Das Ende

Heute ist es soweit. Was für für viele, auch für mich, lange kaum vorstellbar war, ist heute endgültig Realität geworden. Borussia Dortmund hat einen Trainer, der nicht mehr Jürgen Klopp heißt. Jetzt schon gibt es viele Rückblicke auf die Zeit, in der dieser Mann die Geschicke unseres Vereins bestimmt hat: Online, Offline, Text, Bild, Buch … Dem will ich mich eigentlich nicht anschließen, andererseits aber nun doch, aber vor allem nicht wehmütig werden.

Oftmals ist die Entwicklung unseres Vereins in den letzten sieben Jahren (natürlich müssen es sieben sein) von außen und auch innen mit einem Märchen verglichen worden, denken wir beispielsweise an #fairytale zum Champions League Finale 2013. Nun, da die Gesichte zu Ende geschrieben ist, würde ich eher sagen, dass wir kein Märchen vor uns haben, sondern eine Serie. Märchen gehen gut aus, ein Drache wird getötet, eine Prinzessin geheiratet, und wenn sie nicht gestorben sind … Das Ende einer Serie ist etwas ganz besonderes, deswegen lohnt es sich, es genauer anzuschauen.


Tschechows Nagel

Ich bin ein Freund von Enden, die keinen Spielraum mehr für die Frage lassen, ob die Geschichte nun auch wirklich vorbei ist. Deswegen mochte ich das Ende von Breaking Bad, das von Dexter nicht so und wie Mad Men ausgeht, will ich vielleicht lieber gar nicht wissen. Das Ende der Ära von Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund war dagegen narrativ perfekt und überzeugend motiviert. Dexter war mit Sicherheit ein bis zwei Staffeln zu lang, hier dagegen passte alles.

In der Erzähltheorie gibt es verschiedene Möglichkeiten, eine Handlung zu motivieren, also sie für Rezipierende plausibel zu machen. Eine davon ist die kompositorische Motivation. Wird in einer Erzählung zu Anfang von einem Nagel in der Wand gesprochen, muss sich der Held, dem Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow zu Folge, am Ende daran aufhängen. Der Nagel für Borussia Dortmund, um im Bild zu bleiben, war der Vollgasfußball. Klopp hatte ihn in seiner Antrittspressekonferenz 2008 versprochen und Wort gehalten. Vollgas, das war das bestimmende Schlagwort der folgenden Jahre. Auf Eintrittskarten gedruckt, auf der Videowand im Stadion, auf der Vereinshomepage. Die Fallhöhe war hoch, aber es funktionierte. Bis zu dieser Saison, als Vollgasfußball in einer Fehlzündung verpuffte oder gegen Mauern aus Berlin oder Köln knallte. Das “Okay, es ist die 85. Minute, wir liegen 2:0 hinten: ‘nen Punkt nehmen wir noch mit”-Gefühl war, zumindest bei mir, weg.

Das Finale im Finale

Als die Story langsam auszuplätschern drohte und alle eigentlich nur noch das Staffelende (bzw. die Sommerpause) herbeisehnten, ereignete sich der entscheidende Einschnitt in die Handlung, der die Narration noch einmal dramatisch zuspitzen sollte. Klopp verkündete seinen Rücktritt, die Mannschaft spielte auf einmal besser (ob das eine eine kausale Motivation für das andere war, lassen wir dahingestellt) und kämpfte sich ins Pokalfinale. Dieses retardierende Moment gab uns das Gefühl, dass sich alles noch einmal zum Guten wenden könnte, lies auch wirklich alles auf das Ende, das Finale im Finale zulaufen. Nicht nur der Pokal, auch die Ära Klopp sollte also in Berlin abschließen.

Das Spiel selbst war kompositorisch sicher der beste Abschluss, auch wenn ich mir natürlich einen anderen gewünscht hätte. In die Geschichte der letzten sieben Jahre von Borussia Dortmund war auch immer, trotz vieler Erfolge, das schöne, tragische Scheitern eingeschrieben. Das ging schon ganz zu Anfang mit der Qualifikation zur Europa-League los, bei der nach einem 2:0 zu Hause und nachdem die Mannschaft schon überall abgeschrieben worden war, auswärts in Udine die Gruppenphase nur im Elfmeterschießen verpasst worden war. Oder die vielen Spiele gegen Bayern München, man denke nur an die bittersüße Niederlage im Champions League Finale 2013, die mich persönlich so sehr geschmerzt hat, wie ein verlorenes Spiel es selten tut. Das Scheitern im DFB-Pokalfinale 2015 war aber nicht mehr schön, nicht mehr bitter, es war, gerade in der zweiten Halbzeit, wirklich quälend langsam, ohne Vollgas, die letzte Zündkerze durchgebrannt. Es war einfach zu Ende.

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