Dürfen Fehler passieren oder nicht?

Die gängige Fehlerkultur übersieht oft die Notwendigkeit und den Wert von Handeln in Unsicherheit

Im Umgang mit und der Bewertung von Fehlern gibt es zwei große Sichtweisen:

  1. Fehler dürfen nicht passieren
  2. Fehler sind menschlich und passieren nunmal

Beides greift zu kurz, denn beide Ansichten werden der Komplexität dessen, was wir “Fehler” nennen, nicht gerecht. Betrachtet man die Komplexität genauer, stellt man fest, dass es mehrere Arten oder Qualitäten von Fehlern gibt:

  1. Dinge, die logisch falsch sind, also 5+4=10. Diese Kategorie erweitert sich auch auf unpassende Lösungen für Probleme, z.B. die Verwendung eines Hammers für das Eindrehen einer Schraube.
  2. Dinge, die logisch richtig sind, aber unzulänglich ausgeführt werden, z.B. der Schraubenzieher für das Einderehen einer Schraube — schief angesetzt.
  3. Dinge, die logisch falsch sind, oder richtig, aber unzulänglich ausgeführt. Bitte wie?

Fehler der Kategorie 1 passieren durch zu geringe Kenntnis von Dingen, die man wissen könnte.

Fehler der Kategorie 2 passieren durch zu geringe Motivation oder Konzentration. Es passiert mit Dingen, die man eigentlich beherrscht.

Fehler der Kategorie 3 passieren durch zu geringe Kenntnis von Dingen, die man wissen müsste.

Fehler der Kategorie 1 sind dumm. Sie passieren durch Hauruck-Entscheidungen, zu geringe Recherche, zu wenig Nachdenken. Sie dürfen nicht passieren.

Fehler der Kategorie 2 sind menschlich. Sie dürfen trotzdem nicht passieren.

Fehler der Kategorie 3 sind wichtig. Sie sind der Schlüssel zu Innovation, der Schlüssel zu Gewinn und Erkenntnis. Sie sind das unerwünschte Ergebnis eines Experiments. Sie sind das Danebenliegen einer Vermutung. Sie sind die Essenz eines Lernprozesses und die Konsequenz von Handlungen in Unsicherheit. Sie müssen passieren, wenn wirklich neue Wege gegangen werden sollen.

Es sind die Fehler, bei denen im Nachhinein jemand sagt: “Das hättest du wissen müssen!”. Ja, hättest du. Hast du aber nicht. Quälend wird nur immer die Frage sein: warum? Hättest du es vielleicht doch wissen können?

Dummerweise lässt sich diese Frage fast immer mit ja beantworten. Interessant ist nur, dass dieses “ja” erst im Nachhinein so offensichtlich ist. Das Ausführen des Fehlers hat uns also nicht nur unmittelbar Informationen über das Problem gegeben, sondern auch Informationen darüber, was wir tun müssen, um mehr Informationen zu bekommen und welcher Art die Informationen sein müssen, die wir benötigen, wo unsere Informationslücke ist.

Unter Unsicherheit, wenn man nicht genug wissen kann, ist die einzige Möglichkeit zu einer Lösung zu kommen das Beschreiten einer Selbstkonsistenzschleife: wir beginnen mit dem, was wir wissen und probieren es, wissen mehr, probieren erneut, wissen noch mehr… Die Grenze der Selbstkonsistenz ist nicht nur die Menge an Daten, die man verarbeiten müsste, um zu einer richtigen Lösung zu kommen, es ist auch eine Frage der Zeit. Was ist schließlich, wenn man alles wissen könnte, aber jetzt entscheiden muss? Jetzt, wie in “Jetzt, sonst stirbt sie.”? Dann wird aus einem Fehler der Kategorie 1 schonmal schnell Kategorie 3.

Unter Unsicherheit handeln ist eine Kunst. Es ist eine Kombination aus Faktenwissen, technischem Können, Intuition und echter Kreativität. Wir müssen stets daran arbeiten, unsere Fehlerquote aus Kategorien 1 und 2 zu verringern. Fehlern der Kategorie 3 müssen wir Raum geben und sie zulassen. Aber auch das ist eine Kunst, denn so einfach, wie hier beschrieben, ist es leider nicht. Die Kategorien gehen fließend ineinander über und überschneiden sich. Dieses Problem wiederum zu lösen erfordert zusätzlich Menschenkenntnis, emotionale Intelligenz und Fairness — und ab und zu das Begehen und Eingestehen eines Fehlers.

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