Das Verbrechen an meiner Seele

content notes: Emotionale und physische Gewalt gegen Kinder

Ich muss mir das hier von der Seele schreiben.

Gestern löste ich mich in den Armen meines Liebsten auf. Ich schmolz weg, ganz weg, bis ich ein Kind war, 12 oder 13 Jahre alt. Ich löste mich auf in Tränen und Schluchzen, ich bin 38 Jahre alt, ich liebe und vertraue ihm seit bald 14 Jahren. Und ich habe noch nie mit ihm darüber gesprochen, wirklich gesprochen, dass ich als Kind geschlagen wurde.

Ich habe noch nie wirklich darüber gesprochen. Ich tue es jetzt.

Meine Eltern haben mich geschlagen. Allein diesen Satz zu schreiben, ohne sofort zu erläutern, wie sehr, und dass es wirklich schlimm war für mich oder dass es nicht nur ein Klaps auf den Po war, das ist schwer. Meine Eltern haben mich geschlagen, und das allein, egal, wie sehr, egal, wie oft, egal, wie schlimm ich das jetzt finde, ist ein Verbrechen an meiner Seele. Eltern sollten ihre Kinder nicht schlagen. Sie sollten sie lieben, sich um sie kümmern, für sie da sein und sie beschützen. Sie sollten ihnen Grenzen aufzeigen und ihnen beibringen, wie sie mit gesetzten Grenzen umgehen können.

Eltern sollten ihre Kinder nicht schlagen.

Die Gewalt, die ich erfahren habe

Die Gewalt, die ich erfahren habe, hat tiefe Narben in meiner Seele hinterlassen. Und wenn ich das lese, auch, wenn andere das schreiben, dann klingt es abstrakt und belanglos. Seelen existieren nicht in der stofflichen Welt, also kann ich auch keine Narben darauf sehen. Was das aber heißt, das ist: Die Menschen, denen ich als Kind meine tiefste Liebe und mein größtes Vertrauen entgegenbrachte, haben mir Gewalt angetan. Das beeinträchtigt meine Fähigkeit zu vertrauen und zu lieben. Sie waren meine Welt, und sie haben, als ich zu jung war, es wirklich zu verstehen, mein Vertrauen in die Welt an sich enttäuscht. Sie haben meinen Glauben daran erschüttert, dass es Liebe geben kann, für mich. Dass ich wert bin, geliebt zu werden, ohne mich erst irgendwie zu qualifizieren durch gutes, angepasstes, herausragendes Verhalten. Die Rechtfertigungsmechanismen setzten tief in den Kern meines Wesens die Gedanken ein, dass ich Schuld war an der Gewalt, die ich erfahren habe. Immer noch fällt es mir unfassbar schwer, darüber zu schreiben, zu reden, selbst zu denken, ohne in jedem zweiten Satz die Täter in Schutz zu nehmen.

Um sie geht es heute nicht. Heute geht es um mich, und was die erfahrene Gewalt mit mir gemacht hat. Die Täter können sich selbst überlegen, wie sie den Ausstieg aus der Gewaltspirale hätten schaffen können oder wie sie ihre Taten heute vor sich rechtfertigen oder auch nicht. Heute sitze ich hier in meinem Sessel und spüre die Narben. Das ist mein Recht.

Ich bin ein Opfer. Und darin ist nichts Schamvolles. Und nichts Glorreiches. Nur etwas sehr, sehr Tragisches.

Ich habe das Gefühl, dass alles anfing, als mein jüngerer Bruder auf die Welt kam. Das stimmt vermutlich nicht, und allein, dass ich diese beiden Dinge miteinander verknüpft habe in meinem Gedächtnis, sollte mir ein Warnsignal sein. Aber dazu später. Es fing also an, als ich etwa fünf oder sechs war, mit Ohrfeigen. Mein jüngerer Bruder und ich stritten uns oft. Um die Aufmerksamkeit unserer Eltern, um Spielsachen, um Platz in unserem gemeinsamen Zimmer. In meiner Erinnerung streiten wir eigentlich ununterbrochen, aber ich weiß, dass das nicht stimmte. Ich hatte als Kind immer das Gefühl, dass mein Bruder seine körperliche Unterlegenheit damit ausglich, dass er meine Eltern in unsere Streits einbezog. Das hatte für mich schnell unangenehme Konsequenzen. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter begannen, Schläge als Strafe zu verwenden.

Meine Mutter schlug, wenn sie nicht mehr weiter wusste. Aber trotzdem wusste ich eigentlich nie, wann es soweit war, ich hatte kein Gefühl für ihre Triggerpunkte, und ich war viel zu sehr damit beschäftigt, einfach ein Kind zu sein. So konnten in meiner Welt die Schläge jederzeit kommen. Ich hatte nur das vage Gefühl, dass es etwas damit zu tun hatte, dass ich viel redete. Also wurde ich stiller.

Mein Vater schlug mich anders. Er war oft schlecht gelaunt und leicht reizbar. “Reiz micht nicht!” würde er dann sagen, “Treib es nicht zu weit!”, oder “Provozier mich nicht!”, “sonst verlier’ ich die Beherrschung!” Als würde ich es darauf anlegen, geschlagen zu werden. Wenn ich als Kind etwas falsch machte oder Widerworte gab oder meinen eigenen Willen artikulierte, konnte das schon zu viel sein. Und manchmal reichte ein Blick. “Guck mich nicht so an!” Seine Wut war weißglühend, und er rannte mir durch unseren Hausflur hinterher in mein Zimmer. Er zog den Gürtel aus seiner Hose oder schlug mit der flachen Hand zu, dann überall hin, wohin er kam. Einen Schlüssel für mein Zimmer hatte ich nicht. Ich erinnere mich daran, mich ein Mal wieselschnell in mein Zimmer gerettet zu haben und die Tür mit den Holzstelzen blockiert zu haben. Ich saß schwer atmend und leise weinend vor Angst mit dem Rücken an der Tür, während mein Vater draußen schrie und tobte und forderte, dass ich die Tür öffnen solle. Ich weiß nicht mehr, ob ich die Tür schließlich geöffnet habe, und vielleicht ist das besser so. Und doch hat sich der Moment davor tief in mein Gedächtnis gegraben, wie ich an der Tür lehne und hoffe, bete, dass die Stelzen halten, während die Klinke sich nach unten drückt, wieder und wieder, und das Holz der Tür sich biegt vom Gewicht meines Vaters, der tobt und schreit und Einlass fordert, um sein Kind schlagen zu dürfen. Mich.

Ich projizierte all meinen Hass auf ihn

Manchmal, wie als perverses Spiel, ließ mein Vater uns uns gegenseitig schlagen. Eine Ohrfeige, so stark wir wollten. Niemand konnte hier gewinnen, und ich verstehe bis heute nicht, in welcher absurden Gedankenwelt dieses Spiel eine Lektion darstellen sollte. So wurde mein Bruder mit den Jahren mehr und mehr mein Gegner, und ich gab ihm, seiner bloßen Existenz die Schuld daran, dass meine Eltern Gewalt gegen mich ausübten. Ich hatte immer den Eindruck, dass er weniger Schläge abbekam als ich. Ob das stimmt, weiß ich tatsächlich nicht, ich habe nie mit ihm darüber gesprochen. Und selbst wenn das so wäre, es ist nicht die Dauer der Schläge oder der Schmerz, der einen langsam von innen auffrisst. Ich projizierte also all meinen Hass auf ihn. Es war so viel bequemer zu denken, dass er meine Eltern auf mich hetzte, als zu denken, dass diese Menschen, die mich bedingungslos lieben und beschützen sollten, dazu nicht in der Lage waren. Es war einfacher, ihn und seine Art zu dämonisieren, als mir einzugestehen, dass ich längst einen Teil der Täterschaft in meine Seele integriert hatte: Ich rechtfertigte die blinde Wut und die Schläge meiner Eltern damit, dass meine Eltern weniger gut Deutsch sprechen konnten. Dass sie überarbeitet waren von den Überstunden, die sie machten, um über die Runden zu kommen. Dass sie nunmal emotionale Menschen seien, die manchmal einfach “überschäumten”. Zum Teil übernahm ich damit die Rechtfertigungen der Täter, zum Teil baute ich mir eigene. Und entfernte alles Negative, Böse aus der Gleichung, indem ich es meinem Bruder auflud. Der in der Zeit, in der ich Gewalt erfuhr, zwischen zwei und acht Jahren alt war.

“Warum könnt ihr nicht zusammenhalten?”, fragte meine Mutter manchmal. “Andere Kinder spielen so schön zusammen! Warum macht ihr das nie?” Die furchtbare Wahrheit ist vermutlich, dass die Angst vor der Gewalt durch unsere Eltern uns auseinander trieb. Wir gaben uns gegenseitig die Schuld, um nicht selbst Schuld sein zu müssen an den Schlägen, aber die Rechnung ging nicht auf. Jetzt waren wir selbst Schuld, nur der andere hatte uns dazu getrieben. So, wie wir unsere Eltern zur Gewalt getrieben hatten. Es gab keine Gewinner.

Alles, um nicht sehen zu müssen, was unvereinbar war, damals wie heute: Die Menschen, die mich am meisten liebten, taten mir Gewalt an, und dafür gab und gibt es keine Entschuldigung. Bis heute bringe ich die beiden Seiten meiner Eltern nicht zusammen: Die Eltern, die mich liebten und unterstützten, mir Mut machten und mir Lebensfreude gaben — und die, die ohne jede Hemmung auf meinen kleinen Körper einschlugen, mit Kochlöffeln, Schuhen, Holzstöcken, Scheiten, Gürteln, Geschirrtüchern, mit ihren eigenen Händen.

Hinterher weinten sie oft, entschuldigten sich, waren verzweifelt. Und bürdeten mir damit ihre verworrenen Emotionen und Schuldgefühle ebenso auf wie die Verantwortung für die Gewalt. Ich hätte sie nicht so reizen sollen. Ich hätte nicht so frech sein sollen. Ich solle meinen Bruder doch nicht so ärgern. Ich hätte nicht ich sein sollen, ein vielleicht nicht so einfaches Kind mit einem dicken Kopf. “Ich weiß nicht mehr weiter!”, sagte meine Mutter oft. “Ich kann nicht mehr”, sagte sie auch oft. Es ging immer um sie. Sie hätte mich vielleicht mal fragen sollen, ob ich noch kann.

Ich habe mir über Jahrzehnte eingeredet, dass die Prügel auch etwas Gutes gehabt hätten

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann ist mein Vater immer schlecht gelaunt. So schlecht, dass man ihn am besten nicht anspricht. Ich erinnere mich zwar auch daran, dass wir viel Spaß hatten, Quatsch gemacht haben und gekuschelt haben, wie das Kinder und Eltern eben tun, aber das ist eher abstraktes Wissen in meinem Gehirn. Emotional wird alles überlagert von dem Mann mit der kurzen Zündschnur als Geduldsfaden.

Ich habe mir über Jahrzehnte eingeredet, dass die Prügel auch etwas Gutes gehabt hätten. Krampfhaft versuchte ich, meinem sinnlosen Leiden nachträglich Sinn zu geben. Ich erfand Geschichten von persönlichem Wachstum, Charakterstärke und vom Durchhalten. Die Wahrheit ist doch, dass ich das nicht wissen kann. Es ist nüchtern betrachtet wahrscheinlich, dass ich schon immer gut darin war, furchtbare Dinge zu ertragen, und dass ich das nicht meinem Vater zu verdanken habe. Allein das Wort in diesem Kontext: verdanken! Doch das redete ich mir und anderen viele Jahre ein. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass ich schon immer ein starker, innerlich gefestigter Mensch war, und nicht, dass mich Schläge erst dazu gemacht haben. Heute denke ich, ich wäre wohl noch stärker, würde vermutlich nicht immer an mir zweifeln, hätte ich diese Gewalt als Kind nicht erlebt.

Gestern musste ich daran denken, nein, wurde ich zurückgeworfen zu einem Sommerurlaub in den Alpen. Vielleicht war es 1992, vielleicht das Jahr davor oder das Jahr darauf. Mein Bruder und ich hatten uns über irgendeine Kleinigkeit gestritten, wie immer, und wir hatten geschrien und und geschubst und gerangelt. Und mein Vater hatte gar keine schlechte Laune gehabt, aber er musste dazwischen gehen. Es war ihm zu bunt geworden, und vielleicht hatte auch mein jüngerer Bruder um Hilfe gerufen.

Zur Bestrafung brachte er mich in den Schuppen neben der Haupthütte. Es tue ihm Leid, aber er müsse das jetzt machen. Er hatte meinem Bruder schon eine Ohrfeige gegeben, und ich als die Ältere hätte klüger sein müssen. Ich hätte aufhören müssen. “Der Klügere gibt nach”, und “Die andere Wange hinhalten” zitierte er immer gerne. Ich frage mich bis heute, wie ihm der Zynismus entgehen konnte. Also, ich als Ältere müsste natürlich auch eine größere Strafe bekommen. Und da mein Bruder seine schon kassiert hatte… Es tue ihm ja Leid, aber so sei es jetzt. Ich flehte, ich verhandelte. Er ignorierte und suchte sich aus den Holzscheiten, die herumlagen, ein taugliches aus. Er werde nur drei Mal zuschlagen, sagte er mir. Sein Vater hätte ihn ja viel härter rangenommen, sagte er. Ich fragte mich, was mir das sagen sollte — sollte ich froh sein, nur drei Mal von meinem Vater mit einem Holzscheit geschlagen zu werden, weil er nicht sehen konnte, dass Gerechtigkeit sich auch falsch anwenden lässt? In diese Moment prägte sich für immer ein Satz in meine Seele ein: Es ist gleich vorbei. Drei Schläge lang sagte ich mir immer wieder: Es ist gleich vorbei. Es ist gleich vorbei. Eigentlich ist es schon vorbei und ich erinnere mich nur daran! Noch heute ergreift mich manchmal ein Sog und zieht mich in den Holzschuppen, wo ich mir sagen: Es ist gleich vorbei.
Es ist nie vorbei.

Ich weiß nicht, wohin mich die Reise führt. Ich habe inzwischen ein eigenes Kind, und ich lebe in der Angst, ihm einmal dieselbe oder eine andere Gewalt anzutun, wenn ich die Beherrschung verliere. Aber dazu werde ich es nicht kommen lassen. Ich weiß, dass ich das kann. Ich bin stark. Und nicht, weil ich geschlagen wurde, sondern obwohl.

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