Bevor wir Hände schütteln, sollten wir uns selber schütteln

Einmal mehr gehen viele Menschen einer, immer Erfolg versprechend auch sexistisch gewürzten, inhaltsarmen auf die Spaltung unserer Gesellschaft zielenden PRopaganda-Aktion auf den Leim. Die Händeschüttel-Ungeschichte von Therwil (BL) ist Monate alt und wurde ausgerechnet einen Tag nach der SRF-Arena, in welcher Montassar BenMrad, der Präsident Islamischer Dachorganistionen FIDS, kritisiert worden war, dass er sich in der von einer pensionierten Lehrerin thematisierten wenig relevanten “Händedruckfrage” nicht hatte festlegen lassen, weil er individuelle für alle Beteiligten faire Lösungen unfairen Rasenmähergeboten und -verboten vorzieht, von Kontorsions-Journalisten der Puppenspieler, heutzutage meistens PRopaganda-Agenturen, ausgepackt.

Das schwer durchschauber Erscheinende an der in Wahrheit simplen Händeschüttelgeschichte besteht darin, dass in ihr, bis zum Beweis des Gegenteils vorsätzlich, zahlreiche immer Machtgefälle beinhaltende Diskurse verwoben sind: Mann versus Frau, Lehrer/in versus Schüler/in, Erwachsener versus Kind, Abend- versus Morgenland, Säkularität versus Religiosität und Öffentlichkeit versus Individualität und Intimität, welche bei wirklich streng Gläubigen auch das Religiöse umfasst.

Dies alles wird, ähnlich wie beispielsweise bei KESB-Fällen erlebt, anhand verschwindend selten auftretender Einzelfälle unter vollständiger Ausblendung der problemlosen Regel von kaum jemals thematisierten Eigeninteressierten aus dem Raum der damit befassten direkt Betroffenen und involvierten Berater an die Öffentlichkeit gezerrt. Ohne genügende Kenntnisse über den Einzelfall — beispielsweise weiss ich nicht, ob die Händeschüttelverweigerung hier einen Halbstarkenkampf darstellt, auf die Instruktion durch die Eltern zurückgeht oder tatsächlich kulturell- respektive glaubensbedingt ist — urteilt der Mob in erster Linie aufgrund von Vorurteilen und je nach persönlicher Gewichtung der verschiedenen Diskurslinien pauschal mit der resultierenden empörten Forderung von Pauschalverboten respektive -geboten, welche immer drohen, dem Individuum, Kind, Frau und Mann, und dessen Bedürfnissen nicht gerecht zu werden.

In diesem Einzelfall ist auch die Überlegung spannend, wie die Debatte laufen würde, wenn der Händeschüttelverweigerer beispielsweise eine Muslima vis-à-vis eines Lehrers oder ein orthodoxer Jude wäre. Bei der ersten Konstellation könnte vielleicht der Diskurs, eine männliche Lehrperson darf ein Mädchen nicht gegen deren Willen berühren, die Oberhand gewinnen, letztere wird vermieden, indem sich orthodoxe Juden der Inklusion mehrheitlich selber verschliessen durch den Besuch von Privatschulen, auch nicht unbedingt das nie thematisierte Gelbe vom Ei, das man sich aber bei Juden nicht zu kritisieren wagt, während die Moslems in vielen Kreisen heute schon die entmenschlichten Juden von gestern sind, mit denen man ungeniert tun und lassen kann, was man will.

Es ist auch interessant, dass mehrheitlich dieselben Kreise, welche bei “Köln” am lautesten geschrien hatten, “die sollen unsere(sic!) Frauen und deren Integrität gefälligst respektieren”, wieder am lautesten schreien, wenn ein Moslem, in gewissen Kreisen durchaus aus Respekt und nicht aus Verachtung der Frauen, diese zu stark respektiert. Da kommt dann bei mir schon auch der Verdacht auf, dass uns “die Moslems” einfach nie etwas richtig machen können und man es in erster Linie auf deren permanente Entwertung angelegt hat.

Ich bin selbstverständlich kein Befürworter einer Händeschüttelverweigerung in der Schule, bin aber überzeugt, dass derartiges besser individuell anstatt pauschal gelöst wird und, weil es sehr selten ist, auch individuell gelöst werden kann, schlimmstenfalls in der Regel dadurch, dass man nicht angeblich sondern real streng “Religiösen” auch die notwendige Zeit lässt, über Jahre bis Jahrhunderte gewachsene Zöpfe schliesslich abschneiden zu können. Und, Hand aufs Herz, welche Lehrerin würde sich nicht geschmeichelt fühlen, wenn sie von einem Schüler anstatt mit dem Schütteln einer ungewaschenen Hand mit einer auf dessen Herz gelegten Hand mit leichter Verneigung begrüsst würde?

Fassen wir doch nicht immer alles von anderen Getane und Unterlassene gleich als Angriff gegen uns und unsere “Kultur” auf. Bleiben wir selbst- und kulturbewusst etwas gelassener, versetzen wir uns empathisch auch einmal in die Anderen hinein und fühlen wir dann, dass Individuen durchaus leiden können an Gewissensnöten und -konflikten, die wir ihnen nicht notwendigerweise auferlegen müssen durch unreflektierte Angriffe auf ihr Intimstes.

Haben wir schliesslich im seit etwa 30 Jahren herrschenden “Zeitalter des schweren Narzissmus”, der dekadenten letzte Epoche vor dem Fall jedes Imperiums, auch noch die Gnade der Selbstkritik, dann blicken wir in uns von anderen vorgehaltene Spiegel. Darin erkennen wir eine “westliche Wertegemeinschaft”, welche, neben vielen anderen Verbrechen, seit 1991 wider die Moral und gegen das Völkerrecht aus reiner Macht-, Öl- und Geldgier halb Nordafrika und fast den ganzen mittleren Osten ins Mittelalter zurück bombte und Daesh erschuf mit etwa vier Millionen massakrierten Moslems. Es ist nicht erstaunlich sondern selbstverständlich, dass dann bei uns ob dieses abendländischen Herrenmenschentums mit dessen unglaublicher Scheinheiligkeit ein eigentümliches Gefühl retrograder Peristaltik aufkommt.

Wer mag sich dies dennoch antun? Da entwerten wir doch lieber die erst unter dem Elektronenmikroskop auffindbaren hinterwäldlerischen islamischen Händeschüttel-Verweigerer anstatt zugeben zu müssen, dass uns der Islam, bei Lichte betrachtet, ethisch und kulturell schon immer überlegen war, verlieben uns in unser wunderbares Händeschüttel-Selfie und fühlen uns dabei grandios…

Ich tue mir dies an, und ich tue dies dem Leser an und schüttle mich und ihn durch, bevor ich die nächste Hand schüttle. Denn wer den Drogensüchtigen liebt, versorgt ihn nicht mit immer noch mehr Drogen. Er zwingt ihn zum Drogenentzug.

Es ist nicht erstaunlich sondern selbstverständlich, dass ausgerechnet dieser beste Freund vom Drogensüchtigen des Hasses bezichtigt und von ihm diffamiert wird.