Mastodon: The good, the bad and the ugly
Nicht alles, was neu ist, ist auch besser. Und nicht jeder Versuch, etwas besser zu machen, gelingt.
Eins ist klar: Mastodon spaltet. Eine neue Social-Media-Plattform — schon wieder. Wie oft haben wir uns geschworen, nicht mehr zu Twitter zurückzukehren, den Facebook-Tab für immer zu schließen, nur um festzustellen: Is nich? Was haben wir nicht versucht: Quitter, Diaspora*, Ello. Irgendwie hakte es immer. Mal war die Technik nicht ausgereift, mal steckte doch wieder nur ein anderer Konzern hinter der schönen neuen Welt, der auch nur Profit machen wollte. Mal war die schöne neue Welt Twitter zu ähnlich (nur ohne die tollen Menschen), mal war sie zu fremdartig. Und nie wurde etwas aus dem angekündigten Exodus, wir wanderten immer wieder brav zurück.
Und jetzt: Mastodon. Ein passendes Bild haben sie sich ausgesucht, die Entwickler*innen. Ein wolliges Ungetüm, flauschig, aber auch angsteinflößend. So könnte ich recht treffend auch meine ersten Erfahrungen mit Mastodon beschreiben. Ich habe die Einstiegshürde als immens empfunden. Klar, ich bin auch eine, die immer alles gleich richtig machen will. Und dann ist da diese Sache mit den Instanzen, die ich an anderer Stelle schon beschrieben habe. Wenn schon registrieren — wo?
(Fehlende) Transparenz
Es ist gar nicht leicht, herauszufinden, welche Instanz welche andere Instanzen blockt oder mutet. witches.town ist hier sehr vorbildlich, die Liste der blockierten oder gemuteten Instanzen ist hier einsehbar. Einige weitere Instanzen sind nachgezogen und listen ihre Blocks und Mutes auf, wenn auch selten so schön übersichtlich. (chaos.social hat eine ähnliche Liste, octodon.social hatte von Anfang an die Informationen in den “about”-Informationen stehen.)
Dabei ist Transparenz so wichtig. Denn wenn ich mich irgendwo anmelde, dann will ich wissen, welche Teile des Internets sich mir dadurch erschließen und welche mir verschlossen bleiben. Ich möchte diese Entscheidung bewusst treffen können, selbst wenn ich der Administration einer Instanz vertraue. Und nicht zuletzt gibt mir das auch die Möglichkeit, bei Bedarf meine weißen Flecken auf der Karte zu füllen und genau die Bereiche aufzusuchen, die ich im Normalfall nicht sehe.
Hier besteht bei den meisten Instanzen noch Nachholbedarf. Ich hoffe, dass mit der Zeit der Wert von mehr Transparenz gesehen wird und mehr Admins nachziehen.
Privat und sicher?
So richtig privat und sicher ist Mastodon noch nicht. DMs sind zum Beispiel nicht verschlüsselt und können theoretisch von den Admins der beteiligten Instanzen eingesehen werden. Kritische Inhalte sind hier also fehl am Platze.
Die Grenzen von Anti-Harassment
Und dann gibt es auch Schwierigkeiten, die mit Chancen Hand in Hand gehen. Es ist toll, dass ich TQ@octodon.social registrieren kann, der Nick ist kürzer und einprägsamer als @thisisTQ auf Twitter. Und die Analogie zu E-Mail-Adressen hilft beim Verständnis: natürlich muss flachbettscanner@web.de nicht der gleichen Person gehören wie flachbettscanner@google.com oder flachbettscanner@yahoo.com. Das bietet Trollen und anderen Ätzviechern aber auch die Gelegenheit, Fakeaccounts anzulegen, die ähnliche oder sogar gleiche Nicks wie bestehende Accounts haben. Nur eben auf einer anderen Instanz.
Selbstverständlich ist so ein Missbrauch nicht erwünscht. Seriöse Admins würden nach einer Beschwerde den Account sperren. Unseriöse Instanzen laufen Gefahr, von seriösen Instanzen vollständig geblockt oder gemuted zu werden, wenn sie gegen solche Aktionen nicht vorgehen. Aber es bleibt die Gefahr, dass ein zunächst glaubhafter Fakeaccount grundsätzlich erschaffen werden kann, und das ist unschön.
Accounts können nicht gelöscht werden
Zum jetzigen Zeitpunkt ist es ein Problem, dass Accounts nicht gelöscht werden können. Auch einzelne Beiträge (Toots) können nur händisch und jeder für sich entfernt werden. Manche Admins sind entgegenkommend und savvy genug, um zu helfen. Aber das Problem bleibt: Die Software Mastodon an sich sieht derzeit keine Möglichkeit vor, den gesamten Account oder alle / viele Beiträge auf einen Streich zu entfernen.
Es ist zu erwarten, dass diese Funktion nachgeliefert wird — aber darauf ist erstens kein Verlass, zweitens verschwindet das Problem im bestehenden System dadurch nicht.
Die Chancen von bleeding-edge Software
Software, die so frisch, neu und eigentlich unausgereift ist, dass sie nicht einmal cutting-edge genannt werden kann, heißt in der IT-Umgangssprache bleeding-edge. In diesem Stadium befindet sich Mastodon. Es gibt noch viel zu tun, und ich sehe darin eine Chance, das System mitzuprägen und mitzugestalten. Soziale Netzwerke leben von ihren User*innen, und so investiere ich meine Energie gerade viel, viel lieber in ein aufstrebendes Projekt, das sich wenigstens Mühe gibt, was die Sicherheit und das Erleben seiner Mitglieder angeht.
Der Behemoth Twitter hat sich für mich überlebt.
Zumindest aktuell.