Darf man anti-liberal gesinnt sein?

Um es kurz zu machen, die Antwort ist natürlich “nein” — es sei denn, man will sich aus der herrschenden Gesellschaftsmeinung ausschließen. Das Individuum hat heute so wenig die freie Entscheidung für oder gegen den Liberalismus, wie das Legehuhn frei entscheiden kann ein Ei zu legen.
 
 Das irgendetwas gerade gewaltig schief läuft, darüber sind sich eigentlich fast alle eilig. Wer aber an der Sache schuld ist, da scheiden sich schon wieder die Geister. Jeder zeigt von sich weg auf den anderen, aber irgendwie ist dann ja auch an alle gezeigt. Woran erinnert mich diese Formulierung gleich wieder? Richtig, an den eigentlichen Kern des Liberalismus: Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht!
 
 Natürlich wird jetzt jeder aufrechte Liberale aufschreien, das sei eine Verzerrung der Tatsachen. Es ist aber wohl eher eine Verzerrung der Theorie, als eine falsche Darstellung des real existierenden Liberalismus. Denn wie jede Ideologie zeigt auch der Liberalismus seine Schwächen und Gefahren meist erst dann, wenn er zum herrschenden System geworden ist. Und wie jede herrschende Ideologie duldet natürlich auch der Liberalismus keine Ideologie neben sich. Sozialisten oder Konservative? Nicht mehr als Feinde des Liberalismus, oder besser ausgedrückt und nur stümperhaft getarnt, Feinde der Freiheit. (Das Freiheit auch Kernbestand des linken und rechten Denkens ist, geschenkt.)
 
 Nichtsdestotrotz fordert auch der real existierende Liberalismus seine Opfer. Allerdings haben dessen Gralshüter einen geschickten Kniff gefunden, der dem Politbüro der SED niemals eingefallen wäre: Wer in der liberal kapitalistischen Welt Opfer wird, wer nicht mitkommt und zurückbleibt, der ist selbst schuld. Denn — so die Theorie der Ideologie — er hatte doch die gleichen Chancen wie jeder andere es zu schaffen. Letztlich zementiert die liberale Gesellschaft aber nur die herrschende Klasse, was im Ancien Regime noch durch Blut garantiert war, ist es eben jetzt durch Geld. Oder um im Jargon der Zeit zu bleiben, die liberale Gesellschaft garantiert den Reichen mehr Reichtum und den Armen mehr Armut.
 
 Schuld daran ist daran ist die Individualisierung des Menschen, durch die jeder auf sich selbst zurückgeworfen wird und in der angeblich jeder so die gleichen Chancen hat.

“Die Vorstellung eines autonomen Individuums wie sie den Liberalen so am Herzen liegt, ist die schlimmste aller Abstraktionen.”, Armin Mohler in “Gegen die Liberalen”

Am Ende spiegelt diese Vorstellung vom Menschen aber nicht die Wirklichkeit wieder. Der Mensch ist als soziales Wesen nicht für eine Ich AG geschaffen, sondern in ein komplexes Netz an Gruppen eingebunden. Als erstes ist er Mitglied der Familie, in die er hineingeboren wurde. Danach kommt der Freundeskreis usw. usf. Dem strebt die Individualisierung entgegen, wenn überhaupt, kennt er nur eine Partnerschaft auf Zeit, gebunden an ein gemeinsames Ziel. So wurde aus dem Ehepartner etwa in unserer Zeit der Lebensabschnittsgefährte. Das klingt auch viel unbelasteter und passt besser in eine Gesellschaft, in der auch Dinge wie das Geschlecht bis zum Exzess granuliert wird.

Letztere Feststellung ist natürlich konservativ, und wenn man dieses verminte Terrain betritt, sollte man alles sein, nur nicht konservativ. Schnell wird man mit den Schwachköpfen von Pegida und AfD in einen Topf geworfen. Die erschlägt man mit der Nazikeule, andere kriegen die Pegidakeule ab. Hauptsache Keule. Hauptsache, der andere ist der Böse. In einer Welt, in der alle frei sind, ist es in gewissen Punkten mit der Freiheit nicht allzu weit her.

Aber zumindest betrifft dieser Punkt nur eine relativ kleine Gruppe der Gesellschaft. Auf die Masse jener, die niemand gefragt hat und auch niemand fragen will, achtet man lieber nicht, sie könnten allzu sehr der Theorie widersprechen, dass auch wirklich an alle gedacht ist, wenn jeder an sich selbst denkt. In der Realität würden Millionen Menschen orientierungslos umherirren, wären nicht die letzten Reste der Gesellschaft noch intakt, die zumindest etwas Orientierung bieten können: Eltern, Lehrer, Mentoren — kurz, Menschen, die bereit sind nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch an andere. Menschen für die der andere mehr ist, als eine monetäre Größe, die es zu nutzen gilt. Sie arbeiten einer Welt entgegen, in der jeder sich selbst der Nächste ist, weil man sonst nicht vorankommt. Sie handeln tatsächlich konservativ, konservativ im Sinne eines altbewährten Vorgehens. Sie wissen, dass das Ganze am Ende mehr als die Summe seiner Teile ist.

Der Liberale an sich weist spätestens an dieser Stelle daraufhin, dass der Zusammenschluss zu einer Gruppe zwangsläufig zum Ausschluss jener führt, die nicht Bestandteil dieser Gruppe sind. Womit die Beweiskette dann angeblich auch schon geschlossen ist, dass dieses Verhalten nichts anderes ist, als die Keimzelle des Rassismus. Wer auf die aktuelle Entwicklung der Neuen Rechte blickt, muss seufzend feststellen, dass das vielleicht nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Es ist aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Denn Gruppen sind zwar mehr als eine pure Zweckgemeinschaft, sie sind aber kein monolithischer Block aus dem es kein Entkommen und auch kein Eindringen gibt. Auch die Keimzelle aller Gruppen, die Familie, kennt mit Heirat oder Adoption ihre Aufnahmemöglichkeiten. Und selbst ein Volk ist keine monotone Masse, auch wenn die Neurechte dies glauben mag, sondern wandelt sich im Laufe der Zeit. Abgesehen davon gibt es keinen wirklich vernünftigen Grund dafür, warum sich die eine Gruppe über die andere Gruppe erheben sollte. Der Liberalismus, jener Zustand in dem alle gegen alle um die Ressourcen konkurrieren, braucht dagegen tatsächlich nicht die Schlussfolgerung besser zu werden, indem er den anderen herabsetzt. Liberalismus ist Egoismus und Kampf gegen den anderen per Definition.

Muss der Einzelne jetzt etwas aufgeben, um Mitglied dieser Gruppe zu sein? Ja, das muss er. Aber als Gegenleistung erhält er Orientierung, Solidarität, Gemeinsamkeit und Schutz. Das sind Dinge, die das auf sich zurückgeworfene Individuum niemals haben kann, oder für ihn nur in dem beschränkten Möglichkeiten seiner eigenen Fähigkeiten erreichbar ist.

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