19000000000 Dollar. WTF?

By Dr. Carsten Totz

Ob beim Fußball oder in der Tech-Branche, die „Transfer-Preise“ steigen. Hat man sich zuerst noch verwundert die Augen gerieben, so nimmt man die jährlich neuen Rekord-Preise so langsam nur noch stoisch zur Kenntnis. Eigentlich. Denn ab und zu liest man in Nachrichten Zahlen, die man spontan für einen Fehler bei der Wahl der Einheit hält. Eine Null zuviel? Mrd. mit Mio. verwechselt? Nicht Dollar, sondern Yen? So auch jetzt: Facebook kauft WhatsApp für 19 Mrd. Dollar. Neunzehn f***ing Milliarden? WTF?

Irgendwas muss ich in meinem BWL-Studium verpasst haben. Aber was? Controlling, Investitionsrechnung, Finanzierung etc. — alles nicht nur gehört, sondern auch bestanden! Es muss wohl noch ein Sonderfach geben, dass in Münster nicht gelehrt wurde. Vielleicht wird es auch nur im Sillicon Valley oder Harvard unterrichtet. Vielleicht mit einer Sonderform der Wirtschaftsmathematik als Basis einer ganz speziellen Investitionsrechnung? Oder wie lassen sich aus einer betriebswirtschaftlichen Sicht 19 Mrd. für WhatsApp rechtfertigen? Christian Stöcker versucht sich bei Spiegel Online an einer Erklärung, umschifft die investitionstheoretische Frage jedoch auch. Ich lerne gerne dazu, also immer her mit den Erklärungen.

Was irritiert mich so? Mal kurz ein Recap: WhatsApp soll aktuell 450 Mio. Nutzer haben. Täglich sollen es eine Million mehr werden. Aber wollen wir mal nicht kleinlich sein, denn Investitionen sind ja zumindest in der Theorie tendenziell eher langfristiger Natur… Gehen wir also mal davon aus, dass jeder Mensch dieser Erde bald WhatsApp nutzen wird. Das wären dann großzügig gerechnet in ein paar Jahren ca. 7,5 Mrd. Menschen bzw. WhatsApp-Nutzer. Und die gleiche Großzügigkeit lassen wir jetzt auch mal bei der Betrachtung des aktuellen Erlösmodells zur Geltung kommen: 99ct. pro Download, keine Nutzungsgebühren. Das wären dann Brutto maximal 7,5 Mrd. Abzüglich der 20–30%, die an die AppStore-Betreiber abzuführen sind bzw. währen blieben 5–6 Mrd. Ein ganz ordentlicher Batzen, aber (bislang) einmaliger Natur. Facebook hat aber ca. 13–14 Mrd. mehr gezahlt, als das aktuelle Erlösmodell an direkten Einnahmen verspricht. Klar, das war gerade nur eine sehr banale Überschlagsrechnung und nicht mal der Ansatz einer Investitionsrechnung. Aber wie lässt sich dieses Prämium, diese Investition rechtfertigen? Ich wage mal ein paar Hypothesen:

A.) Mark Zuckerberg will einfach nur zeigen, dass er „den Längsten“ hat. Bei all den angestrengten Bemühungen den eigenen Facebook Messenger zu promoten war es WhatsApp, die gezeigt haben, wie man einen Messenger zum Erfolg macht. Es kann ja nicht sein, dass man als Facebook ständig von einem „kleinen“ Start-Up gezeigt bekommt, wie man es macht. Wenn man nicht dagegen ankommt, dann kauft man das Unternehmen einfach. Und noch ein Abfuhr (wie erinnern uns an den missglückten Versuch Snapchat kaufen zu wollen) hätte zu sehr am Ego gekratzt.

B.) Es gibt neben dem direkten Erlösstrom (Download-Gebühren) vielleicht schon jetzt und spätestens in baldiger Zukunft einen indirekten Erlösstrom. Kundendaten, Chat-Inhalte, die Zugänge zu den Nutzern etc. werden in irgendeiner Form an die Werbe-Industrie verkauft. Die erwartet das quasi und zahlt in der Regel auch gut dafür. Wie „irritiert“ sie reagiert, wenn ein Unternehmen das nicht so gerne macht erlebt gerade Apple… Facebook ist da erwiesenermaßen „liberaler“, wenn man es mal positiv klingend formulieren mag.

C.) Die Nutzung des Messengers wird kostenpflichtig. Sicher muss man nicht jede Nachricht sondern einen Pauschalbetrag bezahlen. Vielleicht nicht nur einmalig 99ct. beim Download, sondern jedes Jahr 99ct. Oder vielleicht sogar 99ct. pro Monat? Vielleicht wird es auch S, M, L und XL-Pakete mit unterschiedlichen Funktionen und Nachrichten-Volumina geben. Vielleicht zahle ich auch nur für die Nutzung, wenn ich nicht möchte, dass meine Daten, Inhalte etc. verkauft werden. Who knows?

D.) Facebook gehört eigentlich der NSA. Zuckerberg, Börsengang etc. sind alles nur Tarnmaßnahmen. Die 19 Mrd. Dollar sind dann quasi ein Schnäppchen, wenn man dafür nicht nur Zugriff auf die Metadaten von Personen, sondern auch auf die Inhalte ihrer Konversationen und Kontakte erhält. Und wenn alle Nutzer dann auch noch den AGBs zustimmen, dann ist man ganz fein raus — rechtlich zumindest. Dann braucht sich kein Datenschützer, kein Whistleblower, kein Journalist oder kein Innenminister aufregen. Ach ja, letztere regen sich ja gar nicht auf. Unter Freunden macht man solche Sachen ja einfach nicht …

Wird die Wahrheit irgendwo zwischen A.) B.) und C.) liegen, oder ein Mix aus allen drei Faktoren sein? Wie dem auch sei, hoffen wir, dass es nicht Faktor D.) „NSA” und nicht nur Faktor A) „irrationaler Größenwahn“ ist. Das wäre ein Indiz für das Entstehen einer Blase, die sich hinter der New Economy Blase zur Jahrtausendwende nicht verstecken bräuchte. Sicher sein kann man sicher aber, dass WhatsApp sich schon bald verändern wird. Und vielleicht sollte man die neuen AGBs dann mal genauer lesen. Es sind spannende Zeiten, in denen wir da leben. Und manchmal auch absurde Zeiten… Und wenn es doch D.) sein sollte? Vielleicht steigen wir ab sofort wirklich lieber auf Messenger wie Heml.is, Telegram oder Threema um?

PS: Dass ich nicht der Einzige bin, der gewisse Fragezeichen in den Augen hat zeigt folgende Meldung — Wall Street Journal Online: “…Facebook Inc.’s $19 billion deal to buy messaging company WhatsApp is costing the social network another $3.5 billion Thursday — in market value. …” Da scheint der ein oder andere Shareholder auch nur die klassische Investitionsrechnung an der Uni gelernt zu haben…

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