Transgender-Hype: Der Tag, an dem ich den Respekt vor der FAZ verlor

Stefan Nitzsche
Sep 10 · 6 min read

Heute Morgen stolperte ich über einen „Sponsored Post“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bei Facebook. Die recht verstörende Überschrift las sich folgendermaßen: Interview mit Ärztin: Es gibt einen Transgender-Hype.

Aufmacher der FAZ zum Artikel: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Was genau ist ein Hype?

Laut Duden ist ein Hype:

1. besonders spektakuläre, mitreißende Werbung (die eine euphorische Begeisterung für ein Produkt bewirkt)
2. aus Gründen der Publicity inszenierte Täuschung
3. Welle oberflächlicher Begeisterung; Rummel
“der Hype um den Nationalspieler”

Jede dieser drei Möglichkeiten ist eine offensichtliche Diskriminierung. Kein Transsexueller Mensch denkt über geschlechtsangleichende Maßnahmen nach, weil es halt gerade „in“ ist. Der mit hoher Sicherheit größte Faktor für steigende Zahlen geschlechtsangleichender Maßnahmen ist, dass sich immer mehr Menschen dazu entschließen, weil die Akzeptanz zunimmt, weil man sich sicher fühlt. Allein das zu schreiben, fühlt sich falsch an — aus welchem Grund bitte sollte es nicht in Ordnung sein, so etwas zu tun?

Pressecodex, Ziffer 12: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.“

Allerdings, so suggeriert die Überschrift, sei der Satz: „Es gibt einen Transgender-Hype“ ein Zitat. Ob die Ärztin diesen Satz wirklich von sich gab, konnte ich nicht sofort herausfinden, denn der Artikel befindet sich selbstverständlich hinter der Paywall.

Ich war neugierig und suchte den Artikel auf der Startseite der FAZ. Fehlanzeige. Der Artikel ist Bestandteil des Bereichs „Gesellschaft“ — zumindest dort sollte er also zu finden sein, richtig? Fehlanzeige. Das fand ich verwirrend — warum sollte man bei Facebook mit einem Artikel Werbung für die eigene Publikation machen, wenn er dann auf der eigenen Seite kaum zu finden ist? Okay, der Artikel ist vom 7. September 2019, heute ist der 10. September 2019. Es ist durchaus möglich, dass ältere Artikel nicht mehr auf der Start- oder Bereichsseite zu finden sind. Aber die Werbekampagne auf dem Artikel läuft ja am 10. September 2019 nach wie vor.

Die Facebook-Ad zum Artikel

Noch immer neugierig, arbeitete ich mich bei Facebook durch die Kommentare unter der Anzeige. Ich fand haufenweise Kommentare, die die Ausdrucksweise der FAZ in der Überschrift kritisierten, und kaum Kommentare der Ewiggestrigen, die sich darüber echauffierten, dass es überhaupt ein drittes Geschlecht gibt — was für ein Lichtblick!

Spannend aber waren die Antworten des FAZ-Social-Media-Teams auf die Kritik:

Der erste Kommentar (nach „Relevanz“ sortiert) ist Kritik — die Antwort darauf enthält sofort den Vorschlag, den Artikel zu lesen. Hinter der Paywall, versteht sich.
Die Kritik wird als unangemessen zurückgewiesen, wieder mit Hinweisen auf den Inhalt des Artikels, obwohl lediglich die Überschrift kritisiert wurde.

Nachdem das FAZ-Social-Media-Team Kritik in den Kommentaren als unangemessen oder haltlos zurückwies und sich dabei noch vergleichsweise subtil mit dem Hinweis zurückhielt, man solle doch den gesamten Artikel lesen, um mitreden zu können, brach es dann irgendwann doch hervor:

Nun war ich noch neugieriger — in welchem Kontext wird wohl das Zitat aus der Überschrift im Artikel auftauchen? Ich tat also, wie mir die FAZ riet, und schloss ein digitales Abonnement ab. Nun konnte ich nach einigen Hürden und Dark Patterns in der Gestaltung des Checkout-Prozesses endlich den Artikel lesen. Und, was soll ich sagen — er ist total unspektakulär. Bis auf das Framing der Fragen und einer Bildunterschrift: „In den Vereinigten Staaten hat sich die Zahl der Menschen, die von sich behaupten, transgender zu sein, zwischen 2006 und 2016 fast verdoppelt. Wie sieht es hierzulande aus?“ Hier wird dann die Einstellung der Dame, die das Interview führte, recht deutlich. Besser wäre wohl gewesen, zu fragen: „In den Vereinigten Staaten hat sich die Zahl der Menschen, die von sich glauben/sagen, transgender zu sein, zwischen 2006 und 2016 fast verdoppelt. Wie sieht es hierzulande aus?“ Noch besser wäre es freilich gewesen, erst gar kein implizites Urteil darüber abzugeben, was man von Menschen hält, die von sich sagen, transgender zu sein.

Und nun fand ich den Abschnitt, aus dem das Zitat hervorgegangen sein muss, das sich in der Überschrift findet:

Mittlerweile denke ich aber, dass auch ein gewisser Hype hinzukommt: Zu uns kommen weibliche Jugendliche, die Probleme mit sich, Gott und der Welt haben, sie fühlen sich nicht richtig bei den Mädchen aufgehoben, sie haben Angststörungen, sie ritzen sich, sie haben Depressionen, und dann finden sie im Internet den Begriff Transgender.

„Es gibt einen Transgender-Hype“ ist nicht das Gleiche wie: „Mittlerweile denke ich aber, dass auch ein gewisser Hype hinzukommt“. Die Überschrift ist auch überhaupt nicht geeignet, den Artikel in irgendeiner Weise zu charakterisieren — hier wurde ganz klar mit dem Wunsch getextet, möglichst viel Aufsehen zu erregen.

Abgesehen davon, dass Prof. Dr. med. Annette Richter-Unruh Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderendokrinologie und Kinderdiabetologie, Diabetologin DDG ist, keine Psychologin oder Psychiaterin. Und klugerweise bemerkt sie auch selbst: „Bei etwa der Hälfte der Jugendlichen bin ich von ihrer Transidentität nicht überzeugt, aber ich maße mir nicht an, dies zu beurteilen. Die Diagnose einer Transidentität stellt ein Kinder- und Jugendpsychiater oder ein Psychologe.“ Genau so sollte es auch sein.

Spannend wird es dann wieder im letzten Abschnitt des Interviews: Katrin Hummel fragt: „Wie viele Transmenschen bereuen ihre Entscheidung?“, Prof. Dr. Richter-Unruh antwortet: „Bei denjenigen, die es von Kindesbeinen an gefühlt haben: unter ein Prozent. Bei denen, die es erst im Jugendalter bemerkt haben: Da brechen zehn bis fünfzehn Prozent die Behandlung wieder ab.“ Wie Prof. Dr. med. Annette Richter-Unruh an der Stelle sagen kann, dass sie erlebt, dass die Abbruchquote einer Behandlung 10–15 % beträgt, und doch weiter oben sagt, dass sie 50 % der Jugendlichen die Transidentität nicht abkauft, erschließt sich mir nicht.

Und während ich so die weiteren Kommentare unter der Facebook-Ad durchlas, stieß ich auf einen Link zu einem Interview, das FAZ-Digital-Chef Carsten Knop dem Portal kress.de gab, mit dem Titel: „Wie die FAZ 20.000 Digital-Abonnenten gewonnen hat“. Hier erzählte Knop, wie Stücke — also Artikel — die besonders gut in Abonnements konvertieren, den Weg hinter die Paywall finden. Offensichtlich fährt die FAZ hier im Netz eine clevere Strategie: Artikel werden im kostenlosen Teil veröffentlicht, das Engagement wird gemessen, und Artikel, die besonders viel diskutiert und kommentiert werden, wandern hinter die Paywall und werden im Gegenzug beworben, bei Facebook zum Beispiel. Funktioniert ganz prima, sagt Knop:

Wir machen aber mehrfach am Tag Stücke, die zunächst kostenlos erscheinen, nachträglich zu “+”-Artikeln. Diese Strategie haben wir aus Skandinavien übernommen. Wenn wir sehen, dass es ein großes Interesse an einem Artikel gibt, geht nach einer gewissen Zeit die Paywall hoch. Das funktioniert ganz prima.

Es funktioniert ganz prima, Fragen mit einem diskriminierenden Framing zu stellen, daraus dann eine Überschrift zu basteln, die kontrovers ist, aber nichts mehr mit dem eigentlichen Artikel zu tun hat, und diesen dann hinter eine Paywall zu stellen. Und zu bewerben. Und die Diskussion darunter nicht zu moderieren, sondern Kritik zurückzuweisen und als Werbung für das eigene Produkt zu nutzen. Das funktioniert ganz prima. Genau wie der Link zur Kündigung des digitalen Abonnements, der funktioniert glücklicherweise auch ganz prima.

Stefan Nitzsche

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I’m a freelance designer, developer, consultant and educator who enjoys designing and building beautiful things people love to use.

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