Quo vadis, Frauenfußball in Deutschland?
Mit dem 0:2-Sieg auf Island war das sog. Worst-Case-Szenario für die deutsche Frauennationalmannschaft abgewendet, mit dem Sieg im letzten Gruppenspiel zur WM-Qualifikation hat die Mannschaft die Qualifikation doch direkt geschafft. Aber es sieht trotzdem nicht gut aus.

Der deutsche Frauenfußball war mal führend bis Non-plus-Ultra, Vorbild für andere Länder und wachsend im eigenen Land. Es hat sich viel verändert, kein Mädchen wird mehr ausgelacht oder weggeschickt, wenn es kicken will. Und ich kann mich auch noch an andere Blicke im Gesicht meines Gegenübers erinnern, wenn ich erzählt habe, Fußballfan, ja, schon, aber in erster Linie Frauenfußball. Früher musste ich es noch erklären. Frauenfußball ist toll, das ist technisch und strategisch ein hervorragendes Spiel, und du siehts von der untersten Liga bis zur Weltmeisterschaft Spielerinnen, die eine Leidenschaft für das Spiel haben — und nicht satt sind und spielen, weil man ihnen dafür Unsummen von Geld gibt. Als Sportfan habe ich mich schon mal in die Aussage verstiegen, und das tue ich heute noch, im Frauenfußball hat der richtige Fußball überlebt.
Ja, es gibt schon mal das Gegenteil. Ich erinnere mich an eine Zeitschinderei kurz vor dem Abpfiff, bei dem eine US-Spielerin bei einer WM gefühlte fünf Minuten den Ball vom rechten auf den linken Fuß, und umgekehrt, geschoben hat — direkt vor der Eckfahne und ein Pulk genervter Gegnerinnen hinter ihr. Oder jene legendäre Nordkoreanerin, die im eigenen Strafraum schon mal den Ball mit den Händen fing — dummerweise aber nicht die Torhüterin war. Ein damaliger Kollege, der Sportchef, schüttelte den Kopf, nachdem ich ihm das auf Youtube gezeigt habe, und meinte, in der Kreisliga hätten sie so jemanden vom Platz gejagt. Aber heh, Ausnahmen bestätigen die Regel. Und die Regel lautet: Frauenfußball ist toll!
Das geht nicht nur mir so, Horst Hrubesch, Allzweckwaffe des DFB, der seinen Ruhestand verschob um die Frauenmannschaft nach der Entlassung von Steffi Jones übergangsmäßig trainierte, bekannte neulich im Kicker, ihm würde ihm Leben etwas fehlen, wenn er diesen Job nicht gemacht hätte.
“ Ich habe bei den Spielerinnen etwas kennengelernt, was für mich eigentlich normal sein sollte, aber heutzutage nicht mehr ist: dass man mit Spaß zur Arbeit geht und positiv eingestellt ist, nicht jammert und auf dem Boden liegt. Diese Freude am Spiel — von innen heraus — ist einfach großartig!” — Hrubesch — Kicker 27. August 2018
Eine Alex Popp ist eben kein Neymar, die legt sich nicht gemächlich auf den Rücken, wenn jemand sie streift, die stürmt weiter aufs Tor, selbst wenn sie einem üblen Foul entkommen ist.

Aber trotzdem, irgendwie ist der Aufstieg des Frauenfußballs in Deutschland gestoppt. Symptomatisch sind nicht nur die Zuschauerzahlen, sondern auch Reporter, die in der Spielpause des Island-Deutschland-Spiels 90% über Jogi Löw und die Männermannschaft sprechen.
Das hat nicht allein mit dem Fehler zu tun, Steffi Jones zur Nachfolgerin von Silvia Neid zu machen. Ein Fehler, der mehr beim DFB liegt, der Jones schlicht und einfach verheizt hat, weil man einen bekannten Namen wollte. Die desaströse EM war nur eine logische Konsequenz. Die Ursachen sind vielfältig, und einige scheinen nur durch die Quadratur des Kreises lösbar zu sein.
Statt dem traditionellen Algarve Cup treu zu bleiben, hat man sich für den scheinbar professionelleren SheBelievesCup entschieden. Beispielhaft für den Versuch die Frauen mit den gleichen Rezepten wie bei den Männern zu fördern. Das scheint nicht zu funktionieren.
Und dann wäre die Frage, ist es jetzt gut oder schlecht, wenn die Bundesliga langsam die gleichen Vereine hat, wie bei den Männern. Die Antwort: es ist gut und schlecht. Traditionelle Teams wie der 1. FFC Frankfurt oder Turbine Potsdam haben einen schweren Stand gegen Bayern München und den VfL Wolfsburg, die finanziell einfach das größere Polster haben. Allein, die Frauenmannschaft der Bayern mag seit sie in der Bundesliga spielt schon einige Titel geholt haben, in München selbst kennt man sie trotzdem nicht. Und die Zuschauerzahlen sind — verdammt überschaubar. Die Wolfburgerinnen haben es etwas besser, aber man muss kein Prophet sein, sollte der VfL Wolfsburg in der Männerliga sein Niveau der ersten beiden Spieltage halten, die Aufmerksamkeit wird er damit wieder an sich ziehen.
Was also tun? Ich glaube ein Weg wäre es nicht die Rezepte der Männer einfach auf die Frauen anzuwenden. Ja, in vielen Dingen ist der Männerfußball auch ein Vorbild. Aber er ist nicht dazu da 1:1 kopiert zu werden. In Deutschland aber neigt man ein wenig dazu lieber alles wie bei den Männern zu machen, als wolle man vergessen machen, dass da 22 Frauen auf dem Platz stehen und am Spielfeldrand ein Publikum, das sich ganz bewusst entschieden hat dieses Spiel anzusehen. Man muss beide Gruppen auch als solche ansprechen.
Hier bei mir zuhause gab es vor ein paar Jahren mit dem ETSV Würzburg einen Versuch Frauenfußball zu etablieren. Die ersten Jahre sah es auch gut aus, die Eisenbahnerinnen schafften es für ein paar Jahre in die 2. Bundesliga, stiegen aber kurz bevor die 2. Ligen eingleisig wurden wieder ab. Die 2. Liga zusammenzufassen war übrigens noch so eine Entscheidung, die man den Männern nachgemacht haben. Was für finanzschwächere Vereine schwer zu schlucken ist und Spielerinnen eine größere Belastung brachte, die auch von den 2. Liga-Gehältern der Männer nur träumen können. Diese Saison startet ein neuer Versuch, der ETSV ist Geschichte, aber mit den Würzburg Dragons hat man jetzt einen Unterbau in Sachen Mädchenfußball, von dem auch höherklassige Teams sich etwas abgucken könnten. (Schade übrigens, dass ich beim ersten Spiel nicht dabei sein kann, weil ich im Familienurlaub bin.) Groß Aufmerksamkeit wird es in einer Stadt wie Würzburg aber leider nicht erregen, hier teilt sich alles auf zwischen den erstklassigen Basketballern und drittklassigen Würzburger Kickers. Damit meine ich nicht mal die Fans, jeder soll Fan seines eigenen Vereins und Sports bleiben, aber eben die Sponsoren. Auch so eine Quadratur des Kreises. Kein Erfolg, keine Sponsoren. Keine finanzielle Basis, kein Erfolg. Einem großen Artikel der FAZ vom Samstag zu folge, soll jetzt selbst schon die Allianz ihr Engagement überdenken. Immerhin ist sie noch der Namensponsor der 1. Frauen-Bundesliga.
