Mastodon: Die Serverwahl ist politisch

Moment! Was ist Mastodon?

Ein Mastodon ist eine Art Mammut, nur anders. Und: Mastodon ist eine Art Twitter, nur anders.

Mastodon ist das neue, innovative soziale Netzwerk. Es wurde unter anderem aus der frustrierenden Erfahrung heraus entwickelt, dass Twitter viel zu wenig gegen Hasspostings und lästige Trolle unternimmt. Und vor einigen Tagen erschien ein Artikel über das soziale Netzwerk auf The Verge. Seitdem gehen die Registrierungen durch die Decke. So sehr, dass der Flaggschiffserver mastodon.social aktuell keine neuen Registierungen annehmen kann. Dennoch steigen die Userzahlen weiter.

Mastodon erinnert sehr an das gute_alte_Twitter™ von früher, besonders an Tweetdeck, bevor Twitter Tweetdeck aufgekauft hat: Der Bildschirm zeigt mehrere Spalten, die die eigene Timeline, Mitteilungen und die öffentliche Timeline der Instanz oder der angeschlossenen Föderation (dazu später mehr) anzeigt. Tweets heißen Toots, statt dem Failwhale gibt’s einen Failefanten, und es wird noch mit Sternchen gefavt. Good Times!

Erste Unterschiede zeigen sich in der Länge eines Toots: Statt den 140 Zeichen von Twitter, die noch aus SMS-Zeiten stammen, bietet Mastodon 500 Zeichen für jede Nachricht. Der Newcomer hat sichaber ausdrücklich zum Ziel gesetzt hat, mehr Möglichkeiten zum Schutz vor Harassment und Diskriminierung zu bieten. Darum gibt es ein paar aus Twitter unbekannte Schaltflächen im Eingabefeld, die das Interesse wecken: Eine Weltkugel führt zu den Privatsphäreeinstellungen des aktuellen Toots, die für jeden Beitrag einzeln festgelegt werden können. Und ein CW-Button lässt Inhalt hinter Content Warnings verschwinden und nur auf Wunsch einblenden. Soll ein Bild gepostet werden, kann es zusätzlich als NSFW markiert und so versteckt werden.

Was bedeutet “dezentrales soziales Netzwerk”?

Was soziales Netzwerk heißt, dürfte klar sein. Dezentral heißt in diesem Zusammenhang: Es gibt nicht das eine Netzwerk mit der einen Adresse wie twitter.com oder facebook.com. Es gibt nicht nur den einen Server, es gibt viele, und die Software, die für das Betreiben eines Servers nötig ist, ist frei verfügbar. Eigentlich kann jede technisch versierte Person, die das gerne möchte, eine eigene Instanz auf einem eigenen Server aufsetzen.

Und diese Instanzen kommunizieren dann wiederum miteinander. Quasi als Netzwerk von Netzwerken. Der federführende Entwickler der Software, Eugen Rochko, vergleicht diese “Föderation” mit E-Mail-Providern: Benutzer*innen sind über verschiedene unabhängige Communities verteilt, können aber dennoch miteinander kommunizieren. Und so setzt sich der Username auf Mastodon auch aus zwei Teilen zusammen, ähnlich wie bei einer E-Mail: Der Instanz, auf der der Name registriert ist, und einem auf dieser Instanz einzigartigen Namen. Eugen Rochko beispielsweise ist über das Handle @gargron@mastodon.social erreichbar, mein Account auf der Instanz octodon.social ist via @TQ@octodon.social erreichbar.

Und zwar von jeder Instanz, sofern sie vernetzt ist. Denn dass Mastodon auf einer Föderation von Servern läuft, bedeutet auch, dass Vernetzung optional ist: Die Benutzer*innen verschiedener Instanzen bilden ein gemeinsames Netzwerk von Netzwerken, aber nur, so lange die Instanzen miteinander vernetzt sind: Es gibt also ein Netzwerk von Instanzen, die miteinander kommunizieren. Können!

Vernetzte Server und Gated Communities

Es gibt ein paar Übersichten über die Instanzen von Mastodon. Die meines Wissens vollständigste und aktuellste befindet sich auf instances.mastodon.xyz. Schaut man sich diese Übersicht an, fällt auf, dass sich die Instanzen nicht nur in ihren registrierten Accounts und der Anzahl der abgesetzten Statusupdates unterscheiden, sondern auch in der Anzahl ihrer Verbindungen mit anderen Instanzen. Während einige Netzwerke stark vernetzt sind und über 600 Verbindungen zu anderen Instanzen haben, sind andere Server kaum vernetzt. Und das, obwohl einige von ihnen durchaus viele aktive User haben.

Das liegt daran, dass die unterschiedlichen Instanzen von unterschiedlichen Menschen administriert werden, die mit ihren Entscheidungen unterschiedliche Ziele verfolgen. Das beginnt bei dem Code of Conduct (Verhaltenscodex, Guidelines) und strahlt von dort aus in den Umgang mit Werbeaccounts, Spam, Hasspostings, Trollen, diskriminierender Sprache— und dem Blockieren (blasklisting) oder Zulassen (whitelisting) von Servern. Während in einigen Fällen Vernetzung erwünscht ist, möchte vermutlich kaum eine seriöse Instanz Kontakt zu shitposter.club und Konsorten haben.

Ein extremes Beispiel ist hier awoo.space. Die Administration hat der Community sehr strenge Richtlinien gegeben, und awoo.space arbeitet mit einer sehr kurzen whitelistist vernetzter Server (Stand bei Veröffentlichung des Artikels: 18 Instanzen). Die restlichen Server können zwar Accounts auf awoo.space folgen und ihre Beiträge lesen (sofern sie oder ihr Server nicht geblockt sind), aber von awoo.space aus gibt es keine Möglichkeit, mit nicht verbundenen Servern zu kommunizieren. Die Instanz will so einen Schutzraum schaffen für Aktivist*innen, in dessen Rahmen Grenzen akzeptiert und sehr strikt durchgesetzt werden. Das ist für allem für die wichtig, deren Ressourcen ohnehin schon strapaziert sind, oder die durch ihre aktivistische Arbeit besonders stark von lästigen Trollen und Hatern bedroht sind. Mich erinnert das ein wenig an Safe Spaces. Oder an Gated Communies, allerdings ohne negativen Beigeschmack.

Politische Serverwahl: Mit wem will ich kommunizieren (können)?

Wie schon geschrieben ist awoo.space vermutlich für viele ein extremes Beispiel. Viele möchten die Möglichkeit haben, mit möglichst vielen Menschen auf unterschiedlichen Instanzen zu kommunizieren, und 18 verknüpfte Instanzen scheinen da sehr wenig zu sein. Es gibt immerhin hunderte von Instanzen, und es ist unklar, welche davon auch in einem, drei oder fünf Jahren noch besteht. Gerade bei kleineren Instanzen ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass die Administration irgendwann keine Lust mehr hat und hinschmeißt.

Die Guidelines einer Instanz sind ebenfalls wichtig: Sie prägen den Umgang miteinander, geben Auskunft darüber, wie in Konfliktfällen moderiert wird, und regeln, mit welchen anderen Instanzen überhaupt kommuniziert werden kann. (Die Guidelines verstecken sich hinter dem Link “About this instance” auf der Startseite jeder Instanz.) In den Guildelines von awoo.space sind zum Beispiel die Instanzen gelistet, mit denen sich der virtuelle Safe Space vernetzt. Darunter sind Instanzen aufgeführt, deren Guidelines sich mit denen von awoo.space vereinbaren lassen.

Da es zur Zeit leider noch keine Übersicht über die Instanzen gibt, die neben den technischen Kennwerten auch die Guidelines abbilden, bietet diese Zusammenstellung einen guten ersten Anlaufpunkt, denn awoo.space ist mit seinen hohen Communitystandards im Moment für Aktivist*innen der sicherste Hafen in einem schon relativ sicheren Netzwerk. [Nachtrag: Inzwischen gibt es eine Übersicht, und zwar hier.] Und wer die Standards genau dieses sicheren Netzwerkes unterstützen möchte, kann darüber nachdenken, in einer der dort aufgeführten Instanzen einen Account zu registrieren. So werden Menschen nicht für ihr Bedürfnis nach Sicherheit und möglichst klarer Kommunikation bestraft.

Auf der anderen Seite gibt es inzwischen natürlich auch einige nicht dort aufgeführte Instanzen, die sich Spezialthemen widtmen. Themen-Instanzen haben den Vorteil, mindestens ein kompatibles Gesprächsthema direkt mitzuliefern, was durchaus seinen Reiz hat. Vielleicht entwickeln sich die lokalen Timelines solcher Instanzen in der Zukunft zu einer Art themenzentriertem Chatroom — im Moment sind eigentlich fast alle Nutzer*innen auf Mastodon damit beschäftigt, die Plattform kennen zu lernen und ihre Möglichkeiten auszuloten.

Ein Utopia für Aktivist*innen?

Alles in allem scheint Mastodon besonders für diejenigen ein interessantes neues soziales Netzwerk zu sein, die bisher unter Hatern, Trollen und Shitpostern zu leiden hatten. Zu all den schon genannten Punkten (Guidelines, Administration und Moderation jeweils pro Instanz, Privatsphäreeinstellungen für jeden Beitrag, CWs und NSFW-Markierungen) gesellen sich noch etliche Details: Werden zum Beispiel geblockte Accounts und der eigene Account in einem Toot erwähnt, wird dieser Beitrag nicht angezeigt. Und die Suche steht ausschließlich für Hashtags zur Verfügung.

Das alles bedeutet auf der anderen Seite natürlich nicht, dass mit Mastodon automatisch eine konfliktfreie Umgebung geschaffen wird. Da die Software frei ist und jede*r eine Instanz aufsetzen kann, sofern technisch dazu in der Lage, gibt es auch Tummelplätze für Kackewerfer-Gibbons & Co. Durch eine gute Moderation können solche Instanzen aber vollständig geblockt werden, was das Leben vieler Aktivist*innen auf einen Schlag sehr erleichtern dürfte. Und natürlich wird weiter darüber diskutiert und gestritten werden, ob ein Einzelfall als Diskriminierung gilt, oder ob etwas ge-*splaint war oder nicht. Aber das ist eine ganz andere Sache, und es streitet sich viel unverkrampfter, wenn sich nicht ständig der nächste Gibbon vom nächsten Ast abseilt und mit seinem Häufchen auf eine*n zielt…

Alles in Allem könnte Mastodon eine Antwort auf Twitter sein. Es ist gar nicht so schwer: Auf den meisten Instanzen sind noch viele ziemlich gute Namen frei! ;)

tl;dr

Denk nach, wenn du deinen Account registrierst, lies das “about” der Instanz und wähle die aus, die Regeln folgt, die du unterstützt.