Offensichtlich ist das alles wohl ein Witz.

Nach der Anfrage von Kerstin Tackmann in unserer Sache, hat sich dann die Bundesregierung recht zügig an eine Antwort gemacht. So in etwa heißt es dort, wir hätten keinen Nachwuchsmangel, es sei einem dazu zumindest nichts bekannt und es gebe auch keine Hinweise darauf.

Sven de Vries
Jan 25, 2018 · 4 min read

Die Begründung scheint mir eher für das Gegenteil zu sprechen. So wird von 70 Lehrlingen in Ausbildung gesprochen. Ich habe mit den beiden Berufsschulen gesprochen und tatsächlich schließen pro Jahr zwischen 15 und 25 Lehrlinge ihre Berufsausbildung ab.

Aber reicht das?

Nein! Zumal ja nicht alle auch später als angestellte Schäfer arbeiten werden sondern es sich auch um viele Quereinsteiger mit eigenem Betrieb handelt und nicht wenige nach ein paar Jahren aufgeben. Man muss nicht lange über die Zahlen nachdenken um auf die Idee zu kommen, dass das knapp werden könnte.

Ich finde die Antwort insgesamt eher unverschämt und respektlos. Hätte man denn unsere Probleme nicht wenigstens eingestehen können? Seit Jahre und Jahrzehnten mühen sich unsere Branchenvetreter auf die Missstände hinzuweisen.

Jedes Jahr zu Ostern und Weihnachten diktieren wir Schäfer und Schäferinnen den Journalisten unsere Nachwuchssorgen in die Feder und trotzdem kommt ein einfaches. „Also uns ist da jetzt nichts bekannt“

In der Frankfurter Rundschau macht man sich dann auch gleich noch Lustig über unsere Anliegen und Kerstin Tackmanns Aufforderungen doch bitte endlich etwas zu unternehmen.

Wir sollen also brav weiterhin die Lämmchen in die Kamera halten, wenn die Presseleute sich dann kurz vor Ostern in Scharen auf den Weg zu unseren Herden machen. Und ja, wir können auch wieder von unserem harten aber beschaulichen, einfachen Leben reden. Wir können eine Mutterschafprämie fordern und auch von den Nachwuchssorgen sprechen. Wir können auch den Abschuss der Wölfe fordern, denn die Kontroverse fördert die Klickzahlen und Kommentare und damit die Werbeeinnahmen der Online-Medien. Danach aber sollen wir wieder unserer Arbeit nachgehen und die Klappe halten. Die Politik hat sich mit den wahren und ernsthaften Problemen unserer Zeit zu beschäftigen. Man muss sich neue Gesetze überlegen, die das Leben der Menschen noch einfacher und noch besser machen.

Aber wissen wir nicht eigentlich alle, dass die vielen kleineren Probleme sich irgendwann zu großen wandeln können? Und wissen wir nicht auch, dass es die Gesellschaft in der Regel billiger kommt, rechtzeitig auf Probleme zu reagieren.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat viele der Gebiete in denen Schäfer und Schäferinnen mit ihren Herden unterwegs sind, zu sogenannte Hotspots der Biodiversität erklärt. In diesen Gebieten scheint unsere Umwelt noch in Ordnung. Es sind kleine Tresore, in den wir unzählige seltene Arten für unsere Nachwelt bewahren. Schon jetzt kommt uns der Erhalt der Artenvielfalt teuer zu stehen. Das Land Baden-Württemberg hat gerade 36 Millionen Euro bereitgestellt. Nicht etwa um Probleme zu lösen sondern um schlimmeres zu vermeiden und die entstandenen Schäden überhaupt ersteinmal zu beziffern.

Alle Seiten nicken stets eifrig, wenn wir von unseren Leistungen für die Gesellschaft, für die Natur und Biodiversität oder dem Deichschutz sprechen. Alle Seiten verstehen, dass uns der Wolf zum Problem werden kann und manchmal lässt sich auch jemand aus den Behörden und Ministerien dazu hinreißen unsere Unterstützung zu fordern. Bei uns kann man Sympathiepunkte sammeln, wenn es nicht gerade um den Wolf geht. Offensichtlich sind unsere Probleme aber ja noch nicht bis ins Landwirtschaftsministerium vorgedrungen. Hat man vergessen auch intern mal einen Brief zu schreiben, einen Staatssekretär beiseite zu nehmen oder dem Minister ein paar Worte zu sagen?

Wir wissen es nicht aber vermutlich sind diese Dinge wenigstens gelegentlich im Gespräch gewesen und auch unsere Verbände engagieren sich ja und führen regelmäßige Gespräche. Wie ernst man diese Gespräche nimmt, lässt die Antwort der Bundesregierung durchblicken.

Sollen wir uns also der Meinung nicht weniger Schäfer hingeben, das Jammern einstellen und einfach unsere Arbeit tun? Ich denke nicht. Wir sollten unsere Bemühungen weiter verstärken. Es geht nicht nur um den eigenen Betrieb, es geht auch um die Anderen und in die Scheiße kann jeder rutschen, egal wie gut der Betrieb geführt ist. Am Ende brauchen wir alle die finanziellen Polster, wenn sich ein Wolfsrudel gerade unsere Weide als neuen Lebensmittelpunkt aussucht. Wir brauchen junge Leute, die genügend Geld, Wissen und Energie haben unsere Betriebe zu übernehmen, die bei der anstehenden Hüftoperation unsere Schafe versorgen, die uns im hohen Alter die Pferche aufstecken oder auch nur mal schnell zum Auto laufen und den vergessenen Tabak holen.

Wir müssen unsere Verbände bei ihrer Arbeit unterstützen. Die Regelung zum Schlachten tragender Schafe hätte sicher so manchem Betrieb Probleme bereitet. Das die Mutterschafprämie zumindest im Gespräch ist, ist ihr Verdienst. Viele sind es aber Leid, noch in der Nacht die Pressemitteilungen fertig zu schreiben oder sich zum x-ten mal mit Politiker XY zu sprechen. Wir können zumindest zu den Versammlungen gehen, wenigstens die richtigen Schafzahlen melden und unsere Beiträge leisten. Bei den Verbänden unseren Anspruch anmelden, unterstützen wo es geht und nicht nur schlechte Worte verlieren. Wir müssen unseren Bedarf auch weiterhin bei der Gesellschaft anmelden. Durch unsere Vertreter aber auch durch uns direkt. Wenn sich die Bundesregierung in ihrer Antwort lediglich auf eine Statistik der Agentur für Arbeit beruft. Sehr gut!

Melden wir unseren Bedarf dort an. Der Anruf kostet nicht viel. Eine Stelle ist dort schnell inseriert. Wenn es nur etwas mehr als die üblichen 3 Stellenanzeigen bei der Agentur für Arbeit gibt, sollte der Bedarf auch ohne Lupe erkennbar werden. Ob die Agentur dann jemanden vermitteln kann oder nicht, spielt ja erstmal keine Rolle. Solange wir niemanden gutes gefunden haben, bleibt der Bedarf dort, wenn auch nur für die Statistik, schwarz auf weiß als unerfüllt bestehen.

Redet mit euren Chefs, macht euch Gedanken über den eigenen Betrieb. Sobald ihr jemanden gutes anstellen würdet, gibt es jetzt auch einen Grund diesen Bedarf jetzt anzumelden. Damit wäre jetzt ein bisschen getan und man kann unsere Probleme in der im Schreiben erwähnten Studie nicht wieder einfach übergehen.

Die Telefonnummer der Agentur ist 0800 4 5555 20. Die Sache dauert wohl nicht mehr als eine halbe Stunde und kann prima beim Hüten erldeigt werden.

Sven de Vries

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Wanderschäfer. Auf Twitter und Facebook berichte ich über meinen Alltag.

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