Familie: Schicksalsgemeinschaft statt, Zweckgemeinschaft

thomas.matterne
Sep 9, 2018 · 3 min read

Den Unterschied zwischen Familie und Freundschaft erklären die meisten Menschen recht einfach. In eine Familie wird man hineingeboren, Freunde kann man sich aussuchen. Gleichzeitig neigt der Mensch aber dazu, seinen Freundeskreis als Familie zu sehen.

Es ist kein modernes Phänomen, dass Menschen ihre Freunde als Familie sehen. Schon immer war es ein Ausdruck einer besonders tiefen Freundschaft, wenn der Freund „Bruder“ und die Freundin „Schwester“ genannt wird. Folglich handelt es sich dabei um eine Auszeichnung, eine Hervorhebung der Person aus dem Umkreis, aber auch aus dem Freundes- und Bekanntenkreis heraus. Wen ich meinen Bruder nenne, mit dem fühle ich mich besonders tief verbunden. Und wenn dem so ist, dann muss folglich das Band einer Familie höher geschätzt werden, als das einer Freundschaft.

Der Unterschied zwischen Familie und Freundschaft ließe sich noch auf eine andere Art, aber ebenso leicht definieren. Eine Familie hat man für immer, Freundschaften aber kann man beenden. Familie ist eine Schicksalsgemeinschaft, Freundschaft jedoch eine Zweckgemeinschaft. Das mag hart klingen, aber suchen wir uns unsere Freunde nicht nach bestimmten Mustern aus. Mustern, die entweder besonders gut zu uns passen oder uns ergänzen? Damit will ich den Wert der Freundschaft nicht mindern. Wie vielleicht einige andere auch, gibt es auch in meinem Leben einen Menschen, mit dem mich innige Freundschaft verbindet und ohne dem ich mir ein Leben nur schwer vorstellen könnte.

Nur prinzipiell betrachtet, ist Blut eben doch dicker als Wasser. Das Band zwischen Eltern und Kindern ist von der ersten Sekunde des Lebens geknüpft. Und anders als das Band der Freundschaft basiert es nicht allein auf kulturellen Errungenschaften des Menschen, sondern ist von der Evolution so gewünscht. Und da der Mensch, anders als bei fast allen bekannten Tierarten, bekanntlich in seinem Werden am längsten auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen ist, hat dieses Band besonders lange Zeit zu wachsen. Nur so lässt sich etwa erklären, dass gegen Ende des Lebens die Fürsorgeverantwortlichkeit wechselt, und die Kinder Sorge für die gebrechlichen Eltern tragen. In Regionen der Welt, in der eine staatliche Rente nicht garantiert ist, ist diese Entwicklung noch immer lebensnotwendig. Nur wer dort Kinder hat, für den wird im Alter gesorgt werden.

Das Freundschaft hier eine Rolle spielt ist selten, und wenn, dann nur ein Lückenfüller, weil die Familie nicht vorhanden ist. Freilich wird dieses Model in der westlichen Welt sich weiterentwickeln müssen. Schon heute gibt es Wohngemeinschaften, in denen die jüngeren Alten für die älteren Alten mit Verantwortung übernehmen. Aber in gewisser Weise ist dies vor allem deshalb notwendig, weil das klassische Bild der Familie, in der erst die Eltern für die Kinder und dann die Kinder für die Eltern sorgen nicht mehr en vogue ist. Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft steht mit ihren festen Bindungen der Individualisierung im Wege. Freundschaften sind flexibler, ebenso wie Lebensabschnittsgemeinschaften. Doch was flexibel ist, ist nicht stabil.

Die Schicksalsgemeinschaft Familie ließe sich auch als „mitgefangen, mitgehangen“ bezeichnen. Sie ist darauf ausgerichtet mehr zu erdulden und mehr zu verzeihen. Nicht umsonst gibt es das Gleichnis des verlorenen Sohnes, in dem ein Vater seinem heimkehrenden Sohn mit offenen Armen empfängt, auch wenn er scheinbar alles Recht der Welt hätte ihm die Tür zu weisen. Zuerst war die Verbindung zwischen Mutter und Kind, später kam die Bindung zum Vater. Die ersten Menschen zogen nicht als Freunde durch die Savannen Afrikas, sondern als Klans. Männer oder Frauen verließen ihren Klan nicht, um mit Freunden zusammenzuleben, sondern in eine neue Familie integriert zu werden. Die Freundschaft wurde zu einem wichtigen Bindeglied, als sich die Menschen in größeren Siedlungen, den ersten Städten sesshaft wurden. Beides hat seinen Sinn und beides hat den Menschen über tausende Jahre geprägt. Erst der die Reformation, später die Aufklärung und endgültig die Industrialisierung schafften nach und nach die Großfamilie ab. Innerhalb der Menschheitsgeschichte ist das allerdings ein vergleichbar kurzer Zeitraum.

Blut und Wasser! Der Mensch braucht beides um zu überleben, er kann weder ohne das eine, noch ohne das andere. Aber Blut und Wasser sind zwei verschiedene Dinge, und deshalb kann Blut auch dicker als Wasser sein.

thomas.matterne

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