Die Essenz einer guten Geschichte #1: Hacksaw Ridge (Film)

Gute Geschichten bilden den Grundstein meines Kanals auf Twitch. (Näher nachzulesen in meinem Blogbeitrag “Warum ich hier schreibe” ) In meiner Blogserie “Die Essenz einer guten Geschichte” beschäftige ich mich vor allem mit der Frage: Was macht eine gute Geschichte aus? Diese Frage hat deutlich mehr als nur eine Antworte und daher schaue ich mir Geschichten an, die mich persönlich bewegt haben und schreibe darüber.

Es gibt diesen geflügelten Satz: “Stelle dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.”, als Anspielung darauf, dass Krieg ohne das Zutun seiner Teilnehmenden doch eigentlich gar nicht existieren kann und somit nicht stattfinden muss.

Schaut man sich die Geschichte des Soldaten Desmond Doss an, die in dem Film “Hacksaw Ridge” kürzlich verfilmt wurde, sollte dieser Satz eher lauten:

“Stell dir vor es ist Krieg und jeder weigert sich, den anderen zu verletzten.”
Desmond T. Doss (1919–2006) (Quelle: http://history.amedd.army.mil/MOH/dossd.html — Office of Medical History, United States Army)

Desmond T. Doss aus Lynchberg, Virginia, hat ein Problem: All die jungen Männer in seinem Umfeld leisten während des zweiten Weltkrieges ihren Beitrag zur Verteidigung der Freiheit - das ist amerikanisch für: Gegen die Feinde der USA in den Krieg ziehen. Desmond will dies auch. Allein sein starker christlicher Glaube, der ihm von Kindesbeinen an geprägt hat, verbietet ihm jedoch das Töten. Er meldete sich dennoch freiwillig, um als “Combat Medic” (Sanitäter im Kampfeinsatz) Teil der US-Army zu werden. Seine Prinzipien warf er dabei nicht einfach über Bord und verweigerte, vom Moment der Einberufung an, ein Gewehr in die Hand zu nehmen , geschweige denn abzufeuern. Er wurde als conscientious objector (Kriegsdienstverweigerer) einberufen.

Seine tiefe Überzeugung nicht töten oder verletzen zu wollen, brachte ihm zuerst Verwunderung und Unglauben, später Unmut und Unterdrückungsversuche seiner Kameraden und Vorgesetzten ein, die versuchten, seinen Willen zu brechen. Schließlich sollte er vor ein Militärgericht gestellt werden, weil er einen direkten Befehl — das Tragen der Waffe — missachtet habe. (Anmerkung: Im Film kommt es auch zur Verhandlung, aber in den Quellen lässt sich dazu nichts genaueres finden.)

Schlussendlich zog er, trotz aller Widrigkeiten, in den Krieg — als Sanitär ohne Waffe, der zum Helden wurde. Sein tiefer Glaube und sein unbedingter Wille, anderen zu helfen, waren sein Schild und sein Treiber in den ausweglosesten Situationen. Bereits bei seinen ersten Einsätzen in Guam 1944 fiel er durch unglaubliche Aufopferung und Furchtlosigkeit bei der Rettung von Verwundeten auf. Er nahm an hunderten Patrouillen teil, obwohl er nicht einmal eingeteilt war. Andernorts begab er sich in hochgefährliche Kampfgebiete oder rannte viele Meter unter Beschuss über offenes Gelände, um Menschen zu retten.

Bei der besonders blutigen und verzweifelt geführten Schlacht um Okinawa 1945 geriet seine Einheit auf einem Plateau, Hacksaw Ridge genannt, unter so heftiges Feuer und einen Gegenangriff der Japaner, dass 2/3 der ganzen Einheit tot oder verwundet auf dem Plateau zurückblieben. Einer floh jedoch nicht: Desmond Doss. Er blieb und rettete über einen ganzen Tag 75 Verwundeten das Leben — allein, in feindlichem Gebiet, bis zum Rande des Zusammenbruchs. Dabei machte er nicht einmal einen Unterschieden zwischen Amerikaner oder Japaner, er half allen Verwundeten.

*Puh* Da muss ich selbst beim Schreiben durchatmen.

Ich möchte es hierbei belassen und mich der eigentlichen Frage widmen. Eines sei jedoch gesagt: Doss überlebte den Krieg verwundet und wurde mit diversen Auszeichnungen entlassen. Unter anderem erhielt er die höchste Auszeichnung der US Armee, die Medal of Honor, als einer der ersten Unbewaffneten überhaupt.

Die Essenz — Was macht die Geschichte von Desmond Doss aus?

Mich hat diese Geschichte tief bewegt, weil ich es ein kleines Stück weit nachvollziehen kann, wie es ist, die eigene und zutiefst verinnerlichte Überzeugung zu vertreten, trotz widriger Umstände. Eben deswegen, weil man an sie glaubt. Für mich stechen zwei Punkte besonders heraus:

  1. Der Held ist ein Underdog
    Desmond Doss ist ein Underdog, ein tragischer und außergewöhnlicher Sonderling. Menschen lieben Geschichten, in welchen “der Kleine” (Doss) “den Großen” (die US Army oder auch den Krieg selbst) besiegt oder ihnen zumindest ein Schnippchen schlagen kann. Woran das liegt kann ich gar nicht so genau sagen. Als gröbste Erklärung kann wohl herhalten, dass wir (mit-)fühlende Wesen sind und deswegen Schwäche nachempfinden können und uns freuen, wenn sie sich ins Gegenteil umkehrt oder Schwächeren geholfen wird. Das gilt natürlich für alle Menschen in unterschiedlichem Maße, aber das hebt uns bekanntlich u.a. von der Tierwelt ab.
  2. Überzeugung gegen jeden Widerstand
    Doss zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er aus tiefster Überzeugung handelt und fühlt. Seine Überzeugung ist stärker als jeder Widerstand, stärker als die Angst, stärker als die Gewalt um ihn herum und stärker als die Hoffnungslosigkeit. Doss besiegt all die Grundängste, die in uns allen schlummern und dies mit einem nahezu unschlagbaren Grundwert: Menschlichkeit. Obendrein ist er damit in einer höchst menschlichkeitsfeindlichen Umgebung “erfolgreich”. Das Ganze kann man auch aus dem Kontext heben und sagen: Gegen alle Widerstände etwas schaffen, von dem man überzeugt ist. Das ist ein starkes Motiv.

Man kann von Kriegsheldengeschichten halten, was man möchte und so richtig weiß man bei dieser Geschichte auch nicht, was authentisch ist und was wohlwollende Übertreibung. Man kann auch von (kirchlichem) Glauben halten, was man möchte. Es geht mir hier allerdings um die Geschichte an sich, die dahinter steht.

Dieses Bild zeigt sehr kraftvoll, was diese Geschichte ausmacht: Ein Soldat ohne Waffe, im Nebel der Schlacht, der seiner tiefsten Überzeugung folgt. (Quelle: https://letterboxd.com/film/hacksaw-ridge/)

Fazit

Als Ergebnis meines kleinen Textes stelle ich mir selbst nun die Frage, kurz knapp: Was ist die Essenz der Geschichte von Desmond Doss?

Er war ein Underdog — Menschen lieben Underdogs, vor allem jene mit einer starken Überzeugung und diese lässt ihn, entgegen aller Widerstände, am Ende triumphieren.

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