Vorderpfoten gerollt. „Nicht wegen dir bin ich hier.“ Dann war sie weitergeschlichen, lautlos. Nur manchmal schlugen die Pfeile im Köcher leise klappernd aneinander. Doch das hörte niemand, außer ihr und dem Fuchs. Ab hier lichtet sich der Wald schneller. An seinen Rändern war er ausgefranst vom Sturm. Natürlich, im Innersten ist es sicher. Da kann kein noch so starker Wind dich entwurzeln — denkst du. Du wähnst dich in Sicherheit. Immerhin bist du von Unzähligem umgeben, schützend umzingelt. Doch der Wind ist gründlich, und geduldig. Er kommt immer wieder. Reißt Baum für Baum nieder, überall dort, wo du dir allzu sicher bist, und nähert sich kreisend, schälend dem verstecktesten Baum in deiner Mitte. Wie tief reichen deine Wurzeln hier? Der Sturm nimmt nur, was der Boden nicht mehr halten will.

Die Männer aber zerrten an einem Baum, dessen Wurzeln stark genug gewesen wären. Wie einen Körper ohne Füße schleiften sie den Gefällten über den blätterübersäten Boden, in dem noch das abgetrennte Wurzelwerk steckte. Der Schweiß lief den Männern in die Augen. Sie fluchten und lärmten. Sie trieben ihre Äxte durch die Rinde, schlugen jeden der Äste ab, mit dem der Baum sich noch an die Erde zu klammern und sich der Erniedrigung zu widersetzen versuchte. Der Fuchs zuckte nicht einmal mit den spitzen Ohren. Er hatte es schon lange kommen sehen. Sie hörte seine Gedanken, und er sah jeden ihrer nächsten Schritte. Ihre Wut kam wie der Wind. Zuerst noch spannte sie im Verborgenen ihren Bogen, dann aber steckte sie entschlossen die Pfeile zurück. Sie erhob sich dunkel, zog den Speer und das Schwert, und ihr Brüllen überraschte selbst den Fuchs. Sie ließ den Männern genug Zeit aufzuschrecken und sich nach ihr umzusehen. Und sie sah ihnen auch noch fest in die Augen, als sie ihre Herzen durchbohrte und ihre Arme abschlug. Sie fällte jeden der Männer ohne Mühe, in kürzester Zeit. Da war nichts, was die Menschen hielt. Ihre Wurzeln reichten nicht tiefer als die kleinster Gräser, die im Schatten riesiger Bäume unbemerkt aufkeimen und schon kurz darauf wieder verkümmern.

In der blauen Stunde, als sie fertig war und die Klinge säuberte, kam der Fuchs. Er wartete demütig auf ihre Zustimmung, die sie ihm wortlos gab. Dann erst begann er, sich satt zu fressen. Er tat es gierig, denn er ahnte, dass der Schnee in diesem Jahr hoch reichen und alles starr unter sich begraben würde. Sie zündete sich eine Zigarette an. Breitbeinig auf einem Baumstumpf sitzend, die Arme auf dem Schwertknauf aufgestützt, sah sie dem Tier zu, das zwischen den rostroten Blättern kaum auszumachen war. Lange beobachte sie jede seiner Bewegungen. Nichts ist natürlicher als ein hungriges Tier, das die Gelegenheit auf ein spontanes Festmahl ergreift. Jetzt endlich so still im Inneren wie im Außen, hielt ihr Sturm inne. Der Atem zog kühler durch ihre Lungen hindurch bis tief nach unten in ihren Bauch, der sich nur mehr in sanften Wellen wölbte, hoch und nieder, hoch und nieder. Als seine Schnauze über und über von Blut gefärbt war, sah der Fuchs zufrieden auf. Er leckte sich die Lippen, wischte sich mit der kleinen Zunge langsam auch noch den letzten Tropfen von seiner zierlichen Schnauze. Wieder nickte sie ohne ein einziges Wort. Dann zog sie noch einmal scharf den Rauch ein — und warf die Zigarette ins raschelnde Laub. Als der Fuchs schneller lief und wie ein Schatten verschwand, begleitete ihn trockenes Knistern und Fauchen. Schon stiegen die Flammen an ihren Stiefeln hoch. Im Vorübergehen strich sie mit der Hand über das wenige Fleisch, das der Fuchs übriggelassen hatte. Sie zog die roten Finger übers Gesicht und leckte sich die Fingerspitzen. Der Wind nahm ihr dröhnendes Lachen und schob es vor sich her über das schwarze Land, während er an Intensität zunahm. Kein Mond am Himmel, und so sah niemand die mächtigen Säulen von Rauch. Erst am Morgen legten sich Staub und Asche, langsam tanzend. Oder war es grauer Schnee, der sich auf die kahlen Bäume senkte? Diese Bäume hatten dem Sturm der Nacht standgehalten und ihm nur das Tote mitgegeben. Befreiung. Wer weiß, wohin der blaue Fluss die Blätter nun trug, die niemand mehr brauchte. Der Fuchs in seinem Bau hob den Kopf, als die Bäume den Lauf des Wassers rauschend umkehrten. Jetzt fließt alles zurück zur Erde, dachte der Fuchs. Dorthin, wo alles still ist. Und sein Kopf sank schläfrig zurück auf die Pfoten, während in der dunklen Höhle noch für einen letzten kurzen Tag der warme, würzige Geruch von blutigem Leben hing.

Stephanie Doms

Written by

Mama, Wortspielerin, Yoga-Lehrerin, Mentaltrainerin. www.stephaniedoms.com

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