Tagesschau — “Sags mir ins Gesicht”

Gerade lief zum ersten Mal das neue Format der Tagesschau “Sags mir ins Gesicht”, bei dem sich die ARD-Journalisten Kai Gniffke heute, Anja Reschke morgen und Isabel Schayani am kommenden Dienstag in einem Call-In-Format Nutzern stellen, um in einen direkten Dialog mit Nutzern zu kommen.

Bei der Premiere mit Kai Gniffke habe ich mir das Format knapp 50 Minuten angesehen und bin zwiegespalten.

Technologisch — ist das wirklich alles, was heutzutage geht?

Technisch scheint es von außen sauber gelaufen zu sein — Kommentare laufen ein, werden gesichtet, dem Moderator zugespielt, der ist TV-erfahren, kann beide Kanäle und seinen Ohrstöpsel souverän managen, die Ton- und Videoqualität der Gäste ist hinreichend.

Dennoch: Der professionelle Technologie- und Innovations-Journalist in mir wundert sich: Skype-Schalten zu Facebook Live mit einer Tablet-Unterstützung für Kommentare — so ein Format haben wir vor ziemlich genau 5 Jahren bei der Rundshow für den BR als öffentlich-rechtlichen Sender entwickelt — es gab ein Pad für den Moderatoren, eine Crew, die Kommentare gefiltert hat, Nutzer konnten per Skype, per App und diversen Netzkanälen mitmachen, abstimmen — das Einzige, was es damals nicht gab, war Facebook Live als Ausspiel-Plattform.

Ich kann nicht genau definieren, was mir fehlt — aber: Ich bin unbefriedigt. Technologisch würde ich erwarten, dass wir 5 Jahre später mehr können müssten und bessere Werkzeuge haben müssen, um näher am Nutzer zu sein, relevantere Gesprächspartner finden zu können — es muss sich mehr nach jetzt, heute anfühlen und nicht exakt so wie vor 5 Jahren.

Ich war damals viel mehr als heute von überzeugt, dass der Dialog und die Auflösung der 1-to-Many-Kommunikation hin zu einer Nutzerbeteiligung hier etwas bringt. Die so präsentierte Vox-Pop-Sendung läßt mich aber unbefriedigt zurück — zumal die allermeisten Trolle ja das Licht scheuen und bei so einem Format eher nicht auftauchen werden.

Konzeptionell: Ich will mit diesen Nutzern nichts zu tun haben

Aus Zuschauerperspektive habe ich ein weiteres Problem: Das Format fordert zum Dialog mit Menschen auf, deren Einstellung ich nicht im Geringsten teile — mir reicht ein AfD-Vertreter in der Tagespresse, mein rechtsaußen-Nachbar oder der verschreckende Blick in den Kopf eines Herrn Tichy, um auch das rechte Spektrum abgebildet zu sehen.

Es mag egoistisch und überheblich klingen, aber wenn ich mich schon mit anderer Meinung auseinandersetze, soll die doch bitte pointiert dargebracht werden, sodass ich mich trefflich darüber aufregen und abarbeiten kann. Meinen Nazi-Nachbarn habe ich im privaten Umfeld, nachgeplapperte faktenfreie Meinungen bringen zumindest für mich den Diskurs nicht weiter. Ich befürchte, dass ich hier nicht alleine bin — verständlicherweise wollen “die” vermutlich mit “uns” genau so wenig zu tun haben.

Mich würde interessieren, wen das Format wirklich erreicht hat — eben gerade habe ich einen Screenshot gemacht, auf dem 2.500 Live-Zuschauer dabei waren, 1.100 Kommentare unter dem Video, 146 Shares sowie 2.200 Likes — bei einer Million Facebook-Fans und der ARD-Reichweite kommt mir das recht wenig vor.

Facebook-Screenshot 20.02 Uhr

Ernst gemeinte Frage an die Tagesschau-Kollegen: Wer schaut sich das Format an — sind es die klassischen Tagesschau-Nutzer, die ihr sowieso erreicht? Wie viele Kritiker habt ihr erreicht? Die Daten könnte man nutzen, um für kommende Sendungen zu optimieren. Denn: Ich gehe im Bundestagswahljahr mal davon aus, dass ihr die Daten zu den diversen Formaten aggregiert und draus lernt, oder?

Inhaltlich — ist “live” der richtige Weg?

Ein Problem bei allen Social-Media-Formaten ist absurderweise der Live-Faktor. Ich selbst habe früher genau gegen starre Sendepläne und für spontane Gesprächspartner argumentiert — inzwischen glaube ich aber, dass die Aufmerksamkeit für die Debatte um die gesellschaftliche Spaltung zu wichtig ist, als dass wir sie mit “zufälligen” Gesprächspartnern füllen sollten. Ich würde gern viel mehr sehen, wie ein Kai Gniffke mit dem gewitzten AfD-Anhänger debattiert, Anja Reschke Hasskommentatoren argumentativ auseinandernimmt, Isabel Schayani mit Flüchtlings-Gegnern in den Ring steigt — aber eventuell ist das gestreamte “live” dafür falsch.

Mal als Anregung: Was ich gern sehen würde, wäre ein Schlagabtausch vor Ort, den ich mir im Nachhinein ansehen kann als Serie — quasi das Dunja-Hayali-on-Tour-Reportage-Format mit Social-Media-Verlängerung auf allen Kanälen, mit der Chance für Kritiker, in die Roh-Aufnahmen reinzuschauen.

Falls es notwendig ist, der obligatorische Transparenz-Hinweis: Ich bin altes NDR-Gewächs und habe in den vergangenen 17 Jahren mehrfach mit allen möglichen Personen aus dem ARD/Tagesschau-Umfeld in diversesten Konstellationen zusammengearbeitet und tue das auch weiterhin. Und: Das verwendete Publishing-Tool FlypSite habe ich seinerzeit mal mitentwickelt.